Zwischen dem Hauptbahnhof und der Altstadt in Breslau/Wrocław lag ein Ort der Illusionen: der Zirkus Busch. Hier versanken ganze Städte in der Manege, wirkten hunderte Menschen an einer Pantomime mit – und manchmal tummelten sich die Elefanten auf dem Luisenplatz. Der Zirkus Busch machte Breslau/Wrocław zur Bühne der großen Welt – bis Krieg, Verfolgung und Flucht dem schillernden Kosmos ein Ende setzten. Ein Beitrag von Maria Luft
Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1449 | Erstes Quartal 2026
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© IMAGO / David Heerde

Wandernde Zirkusse kannte Breslau seit dem Mittelalter. Doch ein festes Zirkusgebäude, mitten in der Stadt, war eine Besonderheit. Bis April 1945 stand am Luisenplatz 5 der Zirkus Busch – ein monumentaler Bau, der die schlesische Metropole über Jahrzehnte prägte. Gegründet wurde das Haus 1877 von Zirkusdirektor Ernst Renz. 1903 übernahm Paul Busch das Gebäude. Er besaß neben Breslau feste Zirkusbauten in Hamburg, Berlin und Wien und machte den Namen Busch zu einer europaweit bekannten Marke der Unterhaltungskultur. Wenn der Zirkus mit allen seinen Menschen und Tieren in Sonderzügen nach Breslau kam, war das – nicht nur wegen der Elefantenparade - immer ein ganz besonderes Spektakel, das unzählige Schaulustige auf die Straßen der Breslauer Innenstadt lockte.

Der Zirkus lag zentral zwischen Hauptbahnhof und Freiburger Bahnhof, nahe der Altstadt und dem Schloss der preußischen Könige. Vom Zirkusgebäude ist nichts erhalten. Fotos zeigen den repräsentativen Bau mit einem Restaurant im Erdgeschoss und der privaten Wohnung der Familie Busch im ersten Stock. Unterlagen im Bauarchiv des Architekturmuseums in Breslau sowie Akten im dortigen Staatsarchiv dokumentieren zahlreiche Umbauten, die meist von der Baupolizei verlangt wurden, um den steigenden technischen Anforderungen gerecht zu werden. Eine der Hauptattraktionen waren etwa die aufwendigen Pantomimen. In den Schauspielen mit Über- und Unterwassereffekten konnten dank einer versenkbaren Manegeplatte ganze Städte mit Menschen und Tieren »versinken«. Paula Busch, Tochter von Paul Busch und spätere Leiterin des Hauses, schildert in ihren Erinnerungen den gigantischen Aufwand für diese Produktionen. Bis zu dreihundert Menschen wirkten daran mit: die Protagonisten und Statisten, ein Ballett, ein Orchester, viele Handwerker, und natürlich die Artisten selbst.

Über Die Schlange der Durgha, die letzte Pantomime im großen Zirkusstil während der Inflationszeit 1923, schreibt Paula Busch in ihrem Buch Das Spiel meines Lebens:

»Ihr opfere ich die Zentnerballen an Seide, Damast und Brokat, die noch aus seliger Friedenszeit in meinem Geheimtresor liegen. Ein Riesenvermögen zerfällt unter der Schere, ein Riesenvermögen wird diese Pantomime einbringen: In Berlin wird sie einen ganzen Winter laufen, in Hamburg den überheißen Sommer lang ausverkaufte Häuser machen, in Breslau wird sie die nächste Saison glanzvoll eröffnen.«

Die Artisten, die Ausstattung und die Tiere – alle reisten in Sonderzügen von einem Haus zum anderen: Die Stücke wurden in der Regel im Herbst in Berlin, im Frühjahr in Breslau und im Sommer in Hamburg gespielt. Über die Jahre mieteten die Artisten immer wieder dieselben Zimmer bei derselben Wirtin, hatten Stammkneipen vor Ort, Breslauer Bekannte. So bekam auch das Breslauer Publikum Stücke mit internationalen Stars aus der »großen weiten Welt« zu sehen, die in der Metropole Berlin und international gut ankamen. Oft wurden Stücke an die Verhältnisse vor Ort angepasst. So wurden hier Breslauer Winterfreuden präsentiert, die kurz davor noch als Berliner Winterfreuden zu sehen gewesen waren. Das lokale Programm von 1925 kündigte Lustige Bilder aus Alt- und Neu-Breslau an und lud ein, Breslau unter Wasser oder Pfingsten auf dem Zobten zu erleben.

