Beatrice Ungar erlebte den Umsturz des kommunistischen Regimes 1989 in Hermannstadt/Sibiu als junge Journalistin der Hermannstädter Zeitung, seit 2005 ist sie deren Chefredakteurin. Hier schreibt sie über ihre Erlebnisse vor dreißig Jahren.
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Die Demonstranten tanzen die »Hora« auf dem Großen Ring in Hermannstadt. Aufgenommen wurde das Bild von dem Theologiestudenten Kilian Dörr von einem Universitätsfenster aus. © Kilian Dörr

Als ich am 1.September 1988 nach etlichen missglückten Versuchen endlich in der Redaktion der damaligen Die Woche – so musste die Hermannstädter Zeitung vom Oktober 1971 bis zum 15. Dezember 1989 heißen, weil die publizistische Verwendung von Ortsnamen verboten worden war – aufgenommen wurde, erfüllte sich mein Traum, Journalistin zu werden. Die Redaktion hatte eigentlich schon lange versucht, mich ins Boot zu holen, aber nach Abschluss meines Germanistik- und Rumänistik-Studiums 1985 musste ich zunächst drei Jahre ins Lehramt.

Und so kam es, dass ich knapp ein Jahr und vier Monate erlebte, was Zeitungmachen in einer Diktatur bedeutet. Es gab zwar offiziell keine Zensur mehr, das »Komitee für Presse und Druckerzeugnisse« war 1977 aufgelöst worden. Doch unser Chefredakteur musste jeweils am Mittwoch vor dem Erscheinungstag der Zeitung bei der Propagandaabteilung des Kreisparteikomitees die Inhaltsangabe vorlegen. Am Erscheinungstag musste er manchmal wieder dorthin, um zu erklären, warum in der Zeitung dieser oder jener am Mittwoch angeführte Beitrag dann doch nicht abgedruckt wurde.

Beatrice Ungar ist seit 2005 die Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung. © Fred Nuss

Der Diktator schreibt die Zeitung

Etwas enttäuscht war ich dann doch, da unsere Arbeit bestimmt war von unzähligen Reden des Diktators. Man könnte sagen: Ceaușescu hat damals die Zeitung geschrieben. Dankbar bin ich auch heute noch dafür, dass ich keine dieser Reden oder sonstige Propagandamaterialien ins Deutsche übersetzen musste. Die Übersetzungen kamen per Telex aus Bukarest – ein Team von der deutschen Tageszeitung Neuer Weg arbeitete oft nachts daran – und wir mussten bloß bei der Drucklegung höllisch aufpassen, dass sich keine Fehler einschlichen oder Abschnitte fehlten. Es gab immer wieder Sonderausgaben, vor allem 1989 war so ein Jahr, in dem die Zeitung manchmal auch 16 Seiten haben »durfte«, weil der Diktator so lange geredet hatte.

Oft gab es in der Zeitung kaum etwas Lesbares, ich war für jede Gelegenheit dankbar, eigene Texte veröffentlichen zu können. Sehr stolz war ich auf meinen Beitrag in der Ausgabe vom 24. Februar 1989, den ich »Nahrhaftes fürs Auge« titelte. In diesem Beitrag berichtete ich von einer kulinarischen Ausstellung, zu einer Zeit, als die Lebensmittel Mangelware waren und man oft stundenlang anstehen musste, um z.B. einen Liter Milch oder ein Kilo Fleisch kaufen zu können. Da schrieb ich etwa: »das breitgefächerte Angebot bei der jüngsten Kochkunstausstellung brachte […] sogar die Kellner in Verlegenheit. Sie wussten zum Großteil nicht, was sie da verkauften – ein Beweis dafür, dass sie nicht alle Tage Gelegenheit haben, solche Küchengerichte anzubieten. Von den rund 287 vorgezeigten Präparaten findet man kaum die Hälfte im Handel«. Natürlich war das untertrieben, aber auch ein Versuch, zwischen den Zeilen auf die Lebensmittelknappheit hinzuweisen. Zwischen den Zeilen suchten denn auch immer unsere treuen Leserinnen und Leser nach Hinweisen, Informationen und Meinungen.

Ein Beispiel, wie manche um die Ecke dachten und woraus man einem einen Strick drehen konnte, erlebte ich einen Monat später. Und das kam so: Am 23.März wird der Welttag der Meteorologen gefeiert, und so erhielt ich den Auftrag, ein Interview mit dem Chef der Wetterstation am Flughafen zu führen. Das Interview wurde in der Ausgabe vom 24.März 1989 auf Seite 4 abgedruckt. Als Titel hatte ich einen, weil unbedenklich, uralten Spruch gewählt: »Kräht der Hahn auf dem Mist…« Am Erscheinungstag wurde der Chefredakteur zur Propagandaabteilung zitiert, da ein »pflichtbewusster« Leser Anzeige erstattet habe, der Titel auf der vierten Seite beziehe sich auf ein Foto auf der ersten Seite. Auf dem Foto waren das Diktatorenehepaar und ihr Sohn Nicu abgebildet. Nicu, damals Kreisparteisekretär in Hermannstadt, empfing seine Eltern am Flughafen, die auf ihrem Flug zu einem Arbeitsbesuch im Kreis Hunedoara eine Zwischenlandung in Hermannstadt einlegten. Mein Chefredakteur sagte mir, er habe erklärt, dass der Spruch auf der vierten viel älter sei als die Personen auf der ersten Seite und damit hatte es sich. Für mich war das doch so etwas wie ein Schuss vor den Bug, den ich nie vergessen werde. Meinem Chef bin ich ewig dankbar. Auch dafür bin ich ihm und meinen damaligen Kolleginnen und Kollegen dankbar, dass ich als »Grünschnabel« mit unverfänglichen Themen beauftragt wurde. Ich durfte die Jugendseite gestalten, über Taubenausstellungen oder Brauchtumsveranstaltungen aller Art berichten. Allerdings durfte man z.B. in einem Bericht über ein Kronenfest – das gewöhnlich an Peter und Paul oder am Johannistag gefeiert wird, beides religiöse Feiertage – den Pfarrer zwar namentlich erwähnen, jedoch nicht als »Pfarrer« benennen. Beim Einsehen der Hermannstädter Zeitung aus dem Jahr 1989 stellte ich wieder einmal fest, dass die Berichterstattung perfekt parallel zu den Ereignissen in Europa verlief.

