Wie wirken Verlust- und Kriegserfahrungen von Großeltern und Eltern auf das eigene Leben? Das ist die grundlegende Frage in Peggy Patzschkes Roman Bis ans Meer und Claudia Rikls Roman Elbland. Ersterer entrollt die Geschichte einer Familie aus Schlesien, letzterer einer Familie aus dem Sudentenland. Beide werden aus der weiblichen Perspektive erzählt – die Romanprotagonistinnen sind junge Frauen, die mit ihrem Schicksal hadern und ihre Partner, zuverlässige und zugewandte Männer, hinterfragen. Ihre Unsicherheit, Unzufriedenheit und Unentschiedenheit sowie ihre ominösen Ängste können die beiden Frauen erst nach einer Spurensuche in die tiefsten Schichten ihrer Familiengeschichte verstehen und hinter sich lassen. Die Reise führt sie in entlegene Regionen ihrer Innenwelt, aber auch in unbekannte geografische Landschaften: nach Schlesien und ins Sudetenland, zu den blinden Flecken ihrer Biografie.
Nina, Hauptfigur in Claudia Rikls Roman, erfährt nach dem Tod ihrer Mutter das »Überschwemmtwerden von etwas, für das einem die Worte fehlen. Das aus einer Schwärze tief im Innern kommt, die einen in Panik versetzt«. Als Rettungsanker erweist sich eine Reise nach Arnau/Hostinné in Böhmen, dem Geburtsort von Ninas Mutter. Als ein »Stück Europa« blieb auch diese Region während des Zweiten Weltkriegs von Verwüstung und Zerstörung nicht verschont. Doch trotz Verwerfungen und Verheerungen muss das Leben irgendwie weitergehen. Auch Mutter Irma überlebt, indem sie die Vergangenheit auslöscht und verschweigt. Den Panzer ihres Schweigens kann kein Familienmitglied durchdringen, auch Nina nicht.
Claudia Rikl: Elbland
Ullstein Verlag, Berlin 2026, 368 S.
ISBN 978-3-550-20446-3
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Claudia Rikl. Foto: © Rechtnitz LeipzigClaudia Rikl, geboren 1972 in Naumburg an der Saale und dort aufgewachsen, Studium der Rechtswissenschaft, Geschichte und Literaturwissenschaft, freie Schriftstellerin – u. a. Romane: Das Ende des Schweigens (2018), Der stumme Bruder (2019), Wellenkinder (2023 als Liv Marie Bahrow), die vom Leben in der DDR erzählen und die dem langen Schatten einer Diktatur nachgehen. Die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte mündete in den Roman Elbland (2026). Rikl lebt heute in Leipzig. Weitere Infos unter: www.claudia-rikl.de
Die Autorin über sich selbst:
»Wir lebten in einem alten Haus mit einem Dachboden voller alter Möbel, Bücher, Alltagsdinge und Tagebücher, die meine Vorfahren in den letzten Jahrzehnten an diesem ihrem Wohnsitz angehäuft hatten. Ich liebte es, mir all diese Sachen anzusehen, die mir ein Gefühl von Beheimatetsein gaben, und habe meine Oma, die mit uns in dem Haus lebte, oft angebettelt: Oma, erzähl mir von früher. Natürlich hatte ich auch eine zweite Oma, aber die starb früh und ich erfuhr aus erster Hand nie, dass sie im Juni 1945 aus ihrer Heimat im Riesengebirge vertrieben worden war. Die Urkatastrophe im Leben meiner damals eineinhalbjährigen Mutter, die kaum Erinnerungen daran hatte und niemals davon sprach. Ich glaube, dass ich mich deshalb immer für Geschichten aus der Vergangenheit interessiert habe, weil ich die Leerstellen in meiner eigenen füllen wollte.«
Die Autorin über ihren Roman Elbland:
»Meine Hauptfigur Nina hat so wie ich eine Mutter, die als Kind ihre Heimat verlor und nie darüber sprach. Deshalb liebe ich diese Geschichte ganz besonders ...«
Die Vergangenheit – ein böser Zauber?
