
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
Kinder auf zwei Autoscootern, die gerade aufeinanderprallen – unser Titelbild zeigt einen jener Augenblicke, in denen alles in Bewegung ist, Licht, Lärm, Lachen. Eine Kirmes ohne die Boxautos ist heute kaum vorstellbar. Doch das Vergnügen, das sich darin ausdrückt, ist weit älter als jede elektrische Attraktion. Bevor sich Karussells drehten und Zucker zu Watte versponnen wurde, waren es Schausteller, Gauklerinnen und Musikanten, die Menschen anzogen. Ihre Bühne waren die Jahrmärkte, hervorgegangen aus Kirchweihfesten und Wallfahrten, bei denen sich Frömmigkeit, Handel und Zerstreuung von Anfang an mischten.
Auf einem der größten Jahrmärkte im östlichen Europa ist diese Verbindung bis heute im Namen deutlich: auf der Matthäuskirmes, tschechisch Matějská pouť, in Prag/ Praha. Pouť bedeutet beides, Kirmes und Wallfahrt. Aus den seit dem späten 16. Jahrhundert bezeugten Pilgerzügen zur St.-Matthäus-Kirche wuchs über die Jahrhunderte ein Volksfest, das sich Schritt für Schritt vom religiösen Anlass löste und immer stärker dem Vergnügen zuwandte. Das moderne Fahrgeschäft auf unserem Titelbild verweist damit auf eine lange Kultur des Vergnügens – und auf das Thema dieses Heftes: Vergnügen und Unterhaltung: Die Kunst des Zeitvertreibs.
Schon auf den frühen Jahrmärkten war Musik mehr als bloße Begleitung. Davon erzählt das Interview mit Philipp Ther. Unter der Überschrift »Musik war ein Herrschaftsinstrument« beschreibt der Historiker, wie Walzer, Polka und Militärmusik in der Habsburgermonarchie Zugehörigkeit stifteten, Loyalität formten und soziale Grenzen überspannten – und warum diese Klangwelt den Untergang der Doppelmonarchie überdauerte.
Unterhaltung hat viele Ausdrucksformen – und sie alle wurzeln tief in der europäischen Kulturgeschichte. Auf dem Internationalen Deutschsprachigen Theaterfestival in Esseg/Osijek in Kroatien betreten junge Schauspielerinnen und Schauspieler die Bühne. Die »Deutsche Gesellschaft – Nationalverband der Donauschwaben in Kroatien« lädt alljährlich die deutschsprachigen Minderheiten ganz Europas ein, daran mitzuwirken. Auch der Zirkus, mit seinen Artisten und Clowns besonders bei Kindern beliebt, blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Maria Luft erinnert an den Zirkus Busch, der Breslau/Wrocław zur Manege der großen Welt machte – bis Krieg, Verfolgung und Flucht dem schillernden Unternehmen ein Ende setzten. Zwischen Tradition und Gegenwart bewegt sich die Fotoreportage von Aurelia Brecht aus Hermannstadt/Sibiu und Mühlbach/Sebeș. Beim Tanzgruppentreffen junger Deutscher aus Siebenbürgen, dem Banat und anderen Regionen wird sichtbar, wie sehr gemeinsamer Zeitvertreib Zusammenhalt schafft und Erinnerungen lebendig hält.
Zeitvertreib kann aber auch still sein. Alexander Welscher schreibt über Lettlands Lust am Lesen und die besondere Stellung des Buches im Baltikum. Wie viel ihnen Bücher bedeuten, zeigten die Lettinnen und Letten 2014 bei der Eröffnung der neuen National-bibliothek in Riga: In Anlehnung an den Baltischen Weg von Reval/Tallinn über Riga bis Wilna/Vilnius reichten Zehntausende bei klirrender Kälte ihre Bücher in einer mehrere Kilometer langen Kette von Hand zu Hand weiter. Laut und weltbekannt war dagegen der Tarzan-Schrei von Johnny Weissmüller, über den Judith Hördt anlässlich einer geplanten Dauerausstellung berichtet. Und schließlich führt Dawid Smolorz an eine Grenze, an der sich bis heute die Gemüter erhitzen – wegen einer Schuld von gerade einmal 3,8 Quadratkilometern.
Manchmal liegt der Unterhaltungswert der Geschichte eben auch in ihrer Ironie. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine gute Unterhaltung bei der Lektüre dieser Kulturkorrespondenz!
Ihr Deutsches Kulturforum östliches Europa
Inhalt
Im Fokus
Momente I
Junge Stimmen, altes Erbe: Bühne frei für die Donauschwaben
Von Anđela Vidović
Pinnwand
Das Oberschlesische Landesmuseum bleibt
OSLM/KK
Restaurierung deutscher Gräber in Tschechien
Landesecho/KK
»Jahr der Versöhnung« in Leitmeritz
Radio Prag/KK
Ungarn: Deutlicher Rückgang bei Sprachprüfungen für Deutsch
Sonntagsblatt/KK
Restaurierung einer Kirche aus dem 19. Jahrhundert in Lemberg
Pragmatika/KK
Holzbau aus dem 14. Jahrhundert in Thorn freigelegt
Sächsische Zeitung/KK
Epochen
Der Einzug der Elefanten
Von Maria Luft
Durch den Sucher
»Simsalabim« und »Sonnenschein«
Ein Tanzgruppentreffen in Siebenbürgen zwischen Tradition und Moderne
Von Aurelia Brecht
Der rote Faden
»Musik war ein Herrschaftsinstrument«
Interview mit dem Historiker Philipp Ther
Von Markus Nowak
Rezensionen
Wie Wut wirkt
Caro Matzko: Alte Wut. Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste
Von Doris Rothz
Wanderjahre: Siegfried Lenz als Rundfunkautor
Siegfried Lenz: Rundfunkstücke
Von Vera Schneider
Breslau, die Komparsin
Die Breslauer Morde (polnische Serie, Regie: Leszek Dawid, auf Disney+)
Von Marie Schwarz
Die Farbwelten der Romantik
Galerie der Romantik. Ausstellung im Pommerschen Landesmuseum Greifswald
Von Renate Zöller
Perspektiven
Eine Schuld von 3,8 Quadratkilometern
Der Gebietsaustausch zwischen Polen und der Tschechoslowakei von 1959 erhitzt auch heute noch die Gemüter
Von Dawid Smolorz
Hand aufs Herz, …
… Elina Penner
im Gespräch mit der KK
Netzstücke
- Kulturklick
Ein digitales Schaufenster
Porta Polonica - Auf die Ohren
Podcast vom IKGS
Donauwellen. Der Südostcast - Feed-Funde
Linguistische Reise durch Mittel- und Osteuropa
@wortsprachewelt
Momente
Lettlands Lust am Lesen
Von Alexander Welscher
Hinweise
Gerhart-Hauptmann-Haus | Düsseldorf
»STUS«
Siebenbürgisches Museum | Gundelsheim
Die Bilderwelten des Peter Jacobi
Nationalmuseum Stettin/Szczecin, Museum für Stadtgeschichte
Charleston steht für Freiheit
Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg | Stuttgart
Gentleman auf Schlesien-Reise
Museum Europäischer Kulturen | Berlin
Schwerer Stoff
Portrait
Der ewige Tarzan
Johnny Weissmüller hangelt sich durch die Geschichte
Von Judith Hördt
Fundstück
Schwejks letzter Streich
Von Renate Zöller