Käthe Kruse schuf Anfang des 20. Jahrhunderts eine der ersten Puppen, die Kinder mit in ihr Bett nehmen wollten: weich, warm und extrem robust. Bis heute steht der Name der Schlesierin weltweit für höchste Qualität. Dazu kam ein geniales Werbekonzept, lange bevor das Wort Marketing in den deutschen Sprachgebrauch eingedrungen war. Von Renate Zöller
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Zehn Käthe Kruse Puppen warten nach dem Hochwasser im Ahrtal auf ihre »Schönheitsoperation« in der Bonner Puppenklinik © Renate Zöller

Beherzt greift Angela Gandau zum Messer, sticht dem Däumlinchen kurz unter dem Kopf in den Nacken und schneidet ihm den Rücken auf. Ritsch, ratsch, immer entlang der Naht. Die Füllung beginnt hervorzuquellen: Watte. »Ach«, sagt die Besitzerin der Bonner Puppenklinik, »die ist schon mal restauriert worden. Allerdings musste damals offenbar gespart werden!« Schnöde Watte, das ist ganz sicher keine der Zutaten einer antiken Käthe-Kruse-Puppe. Deren Körper wurden mit edlem Reh- und Ren-tierhaar gestopft, das sich beim Schmusen schnell der Körpertemperatur anpasst. Sorgsam pflückt Gandau die Watte aus den Extremitäten, legt das Drahtskelett vollständig frei, untersucht die leicht verrostete Schraube, die es mit dem Kopf verbindet. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Reinigen, Nähen, Ausstopfen, Bemalen. Es gibt viel zu tun dieser Tage in der Puppenklinik.

Neun weitere Käthe-Kruse-Puppen warten im Depot, sorgfältig in Babywindeln verpackt, um die Feuchtigkeit herauszuziehen. Sie alle wurden Mitte Juli 2021 vom Hochwasser an der Ahr erfasst und waren bis auf die Drahtknochen vollgesogen mit ätzendem, stinkendem Schlamm. Aufwändig ist die Restaurierung und entsprechend kostenintensiv. Aber wer eine alte Käthe-Kruse-Puppe besitzt, kann das Geld in der Regel aufbringen.

Meist sind das keine jungen Familien, sondern deren Eltern oder sogar Großeltern. Zum Sammelob-jekt wurden die Puppen etwa in den 1980er-Jahren, sagt Thomas Dahl, der die Bonner Puppenklinik vor über 35 Jahren gegründet hat. Dahl ist selbst passionierter Sammler. Er hält Vorträge, schreibt über Käthe Kruse und hat bereits mehrere Ausstellungen organisiert. In der »Käthe Kruse Familie«, einer Art Fanclub, ist er als Mann allerdings eher eine Ausnahme. »Die meisten Sammler sind Frauen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration, für die eine Käthe-Kruse-Puppe ein unerreich-barer Traum war. Erst jetzt als Erwachsene hatten sie das Geld dafür«, erzählt er. Nein, diese Puppen waren nicht für die eigenen Kinder gedacht – die waren dafür schon zu groß. Sie dienten überhaupt nicht als Spielzeug, sondern wurden mehr und mehr zu kleinen dreidimensionalen Kunstwerken, die dekorativ und unberührt auf dem Sofa oder in einer Vitrine saßen. Gerade so wie jene Porzellanpuppen, denen ihre Erschafferin um 1909 herum den Kampf ansagte.

Im Gegensatz zu diesen waren Käthe Kruses Puppen durch und durch von der Reformpädagogik des beginnenden 20. Jahrhunderts geprägt. Die als Katharina Simon 1883 in Dambrau O.S./Dąbrowa Geborene war ein uneheliches Kind und das Leben ihrer Mutter als alleinerziehende Schneiderin sehr hart, wie sie 1951 in ihren Memoiren schrieb. Also wählte das Mädchen einen Beruf, für den ihre Herkunft keine Rolle spielte: Schauspielerin. Nach rund einem Jahr Unterricht am Breslauer Stadttheater gelang ihr der Karrieresprung an das Lessing-Theater in Berlin, mit dem sie bis nach Moskau tourte. 1902 lernte sie – in einer Künstlerkneipe, wie Dahl vermutet – den dreißig Jahre älteren und bereits berühmten Bildhauer und Bühnenbildner Max Kruse kennen, den »schönsten Mann von Berlin«, wie sie schrieb. Schon ein Jahr später wurde Tochter Maria, genannt Mimerle, geboren. Ans Heiraten dachte Max jedoch nicht. Er schwärmte von der freien Liebe und glaubte, die Ehe schade seiner Kreativität. Auch als Käthe mit der zweiten Tochter, Sofie, schwanger war. Da packte sie kurzerhand ihre Sachen und zog mit dickem Bauch, Mimerle und ihrer Mutter in die Aussteiger- und Künstlerkolonie Monte Verità in der italienischen Schweiz. Und hier entstand, eher zufällig, die erste Puppe.

