Melanie Röser
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Das Festetics-Palais in Budapest – Sitz der Andrássy-Universität Foto

In Deutschland gehen in diesen Monaten die Studenten auf die Straße und protestieren gegen Kürzungen und Schließungen an den deutschen Hochschulen. Auch die geplanten Studiengebühren und die schlechte Lehrsituation an den Massenuniversitäten sorgen für Unmut. In Ungarn, genauer gesagt in Budapest, wächst unterdessen eine deutschsprachige Universität aus ihren Kinderschuhen – und dies sehr erfolgversprechend und begleitet von großen Erwartungen.

Die Rede ist von der deutschsprachigen Gyula-Andrássy-Universität, die das zweite Jahr ihres Bestehens feiert. Noch unter der rechtskonservativen ungarischen Regierung von Viktor Orbán gegründet und als eine Art Elite-Universität geplant, kann man hier seit September 2002 ein zweijähriges postgraduales Aufbaustudium in den Fachrichtungen Vergleichende Staats- und Rechtswissenschaften, Internationale Beziehungen und Mitteleuropa Studien absolvieren.

Den Namen verdankt die Institution dem Grafen Gyula Andrássy (1823-1890), der Ministerpräsident von Ungarn und Außenminister der k.u.k. Monarchie war – ein Diplomat der deutsch-ungarischen Beziehungen par excellence und nicht umsonst Namensgeber einer Universität, in der Diplomaten für den Mitteleuropäischen Raum ausgebildet werden sollen.

Die Idee zur Gründung der Universität, die sich als Erbin der 1945 geschlossenen Karls-Universität in Prag versteht, basiert auf den engen Beziehungen Ungarns zum deutschen Kulturraum. Die deutsche Sprache hat in Ungarn außerdem einen hohen Stellenwert und geht auf jahrhundertealte Traditionen zurück. In kaum einem anderen Staat Ostmitteleuropas lernen mehr Menschen Deutsch statt Englisch als erste Fremdsprache.

Am letzten Oktobertag des vergangenen Jahres hatte nun die Öffentlichkeit am Tag der offenen Tür Gelegenheit, die neuen Räumlichkeiten der Universität im ehemaligen Festetics-Palais, gleich hinter dem ungarischen Nationalmuseum und in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Parlamentsgebäude gelegen, zu besichtigen und der feierlichen Übergabe des Rektorenamtes sowie der Einweihung der Bibliothek beizuwohnen. Die Bibliothek besteht aus ca. 10000 Bänden, geplant ist die Aufstockung um jährlich 6000 Titel, um letztendlich auf einen Umfang von etwa 40000 Büchern zu kommen. Mit dem Umzug ins Palais ist die Zeit der provisorischen Lösungen nun zu Ende. Das erste Jahr war die Universität in unzulänglichen Räumlichkeiten untergebracht, da die Bauarbeiten am Palais nicht rechtzeitig beendet werden konnten.

Der neue Rektor Prof. Dr. Miklós Kengyel, der erste gewählte Inhaber dieses Amtes, übernahm die Rektorenkette von seinem Vorgänger, dem Gründungsrektor Prof. Dr. György Hazai. Kengyel betonte bei seiner Ansprache, nachdem er auf frühere zum Teil politisch motivierte Debatten über die Universität angesprochen wurde, dass er keine Politik betreiben, sondern sich ausschließlich in den Dienst der Wissenschaft stellen wolle. Studiert hat Kengyel an der Janus-Pannonius-Universität in Pécs, er blieb an der juristischen Fakultät und stieg nach seiner Habilitation 1994 zum Professor auf. 1999 wurde er Dekan der Juristischen Fakultät in Pécs. Er war unter anderem Humboldt-Stipendiat an der Universität Frankfurt am Main und hielt an über 20 ausländischen Universitäten Vorlesungen und Vorträge. Bei seiner Antrittsvorlesung mit dem Thema Symbolik der Justiz stellte Kengyel seinen eigenen Forschungsbereich vor. Seine vornehmliche Aufgabe als Rektor sieht Kengyel in der Festigung und der weiteren Aufbauarbeit der universitären Strukturen. Geplant wird auch die Einführung eines Doktorandenprogramms zu Beginn des dritten Studienjahres. Die herrschaftlichen Räumlichkeiten des Festetics-Palais böten sich aber auch an, die Andrássy-Universität zu einem Ort der Kultur und der Begegnung mit den deutschsprachigen Ländern werden zu lassen. So ist vorgesehen, ein deutschsprachiges Forschungs- und Kulturzentrum mit Ausstellungen, Konzerten und Vorführungen aufzubauen.

An der Andrássy-Universität ist die Qualität der Lehre das höchste Ziel. Nicht Massen sollen hier durchgeschleust, sondern eine kleine feine Elite herangezogen werden. Die Universität will Führungskräfte ausbilden, die mit der Vergangenheit und der Gegenwart Mitteleuropas vertraut sind und Verständnis für die Besonderheiten der Region haben und zur Integration des mitteleuropäischen Raumes in die Europäische Union beitragen können, so die formulierte Zielsetzung der Universität, nachzulesen auf der Internetseite der Universität (Link am Ende des Textes). Das besondere Profil der Andrássy-Universität zeigt sich z.B. an der Fachrichtung Vergleichende Staats-und Rechtswissenschaften. Die Studenten sollen auf Führungsaufgaben in internationalen Organisationen vorbereitet werden und auch im privaten Sektor sowie in der nationalen und internationalen Verwaltung einsetzbar sein. Der Rechsanwalt Dr. Jürgen Gündisch, der als Gastdozent an der Andrássy-Universität tätig war, formulierte es gegenüber dem Pester Lloyd, einer deutschsprachigen Wochenzeitung Ungarns, folgendermaßen:

»Vornehmlichstes Ziel der Bildungsanstalt ist es eine vertiefte Erfahrung in der Praxis des Europarechtes, wie es sich vor allem in der Rechtssprechung des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg und in der Gesetzgebungs- und Verwaltungspraxis des Rates der Kommission in Brüssel manifestiert, zu vermitteln.«

Die Fachrichtung Mitteleuropa-Studien, die geisteswissenschaftlich ausgerichtet ist und sich schwerpunktmäßig dem Donauraum widmen will, ist in ihrer Ausrichtung dagegen noch etwas vage gehalten. Geschichte, Ethnographie, Kultur, Literatur, Ideen- und Bildungsgeschichte und das philosophische Denken der mitteleuropäischen Völker stehen hier auf dem Lehrplan.

Die Fachrichtung Internationale Beziehungen verbindet schließlich die Wirtschaftswissenschaften mit der Diplomatie.

Die Deutschsprachigkeit und die Interdisziplinarität des Studiums sind für den Intergrationsprozess Ungarns (und anderer mitteleuropäischer Länder) in die Europäische Union von großer Bedeutung und stehen für das besondere Profil der Andrássy-Universität.