Juni 2020 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1416 | von Marcel Krueger
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Die Kuppel des restaurierten Taharahauses in Allenstein, wo die Leichenwaschung an verstorbenen Juden vor der Bestattung vorgenommen wurde. Das Gebäude wurde 1911 bis 1913 nach Plänen des in Allenstein gebo- renen Architekten Erich Mendelsohn errichtet. © Tomasz Waszczuk/Fundacja Borussia

Auf der Webseite des in Berlin registrierten Vereins »Juden in Ostpreußen« von Michael und Ruth Leiserowitz findet sich eine faszinierende Dokumentation der Geschichte der jüdischen Gemeinden. Dazu gehört eine fast vollständige Liste all der Orte jüdischen Lebens in Ostpreußen, von denen heute viele verschwunden sind, wie zum Beispiel die Friedhöfe in Rosenberg/Susz und Sensburg/Mrągowo, von denen man nur noch die Lage kennt – aber keine Gebäude oder gar Grabsteine überlebt haben. Aber welche Spuren jüdischen Lebens und jüdischer Kultur sind heute noch sichtbar und – viel wichtiger – noch zugänglich, insbesondere in Ermland und Masuren? Wie gehen die polnischen Gemeinden vor Ort mit diesen erlebbaren Überresten um – und welche Rolle spielen sie im Alltag?

Eines der wichtigsten Denkmäler, das eine ständige Erinnerung an die jüdische Kultur und das jüdische Leben im Ermland symbolisiert, ist sicher das Mendelsohn-Haus in Allenstein/Olsztyn. Erbaut nach Plänen des weltbekannten jüdischen Bauhaus-Architekten Erich Mendelsohn (1887–1953), befindet sich das ehemalige Reinigungshaus der jüdischen Gemeinde auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof am Rand der Altstadt. 2005 begann die Stiftung Borussia (Fundacja Borussia) mit dem Wiederaufbau des heruntergekommenen Gebäudes.

Borussia ist eine Gruppe lokaler Schriftsteller, Künstler und Lehrer, die 1990 gegründet wurde und bewusst die lateinische Bezeichnung für die Region im Namen trägt. Im Zentrum stehen die Erforschung des ostpreußischen Erbes sowie der deutsch-polnische kulturelle Dialog.

Das Gebäude und der angrenzende ehemalige Friedhof wurden von der Stiftung zur Erhaltung des jüdischen Erbes in Polen erworben und das Restaurierungsprojekt mit Unterstützung von Geldern der EU realisiert. Seit dem 21.März 2013, dem 126.Geburtstag Mendelsohns, wird das Bauwerk als Zentrum für den interkulturellen Dialog genutzt. In Erinnerung an den Erbauer trägt es nun den Namen Mendelsohn-Haus (Dom Mendelsohna). Heute finden hier Konzerte, Lesungen, Workshops sowie Gespräche statt, und längst hat das Bauwerk seinen rechtmäßigen Platz in vielen Geschichtsbüchern und Reiseführern gefunden.

Ein anderes Zeichen jüdischen Lebens wurde in Allenstein zerstört: Die eindrucksvolle Synagoge, die 1877 im maurischen Stil an der nahe gelegenen ulica Grunwaldzka 5a zusammen mit einem jüdischen Altersheim und einem jüdischen Gemeindehaus erbaut wurde, war die größte des Ermlands. Sie wurde im November 1938, während der Reichs­pogromnacht, zusammen mit dem Altersheim von den Natio­nalsozialisten niedergebrannt; in der Ruine wurde später ein Splitterschutz gegen Luftangriffe eingerichtet. Später wurde an dieser Stelle ein Mehrfamilienhaus errichtet, und auf den Fundamenten des benachbarten Altersheims entstand eine Sporthalle. Der einstige Aufgang zur Synagoge und deren Stützmauer sind allerdings heute noch vorhanden und wurden 2017 renoviert.

Das heißt aber nicht, dass es im Ermland keine anderen Synagogen mehr gibt, die dabei helfen, die Spuren jüdischen Lebens und Die Synagoge in Wartenburg wurde 1847 errichtet. © Galeri Sztuki SYNAGOGADie Synagoge in Wartenburg wurde 1847 errichtet. © Galeri Sztuki SYNAGOGAjüdischer Kultur zu erhalten. Versteckt in einer kleinen Straße im nahegelegenen Wartenburg, dem Geburtsort des berühmten polnischen Komponisten Feliks Nowowiejski und nur 18 Kilometer von Allenstein entfernt, ist ein weiteres Erinnerungsstück des jüdischen Lebens zu finden. Und auch dieses ist der lebendigen Kultur der Gegenwart gewidmet. Die um 1365 gegründete Kleinstadt Wartenburg mit heute 8000 Einwohnern hatte seit dem 18.Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, die 1847 die Neue Synagoge in der Passenheimer Straße, der heutigen ulica Kościuszki, erbauen ließ. In den 1870er Jahren erreichte die jüdische Gemeinde von Wartenburg mit mehr als hundert Angehörigen ihren Zenit, wenn auch in den Folgejahrzehnten eine stete Abnahme der jüdischen Ortsbevölkerung zu verzeichnen war. Die Juden, die in der Stadt und im Landkreis Allenstein angesiedelt waren, lebten im Einvernehmen mit der überwiegend katholischen Bevölkerung des Ermlands. Offenen Antisemitismus gab es in Wartenburg vor 1933 kaum; zwischen  der christlichen Bevölkerungsmehrheit und der jüdischen Bevölkerungsminderheit, die 1933 nur noch etwa vierzig Personen zählte, herrschte ein unverkrampftes Verhältnis. Das änderte sich jedoch während der NS-Zeit: Wer nicht rechtzeitig emigrieren konnte, wurde später deportiert und ermordet.

