Was hat »Turnvater« Jahn mit der Herausbildung des tschechischen Nationalbewusstseins zu tun? Wer schrieb das erste Buch zum Thema Fußball mit literarischem Anspruch? Warum wurden um 1900 in der Habsburgermonarchie Streichhölzer verkauft, um angeblich den »Fortbestand« der eigenen – deutschen oder tschechischen – Nation zu sichern? Fragen, die im Folgenden beantwortet werden. Von Stefan Zwicker
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Eine Propogandapostkarte der tschechoslokawischen Sokol-Sportbewegung aus dem Jahr 1926 anlässlich des achten großen Turnfestes (sogenannte slety). ©Imago/Kharpine-Tapabor

Die im 18. Jahrhundert beim Haus Österreich verbliebenen historischen böhmischen Länder – Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien – sind geografisch, nicht aber von der Nationalitätenstruktur, weitgehend mit der heutigen Tschechischen Republik identisch. Es gab keine spezifisch deutschböhmische beziehungsweise »sudetendeutsche« (dieser Begriff kam erst im 20. Jahrhundert auf) oder tschechische, sondern eine gemeinsame Alltagskultur: Essen, Trinken, Musik, Religion und Betätigungen wie das Turnen waren weitgehend identisch. Man unterschied sich zwar in der Muttersprache, diese war auch bei Volkszählungen das entscheidende Kriterium zur Festlegung der Nationalität. In der Praxis musste das aber kein großes Problem darstellen, da Zweisprachigkeit weit verbreitet war. So waren Ehen über Nationalitätsgrenzen hinweg nicht selten.

Solchen entstammten unterschiedliche Persönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie der kommunistische Prager Schriftsteller Franz Carl Weiskopf oder der NS-Funktionär Konrad Henlein, ab 1933 erster Mann der Sudetendeutschen Partei und ab 1938 Gauleiter. Hatte im entsprechenden Diskurs zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch der Landespatriotismus dominiert, wurde danach die Identität als Tscheche oder Deutscher immer wichtiger. Es wurde manchmal das umgesetzt, was Eric Hobsbawm als »Erfindung von Traditionen« bezeichnete. So präsentierte der Bibliothekar Václav Hanka 1817 eine Fälschung als mittelalterliche »Königinhofer Handschrift«, um mit diesem angeblichen Denkmal tschechischer Literatur aktuelle Bestrebungen nach nationaler Emanzipation zu unterstützen.

Die Gesellschaft in den böhmischen Ländern entwickelte sich zunehmend zu einer von den nationalen Gegensätzen bestimmten »Konfliktgemeinschaft« (so beschrieben in einem Standardwerk des Historikers Jan Křen). Mancher, der aus einer deutschsprachigen Familie stammte, definierte sich nun als Tscheche, ob aus Enthusiasmus oder weil das Bekenntnis zur aufstrebenden tschechischen Gemeinschaft Vorteile verschiedener Art mit sich bringen konnte.

Es gab aber Fälle des umgekehrten Wegs, und manche Familien spalteten sich in einen deutschen und einen tschechischen »Zweig«. Die Parole Svůj k svému! (Jeder zu den Seinen!), die auch auf deutscher Seite ihre Äquivalente hatte, gewann mehr und mehr Einfluss. Namen sind übrigens auch in diesem Fall mehr als Schall und Rauch, denn zumindest Familiennamen sagten nichts zuverlässig darüber aus, zu welcher Gruppe man gehörte beziehungsweise sich zählte. Vornamen, die man auch leichter ändern konnte, schon eher.

Es gibt den Begriff der böhmischen Trias aus Tschechen, Deutschen und Juden, wobei die Letzteren als Muttersprache meist eine der beiden Landessprachen hatten, Jiddisch wurde kaum gesprochen. Die in ihrer Mehrheit deutschsprachigen Prager Juden waren in der Monarchie oft sehr deutschnational eingestellt. Es herrschte zunächst eine negative Wechselwirkung mit der tschechischen Nationalbewegung, die nicht selten ausgesprochen antisemitisch auftrat. Mehrfach kam es zu pogromartigen Ausschreitungen. Nach 1918 ent­wickelte sich bei der jüdischen Bevölkerung je-doch eine verstärkte Hinwendung zum neuen Staat und zur tschechischen Sprache. So publizierten die Zionisten häufig auf Tschechisch.