Mimerle wünschte sich von ihrem Vater aus Berlin eine Bambola, die sie bei anderen Kindern in Ascona gesehen hatte. Max Kruse soll geantwortet haben: »Nee, ick koof euch keene Puppen. Ick find se scheißlich. Macht euch selber welche.« Also schnitzte die Mutter aus einer Kartoffel einen Kopf, umspannte ihn mit Stoff, nähte einen Körper und füllte ihn mit Sand. Mimerle war begeistert. »Das war das Samenkorn, das mein Mann gelegt hat«, schrieb Käthe Kruse später.

»Damals waren Puppen kleine Damen«, weiß Thomas Dahl, »mit empfindlichen Porzellanköpfen, viel Plüsch, Regenschirmchen und geschminkten Gesichtern.« Zum Spielen waren sie nicht geeignet, zum Schmusen sowieso nicht. Käthe Kruse dagegen wollte ein Kind für ein Kind schaffen, einen Begleiter, der mit im Bett liegen und auch mal auf den Boden fallen konnte. Sie begann zu experimentieren. Und schuf schließlich einen Kopf ganz aus Stoff, das Gesicht in einer Gipsform mit Harzkleber zur Maske geformt und mit Ölfarben geschaffen, die Haare auf dem Hinterkopf aufgemalt.

Als 1909 die dritte Tochter, Johanna, geboren wurde, heiratete Kruse Käthe endlich und sie zog zu ihm in das Künstlerhaus in der Fasanenstraße nach Berlin. »Das bedeutete einen enormen sozialen Aufstieg: Aus der armen Halbwaisen wurde die Frau Professor!«, sagt Dahl: »Geld blieb trotzdem ein Problem. Max hatte einen tollen Ruf, aber nichts zu beißen.« Also nahm die Frau Professor die Versor-gung ihrer Familie selbst in die Hand.

Produktion überdauert zwei Weltkriege

Als sie 1910 ihre Puppen erstmalig bei der Ausstellung Spielzeug aus eigener Hand im Kaufhaus Tietz vorstellte, wurden sie von der Presse als das »Ei des Columbus« gefeiert. Ein erster Auftrag aus den USA über 150 Puppen flatterte ins Haus. Die Küche der Kruses wurde zur Werkstatt, ein Maler und mehrere Näherinnen arbeiteten hier bis tief in die Nächte. Für den Folgeauftrag von 500 Stück suchte sie sich 1912 eine Werkstatt in Potsdam. Später zog sie mit ihren Kindern nach Bad Kösen bei Naumburg/Saale.

Es folgten sehr produktive Jahre mit zwischenzeitlich über 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Käthe Kruse Manufaktur in Bad Kösen. Täglich nach Feierabend überprüfte die Chefin hier persönlich alle neugefertigten Puppen, erzählt Dahl. Berüchtigt waren die Zettelchen, die sie an misslungene Puppen hing: »Die Puppe sagt 55«, stand da, wenn der Mund zu klein war. Oder »Dies ist ein rechtes Schielböckchen«, wenn die Augen nicht gut gemalt waren. Immer neue Puppen entwarf Kruse, das Schlenkerchen speziell für Puppenstuben, das Träumerchen und 1928 auch die erste Puppe mit Echthaar: Das deutsche Kind, mit einem Kopf, der dem sechsten von sieben Kindern, Sohn Friedebald, nachempfunden war.

Die Ehe der Kruses funktionierte vor allem als Fernbeziehung gut. Max Kruse lebte mittlerweile auf Hiddensee, Käthe widmete sich in Bad Kösen ganz der Vermarktung ihrer Puppen. »Sie war ein PR-Genie!«, schwärmt Thomas Dahl. Als ihre eigene Vertreterin reiste sie ständig zu potenziellen Großab-nehmern und präsentierte ihre Puppen auf Messen wie der Pariser Weltausstellung 1937. Sie gab Radiointerviews, schrieb für die Familienillustrierte Gartenlaube und ließ Postkarten mit Fotos von ihren Puppen drucken. Auch den Flirt mit den Nationalsozialisten scheute sie nicht. Im Firmenkatalog von 1937 erschien Das deutsche Kind in HJ-Uniform mit »Stahlhelmen« aus Leder oder Krankenschwester-Kleidung. Trotzdem sei ihr die Ideologie fremd geblieben, ist Dahl überzeugt. Die Puppen verschwanden bereits nach einem halben Jahr wieder aus den Katalogen und Kruse weigerte sich, ihre halbjüdischen Mitarbeitenden zu entlassen.