Eine Buchrezension von Ingeborg Szöllösi
KK – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1451 | Drittes Quartal 2026
Was ein »gewaltvoller Heimatverlust« bedeutet und welche Wunden er hinterlässt, beschreibt auch Peggy Patzschke in ihrem Roman Bis ans Meer: Im letzten Kriegsjahr 1944 wird Familie Puchalla aus dem schlesischen Brieg/Brzeg auseinandergerissen. Vater Karl und Sohn Horst werden eingezogen, Mutter Frieda und Tochter Erika müssen vor der sich nähernden Roten Armee flüchten. Horst kehrt zu Mutter und Schwester zurück. Zu dritt verlieren sie endgültigen ihr Zuhause: Sie werden aus Schlesien vertrieben. Der Satz von Friedas Mutter ist ihr Begleiter: »Manchmal müssen wir durch eine sehr lange Nacht ans Licht.«
Peggy Patzschke: Bis ans Meer
Roman, Rütten & Loening Verlag, Berlin 2025
445 Seiten | 22,– Euro | ISBN: 978-3-352-01009-5
weitere Informationen zum Buch
Peggy Patzschke | Foto: © Peggy PatzschkePeggy Patzschke, geboren 1970 in Leipzig, über ein Jahrzehnt die Radiostimme Mitteldeutschlands. Heute arbeitet sie als Redakteurin und Moderatorin vor und hinter der Kamera für ARD, MDR und 3sat und hat einen Podcast. Sie lebt in Leipzig. Bis ans Meer ist ihr erster Roman, für den sie mit dem ZukunftErbe-Preis 2025 ausgezeichnet wurde. Sie liebt Spaziergänge am Meer, wo ihre Geschichten entstehen, und teilt auf ihrem YouTube-Kanal persönliche Gespräche mit prominenten Persönlichkeiten über Neuanfänge, Resilienz und Lebensmut. Weiteres unter www.peggy-patzschke.de oder auf Instagram.
In der 2026 erschienenen Taschenbuch-Ausgabe ihres Debütromans schreibt Peggy Patzschke über ihre Eindrücke von ihren zahlreichen Lesungen. Bei den Publikumsgesprächen sei ihr klar geworden,
»was ich an Menschen besonders bewundere: Wenn es jemandem gelingt, durch schwere Zeiten zu gehen, ohne darüber verbittert zu werden. Denn das erfordert wahrhaftig Kraft. Häufig kam mir dabei der Gedanke, dass diejenigen, die wissen, was Leid bedeutet, umso menschlicher zu handeln vermögen – aus Demut, Dankbarkeit, Wertschätzung und Mitgefühl heraus. Indem sie genau jene Werte leben, die uns als Menschheit ausmachen. Tiefe und Empfindsamkeit statt Hochmut und Oberflächlichkeit.«
Die vom
Deutschen Kulturforum östliches Europa 2020 initiierte Lesereihe Unerhörte Familiengeschichten aus dem östlichen Europa widmet sich historischen Landschaften des östlichen Europa, in denen Kulturen und Menschen im 20. Jahrhundert unheilvoll aufeinanderprallten.
In Kooperation mit dem
Literaturforum im Brecht-Haus Berlin.
Das Kulturforum wird gefördert vom
Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Samstag, 27. Februar 2027, 17:00 Uhr
Fische im Trüben
Lesung mit Elli Unruh
| Datum | Sa, 30.01.2027 |
| Zeit | 17:00 Uhr |
| Eintritt | 6,– Euro | ermäßigt 4,– Euro |
| Barrierefrei | Nein |
Literaturforum im Brecht-Haus Berlin
Chausseestraße 125, 10115 Berlin, Deutschland
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