Ferenc Illy war getrieben von Passionen. Er verliebte sich Hals über Kopf in die Hafenstadt Triest, schwärmte von dem guten Kaffee dort und überlegte, wie man ihn veredeln könnte – und er lernte dort die Frau für sein restliches Leben kennen. Die Familie, die er mit ihr grün-dete, führt bis heute sein Kaffee-Imperium. Es hätte aber auch alles ganz anders kommen können. Wäre Illy in seiner Heimatstadt Temeswar/Timișoara geblieben, hätte er vielleicht seine Jugendliebe, die »schlimme Lotte«, geheiratet und seine Leidenschaft hätte nicht dem Kaffee, sondern dem Bier gegolten. Von Ariane Afsari
September 2023 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1437
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Illy revolutionierte die Verpackung von geröstetem Kaffee. © sabine hürdler/AdobeStock

Eigentlich hielt die Geburtsstadt von Ferenc Illy einiges für den umtriebigen jungen Mann bereit: Am Schnittpunkt alter Handelsstraßen von der Ostsee zur Ägäis und von der Adria zum Schwarzen Meer gelegen, bildete sie einen der wenigen und größten Übergänge am Flusssystem der Temesch. Seit dem hohen Mittelalter hatte die Stadt mit einer der stärksten Wehrbauten der Zeit zu Ungarn gehört. Als Ferenc (deutsch Franz) Illy 1892 in Temeswar geboren wurde, war es durch den Frieden von Passarowitz 1718 bereits vor über 170 Jahren an das Reich der Habsburger gekommen. Dieser Friedensschluss wiederum beendete eine Phase der osmanischen Herrschaft, die 1552 begonnen hatte, mit der erst nach mehrfacher Belagerung geglückten Einnahme der Temeswarer Festung. Und so begleiteten Ferenc Illy auf seinem Schulweg zum Piaristengymnasium die Fassaden der barocken Planstadt, die der Wiener Hof für den Wiederaufbau der Hauptstadt und dominanten Festung des neuen Kronlandes Banat vorgesehen hatte. Klein-Wien nannte man es deshalb liebevoll.

Sprachen, Grenzen, Eltern

Und doch tauschte Ferenc Illy Temeswar schließlich gegen das Original ein, Wien, die cisleithanische Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie. Dann setzte der Erste Welt-krieg der beruflichen Weiterentwicklung seiner kaufmännischen Ausbildung ein abruptes Ende. Vor allem verrückte er die Grenzen derart, dass seine Geburtsstadt nun in Rumänien lag. Mit Rumänien verband die Familie Illy allerdings wenig.

Ferenc’ Vater János Illy war ungarischer Abstammung, seine Mutter Aloisia Rössler deutscher. Sie zählte zu den Banater Schwaben. »Schwabe« als Synonym für Deutsche war zu je-ner Zeit ein gängiger Begriff, obwohl Schwaben nur eins der vielen deutschen Länder wie Franken, Hessen, Bayern, Elsass und Lothringen war, aus denen die neuen Landesherren sie nach Zurückdrängung der Osmanen anwarben. Jedenfalls ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass Ferenc Illy Rumänisch sprach. Allerdings ist es ebenso unwahrscheinlich, dass er Italienisch sprach. Trotzdem zog es ihn nach Triest. Über fünfhundert Jahre lang war die Hafenstadt die wichtigste Seehandelsmetropole der Habsburger gewesen. Sie war Umschlagplatz für viele östlich gelegene Märkte, Börse vor allem für Gewürze, Getreide und Baumwolle. Hier hatten seit Anfang des 19. Jahrhunderts alle großen Handelshäuser Nordeuropas und der Levante ihre Filialen oder waren im Begriff, welche zu eröffnen. Im Zuge dieser Entwicklung kamen, insbesondere infolge der Reformen Josephs II., jüdische, protestantische, griechische, balkanische, armenische und türkische Vertreter des Handels und der Banken in die Stadt.


Seit 1918 gehörte Triest zu Italien. Aber das schreckte Illy nicht, im Gegenteil. Sein Dienst an der Isonzo-Front, wo die verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs geführt wurden, hatte ihn bereits mit den Regionen Friaul im Nordosten Italiens und Julisch Venetien an der oberen Adria bekannt gemacht. Außerdem wohnte seine ältere Schwester Amalia in Triest, und so ließ sich auch Ferenc nach seiner Entlassung aus der österreichisch-ungarischen Armee in der quirligen Handelsmetropole nieder.

In Triest wehte ein anderer Duft als in Temeswar

Abgesehen von der glücklicherweise nur sporadisch wiederkehrenden Bora, einem heftigen Nordostwind, muss über Triest damals vor allem ein Lüftchen beherrschend gewesen sein: Duftschwaden frisch gerösteten Kaffees. Rund fünf Dutzend Kaffee-Unternehmen, deren Tradition teils bis ins 18. Jahrhundert reichte, waren zu dieser Zeit in der Stadt ansässig. Ferenc Illy fand zunächst Arbeit in verschiedenen Handelshäusern, verkaufte Waren wie Gewürze oder Kakaobohnen. Und lernte schließlich Kaffeebohnen, ihre Behandlung sowie ihren Umsatz kennen.

