Laudatio von Johann Hinrich Claussen für den Schriftsteller Cord Aschenbrenner und dessen Buch <i>Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht. Eine Familiengeschichte</i> aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2016
Laudatio von Johann Hinrich Claussen
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Laudatio heißt Lobrede. Einer tritt nach vorn und lobt einen anderen. Er tritt vor und stellt einen anderen vor sich, und zwar am besten so, dass er selbst zu hören, aber nicht zu sehen ist. Der Lobende soll im Lob des Gelobten auf- und untergehen. So sollte es sein: Die zu lobende Person und das zu lobende Werk stehen allein im Licht. Was aber ist, wenn der Lobende sich als Teil dessen versteht, was gelobt wird? Wenn er ein irgendwie Mitgemeinter und Betroffener ist, der in seiner Lobrede gar nicht von sich absehen kann? Dann wird eine Laudatio – ansonsten eigentlich die erfreulichste aller rhetorischen Übungen – zu einer heiklen, vielleicht auch peinlichen Angelegenheit.

Von mir zu loben ist heute Abend Cord Aschenbrenner für sein Buch über das evangelische Pfarrhaus. Nun bin ich bis vor kurzem selbst Bewohner einer solchen Sonderimmobilie gewesen. Zwei Mal war ich über längere Zeiträume hinweg ein Pfarrhausmann mit Pfarrhausfamilie – und erhole mich als inzwischen ganz profaner Etagenwohnungsbewohner gerade davon. Ich vermisse das unverschämt große Raumprogramm, das ein Pfarrhaus seit jeher zu bieten hat, den herrlichen Garten mitten in der Innenstadt, aber ich vermisse nicht die vier Grundeigenschaften eines jeden Pfarrhauses: kalt, dunkel, zugig und feucht zu sein. Ich genieße – ich gebe es zu – das Wohlleben in einer normalen, bürgerlichen Behausung, in der es nicht in jedem Zimmer Schimmel gibt. Macht mich das nun zu einem schlechten Pastor?

Das verbindet sich mit vielen Fragen, die die Lektüre von Cord Aschenbrenners Buch in mir ausgelöst haben. War das überhaupt ein Pfarrhaus im Vollsinne, das ich als Pastor mit meiner Familie bewohnt habe? Die Ehefrau katholisch und keine Zwangs-»Gehülfin«, das Wohnzimmer kein Gemeindesaal, sondern Privatbereich wie der Rest des Hauses, natürlich sonntags abends zur »Tatort«-Zeit regelmäßig Obdachlose an der Tür, aber das war es schon, sonst privates Wohnen, die Kinder gut geschützt vor den Blicken und Urteilen der Gemeinde. War das also ein Pfarrhaus oder nur eine Dienstwohnung? Und was war sein kultureller Wert?

Vergangene Woche las ich einen Nachruf auf einen verstorbenen Journalisten, der ein Pfarrhauskind gewesen war, der so begann:

»Die katholische Kirche hat der evangelischen Kirche die Macht voraus, die Pracht und die Herrlichkeit. Aber eines fehlt den Katholiken komplett: die Kraft, die im evangelischen Pfarrhaus steckt. Das Pfarrhaus, die Familie dort, war und ist ein seelisch-geistiger Mittelpunkt der deutschen Kulturgeschichte. Die Liste der berühmten Deutschen, die aus evangelischen Pfarrhäusern stammen, ist lang: Gryphius, Lessing, Lichtenberg, Jean Paul, Schinkel, Schliemann, Benn, Hesse, Schleiermacher. Selbst Nietzsche hat im Christentum des evangelischen Pfarrhauses ›das beste Stück idealen Lebens‹ sehen wollen.«

Haben unsere Kinder davon etwas erfahren? Werden sie einmal diese Liste fortsetzen – und wäre ihnen das zu wünschen? Oder ist die Art, wie wir im Pfarrhaus gelebt haben, davon nicht schon viel zu weit entfernt – und wäre das schade oder gut? Lauter Fragen eines Cord Aschenbrenners Pfarrhausgeschichte lesenden Pastors.

Cord Aschenbrenner: <i>Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte</i><small>Foto: © Viola Engel</small>

Das schon ist eine der Qualitäten des zu lobenden Autors und seines Buches, dass er solche und viele andere Fragen auslöst. Die zweite große Qualität ist die Frische und Eigenständigkeit, mit der er einen fast komplett ausgeforschten Gegenstand untersucht, eine fast auserzählte Geschichte neu erzählt. Eigentlich hätte es noch ein Buch zur Geschichte des evangelischen Pfarrhauses nicht unbedingt gebraucht, dachte ich zunächst, als ich das Buch das erste Mal in die Hand nahm. Die Literatur dazu ist reich, vielfältig und inzwischen unübersehbar: wissenschaftliche Monographien, theologische, soziologische, kulturhistorische Sammelbände. Es gibt Novellen und Romane – sogar heute noch: Ich empfehle Ihnen sehr den gerade auf Deutsch erschienenen Roman Gilead von Marilynne Robinson. Große Ausstellungen wurden diesem Thema gewidmet, Bilder über dieses Sujet gemalt, Filme gedreht – der großartigste und zugleich schrecklichste von ihnen ist natürlich Das weiße Band von Michael Haneke. Aber spiegeln sie ein stimmiges Bild des wirklichen Lebens in diesem besonderen Haus wider?

