Wenn heute in Odessa die Sirenen heulen, denke ich oft an den Hafen. Nicht nur, weil ich knapp zwei Kilometer von ihm entfernt wohne. Sondern auch, weil er mein ganzes Leben begleitet hat. Früher konnte man am Hafen entlangspazieren, den Kränen bei der Arbeit zusehen oder einfach auf das Meer blicken. Heute gehört das Gelände zu den am strengsten gesicherten Orten der Region. Der Zugang ist gesperrt. Immer wieder wird es Ziel russischer Raketen- und Drohnenangriffe. Wenn die Explosionen in den Hafenanlagen zu hören sind, erzittern die Fensterscheiben meiner Wohnung. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass nicht nur Gebäude getroffen werden, sondern auch ein Stück der Geschichte meiner Heimatstadt.
Als Kind verbrachte ich viele Stunden am Hafen. Ich beobachtete Frachtschiffe, die langsam einliefen, Kreuzfahrtschiffe mit Gästen aus aller Welt und die Möwen, die zwischen den Kränen ihre Kreise zogen. Für mich war der Hafen das Tor zur großen weiten Welt. Dass hier damals regelmäßig große Passagierschiffe lagen, war keineswegs ungewöhnlich. Noch 2013, wenige Monate vor der russischen Annexion der Krim, erlebte Odessa eine seiner stärksten Kreuzfahrtsaisons. An manchen Tagen lagen sechs Passagierschiffe gleichzeitig im Hafen.
Viele Jahre später fuhr ich selbst mehrmals mit einem Passagierschiff von Odessa nach Istanbul. Schon das Ablegen war ein besonderes Erlebnis. Langsam glitt das Schiff an der Potemkinschen Treppe vorbei, auf der in Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin die zaristischen Truppen auf die Massen schießen, die gerade der meuternden Besatzung auf dem russischen Schlachtschiff »Potemkin« zujubeln. Die Befehlsverweigerung und das anschließende Massaker wurden zum wohl bekanntesten Ereignis der Revolution von 1905. Und die Treppe zum Wahrzeichen der Stadt. Unser Schiff passierte mehr als 100 Jahre später den Woronzow-Leuchtturm und nahm Kurs auf das Schwarze Meer. Erst viel später wurde mir bewusst, dass Generationen von Reisenden, die Odessa verließen oder in die Stadt zurückkehrten, denselben Blick erlebt haben.
Ohne seinen Zugang zum Meer wäre Odessa kaum zu der Stadt geworden, die es heute ist. Die Geschichte beginnt am Ende des 18. Jahrhunderts. An der Stelle des heutigen Hafens befand sich damals die osmanische Festung Hadschibey. Nachdem sie 1789 von russischen Truppen erobert worden war, ordnete Katharina II. im Jahr 1794 den Bau einer neuen Stadt mit einem modernen Seehafen an. Mit der Umsetzung wurde der aus Neapel stammende Admiral José de Ribas beauftragt, dessen Name bis heute in der »Deribasivska«, der bekanntesten Straße Odessas, weiterlebt.
Den eigentlichen Aufstieg erlebte die junge Stadt unter Armand Emmanuel du Plessis, Herzog von Richelieu. Der französische Adlige wurde 1803 Gouverneur von Odessa und erkannte früh das enorme Potenzial des Hafens. Neue Straßen entstanden, Plätze wurden angelegt, Menschen aus vielen Ländern ließen sich hier nieder: griechische, italienische, jüdische, armenische, französische und deutsche – Odessa wurde zu einem kosmopolitischen Zentrum am Rande des Russländischen Reiches.
Einen entscheidenden Entwicklungsschub brachte der Status als »Porto Franco«, Freihandelshafen, den Odessa von 1819 bis 1859 besaß. Die zollfreien Handelsbedingungen lockten Kaufleute aus ganz Europa an. Im 19. Jahrhundert stieg Odessa zum wichtigsten russländischen Getreideausfuhrhafen auf.
Besonders eng war diese Entwicklung mit den deutschen Siedlern verbunden. Zar Alexander I. ließ gezielt Bauern und Handwerker für die Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres anwerben. Familien aus Württemberg, Baden, der Pfalz und anderen deutschen Regionen folgten der Einladung in den fruchtbaren Schwarzmeersteppen. Sie erschlossen das dünn besiedelte Land und machten es zu einer ertragreichen Agrarregion Europas.
Die deutschen Siedler brachten neue landwirtschaftliche Methoden, viel Erfahrung und großes handwerkliches Können mit. Schon bald lieferten ihre Höfe erhebliche Mengen hochwertigen Weizens. Fast das gesamte Getreide nahm denselben Weg: Es wurde nach Odessa gebracht, dort in großen Speichern zwischengelagert und anschließend über den Hafen in viele Teile Europas verschifft. So entstand eine enge Verbindung zwischen den deutschen Dörfern im Hinterland und dem Hafen am Schwarzen Meer. Von hier aus gelangte der Weizen ihrer Felder bis nach Triest, Hamburg oder in andere europäische Hafenstädte. Umgekehrt erreichten über Odessa Maschinen, Werkzeuge und neue Ideen die deutschen Ortschaften.
