Lettland rühmt sich, eine Nation von Lesenden und Buchliebhabern zu sein. Deutlich sichtbar wird das an der Lettischen Nationalbibliothek (LNB) in Riga. Das dreiecksförmig am Flussufer der Düna/Daugava aufragende Glasgebäude ist ein Blickfang und schon von Weitem zu erkennen. Der zwölfstöckige Prestigebau, von dem aus sich ein einmaliger Blick auf die Panoramakulisse der historischen Altstadt bietet, gilt als ein nationales Symbol und Wahrzeichen der Stadt. Was für Hamburg die Elbphilharmonie ist, ist für Riga die Nationalbibliothek. Eröffnet wurde die nach einem Motiv aus einer Volkslegende als »Lichtschloss« bezeichnete LNB im Januar 2014 mit einer symbolträchtigen Massenaktion – einer Bücherkette in Anlehnung an den Baltischen Weg vom 23. August 1989. Damals säumten mehr als zwei Millionen Menschen von Reval/Tallinn über Riga bis nach Wilna/Vilnius die Straßen, um mit einer Menschenkette ihren Freiheitswillen zu demonstrieren. Ein Vierteljahrhundert später reihten sich zehntausend Menschen in Lettlands Hauptstadt bei klirrender Kälte nebeneinander auf, um Bücher über eine Strecke von gut zwei Kilometern Länge in die neue Nationalbibliothek weiterzureichen.
Es war eine Art Liebeserklärung an das Buch zum damaligen Auftakt von Rigas Jahr als Europäische Kulturhauptstadt. Von Hand zu Hand wurden die in Plastikfolie verpackten Bücher stundenlang von ihren bisherigen Verwahrorten zu ihrem neuen Standort transportiert. Auch eisige Temperaturen konnten die Euphorie der Bücherfans nicht trüben, die sich – typisch lettisch – mit Singen und Tanzen warmhielten. Erstes Buch in der Kette war eine historische lettische Bibel von 1825 aus dem einstigen Besitz des deutschbaltischen Adelsgeschlechts von der Wenge Lambsdorff, die der LNB zur Eröffnung von der Familie vermacht wurde.
Mit ihrer Buchspende waren die Lambsdorffs aber nicht allein. Alle Lettinnen und Letten waren aufgerufen, der neuen Nationalbibliothek zur Eröffnung jeweils ein Buch, das ihnen persönlich am Herzen liegt, zu vermachen – inklusive Widmung. Sie wurden in dem großzügig angelegten Foyer in eine riesige Bücherwand gestellt, die sich über mehrere Etagen erstreckt. Und auch später fanden zahlreiche weitere Lieblingsbücher von lettischen und anderen Gästen der LNB ihren Weg in das sogenannte »Bücherregal des Volkes«. Hoch über den Köpfen befinden sich darin hinter Glas nun insgesamt fast achttausend Titel in fünfzig Sprachen. Ein eindrucksvoller Anblick.
Jedes dieser Bücher kann ausgeliehen werden. Darunter ist seit Mitte Oktober 2025 auch ein Faksimile eines historischen Briefes von Martin Luther, mit dem sich der große Reformator 1525 direkt an seine »livländischen Brüder« gewandt hatte – an seine Anhänger in Livland, dem historischen Gebiet des heutigen Estland und Lettland, mit dominanter deutscher Oberschicht. Es war eine der ersten Regionen außerhalb der deutschen Länder, in der sich damals der Protestantismus durchsetzte, nur wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag 1517 in Wittenberg. Davon gingen wesentliche Impulse für die Entwicklung des lettischen Schrifttums und Bildungswesens aus. Großen Anteil daran hatten deutschbaltische Pastoren, die zunächst die Bibel ins Lettische übersetzten. Im Zeitalter der Aufklärung schufen sie dann die ersten Wörterbücher und Grammatiken der lettischen Sprache und verfassten auch erste Zeitungen auf Lettisch – und ließen sich darin nicht nur über fromme Themen aus, sondern auch beispielsweise über die neuesten Methoden im Ackerbau.
© Krists LuhaersÜbergeben wurde der Nachdruck des Luther-Briefs von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, der mit dem Geschenk die historischen Verbindungen seines Bundeslandes mit Lettland und Estland durch die Reformationsgeschichte und den Buchdruck würdigte. »Dieses sehr konkrete kulturelle Band zwischen Sachsen-Anhalt und den baltischen Ländern sollten wir hegen und pflegen und die Erinnerung daran für künftige Generationen erhalten«, betonte Haseloff in seiner Rede. Dabei verwies er auch darauf, dass die ältesten in lettischer und estnischer Sprache erschienenen Bücher Reformationsschriften seien, die möglicherweise 1525 in Wittenberg gedruckt wurden.
Diese Bücher erreichten Livland wegen ihres »ketzerischen« Inhalts jedoch nie. Sie wurden am 7. November 1525 in Lübeck vom Stadtrat beschlagnahmt und verbrannt, bevor sie über die Ostsee transportiert werden konnten. Dies wurde als Eintrag im Tagebuch des Dekans des Lübecker Domkapitels dokumentiert, das im Lübecker Stadtarchiv aufbewahrt wird. Vermutet wird, dass es sich um lutherische Texte handelte, die es deutschen Glaubensbrüdern in Livland ermöglichen sollten, das Wort Gottes und die Botschaften Luthers auch in den Sprachen des Volkes zu verbreiten. Es ist weder bekannt, wer sie in Auftrag gegeben, noch wer sie geschrieben oder übersetzt hat. Historiker rätseln darüber bis heute.