Allen Lieferengpässen zum Trotz überstand ihre Manufaktur zwei Weltkriege. Und auch für die Nachkriegszeit in der sowjetischen Besatzungszone hatte die clevere Geschäftsfrau vorgesorgt. Sohn Max leitete eine Filiale in Bad Pyrmont, Sohn Michael eine in Donauwörth und Tochter Sofie, genannt Fifi, schmuggelte im Zug Koffer voller schwer erhältlicher Materialien und Puppen zwischen den drei Besatzungszonen hin und her. 1950 wurde der Betrieb in Bad Kösen enteignet und Käthe Kruse floh aus der frisch gegründeten DDR. Die Familie konzentrierte die Produktion dann in Donauwörth.

Bis heute wird hier in der Käthe-Kruse-Manufaktur nach dem Vorbild der Gründerin jede Puppe einzeln genäht, bemalt und bekleidet, handgefertigt gemäß Kruses Motto: »Die Hand geht dem Herzen nach, denn nur die Hand kann erzeugen, was durch die Hand wieder zum Herzen geht.« Mittlerweile hat die Tochtergesellschaft des Spielzeugherstellers Toynamics allerdings nur noch zwölf statt 250 Mitarbeitende. Die Zukunft der Käthe-Kruse-Puppe als Sammlerstück sieht nicht rosig aus. Die betagten Sammlerinnen der 1980er Jahre sterben nach und nach. Der Markt ist überschwemmt mit ihren Puppen, die Preise sinken. Für die Puppenkünstler aus Donauwörth gibt es trotzdem Hoffnung. Denn Käthe Kruse war und bleibt legendär. Massenware aus China ist out, junge Eltern suchen nachhaltige Alternativen. Vielleicht, so hoffen die Angestellten der Manufaktur, erfasst der Trend ja auch ihre Puppen. Und dann würde sie auch endlich wieder zu dem, was die resolute Schlesierin eigentlich schaffen wollte: ein Kind dem Kinde!

Beherzt greift Angela Gandau zum Messer, sticht dem Däumlinchen kurz unter dem Kopf in den Nacken und schneidet ihm den Rücken auf. Ritsch, ratsch, immer entlang der Naht. Die Füllung beginnt hervorzuquellen: Watte. »Ach«, sagt die Besitzerin der Bonner Puppenklinik, »die ist schon mal restauriert worden. Allerdings musste damals offenbar gespart werden!« Schnöde Watte, das ist ganz sicher keine der Zutaten einer antiken Käthe-Kruse-Puppe. Deren Körper wurden mit edlem Reh- und Rentierhaar gestopft, das sich beim Schmusen schnell der Körpertemperatur anpasst. Sorgsam pflückt Gandau die Watte aus den Extremitäten, legt das Drahtskelett vollständig frei, untersucht die leicht verrostete Schraube, die es mit dem Kopf verbindet. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Reinigen, Nähen, Ausstopfen, Bemalen. Es gibt viel zu tun dieser Tage in der Puppenklinik.

Neun weitere Käthe-Kruse-Puppen warten im Depot, sorgfältig in Babywindeln verpackt, um die Feuchtigkeit herauszuziehen. Sie alle wurden Mitte Juli 2021 vom Hochwasser an der Ahr erfasst und waren bis auf die Drahtknochen vollgesogen mit ätzendem, stinkendem Schlamm. Aufwändig ist die Restaurierung und entsprechend kostenintensiv. Aber wer eine alte Käthe-Kruse-Puppe besitzt, kann das Geld in der Regel aufbringen.

