Hilfesuchend spricht Kadir alle Fahrer von ausländischen Autos an, die ebenfalls auf dem winzigen Parkplatz vor der Gül-Baba-Türbe in Budapest einen Platz suchen. Aber die haben ebenfalls kein ungarisches Kleingeld dabei, und Kartenzahlung ist am Automaten nicht möglich. Erstaunlich finden Kadir und seine Frau Ruhan das, denn sicherlich kämen doch sehr viele internationale Gäste hierher, vermuten sie. Für die beiden türkischstämmigen Niederländer aus Rotterdam ist die Grabstätte des 1541 verstorbenen Derwischs und Dichters Gül Baba jedenfalls ein Höhepunkt ihrer Reise nach Budapest. »Ich empfinde die osmanische Geschichte als einen wichtigen Teil auch meiner eigenen Herkunft«, erklärt Kadir.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe Nr. 1451 der
KK mit dem Schwerpunktthema: Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526
In der Hoffnung, das Ordnungsamt möge sich heute Morgen noch etwas Zeit lassen, schlendern die beiden schließlich ohne ein Parkticket zu lösen durch das schmiedeeiserne Tor in den Rosengarten. Die Türbe thront hoch über der Donau, von hier aus öffnet sich der Blick über die Dächer von Ofen/Buda hinüber nach Pest. Es ist Mitte Mai, die ersten Rosen auf den Kaskaden am Hang sind erblüht. Kadir fotografiert Ruhan vor dem Panorama. Die Türbe selbst in der Mitte der Parkanlage ist eher unauffällig: ein kleiner achteckiger Bau aus hellem Stein mit grauer Kuppel und goldenem Halbmond. Sie wurde zwischen 1543 und 1548 über dem Grab von Gül Baba errichtet, der kurz nach der Einnahme Ofens im Jahr 1541 gestorben sein soll. Ein schlichter weißer Raum mit zwei Fenstern, an der Wand gerahmt der Spruch: »Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet.«
Im Backsteingebäude nebenan ist ein kleines Museum untergebracht, in dem die Geschichte der Osmanen in Ungarn und speziell in Budapest erklärt wird. Über den Derwisch selbst gibt es kaum Informationen. »Wir wissen über Gül Baba erstaunlich wenig«, gesteht Gábor Pálfi, Direktor der Gedenkstätte. Er soll in Merzifon, heute eine Stadt in der türkischen Provinz Amasya, unter dem Namen Dschafar ibn Kutb-ul-Arifin Waliuddin ibn Yalinkilitsch geboren worden sein. »Er liebte Rosen sehr«, erzählt Pálfi. Sein Name Gül Baba bedeutet »Vater der Rosen«. Es wird sogar spekuliert, ob er die edlen Blumen in Ungarn eingeführt haben könnte. Wenige Jahre nach Baba Güls Beisetzung entstand über dem Grab das kleine Mausoleum, das bis heute als nördlichster Wallfahrtsort des Islam gilt. Mittlerweile haben sich auch zwei größere muslimische Reisegruppen eingefunden. Kadir und Ruhan verstehen sich jedoch nicht als Pilger. Kadir sagt: »Wir sind beide nicht sehr religiös. Dieser Ort berührt mich, aber eher als historisches
Monument.«
Dass ausgerechnet das Mausoleum eines osmanischen Derwischs zu den Touristenattraktionen Budapests zählt, hat seinen Ursprung fast 200 Kilometer südlich von hier. Dort, bei Mohács, erlitt das ungarische Heer von König Ludwig II. am 29. August 1526 eine vernichtende Niederlage gegen die Truppen von Sultan Süleyman. Der junge König Ludwig ertrank auf der Flucht in einem Bach, Tausende Soldaten blieben auf dem Schlachtfeld zurück. Wenn etwas besonders schlimm ausgegangen ist, sagen die Menschen in Ungarn: »Több is veszett Mohácsnál«, sinngemäß übersetzt: Mehr ging bei Mohács verloren.
