Die schlesischen und masurischen Wurzeln des Fußballs im Ruhrgebiet. Von Jan Mohnhaupt
Mai/Juni 2021 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1423
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Im Berliner Poststadion tragen der FC Schalke 04 und der 1. FC Nürnberg das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1934 aus. Schalke gewinnt mit 2:1. Und Ernst Kuzorra und Fritz Szepan werden zu Legenden. Nach dem Spiel tragen Zuschauer Spieler von Schalke vom Spielfeld. Foto: © Ullstein Bild

Über Generationen hinweg prägten Einwanderer aus den deutschen Ostgebieten das Ruhr-gebiet. Waren es anfangs zumeist Arbeitssuchende aus Masuren und Ostpreußen, kamen inder Zeit des Kalten Krieges vor allem Aussiedler aus Schlesien. Ihre Kinder fanden im Fußball eine Gelegenheit, gesellschaftlich aufzusteigen. Ohne sie wären viele der sportlichen Erfolge im tiefen Westen wie in der Bundesliga nicht möglich gewesen. Eine Migrationsgeschichte voller Flankenwechsel von Ost nach West.

Der Erfolg, heißt es, habe viele Väter; der Misserfolg aber sei ein Waisenkind. Selten hat sich dieses Sprichwort auf so absurde Weise bewahrheitet wie im Sommer 1934. Am 24. Juni gewinnt der FC Schalke 04 in Berlin das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Noch nie zuvor hat ein Verein aus dem Ruhrgebiet diesen Titel errungen. Schalke ist seit den späten zwanziger Jahren die dominante Mannschaft im Westen. Mit ihrem technisch anspruchsvollen Kurzpassspiel, dem sogenannten »Schalker Kreisel«, begeistert sie die Massen. Und nun ist sie auch auf nationaler Ebene spitze.

Fußball und Bergarbeiter-Romantik sind im Ruhrgebiet aber auch in Oberschlesien aufs engste verknüpft, wie hier auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage Zeche Consolidation in Gelsenkirchen. Foto: ©  IMAGO/Jochen TackFußball und Bergarbeiter-Romantik sind im Ruhrgebiet aber auch in Oberschlesien aufs engste verknüpft, wie hier auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage Zeche Consolidation in Gelsenkirchen. Foto: © IMAGO/Jochen Tack

Die Nachricht vom Triumph der Elf um die Torschützen Ernst Kuzorra und Fritz Szepan macht schnell die Runde, auch über die Landesgrenzen hinaus. Zwei Tage später vermeldet das polnische Sportmagazin Raz Dwa Trzy den Finalsieg und behauptet, dass unter den Schalker Meisterspielern »einige Polen« seien. Vier Tage danach titelt die Sportzeitung Przeglad Sportowy unverhohlen: »Die deutsche Meisterschaft in den Händen der Polen.« Mehrere polnische Zeitungen greifen die Nachricht auf und die deutschen reagieren. Das Fachblatt Kicker fordert sofort eine Klarstellung vom Verein, die auch bald folgt. In den Gelsenkirchener Zeitungen erscheint ein offener Brief der Vereinsführung. Unter der Überschrift »Alles deutsche Jungen« sind die Geburtsdaten der Schalker Spieler und ihrer Eltern detailliert aufgelistet. Neun der 13 aufgeführten Spieler haben masurische Vorfahren, sie stammen vor allem aus den ostpreußischen Landkreisen Osterode/Ostróda und Neidenburg/Nidzica; die Eltern von Verteidiger Ferdinand Zajons sind aus dem schlesischen Ratibor/Racibórz zugewandert. Damit sei »einwandfrei zu ersehen«, schreibt die Schalker Klubführung »dass die Eltern unserer Spieler sämtlich im heutigen oder früheren Deutschland geboren und keine polnischen Emigranten sind.«

Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zogen vermehrt Einwanderer aus dem damaligen Osten des Deutschen Reiches in den tiefen Westen, um im Ruhrbergbau Arbeit zu finden. Rund eine halbe Million Menschen sind so von Ost nach West gezogen. Im Fußball würde man von einem Flankenwechsel sprechen. Und gerade im Fußball, der sich nach dem Ersten Weltkrieg zum Massensport entwickelt, finden die Kinder der Einwanderer eine Möglichkeit, gesellschaftlich aufzusteigen.