Im Gegensatz zur Syna­goge in Allenstein blieb das Synagogengebäude in Wartenburg 1938 unzerstört, weil die jüdische Gemeinde das Gotteshaus 1937 an einen Privatmann verkauft hatte. Von 1940 bis 1945 wurden dort Häftlinge des Zuchthauses Wartenburg untergebracht. Der polnischen Verwaltung diente es nach 1945 als Wohnhaus für Bedienstete der nahegelegenen Strafanstalt, wo unter anderen der ehemalige Gauleiter Ostpreußens, Erich Koch, bis zu seinem Tod 1986 inhaftiert war. Ab 1978 diente das Gebäude als Museum. Zwischen 1980 und 1996 beherbergte die Synagoge das Webkunstzentrum von Ermland und Masuren. Nach aufwendigen Restaurierungen befindet sich in der Synagoge heute eine Kunstgalerie, in der verschiedene Veranstaltungen stattfinden. Gleich in der Nähe sind Grabsteine des zerstörten jüdischen Friedhofs aufgestellt.

Das freundlich gelbe zweistöckige Gebäude, im neoklassizistischen Stil erbaut, fügt sich wunderbar in die Wartenburger Altstadt ein. Viele Bauelemente aus dem 19.Jahrhundert sind noch erhalten, zum Beispiel die dekorative Fassade und die großen, abgerundeten Fenster. Im ersten Stock befindet sich die sogenannte Frauengalerie mit einer verzierten Holzbalustrade, die von zwei Säulen getragen wird.

Im großen, hellen Innenraum organisiert der lokale Verein Pojezierze (»Seeland«) seit 2012 – unter der Leitung von Krystyna Szter, der Dorfvorsteherin des nahegelegenen Kaplitainen/Kaplityny – eine Vielzahl von Konzerten, Workshops, Ausstellungen und gesellschaftlichen Zusammenkünften. Bei der letzten Ausstellung im September 2019 mit dem Titel Papa, Can You Hear Me? handelt es sich zum Beispiel um eine Zusammenarbeit der Künstlerin Agnieszka Markowicz mit der Texterin Ewa Klajman-Gomolińska und der Kuratorin Angelika Maria Gomolińska. Sie setzt sich kritisch mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde und dem Holocaust auseinander.

Die Stiftung Borussia nutzt das nach Plänen von Erich Mendelsohn errichtete Gebäude als Ort für Diskussionen, Ausstellungen und Begegnungen. © Jacek Sztorc/ Fundacja BorussiaDie Stiftung Borussia nutzt das nach Plänen von Erich Mendelsohn errichtete Gebäude als Ort für Diskussionen, Ausstellungen und Begegnungen. © Jacek Sztorc/ Fundacja Borussia

Das Team der Synagoge bietet auch Führungen für die örtlichen Schulen an, damit sowohl Geschichte als auch Kunst für die jüngere Generation zugänglich sind und bleiben. Ebenso gibt es hier Basare, Mal­workshops und Konzerte der verschiedensten Musikrichtungen: Von der Klezmer-Band bis hin zu Chören oder Pop-Gruppen ist alles vertreten. Die Synagoge von Wartenburg ist weiter mit Leben gefüllt und das ist gut so.

Der Erhalt der Synagoge als Zeuge und Denkmal für die nicht mehr existierende Plurireligiosität des Ermlandes ist wichtig. Ebenso ihre anhaltende Bedeutung für die Stadt und die Menschen als Treffpunkt und als Raum für Kunst aus ganz Polen, ganz ohne Vorurteile oder ideologische Scheuklappen. Die Synago­ge von Wartenburg ist ein Ort, an dem die Menschen aus dem landwirtschaftlich geprägten Ermland einen direkten Zugang zur Geschichte der Region bekommen und unterschiedliche Perspektiven und Lebensentwürfe kennenlernen können. Wie das Mendelsohn-Haus in Allenstein verkörpert sie eine der wenigen Spuren vom einstigen jüdischen Leben in Ostpreußen und ist somit erhaltenswert.

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