Fünfzehn Jahre später fiel auch Ofen/Buda endgültig in osmanische Hand. Das mittelalterliche Königreich Ungarn zerbrach in drei Teile: Der Westen kam unter habsburgische Herrschaft, das Zentrum und der Süden des Landes wurden osmanische Provinz, im Osten entstand das Fürstentum Siebenbürgen unter osmanischer Oberhoheit. Fast eineinhalb Jahrhunderte blieb Ofen Hauptstadt eines türkischen Paschaliks. Erst 1686 eroberten Truppen der Heiligen Liga unter österreichischer Führung die Stadt zurück. Die Türbe des Gül Baba gehörte zu den wenigen Bauwerken aus der Osmanenzeit, die diese Kämpfe überstanden.
Für die heutige Budapester Bevölkerung ist die Grabstätte keineswegs negativ belegt, sagt Pálfi. Im Gegenteil. Tatsächlich sei sie mit dem Rosengarten sehr beliebt für einen Spaziergang, eine Oase der Ruhe. Im Jahr 2018 wurde sie aufwändig renoviert. Zehn Millionen Euro haben die Türkei und Ungarn gemeinsam investiert. Auch wenn die politische Verstrickung der Regierungen von Recep Tayyip Erdoğan und Viktor Orbán umstritten ist, sei in dem Fall die gemeinsame Finanzierung für Gábor Pálfi ein Beweis, »dass zwei Nationen trotz der gewaltsamen Vergangenheit eine gute Freundschaft haben können«. Das jedenfalls sei ganz im Sinne Gül Babas, glaubt Pálfi: »Er liebte alles, was friedlich und harmonisch war.«
Foto: © Renate Zöller
Dieser entspannte Umgang mit der gemeinsamen Geschichte wird im Süden des Landes noch deutlicher. Rund 200 Kilometer südlich der Hauptstadt, in Fünfkirchen/Pécs, prägen die Osmanen bis heute das Stadtbild. Fünfkirchen war eine bedeutende Garnisons- und Verwaltungsstadt des Osmanischen Reiches, nirgendwo sonst in Ungarn ist das osmanische Erbe so dicht erhalten wie hier. An einem warmen Vormittag sitzen Studierende in den Straßencafés, Kinder jagen den Tauben hinterher, Touristen schlendern über das Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone. Über allem erhebt sich am oberen Ende des belebten Hauptplatzes Széchenyi tér die mächtige Kuppel der ehemaligen Gazi-Kasim-Pascha-Moschee. Auch hier wurde nach der Rückeroberung der Stadt die Moschee nicht abgerissen – sondern zur katholischen Kirche umgeweiht. Bis heute treffen hier zwei Welten aufeinander: Unter der Kuppel stehen christlicher Altar und Kreuz, gleichzeitig sind an den Wänden noch arabische Inschriften, die Gebetsnische nach Mekka und die typisch osmanischen Spitzbogenfenster erhalten geblieben.
Wer durch Fünfkirchen spaziert, entdeckt noch weitere Spuren jener Zeit. Nur wenige Gehminuten vom Hauptplatz entfernt ragt das Minarett der zwischen zwei Wohnhäusern eingeklemmten Jakowali-Hasan-Pascha-Moschee in den Himmel – die einzige Moschee Ungarns, bei der Gebetshaus und Minarett gemeinsam erhalten geblieben sind. Und im Garten des Kinderkrankenhauses erinnert der Schrein des Idris Baba an einen weiteren islamischen Mystiker.
