Artur Weigandt: Die Verräter. Eine Rezension von Ingeborg Szöllösi

Buchcover: Arthur Weigandt: Die Verräter»Misch dich nicht ein. Nicht in die Politik. Sei unsichtbar. Wer zu viel spricht, könnte sich verraten«, so das Credo der Eltern des Autors. Doch Artur Weigandt will in seinem Erstlingswerk genau das: etwas riskieren und die Sorge seiner Familie, »öffentlich Meinungen kundzutun«, hinter sich lassen. Als Journalist beherrscht er sein Handwerk; als »postsowjetischer Migrant« hat er den Hintergrund, um sich den »Kindern des Ostens« zu nähern. Deren bewährte Strategie durchbricht er und macht sich sichtbar: »Mein Name ist Artur Weigandt. Der Nachname ist deutsch. Der Vorname klingt deutsch. Manch einer erkennt an meinem Vornamen, dass dies eine »h« fehlt, das die westliche Version meines Namens beinhaltet. Ein Hinweis auf meine Herkunft? Definitiv.«

Direkt und furchtlos spricht der Autor seine Leserschaft an – fast so, als säße er uns gegenüber. Unmittelbar wirken die Zeilen, mit denen er seine Familiengeschichte ergründen und die gesellschaftspolitischen Abgründe unserer Zeit verstehen will. Er fängt bei sich, seiner Familie und den Bekannten seiner Verwandtschaft an. Von seiner Mutter will er seine Herkunft erfahren: »Artur, wie soll ich dir das erklären? Deine Oma ist Belarussin, die Russisch spricht. Dein Großvater ist ein Ukrainer, der kein Ukrainisch kann. Die Mutter deines Vaters ist eine Russlanddeutsche, die eine Mischung aus Ukrainisch und Russisch gesprochen hat. Der Vater deines Vaters ist ein Russlanddeutscher, der kein Deutsch kann.«

Artur fragt sich: Warum sagt sein Großvater väterlicherseits Sätze wie »Wir im Osten sind doch nicht schlechter gestellt als ihr im Westen«, obwohl er als Russlanddeutscher in der sowjetischen Ära nicht ohne Traumata davongekommen ist. Ein gar »merkwürdiges Verhältnis zum Leben« hat der alte Mann. Als Tierarzt war er auf das Wohl der Tiere bedacht: »Sich selbst aber schützte er kaum«, und erlag schließlich seinem Alkoholismus.

Für viele einst in der UdSSR und Anfang der 1990er Jahre aus Russland nach Deutschland Ausgesiedelte ist der Fernseher ein Heimatersatz: »der wichtigste Kontakt zum alten Leben, zu den Orten, die sie Heimat nennen«. Die »Zombiebox« mit den vielen russischen Kanälen schreibt sich in die Seele vieler ein. Von einer Bekannten, Eugenia, heißt es sogar, die russische Propaganda sei »tief in ihre DNA eingedrungen«.

Seinem in Russland lebenden Cousin ruft Artur zu: »Ilja, geh, verlass Russland. Kein Land ist es wert, dass man dafür stirbt.« Der Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, zerstört Familien: »Meine Identität bestimme ich. Aber meine Identität bestimmt auch der Krieg. Nicht so existentiell wie die der Menschen, die unter den Bomben der Russen leiden müssen. Ich leide anders. Ich leide darunter, dass der Krieg sich durch meine Herkunftsgeschichte zieht. Wenn früher die Identität eine Wahl war, die in den jeweiligen Ländern ein Gefühl der Zugehörigkeit versprach, ist sie heute für mich eine Entscheidung. Eine Entscheidung gegen die »russische Welt«, die ich seit meiner Kindheit kenne. Vielleicht sogar irgendwie liebte. (…) Diese Zeit ist vorbei. Das russische Volk, Moskau und Putin haben sie vernichtet.«

Weigandt hat eine Entscheidung getroffen, ein autobiografisches Buch geschrieben und es jenen Menschen gewidmet, die seit jeher als »Verräter« gelten: den »Heimatlosen«. Bei ihnen ist er in guter Gesellschaft.


Artur Weigandt: Die Verräter
Hanser Berlin, Berlin 2023
160 S.
ISBN: 978-3-446-27590-4