Die Flagge ohne Wappen des sozialistischen Rumäniens gilt als Zeichen der Revolution von 1989. © Julo /Wiki- commons

Mauerfall wird nicht erwähnt

Als in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 Ungarn keine Kontrolle an der Westgrenze zu Österreich durchführte und somit DDR-Bürgern, die in der Nähe der Grenze in Lagern ausharrten, eine Massenflucht in den Westen ermöglichte, war das natürlich keine Nachricht für die Hermannstädter Zeitung von damals. Auch der Mauerfall in Berlin wird mit keinem Wort erwähnt. Persönlich hatte ich das Gefühl, dass sich etwas ändern muss. So sagte ich mir z.B. bei meinem Besuch Mitte November 1989 in Bukarest, nachdem ich die blasphemisch gigantischen Bauten, u.a. das »Haus des Volkes« (heute Parlamentsgebäude) mit eigenen Augen sah: »Wenn der Diktator seinen Geburtstag erlebt, sind wir am Ende.« Es kam so: Am 26.Januar 1990 hätte Ceaușescu Geburtstag gefeiert. Am 26.November 1989 musste Die Woche am Sonntag erscheinen, als Sonderausgabe zum 14.Parteitag der Rumänischen Kommunistischen Partei. Am 16.Dezember 1989 aber begann die Wende in Temeswar/Timișoara. Am 20.Dezember hielt der Diktator eine Rede im Fernsehen, um gegen die »Terroristen« zu wettern, die in Temeswar »wüten«. Ehrlich gesagt, war es die erste Rede, die ich von A bis Z verfolgt habe. Ich spürte, dass es seine letzte sein würde. Auch rief er alle »Werktätigen« auf, am nächsten Tag landauf landab für den Sozialismus und gegen die »Temeswarer Aufwiegler« auf die Straße zu gehen. Er organisierte quasi die Demonstrationen selbst, bei denen dann am 21.Dezember »Weg mit dem Diktator« gerufen wurde. Auch in Hermannstadt. Einige Kollegen sollten im Auftrag der Partei davon berichten, sie kamen aber sehr bald zurück in die Redaktion und berichteten von Demonstra­tionen gegen das Regime. Die Zeitung hätte an diesem Tag in den Druck gehen sollen, aber die Übersetzung der Rede vom Vorabend traf nicht mehr in Hermannstadt ein, und so ließen wir auf eigene Gefahr die Zeitung ausfallen und bereiteten uns darauf vor, die Hermannstädter Zeitung wieder zum Leben zu erwecken.

Historische Zeiten in kurzer Zeit

Die erste Ausgabe erschien dann am 26.Dezember 1989. Ich war in der Druckerei bei den Vorbereitungen dabei. Hier verbrachte ich die Nacht vom 25. auf den 26.Dezember, die Nacht, in der das Diktatorenehepaar zum Tode verurteilt und hingerichtetDie Hermannstädter Zeitung vom 26. Dezember 1989. © Beatrice Ungar<small> © Beatrice Ungar <s/mall> wurde. In der Stadt wurde überall geschossen, über der Druckerei flog immer wieder ein Hubschrauber, es wurde uns per Telefon gedroht, dass die Druckerei in die Luft fliegen würde, wenn wir die Rotationsmaschine anwerfen. Rückblickend kann ich sagen, ich hatte keine Angst. Auch Tage davor nicht, als ich am 22.Dezember auf dem Großen Ring den Moment erlebte, als der Diktator mit einem Hubschrauber von dem Gebäude des Zentralkomitees der RKP floh und dieses im Fernsehen übertragen wurde. Ein Mann zeigte uns durch das offene Fenster sein TV-Gerät, damit wir es auch glauben. Auf der Straße umarmten sich die Menschen, sie gingen plötzlich ganz anders

Ich kann sagen, ich habe historische Zeiten erlebt. Begonnen habe ich meine journalistische Laufbahn bei Die Woche, einem »Organ des Kreisparteikomitees und des Kreisvolksrates Sibiu«, knapp ein Jahr und vier Monate später durfte ich die Hermannstädter Zeitung als Deutsches Wochenblatt mit aus der Taufe heben. In dieser ersten freien Zeitung zitierte ich Mark Twain, der gesagt hat: »Gib deine Illusionen nicht auf. Wenn du sie verloren hast, existierst du wohl noch, aber du hast aufgehört zu leben.« Was ich mir nicht hatte träumen lassen war, dass mit der Wende auch fast das Ende der deutschen Minderheit in Rumänien eintreffen würde. Für die Hermannstädter Zeitung fingen schwere Zeiten an, viele Kollegen wanderten nach Deutschland aus, die Leserschaft ebenso. 1995 gründeten die Verbliebenen eine gleichnamige Stiftung, die seither die Zeitung herausgibt. Mit Unterstützung des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, der politischen Vertretung der deutschen Minderheit hierzulande, kann die Zeitung weiter erscheinen, durch Zuschüsse seitens des Departements für interethnische Beziehungen der rumänischen Regierung.