Wäre er nach Temeswar zurückgegangen, hätte er dort ebenfalls in den Handel mit einem flüssigen Produkt einsteigen können: Nach Zurückdrängen der Osmanen 1718 ordnete die habsburgische Militärverwaltung – erst unter Prinz Eugen von Savoyen, dann unter Graf Claudius Florimund Mercy – Brunnenbohrungen für die Verbesserung der Trinkwasserversorgung an. Einige davon nutzte man dann auch für das Brauen von Bier. Die älteste Brauerei, die sogenannte Bierfabrik, befindet sich im Stadtteil Fabrikstadt/Fabric. Vom »Pfauen« bis zum »Türkischen Kaiser«: In allen Schenken und Gasthäusern dieses geschichtsträchtigen Industrieviertels kam frisches Fabrikhofbier auf den Tisch. Als der rumänische Hohenzollernkönig Ferdinand I. (1865–1927) die Biermarke »Timișoreana« zum Hoflieferanten erhob, er-hielt die Fabrik für die Auslieferung mit Bierwaggon-Straßenbahnen Anschluss ans Tramnetz.

Aromen und Romane

Aber zu dem Zeitpunkt hatte Ferenc Illy sich längst in seinen neuen Arbeitsrohstoff verliebt, die duftende schwarze Bohne. Er fand Anstellung beim berühmten, 1892 gegründeten Kaffee-unternehmen Hausbrandt. Kaffee war stark nachgefragt, mit einer langen Lagerung musste man also nicht rechnen. Aber die Märkte lagen oft lange Transportwege entfernt von Triest. Dabei verlor aber das Röstgut sein Aroma. Schon früh zerbrach sich Illy über diese Qualitätsminderung den Kopf. Schließlich fand er eine Lösung und meldete sie in den 1930er Jahren als Patent an: das bis heute angewandte Überdruckverfahren. Dabei verpackt man Kaffee mit höherem Druck als Luftdruck und hindert dadurch das in den Bohnen enthaltene Gas am Entweichen. Zudem ersetzte er die Luft durch Stickstoff, so konnte der Inhalt nicht oxidieren. Im verschlossenen Zustand bleibt das Aroma erhalten. Ferenc’ revolutionäre Erfindung war ein Riesenerfolg – sie wird noch heute angewandt. Und sie bedeutete den Durchbruch für seine Karriere. 1933 avancierte Ferenc vom Angestellten zum Partner von Hausbrandt, die gemeinsame Firma Illy-Hausbrandt wurde gegründet. Erst nach seinem Tod 1956, in den 1960er Jahren unter Leitung des Sohnes Ernesto Illy, gingen beide Unternehmen wieder eigene Wege.

Vielleicht hätte Illy seine dritte große Liebe, seine spätere Frau, auch ohne seine Liebe zum Kaffee kennengelernt, aber ganz sicher nicht ohne Triest: Doris Berger, Tochter eines Iren und einer Triesterin, ging als Klavierlehrerin der Töchter seiner Schwester wie Ferenc Illy selbst in deren Haushalt ein und aus. Dort müssen Doris und Ferenc einander begegnet sein. Und sie gefielen aneinander. Wäre er nach Temeswar zurückgekehrt, hätte ihn dort vielleicht eine andere Frau erwartet, mit der ihn offenbar deutlich mehr als eine Freundschaft verbunden hatte. Vor einigen Jahren tauchten Postkarten an ihn aus der Zeit von vor und während des Ersten Weltkriegs auf. Benjamin Neurohr fand sie im Nachlass seiner Großmutter in einer alten Spieleschachtel. Sie hatte zeitweilig bei den Eltern von Ferenc Illy zur Untermiete gewohnt. Neurohr nimmt an, dass seine Eltern von den Postkarten nichts wussten, als sie ihm die Schachtel seiner Großmutter zum Spielen gaben. In ihr fand sich auch eine Postkarte an Ferenc Illy von Lotte Kneisel aus Temeswar, geschrieben während des Ersten Weltkriegs – mit Schäferstündchen-Motiv und der Unterschrift »Ihre schlimme Lotte«. Die Entscheidung fiel für Doris, nicht für die schlimme Lotte, und heute führt sein Enkel Andrea Illy das Geschäft in dritter Generation. Um den Fortbestand der Firma muss er sich nicht sorgen – 2022 lag der Jahresumsatz bei fast 568 Millionen Euro. Andrea Illy hat entsprechend andere Prioritäten: Er setzt sich vor allem mit der Nachhaltigkeit von Anbau und Pflege der Kaffeebohnen sowie mit der gerechten Verteilung der Erlöse aus dem Kaffeehandel ausei-nander. Die Marke »illycaffè« ist weltweit im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde.

Nur in Temeswar geriet Andreas Großvater Ferenc Illy viele Jahre lang in Vergessenheit. Bis Andrea Illy in seinem Buch Der Traum vom Kaffee (Wien 2017) auf die Herkunft seines Großvaters aufmerksam machte. Die Geschichte wurde von mehreren Journalisten aufgegriffen – und so fand Temeswar schließlich diesen großen Sohn der Stadt wieder. Postum wurde ihm 2013 die Ehrenbürgerwürde verliehen. Anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2023 in Temeswar sollte ein Illy-Kulturcafé im Wasserturm in der Josefstadt entstehen. Das wird vielleicht auch Andrea Illy einmal besuchen. Der ist Temeswar jedenfalls sehr zugetan. 2018 war er mit seiner Schwester erstmals in der Heimatstadt seines Großvaters und schrieb in einem schwärmerischen Twitter-Tweet: Where the dream started …, »Wo der Traum begann«.