NS-Zeit und Krieg

Seit September 1935 durften im Deutschen Reich nicht-arische Künstler nur noch ihm Rahmen des Jüdischen Kulturbundes vor Juden auftreten. Für den als jüdisch geltenden Zirkus Strassburger, der damals gerade in Gera gastierte, bedeutete dies das Ende. Es kam zu einem schnellen, erzwungenen Verkauf. Für etwas über 200 000 Mark kaufte Paula Busch den kompletten Zirkus mit zwei Spielzelten, einer Prunkfassade und Tieren der befreundeten Familie Strassburger ab. Für den Zirkus Busch war dies die Rettung. 1937 wurde das Gebäude am Berliner Präsidentenufer auf Anweisung der Nationalsozialisten abgerissen, um Platz für Wirtschaftsbauten zu machen. Von den Einnahmen der verbliebenen Häuser in Hamburg und Breslau allein konnte der Zirkus Busch aber nicht leben.

Eilig wurde das Logo »Strassburger« über dem Zelteingang gegen den Namen »Busch« ausgetauscht. Den Strassburger-Seniorchefs Adolf und Leopold (von den Nationalsozialisten als »Volljuden« kategorisiert) gelang es, nach Belgien zu emigrieren. Hans Strassburger dagegen gastierte noch 1943 in Breslau und ritt zusammen mit Paula Buschs Tochter Micaela »Hohe Schule« in der Manege.

HAls 1940 deutsche Truppen in Paris einmarschierten, hatte das für den Zirkus Busch unmittelbare Folgen – er fuhr zur Front-Betreuung nach Paris, im Hamburger Haus waren französische Kriegsgefangene untergebracht. Paula Busch erinnert sich:

»Mitten in der Saison mussten wir also Schluss machen, und zum ersten Mal bekam unser Breslauer Zirkus die Funktion eines ‚Ausweichplatzes‘ --- und er wurde letzte Zuflucht. Menschen und Tiere, die in dem noch recht friedensmäßig ausgestatteten Manegeschauspiel Nena Sahib mitwirkten, übersiedelten nach der schlesischen Hauptstadt (…).«

Aus dem Jahr 1943 berichtet Paula Busch, dass eine der ältesten Mitarbeiterinnen des Zirkusses, Minna Schulze – wegen ihrer Stunts in der Wassermanege die »Wasserminna« genannt –, in Berlin ausgebombt worden sei. Sie schreibt:

»In einer ledernen Hutschachtel von mir den Papagei, in einem Seifenkarton ihre letzten Habseligkeiten, so kommt Fräulein Minna Schulze in unserem ‚Auffanglager‘ Breslau an. Dort werde ich auch landen, denn der 24. Juli naht. Er nimmt mir meinen Hamburger Zirkus.«

Damit spielt sie auf die Zerstörung der Hamburger Manege 1943 an – danach blieb ihr nur noch das Haus in Breslau. Hier wurde 1944 das 60. Jubiläum des Zirkus gefeiert. Den Nationalsozialisten war er ein Dorn im Auge. Paula Busch wurde

»im Oktober, November und Dezember von der Gestapo verfolgt und tagelang verhört wegen Abhörens des englischen Senders und Beschäftigung von Mischlingen und einer Volljüdin im Circus Busch.«

Und dennoch konnte der Zirkus während des Krieges weiterspielen. Die Unterhaltungskunst galt als »staatspolitisch wichtig«.

