»Alle echten Wiener sind aus Brünn!« (Leo Slezak)
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Nikolsburg/Mikulov in Südmähren. © @CzechTourism, Foto: Ladislav Renner

Ein Grenzland ohne natürliche Grenzen 1

Der Name der historischen Region ist im Tschechischen mit dem ihres Hauptflusses March/Morava identisch. Mähren stellt eine Durchzugslandschaft von Böhmen und über die polnische Tiefebene vom Ostseeraum ins Donaugebiet dar. Sowohl im Westen und Norden als auch im Osten grenzt es an Randgebirge. Es hat Anteil an den Sudeten im Nordwesten und den Karpaten im Osten, zwischen denen sich die sogenannte Mährische Pforte erstreckt, und schließt an die Böhmisch-Mährische Höhe mit dem Iglauer Bergland sowie an die Beskiden an. Neben der Mittelgebirgs- und Hügellandschaft sind das Marchfeld und die südlich gelegene fruchtbare Ebene Hanna/Haná um Olmütz/Olomouc charakteristisch.

Vom Großmährischen Reich zum Mährischen Ausgleich

Nach keltischen und germanischen Stämmen besiedelten ab dem 5. Jahrhundert Slawen das Gebiet des späteren Mähren. Sie wurden im 7. Jahrhundert durch den aus dem Frankenreich stammenden Kaufmann Samo von der Herrschaft der Awarer befreit, gerieten aber wieder unter deren Einfluss, den erst Karl der Große beendete. 833 gewann Fürst Mojmir Gebiete der heutigen Slowakei und Teile des nördlichen Ungarn hinzu und begründete das Großmährische Reich. Von diesem aus begannen die aus Thessaloniki stammenden Geistlichen Konstantin und Method ihre christliche Mission der Slawen, für deren Sprache sie eine Schrift entwickelten. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts wurde das bis dahin auf seine Kernregion zwischen Marchfeld und Mährischer Pforte geschrumpfte Reich von ungarischer Seite zerschlagen. 955 vertrieb der Přemyslidenherzog Boleslav die Magyaren und vereinte das Land mit Böhmen. Im Laufe des 13. Jahrhunderts warb König Přemysl Ottokar II. deutsche Bergleute und Bauern für den Ausbau und die Bewirtschaftung des Landes an. Städte wie der Bergbauort Iglau/Jihlava wurden teilweise nach deutschem Recht aus bestehenden Siedlungen gegründet.

Der zwischen 1469 und 1490 das Land beherrschende ungarische König Matthias Corvinus überließ den Ständen die Landesverwaltung. Der starke Adel ermöglichte ein friedliches Nebeneinander verschiedener Konfessionen, was durch den Sieg der Habsburger 1620 in der Schlacht am Weißen Berg nicht so abrupt wie in Böhmen beendet wurde. Das Deutsche wurde als Amtssprache gleichberechtigt neben das Tschechische gestellt und breitete sich zunehmend auf dessen Kosten aus. Eine Beruhigung des sich verschärfenden Sprachenkonflikts erreichte man 1905 im sogenannten »Mährischen Ausgleich«, der die Interessen beider Gruppen berücksichtigte. Grundsätzlich herrschte in Mähren ein stärkeres sprachunabhängiges Regionalbewusstsein als in Böhmen.

Mährisches Manchester und zweitausend Jahre Weinanbau

Die nach Mähren eingewanderten Deutschen führten neue Techniken der Silbergewinnung ein, was den Aufstieg der Bergbaustadt Iglau begründete. Brünn/Brno wurde im 19. Jahrhundert als Textil- und Maschinenbauzentrum das »mährische Manchester« genannt. Zlín avancierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch das Wirken von Tomáš Baťa zur weltberühmten »Schuhstadt«. Auch landwirtschaftlich wurde Mähren als Bier- und Zuckerproduzent bedeutend. Vor allem aber war und ist es bekannt für seinen Weinanbau rund um Nikolsburg/Mikulov, wo er wohl auf Beziehungen zum Römischen Reich zu Beginn unserer Zeitrechnung zurückgeht.

Die Kraft der kulturellen Vielfalt

Die Vielseitigkeit Mährens zeigt sich schon darin, dass es mehrere historische Hauptstädte wie Brünn und die Bischofsstadt Olmütz hatte. Sie spiegelt sich ebenfalls in deutschen, slowakischen, kroatischen und rumänischen Sprachinseln. Auch verschiedene Konfessionen und Religionen fanden hier immer wieder eine Heimat: die im übrigen Europa gnadenlos verfolgten Täufer, die Böhmischen Brüder bis zur Flucht ihres letzten Bischofs Johann Amos Comenius oder Angehörige des Judentums, das mehrere bedeutende mährische Zentren hatte – neben Nikolsburg und Iglau etwa Trebitsch/Třebíč, dessen jüdisches Viertel in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Zu diesem gehören weitere mährische Sehenswürdigkeiten wie die Renaissancestadt Teltsch/Telč oder die Kulturlandschaft von Eisgrub-Feldsberg/Lednice-Valtice. Zahlreiche Persönlichkeiten wurden in Mähren geboren, so die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, der Vater der Genetik Gregor Mendel oder der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud.

