Der Schienenstrang zum Seehafen der Habsburger Monarchie in Triest, eröffnet im Juli 1906, existiert noch bruchstückhaft und hat Wandlungen erfahren. Eine Kreuzfahrt der besonderen Art lässt den Touristen Slowenien und das angrenzende Istrien entdecken: Im Mittelpunkt der Fahrt – die Wocheinerbahn. Von Ulrich Miksch
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Im mondänen Seebad Opatija fand die Rivieria der Donaumonarchie ihre spektakulärste Ausprägung.© Falk2/wiki commons

Als der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 19. Juli 1906 in Aßling/Jesenice die Eröffnungsfahrt der Wocheinerbahn mit großem Gefolge bis Triest antrat, sprach er auch auf slowenisch: »Möge der neue Schienenweg mit Hilfe Gottes dem Lande Krain und seiner Bevölkerung förderlich sein.« Der damalige Eisenbahnminister Cisleithaniens von Derschatta präzisierte die Bauanstrengung: »Mit der heute zur Eröffnung gelangenden Strecke Aßling-Triest ist tatsächlich die zweite Eisenbahnverbindung des Binnenlandes mit Triest hergestellt.«

Die 220 Meter lange Salcanobrücke, deren erster Bau im 1. Weltkrieg zerstört wurde. Foto: © Ulrich MikschDie 220 Meter lange Salcanobrücke, deren erster Bau im 1. Weltkrieg zerstört wurde. Foto: © Ulrich Miksch

Über Veldes/Bled, Wochein-Feistritz/Bohinjska Bistrica, Santa Lucia-Tolmein/Most na soci, Görz/Nova Gorica, wo überall Halte zur Feier mit der örtlichen Bevölkerung eingelegt wurden und die Strecke in Augenschein genommen werden konnte, ging es schließlich auf dem neuen Weg nach Triest, wo der Erzherzog auch auf Italienisch die versammelte Festschar ansprach: »Ich spreche nun den Wunsch aus, dass die Bürger dieser Stadt durch tüchtige Arbeit […] sowie durch treue Anhänglichkeit an seine Majestät unserem erhabenen Herren und Kaiser das begonnene Werk zu gedeihlicher Entwicklung bringen mögen.« Nach der Inbetriebnahme weiterer Strecken, die die Anbindung des Hafens von Triest vor allem für die Böhmischen Länder und Süddeutschland verbessern sollte, blieben dieser Bahnlinie nur wenige Jahre, um die bei der Eröffnung beschworenen Vorteile zu nutzen. Mit dem Eintritt Italiens in den Krieg gegen die Mittelmächte 1915 waren es vor allem die zweieinhalb Jahre dauernden Kämpfe am Isonzo mit insgesamt zwölf Schlachten, die die Wocheinerbahn zur militärischen Nachschublinie degradierten. Mindestens eine halbe Million tote Soldaten auf italienischer und habsburgischer Seite waren zu beklagen. Darunter auch viele Deutsche aus den Böhmischen Ländern. Nicht zuletzt dafür steht Josef Hofbauer. Der gebürtige Wiener, den Josef Seliger 1910 nach Teplitz-Schönau/Teplice holte, schrieb als sudetendeutscher Sozialdemokrat – in Ergänzung zu Erich Maria Remarques Im Westen nichts neues – den Antikriegsroman Der Marsch ins Chaos. Österreichs Kriegsbuch von der italienischen Front (1930), in dem Hofbauer seine Erfahrungen am Isonzo verarbeitete.

Mit umgebauten Erste Klasse-Wagen aus den 1960er bis 1980er Jahren bietet der »Classic Courier« seit 2002 sogenannte Schienenkreuzfahrten an, wobei gelegentlich Busfahrten die nie vorhandenen oder mittlerweile fehlenden Schienenstränge überbrücken helfen. Eine Reise ist die seit einigen Jahren jeweils im Frühjahr und Herbst veranstaltete Fahrt auf der Wocheinerbahn, die aus Deutschland und Österreich nach Slowenien führt mit Abstechern ins habsburgische Bäderparadies Opatija und in die diesjährige europäische Kulturhauptstadt Fiume/Rijeka.

