Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1405 | Juli 2019
Markus Nowak
<br> Stadtschreiber Marcel Krueger

Marcel Krueger, 1977 in Solingen geboren, arbeitet als Autor, Übersetzer und Redakteur in Irland. Seine Texte werden u.a. von den Zeitschriften The Daily Telegraph, The Guardian, der Süddeutschen Zeitung und CNN Travel gedruckt. 2018 erschien sein englischsprachiger Reisebericht auf den Spuren seiner Großmutter Cäcilie aus Ostpreußen in die sowjetischen Arbeitslager, im März dieses Jahres kam er als deutsche Übersetzung unter dem Titel Von Ostpreußen in den Gulag. Eine Reise auf den Spuren meiner Großmutter im Reclam-Verlag heraus. Seit Mai 2019 ist Krueger Stadtschreiber des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Allenstein/Olsztyn. Das Gespräch führte Markus Nowak.

Herr Krueger, seit 13 Jahren wohnen Sie in Irland und verbringen nun fünf Monate in Allenstein. Welche Parallelen fallen Ihnen zwischen Irland und dem ehemaligen Ostpreußen auf?

Krueger: Natürlich ist da die grüne Landschaft. In dem Ort, wo ich wohne, Dundalk, gibt es rund 30000 Einwohner. Er ist aber strukturell vergleichbar mit Allenstein. Beides sind Provinzhauptstädte, in beiden gibt es eine Uni und hier wie da ist das kulturelle Leben angesiedelt. In Dundalk fahre ich fünf Kilometer raus und bin im Grünen auf den Feldern, an der Küste. Das ist hier auch so, wenn man hier in Jomendorf/Jaroty, heute einem Stadtteil von Allenstein, ist, da schaut man in den Wald rein. Und dann sind da die Polen, die in Irland die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe sind.

Irland wie auch das Ermland zu Zeiten Preußens galten als katholisch …

Krueger: Als ich in Irland aufgebrochen bin, da gab es gerade eine Kommunionphase. Die Kinder gehen am Weißen Sonntag zur Kommunion. Und als ich hier ankam, war das auch so, da gehen die Menschen sonntags komplett rausgeputzt in die Kirche. Im Straßenbild sah ich da kaum Unterschiede.

Was hatte Sie dazu motiviert, Stadtschreiber in Allenstein zu werden?

Krueger: Ich habe einen familiären Bezug zur Region, und meine Thematik habe ich in meinem Buch aufgearbeitet. Darin geht es um die Geschichte meiner Großmutter, sie kommt aus Lengainen/Łęgajny, gleich in der Nähe von Allenstein. Sie ist 1945 von der Roten Armee mitgenommen worden und war vier Jahre im Zwangsarbeiterlager in Russland. Ich bin ihr nachgereist und habe die Geschichte von ihr und mir aufgeschrieben. Und mein nächstes Buch soll von ihrem Bruder Franz handeln, der Mitglied des Bunds der Polen in Deutschland war und für Polen in der  Wehrmacht spionierte. 1942 wurde er hingerichtet.

Neben dem Stadtschreiber-Blog schreiben Sie also parallel an einem weiteren Buch?

Krueger: In derselben Familie haben wir zwei Hauptströme des 20. Jahrhunderts, und das war Teil der Bewerbung: dass ich die Recherche darüber öffentlich machen kann im Blog und ich auch mehr über die Gegend lerne.

Wie sind Sie als Stadtschreiber in Allenstein aufgenommen worden?

Krueger: Sehr herzlich! Ich war überrascht, wie sehr sich die Menschen, und zwar nicht nur offizielle Stellen, für meine Tätigkeit interessieren. Ich habe viele Mails von Leuten bekommen. Etwa aus dem Ort namens Plautzig/Pluski, da gibt es ein »Wirf den Hammer auf den TV«-Festival. Zu so etwas bin ich eingeladen worden. Die ersten 14 Tage habe ich bestimmt jeden Tag zwei bis drei offizielle Termine gehabt und viele Menschen getroffen, die auf mich zugekommen sind, weil sie mir etwas Interessantes aus der Gegend zeigen wollten …

… wie etwa deutsches Erbe?

Krueger: Ja, man sieht hier viel deutsche Architektur, das wird auch sehr positiv gesehen. Es gibt ja auch außerhalb der Altstadt von Allenstein viele Gebäude, an denen die Menschen deutsche Inschriften wiederentdecken, etwa dieses »Erbaut 1903«. Für die heutigen Bewohner scheint es interessant, wenn ostdeutsche Kulturarbeit hier passiert. Es gab da letztens in der Buchhandlung eine Ausstellung, in der es um Wassergeister aus masurischen Sagen ging, und da hat man die auf dem Vormarsch der Roten Armee getöteten deutschen Bewohner mit aufgenommen. Es gibt eine positive und kulturelle Annäherung an das Thema.

Selbst auf vielen Kanaldeckeln steht heute noch »Allenstein« auf Deutsch. Oder wieder, denn auch nach Straßensanierungen werden die alten Gullis wieder eingesetzt.

Krueger: Bei Umbauarbeiten in einer Straße hat man einen alten deutschen Friedhof gefunden und festgestellt, dass da der Bürgermeister Oskar Bielan liegt. Er hat im 19. Jahrhundert die Kanalisation eingeführt, den Bahnhof gebaut und vieles mehr. Um das wertzuschätzen, weil man die Infrastruktur auch heute noch nutzt, wird es nun eine Gedenkstätte geben. Das Bewusstsein für das deutsche Erbe ist da.

Geschärft wird es etwa vom Allensteiner Kulturverein Borussia.

Krueger: Borussia macht seit dreißig Jahren gute Arbeit, etwa auch im Umgang mit dem jüdischen Kulturerbe in der Stadt. Da gibt es das Mendelssohnhaus. Der hervorragende Beitrag besteht etwa beim Austausch von Jugendgruppen und Studenten aus Russland und der Ukraine, die deutsche und russische Friedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg pflegen. Die Schlachten spielen für die 18- bis 19-Jährigen in der eigenen Familiengeschichte keine Rolle, aber sie sehen, dass hier alle schon einmal durchmarschiert sind und wie die verschiedensten Bevölkerungsgruppen hier gelebt haben und gestorben sind. Das ist wichtig, gerade weil dieser multikulturelle Aspekt in der Stadt heutzutage nicht mehr da ist. Es gibt nicht mehr die deutsche Kultur, die neben der polnischen und der jüdischen hier existiert, wie es in den 1920er Jahren der Fall war. Aber dieses Erbe zu pflegen und junge Leute heranzuführen ist wichtig.

 

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