Zum ersten Mal erfasste das Erdölfieber Galizien bereits in den 1850er Jahren, als bei Krossen, 150 Kilometer südöstlich von Krakau/Kraków, das weltweit erste Ölbergwerk errichtet wurde. Zum zweiten Mal geschah dies vier Jahrzehnte später, nach der Entdeckung großer Ölvorkommen in den noch weiter östlich gelegenen Gebieten um Drohobytsch. In der Blütezeit vor dem Ersten Weltkrieg gab es dort über 4 000 Förderanlagen und die Fördermengen in der gesamten Region beliefen sich auf über zwei Millionen Tonnen jährlich. Diese Zahlen machten das österreichische Kronland Galizien zum drittgrößten Erdölproduzenten der Welt nach den USA und Russland.
In den Tälern des Karpatenvorlandes wusste man seit Jahrhunderten von dem Schatz knapp unter der Erdoberfläche. In mehreren Gegenden sammelte sich diese übel riechende, klebrige Substanz in Gräben und Vertiefungen auf den Feldern. Bauern nutzten sie als Schmiermittel für Pferdewagen oder Wellräder, und Quacksalber empfahlen sie als universelles Heilmittel – bis der Apotheker Ignacy Łukasiewicz im Jahr 1853 eine neue Anwendung dafür fand. Mit der Markteinführung der von ihm entwickelten Petroleumlampe stieg die Nachfrage nach Öl so rasant, dass die seichten Sickergruben im Raum Gorlice in Mittelgalizien den Marktbedarf schnell nicht mehr decken konnten. Łukasiewicz, der nicht nur Pharmazeut, sondern auch ein tüchtiger Geschäftsmann war, erkannte die Chance, die sich in der neuen Situation bot, und eröffnete 1854 in Bóbrka bei Krossen zusammen mit zwei Gesellschaftern das erste Erdölbergwerk der Welt. Die erwarteten hohen Gewinne lockten weitere Unternehmer, so dass sich Galizien innerhalb kurzer Zeit zu einer Art Pennsylvania Europas entwickelte, wenn auch in kleinerer Dimension.
Barbara Olejarz, die Direktorin des in Bóbrka ansässigen und nach Łukasiewicz benannten Museums, beschreibt ihn: »Er war ein Kind seiner Epoche, des Positivismus. Er handelte, ohne viel zu reden, und leistete dabei Basisarbeit im wahrsten Sinne des Wortes.« Für Besucher aus den USA, Norwegen und den arabischen Staaten gilt das Museum als eine Art Mekka, als der Ort, an dem die moderne Ölförderung begann. Olejarz sagt: »Bewusst verfolgte er das damals noch nicht definierte Prinzip der sozialen Verantwortung von Unternehmen. In seinen Bergwerken gab es beispielsweise Knappschafts- und Unterstützungskassen.«
Als Symbole des galizischen Ölbooms gingen jedoch am Ende weder Gorlice noch Krossen in die Geschichte ein, sondern die viel reicheren Lagerstätten in der Nähe der südwestlich von Lemberg/Lwiw gelegenen Orte Drohobytsch und Boryslau/Boryslaw. Dort wurden 1896 – nach drei Jahre dauernden Probebohrungen – die Bemühungen der von zwei Kanadiern gegründeten »Galizischen Karpathen-Petroleum-AG« endlich von Erfolg gekrönt. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts schossen auf den sanften Hügeln zwischen der im Mittelalter gegründeten Stadt Drohobytsch und der Noch-nicht-Stadt Boryslau Ölfördertürme buchstäblich wie Pilze aus dem Boden.
Bald prägten die typischen kegelförmigen Holzkonstruktionen die Landschaft in der gesamten Gegend. Als in Galizien der industrielle Abbau des Erdöls begann, prophezeite Łukasiewicz, dass diese Flüssigkeit dem Landstrich und seinen Einwohnern Wohlstand und Glück bringen würde. Er hatte nur teilweise recht. In dieser Hinsicht gab es große Unterschiede zwischen dem westgalizischen Ölgebiet um Krossen und dem ostgalizischen um Boryslau.
Im ersten Fall wirkte sich der Erfolg der Unternehmer positiv auf die Lebensqualität der Beschäftigten und ihrer Familien aus. »Die Menschen im Raum Krossen haben eindeutig profitiert. Aus Reiseberichten und Unterlagen österreichischer Beamter wissen wir, dass Bóbrka und die Umgebung einen viel besseren Eindruck machten als der Rest Westgaliziens – von Ostgalizien ganz zu schweigen. Bei uns brachte die Ölindustrie auch den einfachen Menschen Wohlstand«, betont die Direktorin des polnischen Museums. In Ostgalizien dagegen herrschte wilder Kapitalismus: Nur wenige wurden reich, für den Großteil der Bevölkerung brachte das Öl keine spürbare Verbesserung ihrer materiellen Lage. Die Löhne waren niedrig, die Arbeitsbedingungen mehr als schlecht und die Umweltverschmutzung immens. Der zeitgenössische Schriftsteller und Publizist Józef Rogosz nannte das Erdölgebiet »Galizische Hölle«.
