Einst war Sankt Joachimsthal/Jáchymov ein Sehnsuchtsort für Glückssucher, mit Silberminen, die unerschöpflichen Reichtum versprachen. Der Joachimsthaler Silbertaler wurde über den deutschen Taler sogar der Namensgeber für den amerikanischen Dollar. Heute scheint der Ort ein wenig in der Geschichte steckengeblieben zu sein scheint. Von Renate Zöller
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Der Weg vom Norden nach Sankt Joachimsthal ist pittoresk: Er führt durch eine grüne, raue Gebirgsnatur, rechts und links dichter Wald, der sich immer wieder lichtet, saftige Wiesen und plätschernde Bäche werden sichtbar. Ein Wanderparadies. Für Frachtwagen allerdings weniger erfreulich. Die Straße windet sich durch das Gebirge und führt schließlich kilometerlang steil bergab in engen Serpentinen, bei denen die Fahrzeuge nur darauf zu warten scheinen, ausbrechen zu können. Tatsächlich gibt es noch kurz vor dem Ortseingang einen seitlichen Notweg bergauf, auf dem man ausrollen könnte, sollte das Gefährt zu viel Schwung aufnehmen. Schwer vorstellbar, dass hier einmal eines der größten Wirtschaftszentren der böhmischen Länder gewesen sein soll. Die Transportwege müssen beschwerlich gewesen sein.

Dann kommt rechts unten der Förderturm der Grube Einigkeit (Důl Svornost) ins Blickfeld und die Kirche St. Joachim und St. Anna. Zwei scharfe Kurven später beginnen die ersten Häuser, die schmale Straße öffnet sich zu einem scheinbar endlos langen, stark abschüssigen »Platz der Republik«. Gleich zu Beginn auf der rechten Seite liegt hinter der Tourismusinformation das frisch renovierte Städtische Museum – und da kommt auch schon Jan Nedvěd mit seinem Hund herausgetreten, zur Begrüßung wedelt Isidor freudig mit dem Schwanz. Nedvěd ist Historiker und Numismatiker am Museum in der nahe gelegenen Bezirkshauptstadt Karlsbad/Karlovy Vary, zu dem auch die ehemalige Münzprägestätte in Joachimsthal gehört, in der sich heute das Stadtmuseum befindet.

»Ja, tatsächlich war Joachimsthal vor allem am Anfang des 16. Jahrhunderts völlig unzugänglich«, sagt Nedvěd. »Hier herrschte totale Wildnis.« Ein kleines Dorf, das es wohl einmal an dieser Stelle gegeben hatte, sei längst ausgestorben gewesen, erzählt er. Zu hart war das Leben hier oben im Erzgebirge, zu schlecht waren die Verkehrswege und es fehlte an Nahrungsquellen. Das aber änderte sich schlagartig mit dem ersten Silberfund im Nachbarort Schlackenwerth/Ostrov nad Ohří. Ein regelrechter Silberrausch brach aus, ein »Großes Berggeschrey«, das die Kunde von neuen Funden in Windeseile in die Welt trug und die Glücksuchenden im Jahr 1516 auch hierher trieb.

»Und sie fanden tatsächlich Silber, sogar jede Menge Silber!«, sagt Nedvěd schwärmerisch. »Es lag ganz nah unter der Erdoberfläche, man konnte es einfach zwischen den Baumwurzeln ausgraben.« Überall aus den deutschen Landen reisten Bergleute an, bauten sich im Tal improvisierte Hütten und begannen die Silberadern abzubauen, erst an der Oberfläche, später in Schächten, die bis zu 150 Meter in den Boden reichten.