Weihnachten 1944 wurde das Winterquartier auf dem schlesischen Gut Mühlatschütz/Miłocice mit einer großen Reithalle und zwei Probiermanegen zur Ausruhstation für den Zirkus. Doch bereits Anfang Januar 1945 ließ Paula Busch siebzig Pferde, Kamele und Büffel nach Bad Warmbrunn/Cieplice in das Quartier beim Grafen Schaffgotsch evakuieren und gab Mühlatschütz auf. Zurück blieben zwei komplette Zelte mit Sitzeinrichtungen, die Wohnungseinrichtung von Mutter und Tochter mitsamt Familienerinnerungen, der stillgelegte Wagenpark mit PKW, LKW, Traktoren, fünftausend wertvolle Kostüme und Zirkusuniformen sowie eine große Menge Sattelzeug.

Den wertvollsten Pferden des Zirkus Busch hatte Trude Sarrasani Zuflucht in ihrem Zirkus in Dresden gewährt. Bei den ersten Brandbomben des 13. Februar 1945 auf Dresden ließ sie die Pferde evakuieren. Doch sie kamen nur bis zur Carolabrücke und wurden dort von einer Bombe getroffen. Zunächst behalf sich der Zirkus Busch in Breslau mit den Pferden des ausgebombten Zirkus Jakob Busch aus Nürnberg (der nicht mit der Berliner Busch-Familie verwandt war).

Am 20. Januar 1945 schließlich musste die Nachmittagsvorstellung im Zirkus Busch abgebrochen werden. Breslau war zur Festung erklärt worden. Alle Frauen und Kinder mussten umgehend die Stadt verlassen. Manche der Artisten brachen sofort auf, die restlichen machten sich am Montag, 22. Januar, gemeinsam auf den Weg. Paula Busch schreibt:

»Einen gewissen feudalen Eindruck dürfte dieser Treck machen: Vier Zirkusportiers in knallroter Uniform begleiten ihn. Es sind unsere kriegsgefangenen Franzosen, die wir eigentlich dem Gauleiter ‚abgeben‘ sollten.«/em>

Pferde und Wagen kamen in Warmbrunn im Schloss unter, der Zirkus gab Gastspiele im Kurtheater Warmbrunn und im Stadttheater Hirschberg/Jelenia Gόra. Als alle Deutschen bis Anfang Juli auch Warmbrunn verlassen mussten, stattete sich die Gruppe mit dem Theaterfundus aus Hirschberg aus und ging als »Circo Internazionale« auf die abenteuerliche Flucht über Görlitz und Dresden nach Berlin. Bitter vermerkte Paula Busch:

»Das Zentrum meiner Unternehmungen, der Berliner Zirkus Busch, wurde vom Dritten Reich brutal zerstört. Ein Wanderzirkus musste die Lücke ausfüllen. Ich lernte den Wohnwagen kennen, die Urheimat des fahrenden Volkes. Noch konnte ich mich auch in die komfortablen Direktionszimmer meiner Zirkuspaläste in Hamburg und Breslau setzen. Zehn Jahre lang. Der Weltkrieg fegte diesen letzten Besitz weg. Und der Tag kam, an dem auch ich heimatlos wurde. Keinen Zirkusbau, kein Zelt, nicht einmal mehr einen Wohnwagen besaß die Zirkusdirektorin Paula Busch. Auf einem Ferkelkarren fährt sie, im Straßengraben schläft sie, mit einem Blechteller sammelt sie Groschen ein – in nichts also unterschieden von der ‚Frau Prinzipalin‘, die anno 1799 oder 1827 auf dem Dorfanger von Hintergänseschnatterhausen eine ‚Große acrobatische und Reitvorstellung‘ gab.«

Entmutigen ließ sie sich allerdings nicht. In Berlin wagte der Zirkus Busch 1946 einen Neustart in der „Astra-Schau-Arena“ im Zoologischen Garten, 1947 wieder im Zoo in einem Zelt, bevor 1952 ein neuer (Zelt-)Circus Busch-Berlin die Firmentradition aufnahm.