Eine Rezension von Martin Pabst

Seit 1978 erscheinen im Piper Verlag die »Gebrauchsanweisungen«. Nach der Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen hat Jaroslav Rudiš einen zweiten Band in dieser Reihe verfasst. Denn er ist nicht nur Schriftsteller, Dramatiker und leidenschaftlicher Zugmensch, sondern auch Biertrinker. Was kaum überrascht, denn schließlich stammt er aus dem Böhmischen Paradies/Český ráj und besuchte schon als Gymnasiast die Universität. Keine Hochschule, sondern die »Universität des Lebens«, eine Kneipe in Turnau/Turnov, wo er mit seinen besten Schulfreunden gemeinsam Bücher las und lernte, dass man die besten Geschichten im Wirtshaus findet. Bis es dem Wirt zu viel wurde: »Jungs, packt das Zeug weg, das hier ist eine Kneipe, keine Bibliothek, sonst gibt es kein Bier mehr.« 

Von dieser Kneipe zog Rudiš, der junge tschechische Punk, hinaus in die Welt. Erst zum Studium nach Reichenberg/Liberec und dann nach der Samtenen Revolution auch ins Ausland. Mit seinem alten Saab oder noch lieber mit dem Zug. All dies erfährt man im ersten Kapitel: »Das erste Bier«. In den folgenden Kapiteln nimmt Rudiš den Leser mit auf eine irrwitzig dicht erzählte Reise durch Tschechien, Österreich und nach Südosteuropa, den Norden und Westen, die Schweiz und Deutschland, um für »Das letzte Bier« in seine böhmische Heimat zurückzukehren.

Es ist kein Sachbuch, auch wenn die Informationen sprudeln, wie auf dem Oktoberfest das Bier aus den Zapfhähnen. Wie kann Rudiš sich all diese Kneipen, besonderen Biere und leckeren Gerichte zum Bier nur merken? Er lobt viel, aber nie so, dass man das Gefühl bekommt, er wäre unkritisch. Sicher gibt es so manches Bier, das ihm nicht schmeckt – dafür ist einfach kein Platz in diesem Buch, diesem Loblied auf das Handwerk, die Liebe zum Detail und das Bier als Kulturgut, das Menschen seit alters her über Länder- und Sprachgrenzen hinweg verbindet.

Mit dem Thema Bier als Kettfaden webt Rudiš mittels seiner Anekdoten einen dichten Teppich aus Literatur und Musik der sogenannten Hoch- wie auch der Popkultur, der wechselhaften Geschichte und persönlichen Begegnungen. Wie nah alles beieinander liegt, zeigt sich an jenem mehrfach geschichtsträchtigen Apriltag 1994, als der Autor sowohl seine erste Stange Bier in Zürich trank, zum ersten Mal das Zürcher Schauspielhaus besuchte und zum ersten Mal Dürrenmatts Besuch der alten Dame sah – um dann auf MTV vom Tod Kurt Cobains, des Helden seiner Generation, zu erfahren. Rudiš‘ kleine Kapitel, alle konsequent »Ein Bier in…« betitelt, lesen sich, als würde man mit ihm von Kneipe zu Kneipe ziehen, während er erzählt.

Wenn man nur eine Sache lernt, dann dass man stets die Augen offenhalten sollte, wenn man ein Bier trinken geht. Denn egal wo man ist, es könnte sein, dass Rudiš am Nachbartisch sitzt

Jaroslav Rudiš: Gebrauchsanweisung für Bier
Piper Verlag, München 2025, 256 S.
ISBN 978-3-492-27772-3