KK 1439 8 13 RZ Joachimsthal Joachimsthal 1200x900Sankt Joachimsthal. © Ladislav_Zemanek / AdobeStockDie Besitzrechte für die ganze Region lagen bei Stefan Schlick, oder Štěpán Šlik, wie die Tschechen ihn nennen. Nedvěds Urteil über Schlick und seine Familie aus Eger/Cheb ist eindeutig: »Das waren windige Aufsteiger, heute würde man sie wohl als eine Art Mafiosi bezeichnen!« Ursprünglich waren die Schlicks eine Tuchmacher-Familie, aber im 15. Jahrhundert gelang es Kaspar Schlick, eine Adelige zu heiraten, und bei der Gelegenheit ließ er dann Dokumente anfertigen, die beweisen sollten, dass sein Vater aus fränkischem und seine Mutter aus italienischem Adel stammten. Kaiser Sigismund jedenfalls scheint von den diplomatischen Fähigkeiten des Kaspar Schlick beeindruckt gewesen zu sein und adelte ihn zunächst zum Freiherrn, dann zum Reichsgrafen, 1433 wurde er sogar Reichskanzler. Als solcher hatte Schlick Zugang zum kaiserlichen Siegel und konnte sich selbst Besitzurkunden in beliebiger Zahl ausstellen. »Man hat nie herausgefunden, wie viele der Dokumente gefälscht waren. Nach dem Tod von Sigismund war er jedenfalls – teilweise auf legalem, aber auch auf illegalem Wege – zum Besitzer von riesigen Ländereien in Eger, in Elbogen/Loket, später auch in Ostrau/Ostrava geworden«, sagt Nedvěd.

Wirklich reich scheint das die Familie auf längere Sicht allerdings nicht gemacht zu haben. Als es um die kostspielige Erschließung der Silbervorkommen ging, sah sich Schlick gezwungen, Tausende von Goldmünzen bei Nürnberger Bankern als Kredit aufzunehmen. Und das sollte für das Schicksal der rasant wachsenden Stadt noch eine große Rolle spielen.

Die Geschichte überschlug sich beinahe: 1516 wurde das Silber entdeckt, 1517 erhielt der Ort den Namen Sankt Joachimsthal, 1518 erschien eine eigene »Bergordnung«, 1520 schon wurde der auf 5 000 Einwohner angewachsenen Siedlung das Stadtrecht verliehen. Innerhalb von 13 Jahren wuchs sie auf 18 000 Bürger, davon 9 200 Bergleute, die in über 900 Bergwerken arbeiteten. 241 875 Taler wurden 1533 geprägt, eine enorme Ausbeute, die Bergbaustadt war auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Geschichte angelangt.

Im Stadtmuseum steht Nedvěd mittlerweile vor der ersten Silbermünze aus Joachimsthal und zeigt auf die Abbildung des Heiligen Joachim. »Das ist etwas sehr Besonderes. Normalerweise wurden immer die Herrscher abgebildet, die Joachimsthaler aber widmeten ihre Münze dem Schutzheiligen der Bergleute!« Tatsächlich war Stefan Schlick von keinem Herrscher ein Münzrecht erteilt worden. Trotzdem prägten die Brüder Schlick bereits 1519 Münzen, heimlich im Keller ihrer Burg Freudenstein/Šlikov südwestlich von Joachimsthal, vermutet Nedvěd. 1520 genehmigte die böhmische Landesversammlung das Münzprivileg, König Ludwig II. von Böhmen und Ungarn bestätigte es nie, duldete es aber. »Er benötigte dringend die Steuereinnahmen«, sagt Nedvěd. Erst 1526 griff König Ferdinand I. ein – zwei Jahre lang wurde der »Joachimsthaler« in einer anderen Münzprägestätte hergestellt. Schließlich fielen ab 1528 alle Münzprägeanstalten an den Habsburger Herrscher. Zu dieser Zeit hatte sich der Joachimsth­aler längst als angesehenes Zahlungsmittel durchgesetzt und zwar in ganz Mitteleuropa.

Taler© Renate ZöllerOffensichtlich war er sehr praktisch: Die Münze wog 29,2 Gramm und das Silber war von sehr reiner Qualität – dadurch war sie so viel wert wie ein Gold-Gulden und wurde auch zwischenzeitlich »Guldiner« genannt. Aus dem »Sankt Joachimsthaler Gulden« wurde schnell der »Joachimsthaler« und schließlich der »Thaler«, später »Taler« geschrieben. Daraus wiederum leitete sich der niederländische Daalder ab, der slawische Tolar, der bis 2007 die Landeswährung Sloweniens war, und letztlich auch der US-Dollar, der heute die wichtigste Währung der Welt ist.

