Für Juri Andruchowytsch ist Heimat kein fester Ort, sondern ein vielstimmiger Raum – geprägt von Stanislau/Iwano-Frankiwsk. 1960 dort geboren, studierte er Journalismus in Lemberg/Lwiw und später Literatur in Moskau. Bekannt wurde er als Lyriker und Mitbegründer der Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu, später wandte er sich zunehmend der Prosa und Essayistik zu. Nach längeren Auslandsaufenthalten lebt er heute wieder in Stanislau. Im März 2026 erhielt er den Internationalen Stefan-Heym-Preis.
Heimat ist da, wo …
… ich meine Geschichten am besten erzählen kann und von den Zuhörenden bestens verstanden werde. Also ist sie da, wo meine Muttersprache am meisten verbreitet ist, wo sie dominiert. In meinem Fall ist das Ukrainisch.
Welche Jahreszeit fühlt sich für Sie am meisten nach Heimat an – und warum?
Herbst, vielleicht … Aber keinesfalls der Spätherbst, sondern der, den wir als den »goldenen Herbst« bezeichnen. Warum? Weil der Himmel in diesen Tagen unglaublich blau wird, tiefblau. Und auf der Erde dominiert Gelb, Rot und – was am wichtigsten ist – Orange. Der Ukraine passt die orangene Farbe am besten.
Gibt es einen Geruch, der Sie in Sekundenbruchteilen nach Hause versetzt?
Ja, es gibt einen solchen Geruch und auch er ist herbstlich: der von Lagerfeuer.
Welches Lied singen Sie, wenn Sie mal Heimweh haben?
Ein Lied der Lemken, sehr traurig: Plywe katscha po Tysyni (Ein Entchen schwimmt auf der Theiß). Im Februar 2014 wurde es zu einem Requiem für alle, die auf dem Maidan während der Revolution gefallen sind.
Welches Gericht aus Großmutters Küche würden Sie für ein Abendessen mit der KK zubereiten?
Am wahrscheinlichsten Karmenadli, die traditionelle altgalizische Version eines Wiener Schnitzels.
Stellen Sie sich vor, Sie sollen jemandem Ihre Heimat zeigen – aber Sie dürfen nur ein Buch, einen Film oder ein Kunstwerk mitbringen. Wofür entscheiden Sie sich?
Für die große Roman-Trilogie Amadoka meiner Tochter Sofija Andruchowytsch. Und vielleicht für den Film Der Tierstimmensammler oder Das Lied der Scheuen Stockente aus dem Jahr 2019 von dem Regisseur Antonio Lukitsch. Das Mural Kolijiwschtschyna. Das Jüngste Gericht von Wolodymyr Kusnezow existiert leider nicht mehr. Es zeigte Tschernobyl-Opfer und protestierende Arbeiter, die auf korrupte Vertreter von Kirche, Staat und Oligarchen schauen, die in der Hölle brennen.
Welche Persönlichkeit würden Sie gern zu Ihrem Geburtstag einladen?
Den Dichter Bohdan-Ihor Antonytsch (1909–1937). Ich würde gerne mit ihm sein poetisches Erbe besprechen: die ökologischen Motive, Geopoetik, seine besondere Naturphilosophie.
Für welche Sportmannschaft jubeln Sie mit?
Im Fußball immer noch für Dynamo Kyjiw und die Nationalmannschaft der Ukraine. Aber da beide mir wenig Freude bringen können, muss ich für die niederländische Nationalmannschaft mitjubeln. Ich bin seit 1974 ihr Fan.
Welches Andenken würden Sie gerne von Ihrem Lieblingsort mit nach Hause nehmen?
Die Stromschnellen auf dem Fluss Pruth/Prut im karpatischen Dorf Mykulytschyn, wo man so schön baden und gleichzeitig die Landschaft mit Bergen genießen kann.
Wenn Sie Ihrer Heimat einen Brief schreiben könnten: Was wollten Sie ihr schon immer einmal mitteilen?
Doch die Ukraine erfreut den Besucher
mit ihrem Barock. Er tröstet und lindert.
Daraus erwächst eine wilde Versuchung:
Alles zerstören. Wohin man auch pilgert
sieht man die Folgen: Ruinen, Wunden,
wohl aus türkischer Zeit. Und fünfzackige Runen.
Die Sterne in Brunnen sind alle verschwunden,
denn es gibt sie nicht mehr, die Brunnen.
Es gibt jedoch Spuren, und sie erlauben
zu erraten, was uns die Zukunft bereitet,
deshalb, weil unsere Erde, wir glauben,
näher ist als ein Hemd, das die Haut bekleidet.
Der Barock-Untergrund ruft auf zu Protesten,
er blüht wie verrückt in den Trümmerresten,
auch wenn in Europa wir lang schon vergessen.
(Ins Deutsche übersetzt von Adrian Wanner.)