In Berlin, die Abfahrt vom Hauptbahnhof eingebettet in den alltäglichen Ost-Westverkehr, startet der Zug und vollführt einen Zickzack-Kurs mit Einstiegsmöglichkeiten an vielen mittelgroßen Bahnhöfen. Immer gemächlich unterwegs geht es über Magdeburg und Halle die alte IC-Zugstrecke durchs Thüringer Schiefergebirge über Nürnberg nach München und schließlich Salzburg, wo ein erster Reisetag seinen Abschluss findet. Nach einer vormittäglichen Stadtbesichtigung startet der Zug mit vorläufigem Ziel Aßling. Auf meist neugebohrten Streckenabschnitten werden die Alpen in Österreich durchfahren. In Villach hält man nochmals kurz, dann ist Slowenien erreicht. Nach einem kurzen Aufenthalt, der einem Lokomotivwechsel geschuldet ist, beginnt die Fahrt auf der Wocheinerbahn, auf der slowenische Eisenbahnfreunde auch Nostalgiefahrten mit Dampflokomotiven betreiben. Die eingleisig betriebene Strecke, die planmäßig nur lokalen Personenverkehr kennt, aber für den Güterverkehr wohl bedeutender ist, fordert immer wieder Halte für den Sonderzug. Lang steht der Zug auch in Wochein-Feistritz direkt vor dem längsten Tunnel der Strecke mit über sechs Kilometer Länge, der 1906 die Grenze der Krain überfuhr ins benachbarte Küstenland mit dessen Hauptort Triest. Heute bleibt man auch nach der Tunnelfahrt in Slowenien und fährt entlang des smaragdgrün leuchtenden Wassers des Isonzo, wechselt die Talseite auf der imposanten Salcanobrücke und erreicht schließlich Görz, den slowenischen Endpunkt auf der alten Strecke. Ein imposanter Bahnhofsbau, fast noch im Originalzustand seiner Eröffnung, empfängt die Reisenden. Und auf den Vorplatz grüßt schon Italien./p>   Seit 2007 ist Slowenien auch Mitglied des Schengen-Raums. An den ehemaligen Eisernen Vorhang erinnern nur noch Denkmäler. Foto: © Ulrich Miksch Seit 2007 ist Slowenien auch Mitglied des Schengen-Raums. An den ehemaligen Eisernen Vorhang erinnern nur noch Denkmäler. Foto: © Ulrich Miksch

Der eiserne Vorhang trennte Nova Gorica von Gorizia zwischen 1947 bis 2004. Erinnerungspunkte weisen den Reisenden darauf hin. Und auch die Isonzofront ist präsent: Ein „Weg des Friedens von den Alpen bis zur Adria“ führt über den Bahnhofsvorplatz. Er ist vor allem für Wanderer und Radfahrer konzipiert. Soldatenfriedhöfe, Schützengräben, Kapellen, Freilichtmuseen und andere Mahnmale erinnern an dem etwa 90 Kilometer langen Weg an die vor allem von den Einwohnern dieses Landstriches erlittenen Verheerungen. Er soll anregen über den Wert des Friedens und gemeinsame europäischen Perspektiven nachzudenken, die mit dem Beitritt Sloweniens zur EU 2004 eine stabile Perspektive bekommen haben.

Nach Stunden setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Nun fährt er auch auf völlig neuen Gleisen Koper, dem Hafen Sloweniens, entgegen. Ein Relikt der jugoslawischen Periode nach dem 2. Weltkrieg, in der sich Tito zuerst Triest sichern wollte, aber leer ausging. So brauchte Jugoslawien einen eigenen Adriahafen mit Schienenanschluss und errichtete zwischen 1964 und 1967 eine höchst anspruchsvolle 31,5 Kilometer lange Stichstrecke: die Koper-Bahn. Mittlerweile ist sie eine lukrative Güterbahn, die nach einem zweigleisigen Ausbau lechzt und mit EU-Mitteln auch geplant ist.