Vor allem in der frühen Phase verlief die Entwicklung sehr chaotisch. Viele Ölfelder waren klein und nicht ergiebig genug. Zwar sah man in dieser Gegend manchen Aufstieg vom sprichwörtlichen Schuhputzer zum Millionär – doch war die Gefahr des Bankrotts viel realistischer als die Chance auf schwindelerregende Gewinne. Von dem Boom profitierten zweifelsohne einige galizische Städte, die wegen des raschen Bevölkerungsanstiegs um neue Schuleinrichtungen und öffentliche Gebäude reicher wurden. Auch entstanden mancherorts neue Straßen- und Eisenbahnverbindungen, doch hielten sich die Investitionen von k. k. Behörden trotz Hochkonjunktur in Grenzen.
Ein Kuriosum für sich, eine Art europäische Merkwürdigkeit, war der Mittelpunkt des neuen Ölgebiets – Boryslau. Kein Dorf mehr, aber noch keine Stadt (die sollte es erst 1933 offiziell werden). Ein armer Ort, in dem plötzlich unglaubliche Reichtümer entstanden. Józef Rogosz fasste seinen Besuch dort mit folgenden Worten zusammen: »Wenn man auf einem Hügel steht, der sich mitten in Boryslau befindet […], hat man den Eindruck, dass man ein riesiges Lager zu Füßen hat, in dem statt Leinenzelte Holzzelte aufgestellt sind. Die scharfen, mit Brettern gedeckten Dächer liegen so dicht beieinander, dass, wenn man an irgendeiner Stelle ein brennendes Streichholz hineinwerfen würde, der größte Teil von Boryslau in Flammen aufgehen würde.« Kein Wunder, dass sich die Neureichen von diesem nicht gerade ästhetisch wirkenden und von unangenehmem Geruch durchdrungenen Ort, dessen Markenzeichen außer den Bohrtürmen im Matsch versinkende Straßen waren, möglichst fernhielten. Ihr Geld verdienten sie zwar in Boryslau, ihre Villen bauten sie aber in Wien, Lemberg oder, wenn die Mittel etwas knapper waren, in dem nur zehn Kilometer entfernten, aber gefühlt zumindest teilweise in einer anderen Wirklichkeit befindlichen und eleganten Drohobytsch.
Die Erfolgsgeschichte des Gebiets Drohobytsch-Boryslau ging relativ schnell zu Ende. Schon vor dem Ersten Weltkrieg, also knapp zwanzig Jahre nach der Inbetriebnahme der ersten modernen Förderanlagen, zeichneten sich die Symptome einer Krise ab. Im Rekordjahr 1909 freute man sich noch über die Fördermenge von über zwei Millionen Tonnen schwarzen Goldes. Noch pries man sich dessen, dass in Boryslau mehr Champagnerflaschen verkauft wurden als in Wien. Angesichts der Erschließung ganz neuer Ölgebiete sank die Bedeutung Galiziens für die europäische Wirtschaft aber kontinuierlich.
Große Verluste erlitt die Infrastruktur während des Ersten Weltkrieges. Im Herbst 1914 besetzte die russländische Armee die östliche Hälfte Galiziens. Bei ihrem Rückzug nach der Schlacht bei Gorlice im Mai 1915, aus der die österreichisch-ungarischen und die deutschen Verbände als Sieger hervorgingen, zerstörten die Russen den Großteil der Fördertürme. Als die Kanonen 1918 verstummten und die Doppelmonarchie zerfiel, erschütterten zunächst der polnisch-ukrainische Konflikt um Ostgalizien und danach der polnisch-sowjetische Krieg die Region. Nachdem Galizien und somit auch die Gegend um Drohobytsch 1920 nach fast 150 Jahren erneut Teil des polnischen Staates geworden war, mussten die Anlagen wieder aufgebaut werden.
In der kurzen Periode der Zweiten Polnischen Republik, der der deutsch-sowjetische Angriff im September 1939 ein Ende setzte, blieb das Erdölgebiet um Drohobytsch und Boryslau eine wichtige Industrieregion, allerdings in erster Linie von nationaler Bedeutung. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die sich langsam erschöpfenden Ölfelder von den Sowjets und den Deutschen abgebaut, doch war ihre Relevanz für beide Staaten eher niedrig. Auch nach dem Anschluss Ostgaliziens an die Sowjetunion, der 1945 kraft der Beschlüsse der Siegermächte erfolgte, setzte man den Abbau des Erdöls mit unterschiedlicher Intensität fort, wobei die Produktionsmengen wegen der immer schlechteren Zugänglichkeit der Förderstätten nach und nach sanken.
Heute liegen beide Gebiete in einer Art Dornröschenschlaf. Und doch wird in ganz kleinen Mengen weiterhin Öl gefördert. Das älteste Erdölbergwerk der Welt im polnischen Bóbrka, das gleichzeitig auch das erwähnte Museum beherbergt, ist immer noch aktiv. Und in Boryslau sind zwar die Fördertürme verschwunden, aber mechanische Tiefpumpen fördern immer noch Erdöl aus dem Boden. Zukünftig erwägt man die Aufnahme von Probebohrungen 3 000 Meter unter der Erdoberfläche. Vielleicht steht der Region also ihr nächstes Erdölfieber noch bevor.