Der binären Definition des Nationalismus stand das sogenannte »schwebende Volkstum« gegenüber: Menschen, die sich nicht eindeutig einer Nationalität zugehörig fühlten. Ein Beispiel ist das Hultschiner Ländchen, ein Gebiet westlich von Ostrau/Ostrava, das bis 1920 zum Deutschen Reich gehörte und dann zur neuen Tschechoslowakei kam. Die Bewohner sprechen bis heute einen mährischen Dialekt, fühlten sich aber eher als Deutsche.

Der Sokol – das Rückgrat der tschechischen Nationalbewegung

Ein Schlüsselereignis der modernen tschechischen Nationalbewegung war die Gründung des Turnverbandes Sokol (»Falke«) 1862 in Prag. Die Gründer hatten beide ihre Nationalität gewechselt. Miroslav Tyrš, geboren als Friedrich Tirsch, und Jindřich (Heinrich) Fügner stammten beide aus deutschen Familien. Ihr Vorbild war die von Friedrich Ludwig Jahn konzipierte deutsche Turnbewegung. Der Historiker Frank Boldt formulierte pointiert, der national-tschechisch und panslawistisch eingestellte Sokol sei in mancher Hinsicht »nicht nur antideutsch, sondern auch allzu deutsch« gewesen.

Die Bedeutung des Sokol für die Entwicklung der tschechischen Gesellschaft ist nicht zu unterschätzen. Seit 1882 wurden alle sechs Jahre in Prag große Turnfeste (sogenannte slety –  »Zusammenflüge«) veranstaltet, die auch eine symbolische Inbesitznahme des öffentlichen Raums darstellten. In der Ersten Republik waren wichtige Ämter in Politik und Verwaltung nicht selten mit Funktionären des Sokol besetzt. Der slet im Sommer 1938, nur wenige Monate vor dem Münchner Abkommen, war eine beeindruckende Kundgebung für die bedrohte Republik. Während der bald folgenden deutschen Besatzung spielte der Sokol eine wichtige Rolle im Widerstand und viele seiner Mitglieder wurden ermordet. Im Sozialismus gleichgeschaltet (statt der slety fanden seit 1955 in fünfjährigem Turnus die Spartakiaden statt), erhielt der Verband nach 1990 seinen konfiszierten Besitz zurück und ist in der Gegenwart ein wichtiges Element des tschechischen Breitensports, wenn auch seine gesellschaftliche Bedeutung nicht mit der früheren vergleichbar ist.

Die Wiener Nationalitätenfrage

Ein Kennzeichen des Nationalitätenkonflikts war die auf beiden Seiten vorherrschende, nicht selten ins Paranoide umschlagende, Vorstellung, dass vom jeweiligen Gegenüber die »Germanisierung« oder »Tschechisierung« drohe, die bis zum »Volkstod«, also dem Verlust der kollektiven Identität, führen könne. Dem Kampf dagegen hatten sich jeweils Schulvereine verschrieben, die die Einrichtung von Schulen mit muttersprachlichem Unterricht auch unabhängig vom Staat sichern sollten. Spenden wurden eingeworben, auch wurden Gebrauchsgegenstände zu diesem Zweck verkauft – etwa Zündholzschachteln mit patriotischen Motiven.

Der Kampf um die »Seelen« war auch Thema in der Literatur, zum Beispiel in den Romanen des eingängig schreibenden Karl Hans Strobl. In einem seiner bekanntesten Bücher, Der Schipkapass (1908, Mittelteil einer »Studententrilogie«), Neuausgabe unter dem Titel Die Flamänder von Prag, ist der eigentliche Held nicht der verlotterte Prager Jura-Studiosus Hans, sondern die wackere Postbeamtin Helene, die ihn zurück auf den rechten Weg bringt. Sie hat sich zuvor den Forderungen ihres Vaters, der sich auf die Seite der Tschechen geschlagen hatte, es ihm nachzutun, verweigert, ebenso den Nachstellungen eines lüsternen tschechischen Künstlers.

