Die Deutschbaltische Abteilung im Ostpreußischen Landesmuseum
Dr. Eike Eckert
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Der Eröffnung im August 2018 waren jahrelange Planungen und Konzeptionen für ein deutschbaltisches Museum vorausgegangen, dessen Bau als eigenständiges Haus von deutschbaltischer Seite jedoch nicht realisiert werden konnte. Dies führte zu einer Kooperation zwischen der Ostpreußischen Kulturstiftung als Träger des Ostpreußischen Landesmuseums und der Deutschbaltischen Kulturstiftung als Eigentümerin der künftig auszustellenden Objekte. Es wurde beschlossen, im Ostpreußischen Landesmuseum eine Deutschbaltische Abteilung zu errichten, die vom dortigen Museumsteam professionell konzipiert und betreut wird. Die Deutschbaltische Kulturstiftung stellte im Gegenzug die von der Carl-Schirren Gesellschaft e.V. betreute Sammlung bereit und bekam Sitz und Stimme in der Ostpreußischen Kulturstiftung, so dass sie in alle anstehenden Maßnahmen mit eingebunden wurde. Für die Gesamtmaßnahme – die Vergrößerung der Ausstellungsfläche durch einen Neubau mit Foyer und Sonderausstellungsflächen, den Umbau und die denkmalgerechte Sanierung des Scharff’schen Hauses sowie die Entkernung des Altbaus und der Neueinrichtung der Dauerausstellung – stellten die Bundesrepublik Deutschland, das Land Niedersachsen und andere Zuwender Mittel zur Verfügung.

Von den Zuwendern wurde von Anfang an die klare Vorgabe ausgegeben, dass eine in sich geschlossene Ausstellung über die Geschichte der Deutschbalten, nicht aber eine Geschichte des Baltikums präsentiert werden sollte. Dies schloss die Einbeziehung Litauens und der Litauendeutschen weitgehend aus, die nicht zu den Deutschbalten gezählt werden. Inhaltlich wurde die Konzeption der Deutschbaltischen Abteilung durch den 2012 hierfür eingestellten Projektmitarbeiter Dr. Eike Eckert vorbereitet und – wie für alle Abteilungen üblich – mit dem gesamten Museumsteam diskutiert und optimiert. Zur Seite stand dem Museum zudem ein Beratungsgremium der Deutschbalten unter Leitung von Dr. Alexander von Knorre, dem ausgewiesene Fachleute für die Geschichte der baltischen Länder und das in der Deutschbaltischen Kulturstiftung vorhandene museale Kulturgut angehörten.

Insgesamt einigte man sich für die Deutschbaltische Abteilung auf drei größere inhaltliche Gliederungsabschnitte: 1. Mittelalter und Frühe Neuzeit; 2. Das 18. Jahrhundert unter russischer Herrschaft und 3. Die Zeit von der sogenannten »Russifizierung« Ende des 19. Jahrhunderts bis zu den Umsiedlungen 1939. Diese Aufteilung entspricht auch weitgehend der vorhandenen Objektlage. Eine farbliche Akzentuierung der drei Abteilungen in unterschiedlichen Tönen in teils kräftigem Blau oder edlem Magenta vereinfacht zudem die inhaltliche Zuordnung für den Besucher. Das Farbkonzept und die gelungene Gestaltung der Museumsräume nahm das Büro Homann, Güner, Blum – Visuelle Kommunikation und Ausstellungsgestaltung aus Hannover vor. Speziell für Kinder aufbereitete Vitrinenschubladen und Objekte machen einen Besuch auch generationsübergreifend zu einem Erlebnis, wobei die Objekttexte selbst in einer gut lesbaren Schriftgröße produziert wurden.

Eröffnung im Beisein von 900 Gästen

Am 25. August 2018 wurde von Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters im Beisein aller drei baltischen Botschafter das rundum erneuerte Ostpreußische Landesmuseum wiedereröffnet. Nach dreijähriger umbaubedingter Schließung präsentiert es sich in einem modernen, familienfreundlichen Gewand. Als einziges Museum außerhalb der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen zeigt es jetzt neu eine Deutschbaltische Abteilung. In drei größeren Zeitabschnitten wird darin die mehr als 700-jährige Geschichte und Kultur der Deutschen thematisiert, deren Vorfahren bis zur sogenannten Umsiedlung 1939/1941 auf dem Gebiet der heutigen EU-Staaten Estland und Lettland lebten. Fast 900 Gäste wohnten dem Festakt in der Lüneburger St. Johanniskirche bei, darunter auch zahlreiche Vertreter der Deutschbalten, von denen viele, wie der Vorsitzende der Deutschbaltischen Kulturstiftung, Thomas von Lüpke, in seiner Rede betonte, schon über ein Jahrzehnt auf die Umsetzung der musealen Pläne hingearbeitet hatten.

Beim anschließenden Rundgang zeigte sich nicht nur die von Direktor Dr.Joachim Mähnert geführte Kulturstaatsministerin angetan von der neuen Ausstellung – gerade auch von der Deutschbaltischen Abteilung. Diese positive Resonanz setzte sich in der Eröffnungswoche fort, in der die grundlegend veränderte Ausstellung von den Besuchern in Augenschein genommen werden konnte.

