Katharina Martin-Virolainen: Die Stille bei Neu-Landau. Eine Rezension von Larissa Mass.

Buchcover: Rezi Larissa Mass: Stille bei Neu LandauDie dreißigjährige Julia ist mit sieben Jahren als Spätaussiedlerin mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Sie sieht sich als Deutsche und schämt sich für die Eigenheiten ihrer Familie, die sie als Russlanddeutsche erkennbar machen. Nach einem Zufallsfund möchte sie mehr über das Leben ihrer Großtante Margarethe erfahren und fragt diese über ihre Vergangenheit und ihr Schicksal als Schwarzmeerdeutsche aus.

In dem Roman Die Stille bei Neu-Landau spielen die Frauen einer Familie die Hauptrolle. Sie setzen sich mit ihrer russlanddeutschen Geschichte auseinander und treten in einen Austausch. Margarethe, genannt Margo, nimmt den Leser in ihren Erzählungen mit in ein Dorf namens Neu Landau in der heutigen Südukraine. Hier wird am Beispiel der Familie Thiessen und deren fünf Töchter das Schicksal der deutschen Minderheit erzählt. Durch den Einmarsch der Wehrmacht verändert sich das Leben der Menschen. Margos Vater wird erschossen. Der Nachbarssohn, in den die junge Margo verliebt ist, wird zur Wehrmacht eingezogen. In den folgenden Jahren erlebt die Familie mehrfache Deportation: Zuerst den Transport nach Westen, »heim ins Reich«, nach dem Krieg zurück in die Sowjetunion, in die Verbannung nach Kasachstan. Später finden die noch lebenden Familienmitglieder ihren Weg über die Aussiedlung nach Deutschland.

Der Rahmen der Geschichte klingt hart, doch die Autorin schafft es, eine zarte Liebesgeschichte in den Mittelpunkt zu rücken, die trotz Hindernissen ihren Weg findet. Katharina Martin-Virolainen erzählt aus einer ihr bekannten Perspektive: Sie wurde 1986 in Petrosawodsk geboren und verbrachte ihre Kindheit in Karelien. 1997 kam sie als Spätaussiedlerin mit ihren Eltern nach Deutschland. Für ihren Kurzgeschichtenband Im letzten Atemzug wurde sie mit dem Förderpreis des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg 2020 in der Kategorie Literatur ausgezeichnet.

Insgesamt hat die Autorin mit ihrem Debütroman ein lesenswertes, kurzweiliges und berührendes Buch geschaffen: Durch eine sehr lebhafte Erzählweise werden die Lesenden in die Handlung und Gedankenwelt der authentisch wirkenden Charaktere hineingezogen. Das Schicksal der Schwarzmeerdeutschen wird nachvollziehbar und ohne zu dramatisieren erzählt. Die Rahmenhandlung um die junge Russlanddeutsche Julia wirkt etwas konstruiert. Sie bleibt farblos und tritt nur in der Funktion auf, die Geschichte der Großelterngeneration herausfinden zu wollen. Aber die gelungene Erzählung auf der Vergangenheitsebene wiegt das Manko auf und macht den Roman von Martin-Virolainen zu einem informativen und emotionalen Buch über russlanddeutsche Geschichte.

Margo und ihr Weg nach Deutschland
Katharina Martin-Virolainen: Die Stille bei Neu-Landau, Herford 2021, 211 S., ISBN 978-3-947270-13-2