1

Fläche: 17.075.400 km²
Einwohner: 142 Mio.
Hauptstadt: Moskau
Amtssprache: Russisch, weitere Amtsprachen in den einzelnen Republiken der Föderation
Währung: Rubel

Russland oder richtiger die Russische Föderation ist der unmittelbare Nachfolgestaat der Russischen Föderativen Sowjetrepublik. Gleichzeitig ist Russland völkerrechtlicher Fortsetzerstaat der 1991 aufgelösten Sowjetunion, die ihrerseits auf der Grundlage des russischen Kaiserreichs entstand. Weitere Nachfolgestaaten des russischen Kaiserreichs und der Sowjetunion, in denen sich die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen fortsetzt beziehungsweise in denen sich Spuren dieser Geschichte und Kultur finden lassen, sind die Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Litauen, Lettland, Estland, Georgien, Aserbaidschan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien. Deutsche und Russen teilen sich eine vielschichtige und epochenübergreifende gemeinsame Geschichte.

Deutsche in der Geschichte Russlands

Die Präsenz der Deutschen in der Geschichte Russlands speist sich aus unterschiedlichen Migrationsströmen, die weitgehend unabhängig voneinander waren und erst spät und nur zum Teil zusammenflossen.

Anwerbung und Einwanderung von »Spezialisten«

Bereits im hohen Mittelalter kamen aus den deutschen Ländern Kaufleute nach Russland, die in Nowgorod ein großes Hansekontor gründeten und in der russischen Handelsmetropole eine Gemeinde von bis zu 200 Mitgliedern bildeten. Als sich im 16. Jahrhundert Moskau als Machtzentrale durchsetzte, entwickelte sich hier die »Deutsche Vorstadt« (»Nemezkaja sloboda«), in der ausländische, zum großen Teil deutsche Spezialisten wie Waffenschmiede, Sprengmeister und andere Handwerker lebten. Im 17. Jahrhundert wuchs der Bedarf an Spezialisten für die Metallgewinnung und -verarbeitung, an Ärzten, Baumeistern und Kunsthandwerkern. Unter Zar Michail (1613–1645) wurden mehrere Tausend ausländische Söldner angeworben sowie fremde Offiziere, die die russischen Soldaten auszubilden hatten. Die Öffnung und Modernisierung des Landes unter Peter I. mit der Gründung St. Petersburgs (1703) brachte ein Anwerbungsmanifest, das den Ausländern, die in russische Dienste treten wollten, Religionsfreiheit zusicherte. In der Folge kamen zahlreiche Handwerker, Künstler, Militärs, Ärzte und Wissenschaftler in die neue Residenzstadt, die ihr ein europäisches Gepräge gaben und darüber hinaus großen Einfluss auf die politischen und kulturellen Geschicke des Russischen Reiches hatten.

Die Anwerbung und Einwanderung von »Kolonisten«

Im Juli 1763 erließ Kaiserin Katharina II. ihr berühmtes Anwerbungsmanifest, mit dem vor allem in den deutschen Ländern Menschen zur Gründung von »Kolonien« an der unteren Wolga eingeladen wurden. Etwa vierzig Jahre später ließ Alexander I. ein zweites solches Manifest folgen, um mit deutschen Siedlern die weitgehend unbewohnten, neu eroberten Gebiete im Süden (Neurussland) und im Kaukasus zu besiedeln. Den Siedlern wurden verschiedene Privilegien zugesichert, wie Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Steuervergünstigungen sowie eine relativ autonome Verwaltung. Die deutschen »Kolonien« entwickelten sich im Laufe der Zeit gut, was zu Gründungen von Tochterkolonien im Osten des Russischen Reichs (Sibirien, Kasachstan) führte. Die sozialen Reformen der 1860er Jahre, in deren Zusammenhang auch die Befreiung der russischen Bauern aus der Leibeigenschaft erfolgte, führte zum Abbau der Privilegien der deutschen »Kolonisten«. Die Selbstverwaltung verlor an Einfluss, Russisch wurde zur Amtssprache, der allgemeine Militärdienst wurde auch für die deutschen Männer verpflichtend. In der Folge verließen zahlreiche Russlanddeutsche ihre Kolonien und wanderten nach Nord- und Südamerika aus.

Eroberung der Ostseeprovinzen

Mit der Eroberung der baltischen Provinzen Livland, Estland und Kurland im 18. Jahrhundert wurden die Mitglieder der deutschen Oberschicht dieser Region zu russischen Untertanen. Aus den baltischen Familien rekrutierten sich Beamte, Offiziere, Lehrer und Wissenschaftler, die in der russischen Geschichte und Kultur eine bedeutende Rolle spielten.