Meist sind das keine jungen Familien, sondern deren Eltern oder sogar Großeltern. Zum Sammelobjekt wurden die Puppen etwa in den 1980er-Jahren, sagt Thomas Dahl, der die Bonner Puppenklinik vor über 35 Jahren gegründet hat. Dahl ist selbst passionierter Sammler. Er hält Vorträge, schreibt über Käthe Kruse und hat bereits mehrere Ausstellungen organisiert. In der »Käthe Kruse Familie«, einer Art Fanclub, ist er als Mann allerdings eher eine Ausnahme. »Die meisten Sammler sind Frauen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration, für die eine Käthe-Kruse-Puppe ein unerreichbarer Traum war. Erst jetzt als Erwachsene hatten sie das Geld dafür«, erzählt er. Nein, diese Puppen waren nicht für die eigenen Kinder gedacht – die waren dafür schon zu groß. Sie dienten überhaupt nicht als Spielzeug, sondern wurden mehr und mehr zu kleinen dreidimensionalen Kunstwerken, die dekorativ und unberührt auf dem Sofa oder in einer Vitrine saßen. Gerade so wie jene Porzellanpuppen, denen ihre Erschafferin um 1909 herum den Kampf ansagte.

Im Gegensatz zu diesen waren Käthe Kruses Puppen durch und durch von der Reformpädagogik des beginnenden 20. Jahrhunderts geprägt. Die als Katharina Simon 1883 in Dambrau O.S./Dąbrowa Geborene war ein uneheliches Kind und das Leben ihrer Mutter als alleinerziehende Schneiderin sehr hart, wie sie 1951 in ihren Memoiren schrieb. Also wählte das Mädchen einen Beruf, für den ihre Her-kunft keine Rolle spielte: Schauspielerin. Nach rund einem Jahr Unterricht am Breslauer Stadttheater gelang ihr der Karrieresprung an das Lessing-Theater in Berlin, mit dem sie bis nach Moskau tourte. 1902 lernte sie – in einer Künstlerkneipe, wie Dahl vermutet – den dreißig Jahre älteren und bereits berühmten Bildhauer und Bühnenbildner Max Kruse kennen, den »schönsten Mann von Berlin«, wie sie schrieb. Schon ein Jahr später wurde Tochter Maria, genannt Mimerle, geboren. Ans Heiraten dachte Max jedoch nicht. Er schwärmte von der freien Liebe und glaubte, die Ehe schade seiner Kreativität. Auch als Käthe mit der zweiten Tochter, Sofie, schwanger war. Da packte sie kurzerhand ihre Sachen und zog mit dickem Bauch, Mimerle und ihrer Mutter in die Aussteiger- und Künstlerkolonie Monte Verità in der italienischen Schweiz. Und hier entstand, eher zufällig, die erste Puppe.

Mimerle wünschte sich von ihrem Vater aus Berlin eine Bambola, die sie bei anderen Kindern in Ascona gesehen hatte. Max Kruse soll geantwortet haben: »Nee, ick koof euch keene Puppen. Ick find se scheißlich. Macht euch selber welche.« Also schnitzte die Mutter aus einer Kartoffel einen Kopf, umspannte ihn mit Stoff, nähte einen Körper und füllte ihn mit Sand. Mimerle war begeistert. »Das war das Samenkorn, das mein Mann gelegt hat«, schrieb Käthe Kruse später.
»Damals waren Puppen kleine Damen«, weiß Thomas Dahl, »mit empfindlichen Porzellanköpfen, viel Plüsch, Regenschirmchen und geschminkten Gesichtern.« Zum Spielen waren sie nicht geeignet, zum Schmusen sowieso nicht. Käthe Kruse dagegen wollte ein Kind für ein Kind schaffen, einen Begleiter, der mit im Bett liegen und auch mal auf den Boden fallen konnte. Sie begann zu experimentieren. Und schuf schließlich einen Kopf ganz aus Stoff, das Gesicht in einer Gipsform mit Harzkleber zur Maske geformt und mit Ölfarben geschaffen, die Haare auf dem Hinterkopf aufgemalt.

Als 1909 die dritte Tochter, Johanna, geboren wurde, heiratete Kruse Käthe endlich und sie zog zu ihm in das Künstlerhaus in der Fasanenstraße nach Berlin. »Das bedeutete einen enormen sozialen Aufstieg: Aus der armen Halbwaisen wurde die Frau Professor!«, sagt Dahl: »Geld blieb trotzdem ein Problem. Max hatte einen tollen Ruf, aber nichts zu beißen.« Also nahm die Frau Professor die Versorgung ihrer Familie selbst in die Hand.