Strobl lässt Helene die angeblich so verhängnisvollen Mischehen verdammen: »Wie oft kommen in unserem Land Mischehen vor. Zuerst sind die Aussichten ganz günstig. […] und erst nach längerer Zeit […] kommt der Gegensatz der Kulturen und Stämme zum Ausbruch. Der unauslöschliche Haß, der durch vielhundertjährige große und kleine Kämpfe geschürt worden ist, ist da und kommt wieder aus den Tiefen […]. Die beiden Völker, die so nahe aneinander wohnen, förmlich verfilzt und ineinander verkeilt, sind sich fremder als zwei Rassen von entgegengesetzten Punkten der Erde.«

Auffallend ist die biologistisch-rassistische, pseudo-naturwissenschaftliche Argumentation, warum die einander so nahen, aber dennoch oder gerade darum so fernen Völker nicht zusammenleben könnten. Ergänzt sei noch, dass Helene nicht einmal Kind einer wirklichen »Mischehe« ist, beide Eltern sind Deutsche. Aber ihr Vater sei »einer der Lauen gewesen«, ein Renegat aus Bequemlichkeit, der als Beamter in tschechisches Gebiet versetzt wurde und zum Tschechen mutierte, während die Mutter »aus einer streitbaren Familie an der Sprachgrenze« stammt. Strobl wurde seinerzeit viel gelesen und es mag heute überraschen, dass er auch etwa von Max Brod und Egon Erwin Kisch gelobt wurde. Thematisch verwandt mit den Studentenromanen Strobls war das Genre der Grenzlandromane, wie sie Hans Watzlik zahlreich schrieb, oder das 1887 erschienene Buch Der letzte Deutsche von Blatna von Fritz Mauthner 1887.

Wiener Tschechen und »Heimatverbliebene« nach 1945

Wien gehörte vor 1914 zu den größten Städten der Welt. Zu den Baustellen der boomenden Hauptstadt zogen mit ihren Familien als innerstaatliche Arbeitsmigranten zahlreiche Tschechen aus Böhmen und Mähren, die sogenannten Ziegelböhmen, die sich vielfach der Angst vor »Überfremdung« ausgesetzt sahen. Das äußerte sich auch darin, dass die Einrichtung tschechischer Schulen oft behindert wurde.

Die deutschnationalen Befürchtungen, dass »nachdem bereits Prag und Brünn für die deutsche Sache verloren seien, … jetzt Wien bedroht« sei, erfüllten sich aber nicht. Die Zuwanderer assimilierten sich größtenteils innerhalb einer Generation. Neben Politik und Kultur traten sie bzw. ihre Nachkommen auch im Sport hervor. Das legendäre »Wunderteam«, die österreichische Fußballnationalmannschaft vom Anfang der dreißiger Jahre, das zur Weltspitze gehörte, bestand zum großen Teil aus Wiener Tschechen der ersten Generation bzw. deren Söhnen.

Zu einer zwangsweisen Assimilation kam es nach 1945 bei den Deutschen, die in den böhmischen Ländern verbleiben durften oder mussten – Antifaschisten, in gemischten Ehen Lebende und bestimmte Fachkräfte. In der Zwischenkriegszeit hatten die Kommunisten eine besondere Position eingenommen: Als einzige Partei war die ihre dezidiert übernational orien­tiert und vertrat das Selbstbestimmungsrecht der Sudetendeutschen. 1945 änderte sich das radikal, die KPTsch gehörte zu denen, die besonders vehement die kollektive Vertreibung der Deutschen forderten (was aber auch Konsens quer durch die tschechischen Parteien war). Als sie an der Macht war, nahm sie eine gewisse Kurskorrektur vor. Der Parteichef und mittlerweile Staatspräsident Klement Gottwald postulierte, dass nicht »ein Deutscher wie der andere« sei. Zwar erhielten die Deutschen in den fünfziger Jahren die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft zurück, blieben aber in vieler Hinsicht benachteiligt (so hatten sie zum Beispiel keinen muttersprachlichen Unterricht), so dass die Zahl derer, die sich als Deutsche deklarierten, etwa bei Volkszählungen, kontinuierlich zurückging. Das setzte sich auch nach der rechtlichen Gleichstellung, die mit der Wende von 1989/90 einherging, fort.

 Stefan Zwicker

 

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