Über den Neuanfang der Donauschwaben in Brasilien
von Werner Harasym
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Brasilien steht 2014 als Gastgeber der Fußball-WM im Fokus der Weltöffentlichkeit. Deshalb rückte die Donauschwäbische Kulturstiftung bei ihrer Veranstaltung am 13. Februar 2014 im Münchner Haus des Deutschen Ostens die fünf Dörfer der donauschwäbischen Siedlung Entre Rios im südlichen Bundesstaat Paraná in den Mittelpunkt. Als Referent eignete sich Dennis Schmidt gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstens absolvierte der 20-Jährige im Frühjahr 2013 ein dreimonatiges Praktikum in Entre Rios. Zweitens ist Schmidt als Sohn zweier Spätaussiedler aus Rumänien selbst Donauschwabe. Drittens identifiziert er sich mit der Heimat seiner Eltern, was sich unter anderem in seiner Tätigkeit im Vorstand der Heimatortsgemeinschaft Glogowatz (Kreis Arad/Banat) ausdrückt. Und viertens beherrscht Schmidt die donauschwäbische Mundart, wendet sie in seinen Vorträgen als Überraschungsmoment an und wertet seine zweifellos eindrucksvollen rhetorischen Fähigkeiten dadurch noch zusätzlich auf. So wusste der Student einer Elite-Universität seine 40 Zuhörer, darunter mit Walter Tonta der Chefredakteur der Banater Post und mit Hermann Schuster der bayerische Landesvorsitzender der Landsmannschaft der Donauschwaben, mit vielen Anekdoten und tollen Lichtbildern zu begeistern.

Entre Rios – ein neuer Anfang in Brasilien

Nur im dritten Dorf gibt es zwei Kirchen: eine evangelische und eine katholische

lautete der Titel des Vortrags. Mit Unterstützung der Schweizer Europahilfe kamen nach dem Zweiten Weltkrieg rund 2.500 Donauschwaben – aus Slawonien, Syrmien, der Batschka und dem Banat – nach Brasilien, das sich von den Getreidebauern einen agrarpolitischen Aufschwung erhoffte. Und die brasilianische Regierung wurde von den Neuankömmlingen nicht enttäuscht, wenngleich die Kolonisten bei ihrer Ankunft erst einmal geschockt waren. Was sie sahen, war eine Graswüste. Im Banat verfügte man bis zu dreieinhalb Meter Tiefe über fruchtbare Erde, in Entre Rios sind es heute gerade mal fünf Zentimeter. Und die Frauen weigerten sich zwei Wochen lang beharrlich, sich in dieser Gegend anzusiedeln. Grund war die Frucht vor Krokodilen, die sie glaubten gesehen zu haben. Wie sich später herausstellte, handelte es sich allerdings um große Eidechsen.

Luftaufnahme der fünf Dörfer der donauschwäbischen Siedlung Entre Rios

Träger des Siedlungsprojektes war die Genossenschaft Agraria, die bereits am 5. Mai 1951 auf österreichischem Boden gegründet worden war. Die Agraria verfügt heute über 550 Mitglieder und 1.000 Angestellte. Sommerkulturen sind Mais und Soja, Winterkulturen Roggen, Weizen und Hafer. Gegenwärtig wird das größte Maislager der Welt gebaut, das 220.000 Tonnen Mais aufnehmen soll. Der Jahresbericht der Genossenschaft wird in drei Sprachen – Deutsch, Portugiesisch und Englisch – erstellt. 2013 wurde die Agraria als »produktivste Genossenschaft Brasiliens« ausgezeichnet. Der erste, der in Entre Rios davon informiert wurde, war Dennis Schmidt, der sichtlich überrascht von einem gut gekleideten Herrn freudig begrüßt und auf beide Backen geküsst wurde. Die anschließende freudige Botschaft verstand der Praktikant jedoch nicht – auf Grund seiner nur rudimentären Kenntnisse der portugiesischen Sprache. Kurz darauf erfuhr er, dass es sich bei dem gut gekleideten Herrn um den Landwirtschaftsminister Brasiliens handelte, der zur Gratulation für den ersten Platz angereist war.

Diese Kapelle zu Ehren der Toten liegt zwischen den fünf Dörfern. Jedes Jahr wird dorthin eine Wallfahrt durchgeführt.

Trotz der Modernität im Wirtschaftsleben halten die Donauschwaben ihre kulturellen Wurzeln weiterhin hoch. Trachtentänze – 25 originale Trachten wurden aus der alten Heimat mitgenommen – und der katholische Glaube spielen eine große Rolle im Alltagsleben. Jeden Donnerstag ist Tanztag, alle Generationen von der Kindergarten- bis zur Seniorengruppe beteiligen sich. In der Früh beginnen die Senioren. »Auf dem Weg dorthin singen sie immer ›Kehr ich einst zur Heimat wieder‹«, berichtet Schmidt, der nicht nur bei der Agraria, sondern auch für den deutschen Radiosender und im zur 60-Jahr-Feier errichteten Museum arbeitete. »Ohne den Ulmern zu nahe treten zu wollen, das schönste donauschwäbische Museum steht in Entre Rios«, erklärt der Referent, ehe er neben all den erfreulichen Dingen auch auf einen problematischen Aspekt verweist. So würde sich der für die fünf donauschwäbischen Dörfer zuständige katholische Pfarrer, der selbst ein Deutscher ist, weigern, die deutsche Sprache im Gottesdienst zu verwenden. Das ist vor allem für die älteren Menschen mit schwachen Portugiesisch-Kenntnissen sehr traurig.

Überhaupt befindet sich die deutsche Sprache auf dem Rückzug. Bis vor wenigen Jahren erfolgte der Unterricht an den Schulen in deutscher Sprache. Inzwischen wurde auf Portugiesisch umgestellt, Deutsch ist nur noch ein Pflichtfach. Dennoch: »Zwei Generationen mindestens«, so Schmidt, würden die Donauschwaben ihre deutsche Identität und Sprachkompetenz noch behaupten können.

Weitere Informationen zum Referenten und zu Entre Rios sind auf der Internetseite der Donauschwäbischen Kulturstiftung zu finden. Veröffentlichung dieses Gastbeitrags mit freundlicher Genehmigung durch den Autor und die Donauschwäbische Kulturstiftung.