Deutsch in Mähren

Der Prozentsatz der deutschen Bevölkerung lag in Mähren stets niedriger als in Böhmen, 1900 betrug er rund 28 Prozent im Vergleich zu 37. Es gab mehrere deutsche Sprachinseln, etwa in und um Iglau, die größte war der im Westen gelegene Schönhengstgau/Hřebečsko. Brünn und Olmütz wandelten sich durch die Industrialisierung und Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik von überwiegend deutschsprachigen in tschechisch dominierte Städte. Nach der Zwangsaussiedlung, zu deren opferreichsten Verbrechen der sogenannte Brünner Todesmarsch gehörte, verblieben nur wenige Deutsche in der Region. Ab Ende der 1960er Jahre war es ihnen möglich, sich zu organisieren und ein sichtbareres kulturelles Leben zu pflegen. In Brünn gedenkt man seit 2006 jährlich mit einem »Marsch der Versöhnung« des Todesmarschs. Eine Arbeitsstelle am Lehrstuhl für Germanistik an der Universität Olmütz widmet sich der Geschichte der deutschmährischen Literatur.

Unser Tipp

In ihrem nach zehn Jahren 2019 endlich auf Deutsch erschienenen Buch Gerta. Das deutsche Mädchen erzählt Kateřina Tučková in unmittelbar berührender Weise vom Schicksal einer Brünnerin, die den Todesmarsch überlebt, in ihre Heimatstadt zurückkehrt und danach als Deutsche diskriminiert wird. Das auf Berichten von Zeitzeuginnen und historischen Arbeiten beruhende Buch vermittelt nicht nur die Geschichte des von den Nationalsozialisten errichteten Protektorats Böhmen und Mähren und der Vertreibung, sondern auch die der deutschen Verbliebenen von der Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert.

Literatur

Bahlcke, Joachim/Eberhard, Winfried/Polívka, Miloslav (Hrgg.): Böhmen und Mähren. Handbuch der historischen Stätten. Stuttgart 1998

Beyerl, Beppo/Kohlwein, Thomas (Hgg.): Europa erlesen – Brünn/Brno. Klagenfurt/Celovec 2019

D’Elvert, Christian: Zur Geschichte des Bergbaues und Hüttenwesens in Mähren und Österreichisch-Schlesien. Brünn 1866

Motyčka, Lukáš: Anthologie der deutschmährischen Literatur. Olomouc 2014

Motyčka, Lukáš/Opletalová, Veronika: Literární procházky německou Olomoucí/Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz. Olomouc 2012

Müller, Dora: Drehscheibe Brünn. Přestupní stanice Brno. Deutsche und österreichische Emigranten 1933 – 1939. Němečtí a rakouští emigranti. Brno 1997

Prinz, Friedrich: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Böhmen und Mähren. Berlin 1993

Rogasch, Wilfried: Schlösser & Gärten in Böhmen und Mähren. Potsdam 2014

Rokyta, Hugo: Die Böhmischen Länder: Mähren. Handbuch der Denkmäler und Gedenkstätten europäischer Kulturbeziehungen in den Böhmischen Ländern. Prag 1997

Rothmeier, Christa (Hg.): Europa erlesen – Mähren. Klagenfurt/Celovec 1997

1 Schacherl, Lillian: Mähren. Land der friedlichen Widersprüche. Prestel-Verlag: München 1968
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Schenk, Hans: Die böhmischen Länder. Historische Landeskunde. Deutsche Geschichte im Osten. Bielefeld 1993

Vybíral, Jindřich: Junge Meister. Architekten aus der Schule Otto Wagners in Mähren und Schlesien. Wien, Köln, Weimar 2007

Links

www.antikomplex.cz
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www.collegiumbohemicum.cz
deutsch | čeština

www.dtpa.de – Deutsch-tschechische Presseagentur
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www.landesversammlung.cz – Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik
deutsch | čeština

www.landesecho.cz – Zeitschrift der Deutschen in der Tschechischen Republik
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www.brnotrails.cz – Streifzüge durch die Geschichte Brünns
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https://oe1.orf.at/programm/20230325/713082/Eine-Stadt-in-Sandwich-Lage-Brno-Bruenn – Städteporträt Brünn im Österreichischen Rundfunk
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www.mzm.cz – Mährisches Landesmuseum, Brünn
deutsch | čeština | english

www.ome-lexikon.uni-oldenburg.de/orte/bruenn-brno – Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa
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www.ome-lexikon.uni-oldenburg.de/orte/olmuetzolomouc – Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa
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www.stifterverein.de – Adalbert Stifter Verein
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https://trebic.vzs.cz – Literarische Landkarte der deutschmährischen Autoren
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