Das Magazin, das im Frühjahr 2006 mit dem Schwerpunktthema »Alte Hüte« auf den Markt kam, stellt 2026 sein 20. Jubiläum unter das Motto »Türhüter« und dieser Wächterfigur widmet – wie immer facettenreich aufbereitet – ein umfangreiches Heft mit Beiträgen von Ralph Bollmann, Pascale Cancik, Hanna Engelmeier, Leonhard Horowski, Eva Horn, Jürgen Kaube, Racha Kirakosian, Florian Meinel, Steffen Mau u. a. Im Editorial wird pointiert festgehalten, der Türhüter, dessen oft recht subtil ausgeübte Macht wir auch im 21. Jahrhundert zu spüren bekommen, sei eine »janusköpfige soziale Figur«, eine »mysteriöse, selten wohlwollende Figur«. Das lässt sich anhand von Tobias Schenks Beitrag Schwellen der Entmutigung. Rechtshistorische Anmerkungen zu Kafkas Türhüter-Parabel aufs Trefflichste belegen.
»Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne.« Jeder literaturbeflissene Mensch kennt diese Zeilen. Mit ihnen hebt Kafkas Geschichte Vor dem Gesetz an. Enden wird sie absurd-tragisch: Ohne sich etwas vorwerfen zu müssen, zerstört der Türhüter das Leben eines Menschen. »Das ist ja bloß Literatur«, könnte man ausrufen. Doch Tobias Schenk gelingt es in seinem Aufsatz aufzuzeigen, wie realistisch dieses Szenario mit seinen Akteuren ist und verweist auf Fakten aus einer längst verflossenen Zeit – auf Gegebenheiten und Gepflogenheit vom 16. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, die über den Wiener Kaiserhof und dessen Gerichtsbarkeit Bände sprechen, nicht nur im metaphorischen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Die Bände lassen sich anfassen und konsultieren. Sie sind im Haus-, Hof- und Staatsarchiv am Wiener Minoritenplatz verwahrt. Es sind Akten und Protokolle des Reichhofrats – und man sollte sie lesen, empfiehlt der Autor, es gehe darin kafkaesk zu. Mit vielen Beispielen von »Männern und Frauen vom Lande« belegt er, wie das »Gesetz« in der Tat Menschenleben zerstört hat.
Seit der Frühen Neuzeit galt in Wien der Leitspruch: »Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt.« Kein Wunder, dass es kilometerlanger Regale bedurfte, um alle zu archivieren! Die Türhüter wurden an den Pforten von Gerichtshöfen postiert, um die »Schriftlichkeitsmaxime« durchzusetzen. Auf öffentliche und mündliche Verhandlungen wurde verzichtet und dafür hinter verschlossenen Türen ein Berg von Akten generiert, der den Menschen vorgaukeln sollte, es gebe unbestechliche Experten, die gerecht über Recht oder Unrecht entscheiden, und deren Urteil – den »Männern und Frauen vom Lande« ebenfalls schriftlich mitgeteilt – gerecht sei.
Doch weit gefehlt: In den meisten Fällen geschah nichts. Korruption und Vorteilsnahme waren in der »reichshofrätlichen Praxis« gang und gäbe. Die Perfidie und Bigotterie dieser Vorgehensweise und das unbotmäßige Handeln der Rechtsprechenden zu entlarven, traute sich niemand.»Über dem Fenster des Sitzungszimmers, in dem Generationen von Reichshofräten über all das Papier berieten, thront nicht etwa Justitia mit der Waage, sondern Fortuna«. Während die Hüter des Gesetzes in diesem Zimmer ihre juristische Willkürherrschaft genossen, verzweifelten die vom Land angereisten Frauen und Männer am – meist genauso herzlosen und korrupten – Türhüter. Eine der aufbewahrten Akten betrifft Johanna Katharina von Berg, die dem Reichshofrat um 1694 sogar mit Selbstmord drohte, sollte ihre Akte unberücksichtigt bleiben. Von einem gewissen Laurenz Schedel sind die eindringlichen Worte erhalten, das Gericht möge sich seiner Klage doch endlich annehmen, denn »leider kain lebenßmitel hab ich nicht (…). Ich waiß laider nicht, wie ich werde haim raißen. Die kälte thuet mir sehr weh im angesicht«. Dieser und weitere Fälle, die Tobias Schenk in den Archiven entdeckte, legen nahe, wie sich die Wirklichkeit im Nu in ein kafkaeskes Marionettentheater verwandeln kann und wie ein fiktiver Prozess die Realität genau einfängt.