Die Erfindung eines neuen Volkes

Die Masuren stellen zu dieser Zeit eine der größten Zuwanderergruppen dar. Durch den Nachzug von Nachbarn aus ihren einstigen Dorfgemeinschaften wuchs ihre Zahl bis zum Ersten Weltkrieg auf 180.000 an. Anders als die Polen, die in der Mehrheit katholischen Glaubens sind, sind sie protestantisch und seit jeher preußentreu.

Dennoch wurde die Elterngeneration der Szepans und Kuzorras alles andere als freundlich empfangen. »Die Einwanderer mit polnischen Namen wurden allesamt als ›Polacken‹ beschimpft«, sagt Diethelm Blecking, pensionierter Professor für Sportgeschichte an der Universität Freiburg. »Ganz egal, ob Polen, Masuren oder Schlesier, die Einheimischen haben sie alle in einen Topf geworfen.« Um den alltäglichen Anfeindungen zu entgehen und sich von den Polnischstämmigen abzugrenzen, legten sich viele Zugezogene deutsche Namen zu, so auch Emil Czerwinski, Mitglied der Meisterelf von 1934. In besagtem offenen Brief taucht er als Emil Rothardt auf.

Noch in den zwanziger Jahren hing Schalke 04 der Ruf des »Polacken-und Proletenklubs« an. Davon wollen die Vereinsfunktionäre nach der gewonnenen Meisterschaft nichts mehr wissen: Ihre Spieler seien »alle im westfälischen Industriebezirk geboren«, heißt es in dem Brief weiter. Alles »deutsche Jungen« also.

Beim DFB-Pokalfinale 2010/2011 spielt der FC Schalke 04 im Olympiastadion Berlin und die Schalker Fans haben den Namen von Torwart Manuel Neuer durchgestrichen, und damit aus der Liste der Schalker Legenden Ernst Kuzorra und Fritz Szepan gestrichen. © IMAGO / MISBeim DFB-Pokalfinale 2010/2011 spielt der FC Schalke 04 im Olympiastadion Berlin und die Schalker Fans haben den Namen von Torwart Manuel Neuer durchgestrichen, und damit aus der Liste der Schalker Legenden Ernst Kuzorra und Fritz Szepan gestrichen. Foto: © IMAGO / MIS

Dass sich die Schalker damals bemüßigt fühlen, so detailliert die Wurzeln ihrer Spieler zu belegen, liegt an der politischen Situation. Anderthalb Jahre zuvor sind bekanntlich die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Und das NS-Regime nutzt den Fußball gern als Propagandafeld. Die Erfolge der aufstrebenden Schalker Mannschaft werden als »Triumphe der Arbeiterklasse« gedeutet. Zudem machen sich die Nationalsozialisten die masurischen Wurzeln vieler Schalker Spieler zunutze. Fortan sehen die NS-Rassenideologen im Revier nur noch Masuren. Denn diese gelten als »Volksdeutsche« und daher als nach »ihrer Kultur und Denkungsart rein deutsch«. Ziel der Nationalsozialisten ist es, ein neues »Ruhrvolk« zu schaffen, in dem die verschiedenen Volksgruppen aufgehen. Assimilation um jeden Preis.

Schlesische Spurensuche

Nicht nur beim FC Schalke prägen damals die Nachfahren von Einwanderern aus dem Osten das Bild. Bei Rot-Weiss Essen hat Ende der dreißiger Jahre jedes zehnte Mitglied einen polnischen Nachnamen. In Hamborn – heute ein Stadtteil im Duisburger Norden, damals noch eine eigenständige Großstadt – steht sogar ein einziger Spieler über Jahre symbolisch für einen ganzen Klub: Josef Rodzinski, dessen Familie ursprünglich aus der Nähe von Posen/Poznań stammte, wurde 1907 in Hamborn geboren und stieg beim SV Hamborn 07 zum deutschen Nationalspieler auf. Sein Heimatverein war in den dreißiger Jahren neben Schalke 04 einer der erfolgreichsten Klubs im Westen. Dennoch ist in der Presse damals oft bloß von der »Rodzinski-Elf« die Rede, wenn eigentlich Hamborn 07 gemeint ist.

Bis zum Zusammenbruch des »Dritten Reiches« bestimmen vor allem Ostpreußen, Masuren und Menschen aus dem Posener Raum das Bild der Einwanderer. Ihre Spuren lassen sich vergleichsweise leicht nachvollziehen, anders sieht es hingegen bei den Schlesiern aus. Eine Ausnahme bildet wohl Georg Gawliczek, der 1919 in Schillersdorf/Šilheřovice im Hultschiner Ländchen geboren wurde. Seine Jugend verbringt er beim Meidericher SV, dem späteren MSV Duisburg, bevor er Mitte der vierziger Jahre zum FC Schalke wechselt.

