»Haben Sie von der Idee mit der Rutsche schon gehört?«, fragt Lukáš Cabala. Er steht auf der Brücke über die Waag/Váh – neben ihm donnern auf vier Spuren die Autos entlang – und deutet flussaufwärts: Ein langer Personenzug rattert über die neue Eisenbahnbrücke, und direkt daneben spannt sich das stählerne Gerippe der alten Brücke über den Fluss, rostig und schon lange gesperrt. Unlängst hat die Stadt Trentschin sie gekauft, jetzt soll sie zur neuen Attraktion werden – zur doppelstöckigen Fußgängerbrücke mit Bänken und Sonnenliegen, am Ufer Cafés und eine Promenade. »Und es kursiert auch der Plan, von der Brücke aus eine Rutsche in den Fluss zu bauen«, sagt Cabala und lacht: »Ich hoffe, das Thema ist noch nicht vom Tisch!«
Lukáš Cabala ist Schriftsteller, der Vierzigjährige ist so etwas wie der Shootingstar der slowakischen Literaturszene: 2020 erschien sein Romandebüt; mit seinem dritten Buch Denkst du noch an Trenčín? war er nominiert für den Literaturpreis der EU (auf Deutsch im Münchner Allee Verlag erschienen). Cabala stammt aus Trentschin, lebt in Trentschin, siedelt seine Romane in Trentschin an und lässt seine Protagonistinnen und Protagonisten durch die gesellschaftlichen und historischen Schichten der Stadt streifen – mehr Ortsverbundenheit geht nicht. »Die Waag hat für mich etwas Nostalgisches«, sagt er, »ich bin im Norden der Stadt ganz in der Nähe des Ufers aufgewachsen.«
Von der viel befahrenen Brücke aus gesehen liegt das Panorama von Trentschin ausgebreitet vor ihm, »unsere Skyline«, wie er stolz sagt: Die Kuppel der Synagoge, die Türme der größten und ältesten slowakischen Barockkirche und über allem thronend die imposante Burganlage »Trenčiansky hrad«, das Wahrzeichen von Trentschin.
Ein »Aber« gibt es allerdings auch, mit dem Cabala sein Schwärmen unterbricht: »Wir haben es nicht geschafft, den Fluss zu nutzen, ihn irgendwie in die Stadt einzubinden.« Zwischen dem befestigten Ufer ist er eingesperrt, von der Stadt trennt ihn eine breite Ausfallstraße. »Ein Freund von mir hat die Theorie, dass die Kommunisten Angst hatten vor dem Wasser, dass sie den Flusslauf deshalb so eingepfercht haben.«
Genau an dieser Stelle kommt die stillgelegte Eisenbahnbrücke ins Spiel: Sie ist zentraler Bestandteil des Konzepts zum Kulturhauptstadtjahr. In »Fiesta Most« (übersetzt »Fiesta-Brücke«) wird sie umbenannt, ihre Verwandlung in eine Promenade hoch über dem Fluss soll die Stadt in Richtung Waag erweitern, soll den Einwohnerinnen und Einwohnern neue Seiten ihrer Stadt erschließen, soll neues Leben in die Stadt bringen. Dass die Bezeichnung »Fiesta« nach einem mediterranen Lebensgefühl klingt, ist dabei kein Zufall: Schon heute ist die Altstadt von Trentschin eine einzige große Flanierzone, sobald die Sonne scheint. Cafés haben ihre Tische rund um den ovalen Marktplatz aufgebaut, mit Blick auf die Burg und die Mariensäule, Straßenmusiker verbreiten gute Laune. »Es fühlt sich an wie im Wohnzimmer, gerade so, als könnte man in Pantoffeln über diesen Platz laufen«, so sagt es Cabala.