Produktion überdauert zwei Weltkriege

Als sie 1910 ihre Puppen erstmalig bei der Ausstellung Spielzeug aus eigener Hand im Kaufhaus Tietz vorstellte, wurden sie von der Presse als das »Ei des Columbus« gefeiert. Ein erster Auftrag aus den USA über 150 Puppen flatterte ins Haus. Die Küche der Kruses wurde zur Werkstatt, ein Maler und mehrere Näherinnen arbeiteten hier bis tief in die Nächte. Für den Folgeauftrag von 500 Stück suchte sie sich 1912 eine Werkstatt in Potsdam. Später zog sie mit ihren Kindern nach Bad Kösen bei Naumburg/Saale.

Es folgten sehr produktive Jahre mit zwischenzeitlich über 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Käthe Kruse Manufaktur in Bad Kösen. Täglich nach Feierabend überprüfte die Chefin hier persönlich alle neugefertigten Puppen, erzählt Dahl. Berüchtigt waren die Zettelchen, die sie an misslungene Puppen hing: »Die Puppe sagt 55«, stand da, wenn der Mund zu klein war. Oder »Dies ist ein rechtes Schielböckchen«, wenn die Augen nicht gut gemalt waren. Immer neue Puppen entwarf Kruse, das Schlenkerchen speziell für Puppenstuben, das Träumerchen und 1928 auch die erste Puppe mit Echthaar: Das deutsche Kind, mit einem Kopf, der dem sechsten von sieben Kindern, Sohn Friedebald, nachemp-funden war.

Die Ehe der Kruses funktionierte vor allem als Fernbeziehung gut. Max Kruse lebte mittlerweile auf Hiddensee, Käthe widmete sich in Bad Kösen ganz der Vermarktung ihrer Puppen. »Sie war ein PR-Genie!«, schwärmt Thomas Dahl. Als ihre eigene Vertreterin reiste sie ständig zu potenziellen Großab-nehmern und präsentierte ihre Puppen auf Messen wie der Pariser Weltausstellung 1937. Sie gab Radiointerviews, schrieb für die Familienillustrierte Gartenlaube und ließ Postkarten mit Fotos von ihren Puppen drucken. Auch den Flirt mit den Nationalsozialisten scheute sie nicht. Im Firmenkatalog von 1937 erschien Das deutsche Kind in HJ-Uniform mit »Stahlhelmen« aus Leder oder Krankenschwester-Kleidung. Trotzdem sei ihr die Ideologie fremd geblieben, ist Dahl überzeugt. Die Puppen verschwanden bereits nach einem halben Jahr wieder aus den Katalogen und Kruse weigerte sich, ihre halbjüdischen Mitarbeitenden zu entlassen.

Allen Lieferengpässen zum Trotz überstand ihre Manufaktur zwei Weltkriege. Und auch für die Nachkriegszeit in der sowjetischen Besatzungszone hatte die clevere Geschäftsfrau vorgesorgt. Sohn Max leitete eine Filiale in Bad Pyrmont, Sohn Michael eine in Donauwörth und Tochter Sofie, genannt Fifi, schmuggelte im Zug Koffer voller schwer erhältlicher Materialien und Puppen zwischen den drei Besatzungszonen hin und her. 1950 wurde der Betrieb in Bad Kösen enteignet und Käthe Kruse floh aus der frisch gegründeten DDR. Die Familie konzentrierte die Produktion dann in Donauwörth.

Bis heute wird hier in der Käthe-Kruse-Manufaktur nach dem Vorbild der Gründerin jede Puppe einzeln genäht, bemalt und bekleidet, handgefertigt gemäß Kruses Motto: »Die Hand geht dem Herzen nach, denn nur die Hand kann erzeugen, was durch die Hand wieder zum Herzen geht.« Mittlerweile hat die Tochtergesellschaft des Spielzeugherstellers Toynamics allerdings nur noch zwölf statt 250 Mitarbeitende. Die Zukunft der Käthe-Kruse-Puppe als Sammlerstück sieht nicht rosig aus. Die betagten Sammlerinnen der 1980er Jahre sterben nach und nach. Der Markt ist überschwemmt mit ihren Puppen, die Preise sinken.
Für die Puppenkünstler aus Donauwörth gibt es trotzdem Hoffnung. Denn Käthe Kruse war und bleibt legendär. Massenware aus China ist out, junge Eltern suchen nachhaltige Alternativen. Vielleicht, so hoffen die Angestellten der Manufaktur, erfasst der Trend ja auch ihre Puppen. Und dann würde sie auch endlich wieder zu dem, was die resolute Schlesierin eigentlich schaffen wollte: ein Kind dem Kinde!