Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1406 | August 2019
Markus Nowak

 

Florian Mausbach

Florian Mausbach, Jahrgang 1944, war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Durch sein Engagement in zahlreichen städtebaulichen Diskursen und als Organisator des Regierungsumzugs hatte er Anteil am baukulturellen Werden des heutigen Berlin. Als Pensionär engagiert er sich für Baukultur, unter anderem als Vorsitzender des Vereins ArchitekturPreis Berlin, und ist Initiator des Fördervereins Villa Wolf e. V., die den Wiederaufbau des ersten modernen Hauses von Ludwig Mies van der Rohe von 1926 im heute polnischen Gubin anstrebt. Die Fragen stellte Markus Nowak.

 

Herr Mausbach, als Initiator einer deutsch-polnischen Initiative treiben Sie die Wiedererrichtung der Villa Wolf in Guben/Gubin voran. Wieder eine Rekonstruktion?

Mausbach: Wir bauen dort eigentlich ein Museum und das wichtigste Ausstellungsstück ist ein Architekturmodell, das Haus selbst. Es gibt da diesen Vorwurf von Wiederaufbaugegnern, Rekonstruktion sei wie Blasphemie. Aber in Deutschland sind nach dem Krieg ganze Städte wiederaufgebaut worden, München etwa oder Augsburg. Oder erinnern wir uns nur an die Dresdner Frauenkirche. Die Einstellung, dass die deutsche Geschichte zu Buße verpflichte und man die Zerstörungen als Strafe der Geschichte hinnehmen müsse, ist in meinen Augen nicht zielführend.

Was machte die Villa Wolf so besonders?

Mausbach: Vor diesem Haus hat Mies van der Rohe zwar auch Villen in Potsdam gebaut. Sie sind aber noch vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, also vor der »Kulturrevolution«, die das Ende der Adelsherrschaft in Europa bedeutete. Somit stehen sie in klassischer Tradition. Die Villa Urbig etwa ist ein kleines Schloss, nach dem Vorbild eines Palais mit Walmdach, mittigem Eingang und einem herrschaftlichen Balkon. Die Innenräume waren ebenfalls hierarchisch geordnet. Das Haus, um das es hier geht, war das genaue Gegenteil.

Das bedeutet?

Mausbach: Der Eingang ist nicht repräsentativ zur Straße hin ausgerichtet, das Haus ist intim, eine bürgerliche und keine Adelsvilla mit Repräsentationsabsicht. Gleichwohl war sie vornehm. Wolf war Kunstsammler und oft in Berlin, wo er sich nach einem Architekten erkundigte und auf Mies van der Rohe hingewiesen wurde. Dieser machte zur Bedingung, er müsse freie Hand haben, um etwas radikal Neues auszuprobieren. Das zeigt sich schon am Flachdach, wie es früher gar keins gegeben hatte, außer bei Industriebauten.

Dennoch griff er auf den fast traditionellen Backstein zurück.

Mausbach: Ja, Mies van der Rohe liebte Backsteine, getreu seinem Diktum, Architektur beginne damit, dass zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden. Aus dem Backstein-Kubus entwickelte er eine kubische Skulptur. Der Backstein hat eine lange Tradition, von der Backsteingotik zur Backsteinrenaissance. Das »Kleid der Hanse«, frühbürgerliche Städtearchitektur. Diese Architektur zeigte offen auch die Konstruktion, die Technologie wurde nicht versteckt. Im Barock wiederum verkleideten sich nicht nur die Fürsten und ihr Gefolge, auch die Häuser wurden mit Skulpturen, Putz und falschem Marmor »verkleidet«. Auch in der Gründerzeit gab es dann den Putz und Prunk – dagegen setzte wiederum Mies van der Rohe seine kubische Skulptur, zurück zum Elementaren. Erst in seinen weiteren Entwicklungen kamen dann immer mehr Stahl und Glas zum Tragen. Insofern war die Villa Wolf ein revolutionäres Gebäude.

Der Wiederaufbau der kriegszerstörten Villa wird von Ihrem Verein als »ein Akt kulturpoli­tischer Aufklärung« bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Mausbach: Auf polnischer Seite tat man sich ein bisschen schwer mit solchen Projekten, zumal mit deren Finanzierung, aber da ändert sich einiges. Wie stark bei den dort lebenden Polen noch bis nach der Wende das Bewusstsein war, dass alles nur ein Provisorium sei, ist in Deutschland unterschätzt worden. Jetzt beobachte ich, dass die Polen beginnen, auch die deutschen Kulturgüter als ihr Erbe, ihr deutsch-polnisch-europäisches Erbe zu betrachten. Unser Projekt geht in diese Richtung, wir wollen ein gemeinsames Kulturerbe pflegen. Auch die Kirchenruine im polnischen Teil der Stadt soll ein deutsch-polnisches Kulturzentrum werden. So könnte Guben ein praktisches Beispiel deutsch-polnischer Verständigung und Versöhnung werden. Auch die Polen empfinden es als Auszeichnung, »ihren Mies« zu haben.

Inwieweit gibt es ein polnisches Interesse am deutschen Erbe oder am Bauhaus?

Mausbach: Bei Mies spielt das Deutsche keine so große Rolle, er ist eine internationale Persönlichkeit der Architekturgeschichte. Aber auch »das Deutsche« darf in Polen mittlerweile bestehen, die Erinnerung daran wird nicht weiter ausgelöscht, wie es der Zeitgeist des Kommunismus forderte. Ohne Geschichte leben kann niemand. Es gilt, zu einem sachlichen und einvernehmlichen Erinnern zu kommen. In Polen wurde viel wiederaufgebaut, nicht immer originalgetreu, doch die Leute empfinden es als willkommene historische Assoziation.

Zu Ihren Wiederaufbauplänen: Was sind die Schritte bis dahin?

Die Vereinsgründung war ein erster Schritt. Das Wichtigste ist jetzt die Vollendung eines Forschungsprojekts der FH Potsdam, um herauszufinden, wie die Villa ursprünglich aussah. In diesem Sommer sollen punktuelle Grabungen dazu vorgenommen werden.

Denn Baupläne gibt es nicht …

Mausbach: Nein, die gibt es nicht mehr, nur Entwurfspläne. Genaue Maße kennen wir nicht, sie lassen sich höchsten aufgrund der Zahl der Backsteine ermessen und errechnen. Deshalb sind jetzt Ausgrabungen am Ort, an dem das Haus gestanden hat, vonnöten. Es ist eine wissenschaftliche Übung, worum wir uns hier bemühen. Wir erforschen noch das Haus.

 

 

 

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