Ein Schaufenster deutschbaltischer Kulturgeschichte

Als ein Schaufenster der deutschbaltischen Kulturgeschichte präsentiert die Deutschbaltische Abteilung in 29 Kapiteln u. a. die Geschichte Livlands in Mittelalter und Neuzeit, der Hanse im Baltikum, des Ordens, der Kirche und Ritterschaften sowie ihrer Bedeutung für die baltischen Länder. Sie stellt der Alltagskultur und den Gütern des deutschbaltischen Adels das bäuerliche Leben von Esten und Letten gegenüber. Zudem erhält der Besucher Einblicke in die Städte mit ihren Kaufleuten, Künstlern und der Universität Dorpat sowie die Dienste und Karrieren der Deutschbalten in Schweden und im Russischen Reich. Die Situation der Deutschbalten als Minderheit nach Gründung unabhängiger baltischer Staaten 1918 bis zu ihrer sogenannten Umsiedlung 1939 rundet das Bild ab.

Dem Anspruch des Museums folgend werden überwiegend originale Objekte gezeigt – darunter zahlreiche Gemälde von namhaften Malern wie Timoleon von Neff, Karl August Senff, Julie Hagen-Schwarz oder Anton Graff, wunderbar restaurierte Möbel, prunkvolles Silber, seltene Alltagsgegenstände, kostbare Textilien, Studentica und vieles mehr. Insgesamt kann der Besucher ca. 220 Objekte auf seinem Rundgang bestaunen, die durch Medienstationen wie Zeitzeugeninterviews und Karten ergänzt werden. Fast 100 Objekte stammen aus der Sammlung des Kooperationspartners Deutschbaltische Kulturstiftung, wobei einige hochwertige Stücke Eigentum der Bundesrepublik Deutschland sind. Dazu kommen Ausleihen aus Museen in Estland, Lettland und Deutschland, von Privatpersonen, aber auch von Institutionen. Mit dem eigenen Sammlungsbestand von Nolcken/von Münnich – ursprünglich aus Allatzkiwwi/Alatskivi und Lunia in Estland stammend – verfügt die Ostpreußische Kulturstiftung zudem über einige herausragende Objekte, vor allem Gemälde, aber auch französische Luxusmöbel, die nach aufwendiger Restaurierung Eingang in die Ausstellung gefunden haben. Diese Restaurierungsarbeiten sind dankenswerterweise durch verschiedene Zuwendungen baltischer Stiftungen wie der Stiftung Thure P. und Dr. Andrea A. von Wahl, der Stiftung des Verbands der Baltischen Ritterschaften sowie der Familienstiftung von Brevern und des Familienverbands von Stackelberg ermöglicht worden.

Ausstellungen, Kooperationen, europäische Komponente

Die willkommene Erweiterung des Museums- und Stiftungszweckes um die deutschbaltische Kulturgeschichte ist zugleich eine Erweiterung der Zielregion des Ostpreußischen Landesmuseums und somit eine neue Herausforderung, da diese fortan nicht nur Polen, Litauen und das Kaliningrader Gebiet (Russland), sondern auch Lettland und Estland umfasst. Die Entfernung vom Lüneburger Museumsstandort bis zu der rund 1.000 Kilometer entfernten Zielregion darf in Zeiten beschränkter Budgets keine Einschränkungen der Kulturarbeit mit sich bringen – gerade weil sich die Deutschbaltische Abteilung jetzt und in Zukunft als erste Adresse für einen länderübergreifenden musealen Kulturaustausch mit Einrichtungen in Lettland, Estland, aber auch in Litauen sieht.

Bereits im Eröffnungsjahr 2018 wurde im Museum nicht nur der vor hundert Jahren erlangten Unabhängigkeit der Baltischen Staaten durch eine Ausstellung und Veranstaltungen gedacht, sondern es wurden auch museale Objekte aus dem Sammlungsbestand an ihren Ursprungsort in das Schloss Allatzkiwwi nach Estland verbracht und dauerhaft verliehen. Die Vorbereitungen für verschiedene langfristig angelegte Kooperationsprojekte werden zudem weiter intensiviert.

Neben der Dauerausstellung zeigt das Ostpreußische Landesmuseum mit Deutschbaltischer Abteilung regelmäßig Kabinett- oder Sonderausstellungen mit (deutsch)baltischen Bezügen. Nach der Sonderausstellung »Johannes Niemeyer. Küsten und Städte – Bilder aus dem Baltikum« folgt im Herbst dieses Jahres eine Kabinettausstellung »Baltische Stadtansichten – Veduten aus der Sammlung Wulffius«. Für 2020 ist eine weitere Kabinettausstellung zu »‚Reise um die Welt‘ – Adam Johann von Krusenstern zum 250. Geburtstag« geplant. Die Sammlung und Inventarisierung von Baltica bildet neben Veranstaltungen zu baltischen Themen, die in Zusammenarbeit mit dem am Ostpreußischen Landesmuseum ansässigen Kulturreferat unter Leitung von Agata Kern stattfinden, einen weiteren Schwerpunkt der Museumsarbeit.

Die Deutschbaltische Abteilung wie auch die Bemühungen einer grenzüberschreitenden europäischen Zusammenarbeit finden nicht nur durch unsere deutschbaltischen Kooperationspartner in Deutschland, sondern auch durch den Besuch von Kollegen, Wissenschaftlern und hochrangigen Offiziellen aus dem Baltikum Anerkennung. Zu Beginn des Jahres 2019 besuchte der Staatspräsident Lettlands, S.E. Raimonds Vejonis, die Deutschbaltische Abteilung und betonte in seinem Grußwort die Bedeutung der europäischen Zusammenarbeit, die mit Leben zu füllen das Ostpreußische Landesmuseum mit neuer Deutschbaltischer Abteilung als ihren Auftrag ansieht.

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