Zeit, den Ort zu besuchen, an dem die etwa 150 Jahre andauernde osmanische Herrschaft über weite Teile Ungarns ihren Anfang nahm: Mohács. Es regnet und die kleine Industriestadt wirkt nicht sehr einladend. Breite Straßen, Lagerhallen, Gewerbegebiet, dazwischen unscheinbare Wohnhäuser. Zentrum ist der breit angelegte Széchenyi-Platz: darauf das Rathaus mit orientalisch anmutenden Turmkuppeln, das »Denkmal der drei Nationalitäten«, das eine kroatische, eine ungarndeutsche und eine ungarische Frau jeweils in Tracht zeigt und die Votivkirche, deren Fundament Erde aus über 3 000 ungarischen Gemeinden enthält – ein Symbol für den nationalen Zusammenhalt nach der historischen Schlacht von Mohács. Rund fünf Kilometer zieht sich die Stadt am westlichen Ufer der Donau entlang. Der Hafen von Mohács gehört noch immer zu den wichtigsten Güterumschlagplätzen an der ungarischen Donau und bietet als Schengen-Wassergrenzhafen einen der wichtigsten Zugänge der Europäischen Union zum Balkan.
Für die Osmanen bildete Mohács im August 1526 das Einfallstor für ihre Expansionsbestrebungen Richtung Westen. Das Schlachtfeld von damals liegt nicht mitten in der Stadt. Wer es sucht, muss hinaus ins Vorland, Richtung Sátorhely. Nur wenige Kilometer entfernt, im Dorf Großnaarad/Nagynyárád, beginnt für Johann Habel fast jeder Tag mit einem Spaziergang. Von seinem Haus sind es nur wenige Minuten bis zur Dorfkirche. Frisch renoviert steht sie auf einer kleinen Anhöhe, das ausrangierte rote Zwiebeldach des Turms liegt wie eine Skulptur auf dem Rasen des Kirchhofs. Habel geht zwischen den Gräbern hindurch bis an den Rand des Friedhofs. Von hier schweift der Blick weit über die Felder bis hinüber zum Schlachtfeld von Mohács. Der Historiker, einst Leiter des Lenau-Hauses in Fünfkirchen, empfindet die Folgen der Schlacht als Teil der eigenen Familiengeschichte, auch wenn diese erst zwei Jahrhunderte später beginnt: Seine Vorfahren gehörten zu jenen deutschen Siedlern, die nach der Vertreibung der Osmanen ins Land kamen.
Kriege, Plünderungen, Aufstände und Bevölkerungsverluste hinterließen vor allem im Süden des Landes tiefe Wunden. Als die Habsburger die Osmanen schließlich 1687 zurückdrängten und bis 1711 die aufständischen Ungarn bezwungen hatten, standen sie vor der Aufgabe, weite Landstriche neu zu besiedeln. Das Gebiet sei nahezu entvölkert gewesen, so Habel: »Unsere Vorfahren haben hier Tabula rasa vorgefunden.« Aus dem gesamten Römisch-Deutschen Reich wurden Arbeitskräfte angeworben. Die deutschen Siedler waren besonders angesehen – sie galten als Landwirtschaftsexperten.
Bereits unmittelbar nach der Rückeroberung Ofens 1686 hätten sich erste Interessenten aus Südwestdeutschland gemeldet, erzählt Habel. Rund 200 Menschen aus Schwaben wollten ihr Glück im rückeroberten Ungarn versuchen. Zunächst scheiterte das, weil das Gebiet unter Militärverwaltung blieb. Erst als sich die Lage stabilisierte, setzte die große Ansiedlungswelle ein, doch schon lange nicht nur mit Schwaben. Im damaligen Römisch-Deutschen Reich waren Land und Perspektiven knapp geworden. »Deshalb sagten sich viele verarmte Familien: Wir versuchen, unser Schicksal, unser Leben neu zu gestalten«, fasst Habel ihre Motivation zusammen. Die Bezeichnung »Donauschwaben« sei völlig irreführend, schimpft er kopfschüttelnd. »Die meisten Siedler kamen ursprünglich aus der Gegend um Fulda, aus Hessen, aber auch aus Württemberg, Franken und Bayern. Aus dem Schwabenland stammten die wenigsten.«
Ab etwa 1720 kamen dann die ersten deutschen Familien auch in Habels Heimatregion an. Im Banat und in der Batschka entstanden ganze Dörfer nach Reißbrettplänen: Kirche, Pfarrhaus und Schule bildeten das Zentrum, von dort verliefen die Straßen rechtwinklig nach außen. Bis heute bestimmen diese Dörfer das Landschaftsbild. Erst wenn alles vorbereitet war, trafen die Siedler ein. »Damit sie sofort wieder ihre Arbeit beginnen konnten«, erklärt Habel. »Aus Sicht der Habsburgermonarchie hatten sie eine klare Aufgabe: Dörfer anzulegen, Rodungen vorzunehmen, Sümpfe trockenzulegen, damit mehr Ackerfläche entsteht.«
Auf den neu gewonnenen Böden bauten sie vor allem Weizen, Gerste, Mais und Gemüse an. Sie legten Obstgärten an, brachten Wissen in Viehzucht, Fassbau und anderen Handwerksberufen mit und prägten damit die Kulturlandschaft von Südungarn nachhaltig.