Die Waag ist ein ungenutzter Fluss
Wenn Tomáš Michalík auf dem Marktplatz steht, sieht er weniger diese herausgeputzte Gegenwart. Er ist stellvertretender Direktor des Trentschiner Stadtmuseums und beschäftigt sich mit der Vergangenheit. Er kennt die Inschrift im Burgfelsen, die von den Römern eingemeißelt wurde und die Jahreszahl 179 trägt. »Trentschin war fast tausend Jahre lang Hauptstadt des Trentschiner Komitats in der nordwestlichen Peripherie von Ungarn«, erzählt er. »Diese spezielle Lage ist der Grund dafür, dass die Stadt mit dem Militär verbunden ist, und das ist ja bis heute so.« Das slowakische Heer hat seinen größten Standort in Trentschin. Und auch wenn heutzutage weder die Ungarn noch die Habsburger in Trentschin etwas zu sagen haben: Verwaltungsstadt ist Trentschin nach wie vor, heute als Sitz der Bezirksregierung, die ihre Büros in einem markanten brutalistischen Gebäude ein paar Schritte entfernt vom historischen Rathaus hat.
Wer durch die Fußgängerzone schlendert, stellt schnell fest: Trentschin mit seinen heute 55 000 Einwohnern ist eine Stadt der kurzen Wege. Das gilt im geografischen Sinne ebenso wie für die Verbindungen quer durch die historischen Schichten, quer durch die Umbrüche, Veränderungen und Verheerungen der Vergangenheit. Ein paar Schritte sind es nur vom Verwaltungsgebäude zur Synagoge, deren gewaltige Kuppel von weither sichtbar ist. Von außen ist der Putz noch bröckelig. »In der Vergangenheit war an der Außenseite die Menora abgebildet, also ein siebenarmiger Leuchter. Auf der Kuppel prangte der Davidstern«, sagt Tomáš Michalík vom Stadtmuseum: »Die Synagoge war bei ihrem Bau 1913 ein sehr selbstbewusster Ausdruck der jüdischen Gemeinde in Trentschin.«
An diese Zeiten will Olga Hodálová, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde mit ihren sechzig Mitgliedern, wieder anknüpfen. Von innen ist die Synagoge gerade aufwendig rekonstruiert worden, es riecht noch nach frischer Farbe. Am 9. November 2025 wurde sie wiedereröffnet, ein symbolträchtiges Datum. »Wir haben nicht gewagt zu hoffen, dass uns das gelingt«, sagt Hodálová voller Stolz: Es ist das erste Mal seit vielen Jahrzehnten, dass in der Slowakei eine Synagoge neu geweiht wird.
Zum dritten Mal richtete die Trentschiner Gemeinde das Gebäude nun wieder her. Beim ersten Mal, 1913, war es ein Meisterwerk seiner Zeit, geschaffen von Richard Scheibner, einem Berliner Architekten, geboren im unweit von Trentschin gelegenen Pistyan/Piešťany. Überspannt war die Synagoge von einer gewaltigen Kuppel, die großen bunten Fenster ließen zu jeder Tageszeit reichlich Licht hinein, die farbenprächtigen Wände leuchteten. Die Gestalter verwendeten Ornamente mit maurischem, mit orientalischem Anklang, mischten Art déco und Jugendstil, um eine Verbindung von der traditionellen Synagogen-Bauweise zur damaligen Avantgarde zu schaffen.
Immer wieder wurde die Synagoge aufgebaut
Dann kamen die slowakischen Faschisten, die im Schlepptau von Hitler-Deutschland gegen die Jüdinnen und Juden im Land losschlugen. »Sie gaben sich wirklich allergrößte Mühe, alles kaputt zu machen«, sagt Olga Hodálová bitter: Ihre Pferde ließen sie durch den Gebetsraum traben, exerzierten dort, wo die Bänke standen. Gleich nach dem Krieg restaurierte eine Handvoll überlebender Juden die Synagoge wieder, einer der Initiatoren war der Vater von Olga Hodálová. Hinter der Eingangstür befestigten sie eherne Tafeln mit den Namen der fast 1 600 ermordeten Jüdinnen und Juden aus der Region, im Innern feierten sie wieder Gottesdienste – so lange, bis die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei übernahmen. Diese verstaatlichten die Synagoge im Jahr 1953. Erst wurde sie zum Lager der nahe gelegenen Textilfabrik, dann diente sie als Raum für Kulturveranstaltungen.
Derzeit geschieht rund um die Synagoge ein kleines Wunder: Die jüdische Gemeinde in Trentschin wächst. Teilweise kommen Kinder auf die Welt – vor allem aber melden sich Menschen, die nicht in der jüdischen Tradition aufgewachsen sind, aber wissen, dass ihre Vorfahren zur Gemeinde gehört haben.
