Ohne den deutschen Einfluss und die deutsche Sprache würde es heutzutage vermutlich überhaupt kein Theater in Esseg geben. Noch bevor 1907 das Kroatische Nationaltheater in der Hauptstadt Slawoniens gegründet wurde, traten dort bereits zahlreiche deutsche Wandertheatergruppen auf. Die deutsche Sprache war zu dieser Zeit ein unverzichtbares Verständigungsmittel zwischen Deutschen, Kroaten, Serben, Ungarn, Tschechen, Slowenen, Italienern, Slowaken, Polen, Bulgaren und anderen.
Und sie ist es heute wieder für die jugendlichen Theatergruppen beispielsweise aus Kroatien, Ungarn, Polen, Serbien, der Russischen Föderation, Rumänien oder auch Deutschland, die sich seit 25 Jahren alljährlich für ein Wochenende im Juni, kurz nach Beginn der Schulferien, im Branko-Mihaljević-Kindertheater treffen, um frischen Wind in die Kultur der Donauschwaben zu bringen. Die deutsche nationale Minderheit war die reichste und auch die einflussreichste im Königreich Jugoslawien.
Die deutschen Siedler und ihre Nachkommen wurden von der lokalen Bevölkerung einfach als »Švabe« (Schwaben) bezeichnet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff »Podunavske Švabe« (Donauschwaben) für alle Deutschen im ehemaligen Königreich Ungarn gebräuchlich, insbesondere in den Regionen Batschka, Banat, Baranja, Syrmien und Slawonien.
Vor dem Zweiten Weltkrieg organisierten sie sich in Kulturvereinen, die maßgeblich Einfluss auf die Einrichtung von Bibliotheken, Bildungseinrichtungen und auf soziale Programme nahmen. Sie bewahrten das Bewusstsein für ihre Wurzeln und ihre nationale Identität. Ihre Aktivitäten wurden jedoch oft von den lokalen und staatlichen Autoritäten verboten. Die politischen Verwerfungen während des
Zweiten Weltkrieges und auch danach führten dazu, dass die einst prosperierende nationale Minderheit zur unerwünschten Bevölkerungsgruppe wurde. Für den Historiker Vladimir Geiger war dies der Beginn einer Zeit persönlicher und kollektiver Verfolgung, in der Eigentum beschlagnahmt wurde und viele Menschen ihr Leben verloren oder ihre Heimat für immer verlassen mussten.
Hanna Klein, Projektleiterin bei der »Deutschen Gesellschaft – Nationalverband der Donauschwaben in Kroatien« und Mitglied der jüngeren Generation der deutschen nationalen Minderheit hat noch selbst erlebt, dass die deutsche Sprache verpönt war: »Es entstand eine sehr tiefe Kluft, und das Schlimmste, was passierte, war der Verlust der Muttersprache. Es wurde verboten, Deutsch zu sprechen. Das war es, was der Minderheit ihre Identität nahm.«
Es gab eine ganze Generation, die völlig verloren war und nicht einmal wusste, dass sie deutsche Wurzeln hatte. Klein hatte Glück: »Trotz allem, was meiner Großmutter im Lager widerfahren war, sprach sie zuhause weiterhin Deutsch.« Dadurch war Klein auch schon als Kind bewusst: »Ich stamme von Donauschwaben ab, die vor dreihundert Jahren auf Flößen in die Batschka kamen. Meine Wurzeln liegen hier in Esseg.«
Aber mit der Sprache waren auch Traditionen und Bräuche verbunden, die nicht fortgeführt werden durften. Der Verlust der Sprache, die Unsicherheit über die eigenen Wurzeln und aus heutiger Sicht vielleicht unbegründete Ängste prägen die donauschwäbische Gemeinschaft. Statistisch gesehen ist sie daher recht klein. Nur etwa 3 000 Bürgerinnen und Bürger der Republik Kroatien identifizieren sich als Deutsche, obwohl Schätzungen zufolge die Zahl bis zu 30 000 betragen könnte.
