Kulturkorrespondenz östliches Europa – Ausgabe 1451
Ausgabe Drittes Quartal 2026

Titelbild: Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526 | KK – Kulturkorrespondenz östliches Europa Nr. 1451 – Ausgabe Drittes Quartal 2026

Editorial | Inhalt

Liebe Leserinnen und Leser,

rot leuchtet der wilde Klatschmohn zwischen den violetten Blüten des Speisemohns, darüber türmen sich dunkle Wolken. Das Bild entstand bei einer Ungarnreise der KK-Redakteurin Renate Zöller im Mai dieses Jahres – als die Felder in voller Blüte standen. Vor allem in Südungarn, in der Region um Fünfkirchen/Pécs herum, wird der Speisemohn sehr häufig angebaut. Seine schwarzen Samen finden sich in vielerlei Speisen und Gebäck in ganz Ungarn, vor allem in den legendären Bejgli. Nur ihr Name leitet sich vom jiddischen Bagel ab; die mit Mohn oder Walnüssen gefüllte ungarische Hefeteigrolle hat ihren Ursprung vermutlich im 14. Jahrhundert in Schlesien. Nach Ungarn kam sie in der Zeit der Habsburgermonarchie. Heutzutage findet sich der gefüllte Striezel an Weihnachten und Ostern auf fast jedem Festtagstisch.

Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526 heißt die aktuelle Kulturkorrespondenz. Mohács, von den Deutschen erst ab dem 18. Jahrhundert Mohatsch genannt, liegt wenige Kilometer südöstlich dieser Mohnfelder. Hier wurde das Heer König Ludwigs II. am 29. August 1526 von den Truppen Sultan Süleymans I. vernichtend geschlagen. Die Niederlage leitete den Zerfall des mittelalterlichen Königreichs Ungarn-Kroatien ein. Große Teile des Landes gerieten in den folgenden Jahrzehnten unter osmanische Herrschaft, andere und die gesamten böhmischen Länder kamen dadurch an das Haus Habsburg. Der österreichische Historiker Harald Heppner erklärt in seinem Beitrag, welche gravierenden Folgen das nicht nur für Ungarn, sondern für ganz Europa hatte.

Anlässlich des diesjährigen 500. Jahrestags der Schlacht wurden überall in Mohács und Umgebung Konzerte und Veranstaltungen organisiert. Und auch die Ungarndeutschen feierten in einer großen Parade mit. Denn auch für sie spielte die Geschichte eine besondere Rolle. »Als die Osmanen wieder gingen, kamen die Deutschen«, erklärt János Hábel im Beitrag Von Rosengärten, Weinbergen und Schlachtfeldern von Renate Zöller über die Spuren der osmanischen Besatzung im heutigen Ungarn. Nach der Rückeroberung großer Teile Ungarns im späten 17. Jahrhundert wurden aus allen möglichen Regionen des Römisch- Deutschen Reiches Siedler in die ehemals besetzten und inzwischen zu großen Teilen verwaisten Gebiete angeworben, um dort die Wirtschaft anzukurbeln. Die ungarndeutschen Dörfer hatten dadurch einen jeweils ganz eigenen Charakter und Dialekt, erklärt Anikó Kramm-Mezei, Leiterin des Lenau-Hauses in Fünfkirchen, im Interview.

Und gerade diese Vielfalt ist mehr und mehr bedroht. Dem stemmt sich unter anderem das Schulzentrum Valeria Koch entgegen, indem es versucht, junge Menschen schon ab dem Kleinkindalter an die deutsche Sprache heranzuführen. Christina Arnold beschreibt in ihrem Artikel Damit die Wurzeln weiterwachsen, wie Kinder nicht nur aus deutschsprachigen, sondern auch aus ungarischen Familien von der bilingualen Ausbildung profitieren.

Nicht nur der Sprachverlust bedroht die kulturelle Identität der ungarndeutschen Minderheit, auch die Abwanderung. Zahlreiche junge Menschen haben ihre Heimat in den vergangenen Jahren verlassen, weil Arbeitsplätze fehlen, Korruption grassiert und ganze Regionen wirtschaftlich den Anschluss verloren haben. Doch auch in dieser Hinsicht war der Mai in diesem Jahr bedeutend für die ungarische Bevölkerung. Nach sechzehn Jahren unter Viktor Orbán und der Fidesz-Partei kam mit Péter Magyar und seiner Partei TISZA (Tisztelet és Szabadság Párt, übersetzt: Partei für Respekt und Freiheit) eine neue politische Kraft an die Macht. In vielen Gesprächen, die Renate Zöller auf ihrer Reise vor Ort führte, klang durchaus auch Sorge und Unsicherheit durch, vor allem aber Hoffnung auf Veränderung. Und was könnte ein schöneres Symbol dafür sein als die rote Mohnblume.

Ihr Deutsches Kulturforum östliches Europa

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Im Fokus

Epochen I
Mohács – ein Wendepunkt in der europäischen Geschichte
Von Harald Heppner

Pinnwand

Nordrhein-Westfalen und Schlesien vertiefen Zusammenarbeit
DPA/KK

Erika Rierpl ist »Auslandsdeutsche des Jahres 2025/2026«
IMH/KK

Evropa-Preis an Roland Borchers
Evropa e.V./KK

Croy-Teppich wird restauriert
Pommersches Landesmuseum/KK

Netzstücke

Epochen II
Herzen, Tulpen und Rosetten – Relikte der Jamunder Kultur
Von Edda Gutsche

Durch den Sucher
Der Marsch der Mutigen
Von Renate Zöller

Der rote Faden
»Galizien ist vor allem der Geist der Freiheit«
Gespräch mit der Germanistin Alla Paslawska 
Von Renate Zöller

Rezensionen

»Pinselmänner werden immer gebraucht«
Gunars Janovskis: Der Schildermaler
Von Martin Pabst

Die Vergangenheit – ein böser Zauber?
Claudia Rikl: Elbland
Von Ingeborg Szöllösi

Aus Geschichte wird Gespräch
Die Bildungs- und Begegnungsstätte Transferraum Heimat
Von Markus Nowak

Happy Birthday, Daniel Chodowiecki!
Ausstellung zum 300. Geburtstag im Hugenottenmuseum Berlin
Von Magdalena Gebala

Momente
Von Rosengärten, Weinbergen und Schlachtfeldern
Von Renate Zöller

Hand aufs Herz, …
Nikita Miller
im Gespräch mit der KK

Perspektiven
Damit die Wurzeln weiterwachsen
Von Christina Arnold

Hinweise

Museum Retz/Südmährische Galerie | Retz (Österreich)
Musikalische Motive

Siebenbürgisches Museum | Gundelsheim
Teutsch – surreal, emotional, grotesk

Westpreußisches Landesmuseum | Warendorf
Vierbeinige Legenden

Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung | Berlin
Spurensuche

Ostpreußisches Landesmuseum | Lüneburg
Kunst auf Körpern

Portrait
Wo das Licht war, dort war Ungarn
Von Dawid Smolorz

Fundstück
Zirkusluft
Von Dorothee Haslach/KK

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