Sonderfall Kaliningrader Gebiet

1945 fiel der nördliche Teil Ostpreußens, der bis 1945 zu Preußen beziehungsweise zum Deutschen Reich gehörte, mit der Hauptstadt Königsberg an die Sowjetunion, die das Gebiet als Exklave in die Russische Föderative Sowjetrepublik eingliederte. Die durch die Kriegseinwirkungen und die schwierigen Lebensbedingungen der ersten Nachkriegszeit bereits deutlich dezimierte deutsche Bevölkerung Ostpreußens wurde bis 1948 fast restlos vertrieben bzw. ausgewiesen, und das stark kriegszerstörte Gebiet wurde mit Neusiedlern aus der ganzen Sowjetunion besiedelt. Nahezu alle Ortsnamen und Flurbezeichnungen wurden russifiziert bzw. sowjetisiert. So wurde Königsberg zu Kaliningrad und Tilsit zu Sowjetsk.

Das 20. Jahrhundert und die Gegenwart

Im Jahr 1913 wurden im Russischen Reich insgesamt 2,4 Millionen Deutsche gezählt, das waren etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Ein dramatischer Einschnitt in der Geschichte der Deutschen in Russland war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Obwohl viele von ihnen in der russischen Armee dienten, wurden die Russlanddeutschen vielerorts als »feindliche Ausländer« angesehen und diskriminiert, es gab Pogrome gegen deutsche Geschäfte in den Städten, die Herausgabe deutscher Zeitungen wurde verboten. Die russische Regierung bereitete während des Krieges die sogenannten Liquidationsgesetze vor, mit denen deutscher Besitz flächendeckend enteignet werden sollte. Die Revolutionen von 1917 wurden von vielen Russlanddeutschen begrüßt, stellten sie doch eine Aufhebung der Liquidationsgesetze und eine Wiederherstellung der Rechte der Deutschen in Russland in Aussicht. Andere, vor allem Vertreter der gesellschaftlichen Eliten des alten Regimes, emigrierten.

In der Sowjetunion, die sich als Vielvölkerstaat verstand, galten die Deutschen als eine Nation unter anderen. In der 1924 errichteten Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen stellten sie zwei Drittel der Bevölkerung. Die Repressionen des Stalinismus betrafen die Russlanddeutschen ebenso wie die anderen Nationalitäten der Sowjetunion. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und die Parteisäuberungen der 1930er Jahre kosteten zahlreiche Russlanddeutsche das Leben. In der Volkszählung von 1939 wurde die deutsche Minderheit der UdSSR mit 1,43 Millionen beziffert.

Auflösung der Wolgarepublik und Sondersiedlungen

Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 setzte eine konsequente Repression ein, die die Russlanddeutschen als Gesamtheit der Sowjetbürger mit deutscher Nationalität betraf. Die Wolgarepublik wurde aufgelöst, mehr als 1,2 Millionen Menschen wurden nach Osten, nach Sibirien, Kasachstan und in den Ural deportiert. Männer und Frauen wurden in die sogenannte Arbeitsarmee (Trudarmija) eingezogen, in der sie unter den Bedingungen der sowjetischen Straflager (Gulag) Zwangsarbeit leisteten. Die übrigen Russlanddeutschen wurden dem Regime der »Sondersiedlungen« unterstellt – sie durften ihre Verbannungsorte nicht verlassen und mussten sich regelmäßig bei der Kommandantur melden.

Als die Arbeitsarmee 1946 aufgelöst wurde, änderte sich für die Zwangsarbeiter nicht viel, da man sie in das Regime der Sondersiedlungen entließ, das erst mit dem Dekret vom 13. Dezember 1955 abgeschafft wurde. Mit diesem Dekret wurden die Russlanddeutschen jedoch keineswegs rehabilitiert: Lediglich die Einschränkungen der Sondersiedlungen wurden aufgehoben, eine Rückgabe konfiszierten Eigentums wurde explizit ausgeschlossen, ebenso war die Rückkehr in die ursprünglichen Wohnorte streng untersagt. Die so von der Meldepflicht befreiten Russlanddeutschen siedelten sich also in den südlicher gelegenen Regionen Westsibiriens, Kasachstans und Mittelasiens an.