»Vor dem Gesetz« steht ein Türhüter. Aber auch vor der Himmelspforte steht einer und das ist nicht irgendwer, sondern der Apostel Petrus höchstpersönlich. Er lässt nur jene herein, die reinen Herzens sind, und gibt zu verstehen, »dass die Tore des Himmelreiches allein für jene geöffnet würden, die zu Lebzeiten Nackte bekleidet hatten, die Hungrige speisten, die Durstigen zu trinken gaben, die Gefangene besuchten, die Fremde einluden«. Wer dies zu Lebzeiten unterließ, kann sich wenig erhoffen. Gnade hin, Gnade her. Selbst ein Papst kann abgewiesen werden – das zeigt Günther Wassilowsky mit einem Augenzwinkern in seinem Essay Wie Petrus einmal dem Papst den Zugang zum Himmel verwehrte. Ein lüsterner und machtgieriger Julius II. della Rovere (1443–1513, Papst ab 1503) hat es ja wohl auch nicht anders verdient!
Schade, dass diese heiligen Exklusionen auf die machtbesessenen Menschen unserer Tage nicht mehr sonderlich abschreckend wirken. In Ehrfurcht erstarren sie allerhöchstens noch vor einem »Bouncer«, einem Türsteher, der sich vor einem Technoclub an der wartenden Menschenschlange ergötzt. Doch die Unnachgiebigkeit dieser modernen Türhüter kommt heute feinsinniger zum Tragen: Die »Pythia des deutschen Ostens«, Barbara Thériault, Stadtschreiberin des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Lemburg/Lwiw im Jahr 2018, stellt uns diesen Typus in ihrem humorvollen Beitrag vor. Es handelt sich um eine scheinbar harmlose Figur, doch mit einer wuchtigen Texthüter-Präsenz: den Redakteur, der befugt ist, einen Text so zu verändern, dass er Eingang in ein Magazin oder eine Zeitung findet. Zwar meint er »in seiner sanften Sprache, ‚ganz wenig eingreifen und kürzen« zu wollen, doch die Realität sieht anders aus: »Er wird Dinge hinzufügen, die ich nie geschrieben hätte, Ausrufezeichen setzen, obwohl ich sie nie verwende. (…) Der Redakteur wird der Herausforderung gewachsen sein. Und ich? Ich werde alle Änderungen annehmen, auch die Ausrufezeichen! Es wird sein Text sein, doch darunter wird nur mein Name stehen.«
Viele weitere traurige, empörende oder belustigende Aspekte des Türhüters beleuchtet die Jubiläumsausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte. Ein Aspekt soll hier noch kurz Erwähnung finden, da er auf ein demokratisches Paradoxon unserer Tage hinweist: Ist Glas durchlässig – oder vielleicht doch nicht?
Die gläserne Reichstagskuppel in Berlin verweist auf die wohltuende Transparenz heutiger Entscheidungsprozesse. Glas könne suggerieren, »jeder Tag sei Tag der offenen Tür«, stellt Jan Werner Müller in seinem Beitrag Gatekeeper Demokratie fest. Er fügt allerdings realistisch hinzu: »Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich vor dem Besuch der Volksvertretung kenntlich machen; sie werden in den dem Reichstag vorgelagerten Containern sozusagen abgefangen und durch Metalldetektoren und über ‚Röntgenstrecken‘ geschickt, die man von Flughäfen kennt. Erst dann geht es durch die große Glastür in das von Paul Wallot entworfene Gebäude.« Ohne Sicherheitsvorkehrungen und ohne Zutrittsregeln kommt auch ein parlamentarisch-demokratischer Rechtsstaat nicht aus. Das wurde spätestens seit dem Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 offenkundig, so dass in der Jubiläumsausgabe ein Lob des Türhüters auch nicht fehlt. Gerade dieses Erwägen von Pro und Contra macht die Zeitschrift für Ideengeschichten seit 20 Jahren zu einem Leseerlebnis und zeigt eindrücklich Wie Ideen sich bewegen, wie auch der Essay vonFriedrich Wilhelm Graf lautet.
Türhüter. Zeitschrift für Ideengeschichte
Heft XX/2, Sommer 2026,
hg. v. Martin Mulsow, Stephan Schlak und Barbara Stollberg-Rilinger
C. H. Beck Verlag, München 2026, 128 S.
ISBN 978-3-406-84368-6