Als die Deutsche Gesellschaft gegründet wurde, war es deren wichtigstes Ziel, diese Traditionen wiederzubeleben und die Menschen zu ermutigen, sich wieder als Deutsche zu identifizieren. Klein findet: »Im Idealfall sollte das Leben in der donauschwäbischen Gemeinschaft zweisprachig sein. Die Donauschwaben hierzulande unterscheiden sich nicht von anderen Kroaten, sie sind lediglich um eine Sprache reicher.«
Mit ihrer kulturellen Arbeit konzentriert sich Hanna Klein vor allem auf junge Menschen und führt viele Workshops durch. Sie ist überzeugt: »Auch wenn einige junge Menschen die Geschichten ihrer Großeltern gehört haben, konnten sie ihre Familiengeschichte nicht vollständig zusammenfügen, es gab zu viele Tabus. Es ist wichtig, den älteren Generationen zuzuhören, solange sie noch da sind, damit ihre Erinnerungen dauerhaft festgehalten werden können. Es ist jedoch auch wichtig, sich mit der jüngeren Generation ganz der Zukunft zuzuwenden.« Tatsächlich stehen viele Projekte der Deutschen Gesellschaft der Donauschwaben in Kroatien in Verbindung mit der Geschichte der Gemeinschaft und fungieren so als generationsübergreifende Brücke. Sie wurde 1992 in Agram/Zagreb gegründet. Fünf Jahre später zog sie nach Esseg um, da es angesichts der allgemeinen Bevölkerungszusammensetzung sinnvoller war, dort einen Sitz zu haben. Denn zur Zeit der deutschen Besiedlung der Regionen Slawonien, Baranja und der Vojvodina lag hier ein wesentliches Zentrum, in dem die meisten Deutschen lebten.
Seit 2001 organisiert die Deutsche Gesellschaft das Internationale Deutschsprachige Theaterfestival. Finanziert wird es vom Rat für Nationale Minderheiten der Republik Kroatien. Gastgeber des Festivals ist von Anfang an das Branko-Mihaljević-Kindertheater in Esseg. Den quirligen Auftakt gestalten jeweils die Esseger Kindergärten mit einer Eröffnungsfeier auf der Bühne.
Auf die Einbindung der Kleinsten ist Hanna Klein besonders stolz, denn sie ist überzeugt: Das Festival wird sie während ihrer gesamten Kindheit begleiten. Klein erklärt: »Unser Ziel ist es, junge Menschen zusammenzubringen und ihnen zu zeigen, dass man Deutsch auch spielerisch außerhalb der Schule lernen kann. Die Kinder sollen verstehen, dass Sprachen auch durch das Inszenieren und Erfinden von Theaterstücken gelernt werden können.« Rund 25 bis 30 Ensembles treten mittlerweile im Kindertheater auf. Das war nicht immer so, das Experiment begann mit nur wenigen Gruppen, die erste aus Rumänien ist noch heute dabei. Mittlerweile aber ist das Festival enorm gewachsen und gibt auch der Deutschen Gesellschaft aus Esseg eine gewisse Perspektive für die Zukunft. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen keine professionellen Schauspieler sein. Sie müssen nur Spaß am Theater haben – und die Arbeit daran muss auf Deutsch stattfinden. Ein Ideal hat Klein dabei sehr wohl: »Wir freuen uns besonders, wenn Kinder ihre eigenen Stücke schreiben, Kostüme und Bühnenbilder entwerfen und die Aufführung selbst inszenieren.«
Vormittags finden die Workshops statt, nachmittags werden die Aufführungen im Theater inszeniert. In erster Linie sind die Workshops für die Kinder gedacht, die beim Festival auftreten. Aber das Interesse auch der Theaterpädagogen war in den vergangenen Jahren so groß, dass mittlerweile auch für Gruppenleiter Kurse organisiert werden, die sich mit Bühnenbild, Stückentwicklung und Dialog befassen. Das Organisationsteam betont, dass alle Teilnehmenden mit neuen Kenntnissen und Fähigkeiten nach Hause zurückkehren sollen. Und auch das Publikum soll in den Veranstaltungen Neues lernen. Die Aufführungen werden auch von Neugierigen besucht, die mit den Aktivitäten der deutschen nationalen Minderheit nicht vertraut sind.