Erst nach dem Kriegsende 1945 habe der große Zuzug aus Oberschlesien begonnen, wie der Journalist Thomas Dudek erläutert. »Das oberschlesische Kohlerevier war ja ebenfalls ein wichtiger und florierender Industriestandort im Deutschen Reich.« Einer der ersten Neuankömmlinge dürfte Georg Rudinger gewesen sein, der eigentlich Georg Rudzki heißt. Er hat schon in seiner oberschlesischen Heimatstadt Gleiwitz/Gliwice Fußball gespielt, bevor er im Verlauf des Krieges über Königsberg/Kaliningrad und Schleswig-Holstein schließlich 1948 nach Gelsenkirchen gelangt, wo er ein halbes Jahr lang für Schalke spielt.

In Oberschlesien hält sich zudem bis heute die Legende, dass der in Duisburg geborene Nationaltorhüter und Weltmeister von 1954, Toni Turek, schlesische Vorfahren habe. Zumindest hat dies Pawel Czado, einer der besten Kenner des oberschlesischen Fußballs, 2014 in einem Artikel für das Fußballmagazin Kopalnia erwähnt, aber sogleich zugegeben, dass es dafür bislang keine Belege gebe. Diese Betonung der oberschlesischen Wurzeln berühmter deutscher Fußballer habe vor allem identitätspolitische Gründe, sagt Journalist Dudek, »in Oberschlesien ist man seit 1945, nachdem ganz Oberschlesien Teil des polnischen Staates wurde, stark darum bemüht, die eigene Andersartigkeit im Vergleich zu Polen zu betonen«. Dudeks weitere Einschätzung: »Nach der politischen Wende 1989 bekam diese Entwicklung sogar eine neue Dimension, indem man die Multikulturalität der Region betont und bei Volkszählungen als Nationalität ›schlesisch‹ angibt.« Auch der Fußball diene dabei als Projektionsfläche.

Adamik, der Abgott von Sodingen

Schlagen wir einen Rückpass ins Ruhrgebiet der fünfziger Jahre. Fast eine halbe Million Menschen arbeitet damals im Bergbau, so viele wie nie zuvor und nie mehr danach. Es ist die goldene Zeit der Oberliga West, von deren 16 Mannschaften zehn aus dem Ruhrgebiet kommen. Viele davon sind sogenannte Vorortvereine, die im Umfeld einzelner Bergwerke entstanden sind und sowohl ihre Spieler als auch Anhänger aus dem direkten Umfeld der Zechen anziehen. Der SV Sodingen aus Herne ist einer dieser frühen »Werkklubs«. Im Schatten des Förderturms der Zeche »Mont Cenis« macht er seit Anfang der fünfziger Jahremit kampfbetontem und erfolgreichem Fußball von sich reden. 1952 steigen die Sodinger in die höchste Spielklasse auf. Wegen ihres Spielstils mit weiten, hohen Bällen nennt Bundestrainer Sepp Herberger sie die »einzige deutsche Elf, die englisch spielt«. Ihre Aufstellung klingt eher polnisch.

Ähnlich wie beim FC Schalke in den dreißiger und vierziger Jahren bilden auch beim SV Sodingen die Nachfahren von Einwanderern aus den Ostgebieten den Kern der Mannschaft. Als der SVS 1955 überraschend die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft erreicht, stehen in der Stammelf sechs Spieler, deren Namen polnischen Ursprungs sind. Drei von ihnen – Torwart Günter Sawitzki, Verteidiger Leo Konopczynski sowie Stürmer Hans Cieslarczyk – laufen später auch für die DFB-Auswahl auf. Doch die alles überragende Figur dieser Zeit ist Spielertrainer Johann Adamik. Über ihn kursiert die Anekdote, dass er so beliebt gewesen sei, dass sich der Pfarrer der örtlichen Gemeinde eines Tages in der Messe über »das heidnische Volk« aufgeregt habe, das »nie von Gott, sondern immer nur von Adamik redet«.

Ein sportlicher Titel bleibt den Sodingern verwehrt, doch sie halten sich mehrere Jahre in der Oberliga. Ende des Jahrzehnts beginnt ihr allmählicher Abstieg, parallel zum Niedergang der Montanindustrie. Die Zeche »Mont Cenis« macht 1978 dicht. Doch an den Abgott Adamik erinnert bis heute der Name jener Straße, die vorbei am alten Zechengelände zum Sodinger Stadion führt.