Auf Joachimsthal strahlt dieser Ruhm heutzutage recht wenig aus. Viele Häuser stehen leer, sind verfallen. Nur wenige Reisende kommen, fast ausschließlich aus dem Ausland, aus Deutschland oder manchmal aus Amerika. Wenn Nedvěd sie hier durch die Stadt führt, beginnt er am liebsten bei seinem persönlichen Highlight, der frisch renovierten, gotisch anmutenden Kirche St. Joachim und St. Anna, ursprünglich ein Renaissancebau, der nach einem großen Stadtbrand 1873 wieder aufgebaut wurde. In ein paar Schritten ist man vom Museum aus auf dem Platz vor dem Sakralbau. Der Dom ist gleich in mehrfacher Hinsicht symbolreich. Zum einen steht er für die Glanzzeit Joachimsthals. 1534 bis 1540 wurde er als erste lutherische Kirche in ganz Böhmen gebaut. Das war ein Affront für die katholi­schen Habsburger – und ein Signal für das bürgerliche Selbstbewusstsein der reich gewordenen Joachimsthaler. Das hatten sie sich allerdings tapfer erkämpft. »Die Lebensbedingungen waren anfangs sehr schwierig. Die einfachen Häuser waren aus Holz, ein Spital- oder Krankenhaus gab es nicht, wie auch keinerlei soziales Netz«, sagt Nedvěd. 1525 schlossen sich die Bergleute deshalb der »Revolution des gemeinen Mannes«, wie der Deutsche Bauernkrieg auch genannt wurde, an. Sie drohten, ihre Arbeit niederzulegen. Das aber konnte Schlick sich nicht leisten, er musste seine Nürnberger Schulden abzahlen. Also kam er den Protestierenden weitgehend entgegen – er erlaubte ihnen unter anderem die Bildung eines eigenen Rats. Und der sollte von nun an das Geschick der Stadt zu weiten Teilen selbst bestimmen.

St. Joachimsthal war ein Schmelztiegel der Kulturen mit Einflüssen aus den ganzen deutschen Landen, schwärmt Nedvěd. Die religiösen Umwälzungen der Zeit werden seiner Meinung nach viel zu wenig beachtet. Martin Luther hatte 1517 seine Thesen am Kirchentor in Wittenberg angeschlagen. Seine Ideen gewannen bald großen Einfluss auch in Joachimsthal. Die zugewanderten Protestanten gründeten eine Lateinschule und 1525 sogar eine Mädchenschule. Die musikalische Entwicklung wurde sehr gefördert – nicht nur die der kirchlichen, sondern auch die der weltlichen Musik. Berühmt wurde die hier entstandene kontrapunktisch mehrstimmige Kirchenchor­musik, die auch Figu­ral­musik genannt wird. Ihr Geld sollten die tiefreligiösen Bergleute nicht mehr für Ablassbriefe, sondern lieber für die Krankenversorgung und Hilfen für Notleidende ausgeben.