Klein sagt: »Das Programm wird von jungen Menschen für junge Menschen gestaltet. Jeder ist willkommen.« Die deutschen Minderheiten existieren in 25 Ländern in Europa und der ehemaligen UdSSR. Sie alle, nicht nur die deutsche Minderheit in Kroatien, will die Deutsche Gesellschaft durch das Festival miteinander in Kontakt bringen. Regelmäßig kommen Gruppen aus Polen, Rumänien, Serbien oder Ungarn. Einmal war auch eine Gruppe aus Deutschland zu Gast, deren Mitglieder ursprünglich aus Russland stammten. Und auch eine Gruppe aus Kasachstan ist bereits aufgetreten. Klein sagt: »Wir wollen den Kindern bewusst machen, dass sie Teil einer größeren Gesellschaft sind. Wir möchten, dass sie denken: ›Okay, ich bin Teil der deutschen Minderheit in Kroatien, aber wir existieren auch anderswo. Wir sind nicht nur hier.‹«
Wie alle darstellenden Künste erlebte auch das Internationale Deutschsprachige Theaterfestival während der Corona-Pandemie eine Krise und musste einmal ausfallen. Besonders betroffen vom Lockdown waren junge Menschen, die zu dieser Zeit ihr erstes Jahr an der weiterführenden Schule begannen. Viele verloren ihr Selbstvertrauen, entwickelten Ängste vor Ansammlungen größerer Menschenmengen und waren körperlichen Kontakt nicht mehr gewohnt. In den vergangenen zwei Jahren habe sich die Lage aber zum Glück langsam wieder normalisiert, beobachtet Klein.
Mit einem Jahr »Verspätung« wegen des ausgesetzten Festivals laufen jetzt Vorbereitungen für das Jubiläum zum 25. Geburtstag im Jahr 2026. Alle Teilnehmer wissen längst Bescheid, aber Hanna Klein verschickt Einladungen auch an viele weitere Schulen und Deutschlehrer. Sie hofft, dass diesmal neben den bereits bekannten noch mehr Ensembles anreisen werden.
»25 Jahre sind ein bedeutender Meilenstein. Deshalb wollen wir das Festival auf ein noch höheres Niveau heben«, sagt Hanna Klein. Wie sich das Festival in Zukunft entwickeln werde, könne man heute noch nicht einschätzen, das werde nur die Zeit zeigen, glaubt sie. »Das Interesse ist da, was uns sehr freut. Ich hoffe, dass wir mindestens die nächsten zehn Jahre, wenn nicht sogar 25 Jahre lang mit voller Kraft weitermachen können.«
Der Einfluss der deutschen nationalen Minderheit ist tief in der kroatischen Geschichte verwurzelt und zeigt sich auch heute noch in der Theaterkultur, auf den Straßen, in ihrer Einstellung zur Sprache und in dem spezifischen Geschmack beim Essen. Es hat viele Jahre gedauert, bis dieses komplexe kulturelle und soziale Erbe nicht mehr ausschließlich aus ideologischer Sicht diskutiert wurde. Literatur und Theater spielten eine bedeutende Rolle für die wachsende Akzeptanz und Gelassenheit. Und die »Deutsche Gesellschaft – Nationalverband der Donauschwaben in Kroatien« hat mit dem Internationalen Deutschen Festival einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, indem sie beides, Literatur und Theater, einem breiten und vor allem einem jungen Publikum zugänglich macht.