Die Erfindung des Pfarrhauses war der große Beitrag des Protestantismus zur Bau- und Sozialgeschichte des Christentums. Es prägte Jahrhunderte und wird mit erheblichen Anstrengungen am Leben erhalten. Aber es war und bleibt eine prekäre Institution. Zugleich stellt sich die Frage, ob sie noch eine Zukunft hat. Vielleicht fasziniert sie deshalb bis heute. An dieses Interesse schließt der Journalist Cord Aschenbrenner an und wählt doch einen anderen, einen eigenen Zugang. Er entfaltet keinen breiten kulturgeschichtlichen Bilderbogen, sondern erzählt die exemplarische Geschichte einer einzigen Pfarrhaus-Familie. Darin ist sein Blick enger, aber auch tiefenschärfer. So lebt sein Buch aus einer klaren und sehr guten Grundentscheidung.

In einer bis heute ununterbrochenen Folge von neun Generationen stellt die Familie Hoerschelmann Pastoren. Ihre erstaunliche Geschichte beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts, als die eigentliche Hoch-Zeit des Pfarrhauses einsetzt und aus den geistlichen Landwirten des 16. und 17. Jahrhunderts pastorale Bildungsbürger wurden. Ein erster Hoerschelmann zieht ins Baltikum und begründet dort eine Pastoren-Dynastie, die viele typische Züge aufweist. Jede dieser Generationen bewohnt »ein Haus, das eher groß ist als klein und jedem offen steht«, und diese festen Elemente besitzt: »eine große Kinderschar, einen üppigen Pfarrgarten, Hausmusik, Bücher, Tischgebet und Tischgespräch, eine resolute Pfarrfrau und einen selbstgewissen Pfarrherrn mit einer anspruchsvollen Nebenbeschäftigung«. Man muss mit kärglichen Mitteln auskommen und zugleich höchsten Ansprüchen genügen. Das Haus bietet allen Hilfe, Gespräche, Gastfreundschaft. Eine Privatsphäre ist nicht gegeben. Darin verweigert sich das Pfarrhaus dem modern-bürgerlichen Modell einer Trennung von Beruf und Familie, Amt und Person. Es ist nicht der intime Rückzugsort von den Kämpfen des Lebens, sondern immer noch in eins Wohnort und Arbeitsplatz – nicht nur für den Pastor, sondern auch für seine Frau und seine Kinder. Um mit Max Weber zu sprechen: Wohnen als Beruf. Als Arbeitsplatz ist das Pfarrhaus auch eine Kultureinrichtung. Hier geht es gebildeter, literarischer und musischer zu als in manch anderen Häusern – aber auch asketischer, wie man an der notorisch stillosen Möblierung oder der unmodischen Kleidung der Bewohner sehen kann. Frömmer geht es ebenfalls zu, doch das Theologische wird diskret gelebt, findet seinen Ausdruck nicht in direkter Belehrung, sondern in einer Atmosphäre schlichten Gottvertrauens: mehr Paul Gerhardt als Martin Luther.

All dies war vielen Pfarrhäusern gemein. Besonders aber muss in der Familie Hoerschelmann der Sinn für »Heiterkeit und Güte« gewesen sein. Man war natürlich sittenstreng und kirchentreu, aber nicht hart, sondern milde. Auch untereinander: Es gab Rationalisten und Pietisten, liberale und konservative Theologen in dieser Familie, aber sie ließen einander gelten. Wichtiger als der Kampf um die Wahrheit war das Anliegen, ein einfaches und gutes Leben zu führen, dem Auftrag gerecht zu werden und der Gemeinde zu dienen. Vielleicht überstand diese Familie die politischen Verhetzungen und Verirrungen der deutschen Protestanten im 20. Jahrhundert darum allem Anschein nach besser als andere.

Cord Aschenbrenner hat ein kluges, feines, ausgewogenes Buch geschrieben, kulturgeschichtlich gebildet und menschlich interessiert. Ohne die dunklen Seiten zu verschweigen, zeigt er, was das evangelische Pfarrhaus eben auch sein konnte: eine »Insel christlicher Humanität«. Mit seiner Aufmerksamkeit für das alltägliche Leben und seinem Sinn für historische Fairness zeichnet er ein Bild vom evangelischen Pfarrhaus, das auch sein Recht hat und nicht übersehen werden sollte. Deshalb habe ich als Pfarrhausbewohner dieses Buch so gern gelesen.

Eine weitere Qualität, zu der ich selbst als Unkundiger weniger beizusteuern weiß, wegen derer dieses Buch aber heute Abend natürlich nicht zuletzt ausgezeichnet wird, besteht darin, dass es eine inzwischen bei vielen vergessene deutsche Kulturlandschaft in Erinnerung ruft: das Baltikum. Auch dies war eine kluge Grundentscheidung von Cord Aschenbrenner, nicht die Geschichte einer Pfarrhausfamilie in Wittenberg, Hamburg oder Tübingen, sondern in Estland zu erzählen. Dadurch ist der Fokus klarer, die Geschichte präziser und zugleich eine produktive, interkulturelle Irritation gesetzt: das Ureigene gab es auch an einem Ort, der vielen heute als ferne Fremde erscheint, vielleicht sogar reiner und schöner als zu Hause. So aber lenkt die Erinnerung an ein doppelt Verlorenes – das deutsche Baltikum und das evangelische Pfarrhaus klassischer Prägung – wie von selbst, aber ganz unforciert den Blick zur Gegenwart und in die Zukunft: Welche Verbindungen haben wir Deutsche zum östlichen Europa, wie prägt uns dies heute noch und wie können wir die Geschichte einer wechselseitigen Befruchtung des westlichen, des mittleren und des östlichen Kultur-Europas selbst befördern? Weil Cord Aschenbrenner auch diese Fragen anstößt, erhält er heute den Georg Dehio-Ehrenpreis.