Assimilationsdruck und Verlust der nationalen Identität

Relative Bewegungsfreiheit, die die Russlanddeutschen mit den übrigen Sowjetbürgern in dieser Hinsicht gleichstellte, brachte erst ein Erlass vom 3. November 1972. Doch die Hoffnungen auf eine Wiederherstellung der früheren Wolgarepublik, wie sie seit den 1960er Jahren immer wieder formuliert wurden, sollten chancenlos bleiben. Die massiven Repressionen führten dazu, dass die Deutschen in der Sowjetunion zunehmend ihre sprachliche und religiöse Identität verloren. Nachdem seit den 1950er Jahren in Einzelfällen und in geringer Zahl die Ausreise in die beiden deutschen Nachkriegsstaaten gestattet wurde, kam es nach 1990 zu einer massenhaften Abwanderung von Deutschen aus der Sowjetunion. Insgesamt kamen auf diesem Wege von 1950 bis 2006 rund 2,33 Millionen sogenannter Spätaussiedler aus der Sowjetunion nach Deutschland.

Im Jahr 2002 ergab die Volkszählung der Russischen Föderation für die deutsche Minderheit eine Anzahl von einer halben Million. Die Interessenvertretungen dieser Minderheit sprechen dagegen von bis zu einer Million Deutscher in Russland.

Modernisierung durch Europäisierung

Deutsche Kultur spielte in der russischen Geschichte insgesamt eine große Rolle, wobei die oben dargestellten Gruppen sich in sehr unterschiedlicher Weise kulturell bemerkbar machten. In den großen Städten des Russischen Reiches ebenso wie in der Provinz nahmen die Vertreter der gesellschaftlichen Eliten mit deutscher Herkunft (darunter auch viele Vertreter der Zarendynastie) einen bedeutenden Platz in der kulturellen Entwicklung des Russischen Reiches im 18. und 19. Jahrhundert ein. Die Modernisierung des Landes war gleichbedeutend mit einer Europäisierung. In diesem Prozess waren die »Deutschen«, die vielerorts nicht als national abgegrenzte Gruppe betrachtet wurden, sondern als konfessionell und sozial definierte »europäische«, »ausländische« Schicht, die Anführer. Sie hatten großen Einfluss auf die Entwicklung nahezu aller kulturellen Sparten des Landes, von der Medizin über das Bildungswesen bis zu den Schönen Künsten.

Kirchen, Schulen und Fabriken

Diese Beiträge fanden Eingang in die Kultur Russlands überhaupt und werden heute nicht mehr als »deutsche« Anteile an der russischen Kultur wahrgenommen. Vielerorts traten diese Eliten im öffentlichen Leben nicht als »Deutsche« auf, sondern behielten nur im privaten Umfeld einzelne Elemente ihrer deutschen Identität bei wie die nicht-orthodoxe Konfession.

Die größte Gruppe der Russlanddeutschen – die der deutschen »Kolonisten« – bewahrte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend ihre kulturelle Autonomie, die jedoch mit den Reformen im Russischen Reich zunehmend eingeschränkt wurde. Zeugnisse dieser Kultur sind zahlreiche Kirchen und andere öffentliche Gebäude wie Schulen oder Fabriken, die in Städten und ländlichen Zentren gebaut wurden. Aufgrund der Repressionen im 20. Jahrhundert sind von diesen kulturellen Werten nur noch Spuren zu sehen.

Deutsche Minderheit in Russland heute

Die deutsche Minderheit in der Russischen Föderation unterhält mit finanzieller und ideeller Unterstützung aus Deutschland sogenannte Deutsche Häuser beziehungsweise Begegnungsstätten in verschiedenen Regionen des Landes mit Schwerpunkten in Moskau, St. Petersburg, Kaliningrad, Omsk und Orenburg. Zentrale Bedeutung in diesen Einrichtungen hat die Pflege der deutschen Sprache, denn aufgrund des starken Assimilationsdrucks beherrschen sie nur noch relativ wenige Deutsche in Russland. Eine wichtige Rolle für die Erhaltung der oft nur noch sehr schwach ausgeprägten kulturellen Identität spielt die evangelisch-lutherische Kirche in Russland.

Literatur

Stricker, Gerd (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Russland. Siedler Verlag. Berlin 2002.
Standardwerk mit Beiträgen von Detlef Brandes, Margarete Busch, Gerhard Hildebrandt, Peter Hilkes, Peter Rosenberg und Gerd Stricker.

Links

Repressionen der Russlanddeutschen in der Sowjetunion
Material der russischen Nichtregierungsorganisation »Memorial« (russischsprachig)

Geschichte der Russlanddeutschen
Internetseite mit zahlreichen Links zu Literatur, Geschichte und Vorträgen

Geschichte der Wolgadeutschen
(russischsprachig)