Besonders einen Wirtschaftszweig brachten die deutschen Siedler und Siedlerinnen im Süden Ungarns zu neuer Blüte: den Weinbau. Kaum ein Ort steht heute so sehr dafür wie Wieland/Villány. Die hiesigen Rotweine zählen zu den renommiertesten ganz Ungarns. An den sonnigen Hängen des Villány-Gebirges reihen sich die Weinberge aneinander, im Ortskern wechseln sich Weinkeller, Vinotheken und Gästehäuser ab, darunter viele ungarndeutsche Familienbetriebe: Bock, Gere, Polgár oder Tiffán. An diesem Wochenende im Mai lockt ein großes Weinfest viel Publikum an, fast alle Pensionen sind ausgebucht. Das Gästehaus Eckhardt hat noch ein Zimmer frei. Éva Eckhardt überreicht die Schlüssel. Eigentlich führt ihr Sohn Dániel inzwischen das Hotel. Hinter dem Haus öffnet sich ein üppig bepflanzter Innenhof mit Blumen, Zitronen- und Orangenbäumen – wunderbar ruhig und doch nur wenige Meter vom Trubel des Weinfestes entfernt. Bis in die Nacht schallt Tanzmusik durch das Dorf. Wieland steht nicht nur für die Geschichte der Deutschen in der Region. Weinbau wurde hier schon in der Römerzeit betrieben, Ausgrabungen belegen das. Und er wurde auch während der rund 150-jährigen osmanischen Herrschaft nicht aufgegeben, wie ihre Steuerregister belegen. Nach dem Ende der Türkenkriege knüpften die deutschen Siedler daran an, brachten neue Rebsorten mit und machten den Weinbau zu dem, wofür Wieland heute bekannt ist. Für János Hábel zeigt sich darin die Haltung seiner deutschen Vorfahren: Sie seien nicht gekommen, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Ob zuvor Osmanen oder andere Völker hier gelebt hätten, habe sie kaum beschäftigt. Sie wollten einfach bestmöglich das Land bestellen und sich eine Zukunft aufbauen. So war es nur folgerichtig, dass die Ungarndeutschen beim Gedenken an den 500. Jahrestag der Schlacht von Mohács eine besondere Rolle übernahmen.
Im Rahmen des Donauländischen Fischfestivals Mitte Juli 2026 zogen 500 Trachtenträgerinnen und -träger in den unterschiedlichsten deutschen Trachten durch die Stadt – nicht nur aus Ungarn, sondern auch aus Kroatien, Serbien und Österreich. Ein deutschsprachiger Gottesdienst und ein Kulturprogramm erinnerten daran, dass auf die eineinhalb Jahrhunderte osmanischer Herrschaft eine neue Epoche folgte: die der deutschen Besiedlung, die den Süden Ungarns über Generationen mitprägte. So wurde 500 Jahre nach der Schlacht bei Mohács nicht nur an die Niederlage der Ungarn erinnert. Sondern auch daran, dass für die Region auf die osmanische Besatzung ein Neuanfang folgte, dessen Spuren bis heute in den Dörfern, der Kulturlandschaft und den Traditionen spürbar ist.