Von »Schimmi« bis zur »Zaubermaus«

In den folgenden Jahrzehnten prägen Zuwandererkinder den Fußball im Revier so nachhaltig, dass der Klang ihrer Namen bald selbstverständlich und sogar zum Klischee wird. Sei es nun der Dortmunder Hans Tilkowski, der Schalker Reinhard Libuda oder der Italien-Legionär Horst »Schimmi« Szymaniak aus Erkenschwick. Dessen Name dient später sogar als Vorlage für den Duisburger Tatort-Kommissar Horst Schimanski, der vielleicht mehr noch als alle Fußballer dazu beigetragen hat, das Polenbild der Westdeutschen aufzupolieren.

Ab den siebziger Jahren ziehen vor allem Aussiedler aus Oberschlesien ins Ruhrgebiet. In Bochum sorgt gleich eine ganze Reihe von ihnen dafür, das Ansehen des VfL Bochum aufzuwerten. Den Anfang macht Peter Peschel. Geboren 1972 im oberschlesischen Neustadt/Rudnik zieht er als Fünfjähriger mit seiner Familie ins westfälische Bönen. Über die Jugendmannschaften des BVB kommt er zum VfL Bochum, für den er ab 1990 fast 250 Bundesliga-spiele bestreitet. Einen etwas längeren Umweg nimmt Dariusz Wosz, geboren 1968 in Deutsch Piekar/Piekary Śląskie. Seine Familie gelangt zunächst nach Halle an der Saale, wo er zum DDR-Nationalspieler wird. Nach der Wende wechselt er nach Bochum und erspielt sich in rund 350 Spielen den Spitznamen »Zaubermaus«. Mit Peschel und Wosz feiert der VfL 1997 seinen bis dahin größten Erfolg, den Einzug in den Europapokal.

Sieben Jahre später gelingt das Kunststück erneut. Diesmal stehen neben Wosz mit Paul Slawomir Freier und Thomas Zdebel zwei weitere gebürtige Oberschlesier auf dem Platz. Vor allem Zdebel, geboren 1973 in Kattowitz/Katowice als Sohn eines Bergmannes, stellt damals die ideale Mischung aus technischer Klasse und harter Arbeit dar. »Ich bin neben Stahlhütten und Zechen aufgewachsen«, sagt er 2007 dem Sportmagazin Reviersport und dürfte sich damit der Sympathien aller Ruhrpott-Folkloristen und Maloche-Melancholiker sicher gewesen sein.

Bis heute halte sich der Mythos vom Fußball »als Motor der Integration im Ruhrgebiet«, schreibt die Historikerin Britta Lenz in einem Beitrag 2014. Dabei habe das Bild der Region die Zuwanderer nur insofern integriert, »als es sie soweit wie möglich unsichtbar machte«.

Eine Litfaßsäule mit dem alten Plakat der »Eurofighter« von 1997 vor dem Stadion auf Schalke, oben Martin Max. Außerdem: Youri Mulders, Marc Wilmots, Johan de Kock und Olaf Thon. Foto: © Jan MohnhauptEine Litfaßsäule mit dem alten Plakat der »Eurofighter« von 1997 vor dem Stadion auf Schalke, oben: Martin Max. Außerdem: Youri Mulders, Marc Wilmots, Johan de Kock und Olaf Thon. Foto: © Jan Mohnhaupt

Ein Beispiel dazu liefern einmal mehr die Schalker. Im Mai 1997 spielen sie gegen Inter Mailand um den Gewinn des UEFA-Cups. Im Elfmeterschießen führen sie 2:1. Als nächster legt sich Stürmer Martin Max den Ball zurecht. »Martin, der Junge aus Recklinghausen«, kommentiert Fernsehreporter Werner Hansch die Szene. In Recklinghausen hat Max tatsächlich seine Karriere begonnen. Geboren wurde er jedoch 29 Jahre zuvor im oberschlesischen Tarnowitz/Tarnowskie Góry. Womöglich hat Hansch es nicht gewusst, womöglich ist es aber auch ein weiterer Beweis für die stillschweigende Anpassung vieler Aussiedler. Wie auch immer. Auf Schalke würde man wohl dagegenhalten: Ob Recklinghausen oder Schlesien – Hauptsache Schalker.