Einen kurzen Spaziergang stadtabwärts von der St. Joachimskirche entfernt thront rechts über der Stadt die kleine Allerheiligenkirche, die als erster Sakralbau schon 1516 erbaut worden war. »Spitalkirche« wird sie auch genannt, denn 1530 wurde gleich neben ihr das erste Krankenhaus der Stadt errichtet. Ab 1542 wurde Johannes Mathesius, ein Luther-Anhänger und Freund von Philipp Melanchthon, Pfarrer in Joachimsthal und entwickelte es endgültig zu einer Mustergemeinde der Evangelischen. Dann folgte aber auch schon der erste Niedergang. Ende des 16. Jahrhunderts bereits waren die Silber-vorkommen erschöpft, 1584 gruben nur noch 200 Bergleute danach. Jetzt wurde wieder deutlich, wie unwirtlich die Region war, sagt Nedvěd: »Bei dem Klima ist es fast unmöglich, Gemüse anzubauen. Die Leute versuchten alles, um neue Einnahmequellen zu erschließen. Sie begannen Knöpfe herzustellen, Messer zu produzieren und zu schleifen oder Musikinstrumente zu fertigen.« Dann folgte 1627 auch noch der Dreißigjährige Krieg. Der begann als Kampf der Religionen. König Ferdinand II. verfügte, dass auch Joachimsthal katholisch werden sollte – »im Guten oder im Schlechten«, wie Nedvěd kopfschüttelnd sagt. »Am Ende wurde unter dem Diktat der Habsburger die Stadt katholisch, aber das hatte einen Preis: 1652 packten Bewohner, die lutherisch bleiben wollten, ihre Sachen, zogen rund 15 Kilometer weiter nach Sachsen und gründeten dort Johanngeorgenstadt. Nur sehr wenige blieben zurück.« Und es folgten zunächst auch keine neuen Zuwanderer.

Damit endet auch die ruhmreiche Geschichte des Talers – die des Bergbaus ging aber weiter. 1716 wurde in St. Joachimsthal per Kaiserdekret sogar die erste Bergbauschule des Habsburgerreichs gegründet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dann festgestellt, dass aus der Pechblende – die bis dahin ein Abfallprodukt gewesen war – Uranfarbe gewonnen werden konnte. Marie Curie begann, sich für das Uranerz zu interessieren und extrahierte daraus zwei Substanzen, die sie Radium und Polonium nannte. Sie bekam dafür einen Nobelpreis – und Joachimsthal eine neue Bestimmung: 1906 wurde hier das erste Radon-Heilbad gebaut.

Erst in der kommunistischen Zeit aber wuchs die Stadt wieder, in den 1950er Jahren arbeiteten rund 70 000 Bergleute in den Gruben. Aber davon war ein großer Teil Zwangsarbeiter – Kriegsgefangene und politische Häftlinge. »Die Hölle von Jáchymov« (Jáchymovské peklo) nannten die Überlebenden den »tschechoslowakischen Gulag«, rund 50 000 Menschen sollen unter den lebensunwürdigen Bedingungen und der Strahlenlast gestorben sein. Nedvěd empfiehlt eine Wanderung auf dem gleichnamigen Pfad, der an diversen Gedenkorten aus dieser Zeit vorbeiführt. Der soll vor allem auch die tschechische Bevölkerung aufrütteln, denn: In der kommunistischen Zeit durfte über die Lager nicht gesprochen werden und noch heute gibt es Menschen, die kopfschüttelnd behaupten, die Häftlinge seien doch anständig bezahlt worden.
Dieses verdrängte Erbe lähme die Stadt, erklärt Nedvěd und zeigt mit ausholender Armbewegung auf die vielen verlassenen Häuser, die Fenster verbarrikadiert, der Putz fällt von den Wänden. Nur die Dächer sind häufig instandgesetzt und verraten, dass ihre Besitzerinnen und Besitzer auf bessere Zeiten hoffen. »Sankt Joachimsthal ist immer wieder wie ein Phönix aus der Asche auferstanden«, betont Nedvěd, »beziehungsweise gekrabbelt.«

Am untersten Zipfel des langgezogenen Städtchens lässt sich erahnen, dass er Recht haben könnte. Hier trifft man auf viele Kurgäste, die zwischen dem Aquazentrum Agricola, dem schräg gegenüberliegenden Heilbad, und ihren Hotels pendeln. Bis heute wird nämlich im Stollen Eins der Grube Einigkeit Radium gewonnen. Damit, wie es dazu kam, sollen die Gäste aber offensichtlich nicht belastet werden. Das größte und edelste Kurhotel, das Radium Palace, hat jedenfalls als letztes Gebäude seinen prachtvollen Eingang