Damals waren ganze Dörfer komplett deutschsprachig. Die Siedler sollten die Region urbar machen. Wegen ihrer Fertigkeiten im Bergbau waren sie begehrte Arbeiter.
»Mit der Sprache ist es nicht mehr so wie früher. Als meine Mutter noch lebte, haben sich nach der Kirche die Frauen und Männer in ihrem Dialekt unterhalten. Das gibt es heute nicht mehr«, sagt Hilda Steinhübel. Die Deutschsprachigen stellen auch in den Hochburgen der Minderheit nur noch einen kleinen Teil der Bevölkerung. Immerhin gehört der Deutschunterricht in den örtlichen Schulen zum festen Curriculum – auch für die slowakischen Kinder, die es als Fremdsprache lernen.
Wirtschaftlich hat sich Trentschin über lange Zeit vor allem als Modestadt etabliert: Eine große Textilfabrik hatte hier ihren Sitz und im benachbarten Partizánske baute der tschechische Schuh-Fabrikant Jan Antonín Baťa in den 1930er Jahren eine gewaltige Fabrikanlage. Wie auch im heimischen Zlin/Zlín, das über die tschechische Grenze hundert Kilometer entfernt ist, setzte er auf strenge Standardisierung: Schachbrettgleich entstanden durchnummerierte Fabrikhallen, ringsum ließ Baťa eine neue Stadt entstehen mitsamt Kirche und kleinen, praktischen Häuschen für die Angestellten.
»Ist das nicht herrlich hier?«, ruft Katarína Janíčková, als sie mitten in einer der leeren Fabrikhallen steht. Fensterscheiben fehlen, zugig ist es, die Jahrzehnte des Leerstands haben Spuren hinterlassen. Janíčková hat das nicht abgeschreckt: Die junge Frau hat mit ihrer Bürgerinitiative »Fabrika umenia« (»Kunstfabrik«) die Halle kurzerhand gekauft. »Das war unser langjähriger Traum, wir wollten damit diese Räume retten«, sagt sie. Und so finden in den hallenden Räumen mit den zerbrochenen Fensterscheiben Lesungen statt, Konzerte, Ausstellungen und immer wieder Arbeitseinsätze für Ehrenamtliche. Die Fabrikhalle wird damit zu einem Sinnbild für den Strukturwandel: Statt der Industriearbeiter sollen jetzt die Kreativen kommen. »Wir wollen, dass das Gebäude lebt. Es ist jetzt schon schön, wir müssen dafür nicht auf die Renovierung warten«, sagt sie. Am anderen Ende von Partizánske hat Janíčková mit ihren Mitstreitern auch eines der Baťa-Wohnhäuser übernommen, die der Schuhpatron für seine Arbeiter erbauen ließ. Die Wohnprinzipien jener Zeit werden darin museal erlebbar. Und auch für die Fabrikhalle hat sie große Pläne: Ateliers sollen einziehen, Ausstellungsräume, ein Veranstaltungssaal. »Wir machen das alles mit dem Hintergedanken, junge Leute zum Hierbleiben zu inspirieren«, sagt Janíčková. Bislang ziehen viele von ihnen nach ihrem Schulabschluss weg – Pressburg/Bratislava ist nicht weit, Wien ist gut erreichbar, und größere tschechische Städte seien sogar nur einen Katzensprung über die Grenze entfernt. Und wer einmal weg ist, so haben sie hier in der Slowakei immer wieder festgestellt, der kommt so schnell nicht mehr zurück.
Das soll sich jetzt ändern: Im Kulturhauptstadtjahr will Trentschin die Richtung umdrehen und zum Magneten werden. Die vielen Schichten sind dann für das Publikum aus ganz Europa ebenso wie für die Einheimischen erlebbar: die Römer, die Ungarn, die Habsburger, die jüdische und die deutsche Minderheit, das Mediterrane und das Soldatische.
Trenčínopolis« hat Lukáš Cabala die Stadt in seinem Roman genannt – größenwahnsinnig klingt das für diese kleine Stadt, aber vielleicht trotzdem ganz treffend.