Auch zahlreiche deutsche Kaufleute und Unternehmer ließen sich in Odessa nieder. Sie eröffneten Kontore, beteiligten sich am Getreidehandel und knüpften enge Handelsbeziehungen nach Mitteleuropa. Deutsch war im 19. Jahrhundert nicht nur die Sprache vieler Kaufleute und Handwerker. Deutsche Schulen, Kirchen und Vereine gehörten ebenso zum Stadtbild und prägten das wirtschaftliche und kulturelle Leben Odessas mit.
Der Hafen wurde damit nicht nur zum wirtschaftlichen Motor der Region, sondern auch zu einem Ort des kulturellen Austauschs. Menschen unterschiedlichster Herkunft lebten und arbeiteten hier Seite an Seite. Gerade diese Vielfalt verlieh Odessa einen besonderen Charakter und machte die Stadt weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt.
Auch nach dem Ende des Porto-Franco-Status blieb der Hafen das Herz der Stadt. Im 20. Jahrhundert hatte die sowjetische Schwarzmeer-Reederei ihren Sitz in der Stadt. 1988 verfügte sie über 302 Schiffe mit 5,2 Millionen Tonnen Tragfähigkeit. Zur Flotte gehörte seit 1975 auch das 136 Meter lange Passagierschiff »Odessa« mit Platz für mehr als 500 Passagiere.
Heute sieht der Hafen völlig anders aus. Vom Primorskij-Boulevard aus sind nur noch die Silhouetten der Kräne zu erkennen. Wo früher Touristen spazierten und Passagierschiffe anlegten, bestimmen heute Sperren und Sicherheitskontrollen das Bild. Der Hafen bleibt vor der Öffentlichkeit verborgen. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gehört er zu den wichtigsten strategischen Zielen Russlands. Immer wieder werden Hafenanlagen, Getreideterminals und Lagerhäuser angegriffen. Besonders häufig trifft es genau jene Infrastruktur, über die seit mehr als 200 Jahren Getreide aus der fruchtbaren Schwarzmeerregion in alle Welt exportiert wird.
Die Folgen lassen sich in Zahlen fassen: 2021 wurden im Hafen Odessa 22,56 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen, davon 6,83 Millionen Tonnen Getreide. 2022 waren es insgesamt nur noch rund 7,7 Millionen Tonnen – ein Einbruch um etwa zwei Drittel. Nach dem Ende des internationalen Getreideabkommens richtete die Ukraine im September 2023 einen eigenen Seekorridor ein. Bis März 2026 wurden darüber annähernd 179 Millionen Tonnen Fracht transportiert, darunter 107 Millionen Tonnen Getreide.
Der Preis dafür ist hoch. Nach Angaben der ukrainischen Hafenverwaltung waren bis Oktober 2025 seit Beginn des Großangriffs mehr als 500 Anlagen der Hafeninfrastruktur und 116 zivile Schiffe beschädigt oder zerstört worden. Allein auf dem Gelände des Hafens Odessa waren 161 Anlagen betroffen. Erschütternd war im Juli 2026 ein russischer Angriff auf ein Sonnenblumenölterminal des ukrainischen Unternehmens Kernel in der Region Odessa. Rund 25 000 Tonnen Speiseöl wurden dabei zerstört, was dem Jahresverbrauch von fast zwei Millionen Menschen entspricht. Immer wieder werden außerdem zivile Handelsschiffe unter ausländischen Flaggen beschädigt.
Unbeirrt arbeitet der Hafen trotzdem weiter. Frachtschiffe laufen aus, Getreide wird verladen, Lotsen begleiten die Schiffe durch den ukrainischen Seekorridor, Hafenarbeiter verrichten ihre Arbeit – oft nur wenige Stunden nach einem Luftangriff. Gerade diese Beharrlichkeit beeindruckt mich immer wieder. Sie zeigt, dass Odessa sich nicht über die Zerstörung definiert, sondern über die Fähigkeit, trotz aller Bedrohungen weiterzuleben.
Der Hafen von Odessa hat Kriege, politische Umbrüche und wirtschaftliche Krisen erlebt. Dennoch ist er stets ein Ort geblieben, an dem Menschen, Waren und Ideen zusammenkamen. Genau darin liegt seine eigentliche Bedeutung. Er verbindet nicht nur die Ukraine mit der Welt, sondern bewahrt auch die Erinnerung an jene Menschen aus vielen Nationen, darunter die deutschen Siedler und Kaufleute, die diese Stadt mit aufgebaut haben.
Ich wünsche mir, dass ich eines Tages wieder dort stehen kann, wo ich als Kind den Schiffen hinterhergesehen habe. Vielleicht wird dann wieder ein Passagierschiff Kurs auf Istanbul nehmen. Sicher werden Frachter Getreide laden – so wie seit Generationen. Und der Hafen wird wieder für das stehen, wofür er mehr als zwei Jahrhunderte lang bekannt war: für Offenheit, Austausch und die Freiheit, über das Meer miteinander verbunden zu sein.