15 Übersetzer deutscher Literatur zur Sommerakademie am Kulturforum
Jan Kixmüller
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Die Teilnehmer des Workshops der Sommerakademie in Potsdam (v.l.n.r.): Dr. Klaus Harer (stellv. Direktor des Deutschen Kulturforums), Igor Chramow (Orenburg Russland), Dr. Claudia Tutsch und Thomas Schulz (beide Deutsches Kulturforum), Kristel Kaljund (Ta

Potsdamer Neueste Nachrichten • 30.08.2008

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der potsdamer neuesten nachrichten.

In Russland gibt es einen Trend, die Eltern setzen sich zunehmend dafür ein dass ihre Kinder an den Schulen Englisch lernen. Deutsch gerate in den Hintergrund, ist nun immer öfter zu hören. Und betrachtet man die aktuelle politische Konfrontation, könnte man fast meine, dass wir sogar neuen Eiszeiten entgegengehen. Mitnichten, meint Igor Chramow aus dem russischen Orenburg. Der jungen Mann übersetzt nicht nur deutsche Literatur in Russische (unter anderem Stefan Heym), sondern betreibt in der 1500 Kilometer von Moskau im Ural gelegenen Stadt eine Kulturstiftung, die den Austausch mit anderen Ländern zum Ziel hat. Wirtschaftlich und kulturell sind sich Russland und Deutschland seiner Meinung nach so nahe wie kaum zuvor. »Das Interesse an Deutschland blüht bei uns weiterhin«, lautet seine Einschätzung.

Igor Chramow ist einer von 15 Übersetzern und Übersetzerinnen, die in diesen Tagen an der neunten Sommerakademie für Übersetzer deutscher Literatur teilnehmen, die das Deutsche Kulturforum östliches Europa (Potsdam) zusammen mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB) veranstaltet. Eurasia ist der Name der Stiftung, benannt nach der Grenze zwischen Europa und Asien, die genau durch Orenburg geht. Die russische Stadt mit dem deutschen Namen ist für das Potsdamer Kulturforum, das sich der deutschen Kultur im östlichen Ausland widmet, durchaus auch ein Anknüpfungspunkt. Im 19. Jahrhundert siedelten hier deutsche Kaufleute, später kamen Wolgadeutsche hinzu. Noch heute leben tausende Deutschstämmige in der Region.

Das Potsdamer Kulturforum will den neuen Kontakt zu Orenburg nun gerne vertiefen. »Die Geschichte geht in die Zukunft, sie geht uns gemeinsam an«, sagte Dr. Klaus Harer, stellvertretender Direktor des Kulturforums. Nun habe eine Zeit begonnen, in der die Wunden von Krieg und Vertreibung zunehmend verheilen. »Uns geht es um die kulturellen Gemeinsamkeiten, die man eben auch positiv sehen kann«, erklärt Harer. In einer Zeit in der Europa stärker zusammenwachse, würden sich langsam auch kulturelle Netze herausbilden. So geht das Kulturforum beispielsweise mit vielen seiner Ausstellungen in die osteuropäischen Nachbarländer.

Wie wichtig der Beitritt in die EU war, berichtet die Übersetzerin Kristel Kaljund aus Estland. »Der Faktor EU hat sehr viel geändert«, sagte sie. Sie berichtet von einem langsamen Prozess seit 1991, der schließlich zur vollständigen europäischen Integration ihres Heimatlandes geführt habe. Ohne den Beitritt zur EU hätte sich vieles zum Schlechten entwickelt. »Der Beitritt war enorm wichtig für die Demokratisierung«, konstatierte sie gerade auch mit Blick auf ihre Kollegen aus Russland und Weißrussland.

So wollte die Lyrikerin Volha Hapeyeva aus dem weißrussischen Minsk lieber erst gar nicht über Politik sprechen. Die Situation in ihrem Heimatland – Belarus gilt als die letzte Diktatur Europas – sei nicht besonders gut. »Aber man muss Optimist bleiben, wir machen unsere Arbeit, schreiben, lehren und übersetzen – und dann wird alles gut.« Zurzeit forsche sie an einem Projekt über Kulturarbeit belorussischer Frauen. Ein Ergebnis: Einige der Frauen leben mittlerweile in Deutschland – und sind hier erfolgreicher als in ihrer Heimat.

Mit dem Thema des Kulturforums waren die Übersetzer zuvor in einer Lesung am LCB bekannt gemacht worden. Hans-Ullrich Treichel und Jan Koneffke lasen aus Erzählungen, in denen beide sich nach Osten bewegten, um hier die Spuren ihrer Verwandten zu suchen. Während Koneffke einem Onkel in Pommern nachspürte (eine nie vergessene geschichte) machte sich der Ich-Erzähler von Treichel in anatolin auf nach Polen, um den während der Vertreibung verlorenen Bruder wiederzufinden. Weiter noch führte sein Weg ins ukrainische Bryszcze, dem Geburtsort seines Vaters. Mit unterschwelligem Humor erzählt Treichel davon, wie das Wort Bryszcze (sprich: Bryschtsche) in der neuen ostwestfälischen Heimat der Familie mehr und mehr zum Unwort wurde. Wenn der Vater es aussprach, stand Prügel an. Hier ist eine neue Erzählergeneration am Werk, die das Unheil der Vertreibung durchaus auch ironisch zu brechen vermag.

Neben solchen Lesungen und Ausstellungen will das Kulturform sich in nächster Zukunft auch die kulturelle Bildung erschließen. Gerade auch unter der neuen Direktorin Dr. Doris Lemmermeier, die vom Deutsch-Polnisches Jugendwerk kommend ab 1. Oktober das Kulturforum leiten wird, könnte man so in Schulen, Jugendeinrichtungen und der Erwachsenenbildung neue Zielgruppen ansprechen. So plant das Kulturforum beispielsweise zusammen mit dem Potsdamer Malteser-Treffpunkt ein Geschichtsprojekt für Kinder.

  • Alles wird gut

    Der Originalartikel in der Onlineausgabe der potsdamer neuesten nachrichten

  • Sommerakademie

    Für ost- und ostmitteleuropäische Übersetzer deutscher Literatur 2008

  • Familiengeschichten

    Lesungen | Hans-Ulrich Treichel: »Anatolin« | Jan Koneffke: »Eine nie vergessene Geschichte« | Moderation: Jörg Magenau