In Koper warten Busse und bringen die Reisegruppe nach Rosenhafen/Portoroz. Von dort starten Ausflüge unter anderem ins Gestüt Lipica, der Herkunftsort der berühmten Lipizzaner – ein slowenisches Identitätssymbol, das auf die Zugehörigkeit zur früheren Habsburger Monarchie hinweist. Oder ins mondäne Seebad Opatija im kroatischen Istrien, wo die österreichische Riviera Denkmal Opatija. Foto: © Ulrich MikschDenkmal Opatija. Foto: © Ulrich Mikschder Donaumonarchie ihre spektakulärste Ausprägung fand. Die Fremdenführerin führt den Touristentross ein Stück der Franz-Joseph-Promenade, die erst seit 1996 so heißt, entlang, erzählt von Otto von Habsburg, der öfters zu Besuch war und die einheimische Bevölkerung durch die örtliche Aussprache von Abbazia begeisterte. Sie führt uns in die Sankt Jacobs Kirche, an den Ort der Gründung der Ansiedlung: eine Benediktiner-Abtei 1420 begründete Opatija (kroatisch »Abtei«). Davor in einem kleinen Park Grabsteine, Grablichter und Blumen. Im Gedenken an die Opfer der Balkankriege der 1990er Jahren. Auch das im Bewusstsein der heute wieder häufig im Kaisergelb leuchtenden Stadt. Im Stadtpark die Büste Friedrich Julius Schüler (1832–1894), Generaldirektor der Südbahngesellschaft ab 1878, der ganz im Sinne der Erschließung der Sommerfrische im Semmering auch den »Winter Curort und Seebad Abbazia« wesentlich prägte.

Mit Bussen geht es über die slowenische Hauptstadt Laibach/Ljubiljana, das mit seinen Bauten ganz wie eine österreichische Stadt mit Jugendstilgebäuden und späteren Arbeiten des Otto Wagner-Schülers und gebürtigen Laibachers Joze Plecnik wirkt, nach Veldes, wo die Bahn einen Haltepunkt hat. Bled am Veldeser See, dem größten Binnensee Sloweniens der mit seiner geschützten Lage durch die umliegenden Berge ein mildes Klima hat, ist eine mittelalterliche Gründung wofür die Burg auf einem freistehenden Felsen 139 Meter über dem See sichtbares Zeichen ist. Seinen Aufstieg zum Kurort begann durch den Schweizer Arzt namens Arnold Rikli, der mit Naturheilverfahren experimentierte und sich 1854 in Veldes ansiedelte. Zu den größten Anhängern des Lebensreformers zählte in seinen letzten Lebensjahren auch der in Schönau/Šanov geborene Polarforscher und Maler Julius von Payer, der immer im Sommer auf Kur nach Veldes fuhr, wo er 1915 einem Herzanfall erlag. Bei einem Rundgang um den See erschließen sich einem die Besonderheiten der Landschaft. Zur Kur und zu diplomatischen Händeln (im August 1935 fand hier eine Konferenz der Kleinen Entente – Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien – statt) fuhren nach 1918 nicht nur die jugoslawische Königsfamilie, sondern auch Tito nutzte nach 1945 eine riesige, noch immer abgesperrte Residenz, an der man vorbeiläuft. Und gleich neben einer zur Badeanstalt hergerichteten Bucht findet sich auch ein Olympisches Rudersportzentrum, aus dem slowenische Medaillengewinner entstammen. Mitten im See gibt es eine kleine Insel mit einer Marienkirche darauf, zu der man mit Hilfe offener Holzboote, den Pletnas, fahren kann. Der Charme der kleinen Kurstadt am Fuße der Julischen Alpen ist beim Schlendern durch die Parkanlagen zu spüren. Sie schließt eine einwöchige Schienenkreuzfahrt ab, in die Geschichte der Monarchie und was daraus wurde.

Der Artikel erschien bereits in abgewandelter Form in der Sudetendeutschen Zeitung.