Der Verlust der historischen Druckwerke hielt Estland und Lettland aber nicht davon ab, dem fünfhundertjährigen Jubiläum des ersten Buches in ihren Landessprachen große Aufmerksamkeit zu widmen. Kein Wunder: Schließlich wurde die Verbreitung des Evangeliums in den Muttersprachen durch die Verbrennung nicht aufgehalten – die Asche war vielmehr sehr fruchtbar. »Das Phänomen Buch war ein bedeutender Faktor für die Entwicklung und den Fortbestand der lettischen Sprache, für die Bildung, das Wissen, das Wachstum und die Identität der Gesellschaft. Es war auch ein entscheidendes Element für die Entstehung unseres Staates«, betonte LNB-Direktorin Dagnija Baltiņa in ihrer Rede bei der Übergabe des Luther-Briefes 2025.
In der wechselvollen Geschichte Lettlands und Estlands dienten Sprache und Literatur seit jeher als Mittel zur Pflege der kulturellen Identität. Eine freie, weder von Zensur noch von Selbstzensur behinderte Literaturlandschaft konnte es in beiden Ländern während der jahrzehntelangen Moskauer Umklammerung nicht geben, sie erwachte erst wieder vor knapp 35 Jahren. Seitdem hat sich eine lebendige Literaturszene etabliert. In den Werken werden oftmals Überleben, Zwang und Freiheitsdrang in Zeiten von historischen Umbrüchen und Grenzverschiebungen thematisiert.
Trotz veränderter Lesegewohnheiten und der stark gestiegenen Bedeutung von sozialen Medien genießt das Buch vor allem in Lettland weiterhin einen äußerst hohen Stellenwert. Letten und Lesen – das passt gut zusammen. In einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der LNB zum Jubiläumsjahr 2025 gaben sieben von zehn Befragten an, im vergangenen Jahr in ihrer Freizeit mindestens ein Buch gelesen zu haben. Dabei dominieren bei der älteren lettischen Leserschaft weiterhin gedruckte Bücher, während die jüngeren Lesenden häufiger E-Books oder Hörbücher nutzen.
Pro Jahr werden von den mehr als vierhundert lettischen Buchverlagen gut zweitausend Titel in Erst- oder Neuauflage herausgegeben. Bei einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren erscheint in dem knapp 1,9 Millionen Einwohner zählenden Lettland damit umgerechnet jährlich mehr als ein Buch pro Kopf. Gedruckt und gelesen wird in Lettland vor allem Belletristik, aber auch Sachbücher und Poesie stehen hoch im Kurs. Daneben erfreuen sich Krimis größter Beliebtheit. Diesen Trend griff auch die Lettische Nationalbibliothek auf und veröffentlichte den »kürzesten Krimi der Welt über das Buch« – eine Detektivgeschichte aus dem Jahr 1525 über die Suche nach dem ersten Buch in lettischer Sprache.
Über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind jedoch nur wenige Autorinnen und Autoren. Es fehlt an Übersetzern und im Ausland haben sie es oft schwer, einen Verlag zu finden. Eine Ausnahme bilden Kinder- und Jugendbücher, die oft wunderschön illustriert und auch in deutschen Buchhandlungen zu finden sind. Auch in der LNB gibt es ein Zentrum für Kinderliteratur mit Leseräumen und Programmen nur für kleine Leseratten und deren Eltern. Nicht zuletzt deshalb ist sie eine der meistbesuchten Kultur- und Wissenseinrichtungen des Landes, 2024 zählte sie mehr als 351 000 Besuchende.
Zu entdecken und zu lesen gibt es viel: In den zwölf Stockwerken der LNB finden auf einer Fläche von über 40 000 Quadratmetern rund acht Millionen Bücher und Druckwerke Platz. Über einen digitalen Gesamtkatalog lassen sich Datenbanken aller öffentlichen lettischen Bibliotheken erschließen, die in einem Netzwerk verbunden sind. 1 350 Bibliotheken gibt es in Lettland – darunter 712 öffentliche Büchereien. Zusammen verzeichneten sie 8,3 Millionen Besuche im Jahr 2024.
»Ich habe vorhin eine Kollegin von Ihnen gefragt: Woran erkenne ich eine Lettin oder einen Letten? Und da wurde mir gesagt: am Buch«, sagte Haseloff nach seinem Rundgang durch die LNB zu Baltiņa. »Das Buch ist sozusagen das Identitätsstiftende. Und vor der Wand mit den vielen Büchern bin ich froh, dass ich hier sitzen darf und das auch fotografiert bekomme. Weil ich dadurch auch immer eine Ausrede bei meiner Frau habe, dass man noch mehr Bücher haben kann, die man irgendwo hinstapelt. Nur habe ich leider nicht so ein großes Haus wie Sie.«