Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1406 | August 2019
Ingeborg Szöllösi

Zur Geschichte der Donauschwaben liegen zwei neue Bücher vor: ein autobiografischer Roman, in dem ein kroatischer Schriftsteller die Vergangenheit seines Vaters rekonstruiert, und ein Sachbuch, in dem ein deutscher Journalist die Reise mit seiner Mutter in die Wojwodina beschreibt. Die Reise von Mutter und Sohn vollzieht sich entlang der »Balkan-Route«, die als Fluchtstrecke schon nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt war. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges leben die Donauschwaben friedlich »mit ihren Nachbarn« zusammen. In dieser »heilen Welt« kommt die Mutter des Autors 1941 zur Welt. Nach 1945 wird ein Teil der Familie in das Lager Gakowa interniert, von wo ihnen 1947 die Flucht nach Deutschland gelingt. 2017 möchte der Autor die donauschwäbische »schwarze Erde«, die Heimat seiner Mutter, kennenlernen. Doch können Erde und Mutter häufig nur mit Schweigen dienen – eine Strategie, die sich bei den Donauschwaben bewährt hat: »Schweigen, um zu vergessen.«

Von einer Reise handelt auch Šnajders poetischer Roman. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, auf dem Programm der Zagreber Oper steht Tschaikowskis »Schwanensee«, doch was der Ex-Sturmmann, Deserteur und Rotarmist Georg Kempf vor sich sieht, ist ein vereister See in der polnischen Wildnis und ein Hund, der aus Gier nach Wildenten aufs Eis läuft. Den Hund rettet Georg mitten in einem gnadenlosen Krieg – und mit ihm seine eigene Haut. Georgs Sohn, der Ich-Erzähler, verfolgt das Schicksal seines Vaters bis zum »Urvater« zurück, der im »Hungerjahr« 1769 Deutschland verließ, um sich im »Kanaan« des Ostens – in Slawonien – eine bessere Zukunft aufzubauen. Der Nachfahre Georg wird von den »Alteingesessenen« immer noch »Švabe« genannt. 1919 in Wukowar geboren, wird er 1943 in die Waffen-SS eingezogen, obwohl er von der Überzeugung durchdrungen ist, dass das deutsche Volk »von einer schweren Krankheit befallen« ist. Georg desertiert und irrt ohne Waffen als Zivilist Jurek in Polen herum: »Ein Soldat, der mitten im Krieg Zivilist sein will, ist ja ein Schulbeispiel einer somnambulen Störung«, urteilt sein ungeborener Sohn, der Ich-Erzähler. Doch Georg bleibt nicht somnambul: In Treblinka erwacht er. Und sein Begleiter, der Jude Leon Mordechai, klärt ihn auf: Die Frage, warum Gott Treblinka zugelassen habe, stellen sich »immer Menschen ohne Talent für die Religion«. Die Mystiker hingegen wissen, dass »die Hoffnung nur in der schlimmsten aller Welten lebt«, sie ist das Überbleibsel des Lichts, das »die Reparatur der Welt« ermöglicht. Die Rettung des Hundes trägt zu dieser Reparatur bei. Towarischtsch (russ. »Genosse«) Jurij heiratet nach dem Krieg die ehemalige Partisanin Vera. Und wenn es ein Fazit gibt, so ist es der Satz: »Unter jeder Uniform schlägt ein menschliches Herz; unter jeder Uniform hat ein Mensch seine eigenen Gedanken.«

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