Anlässlich der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2011

Gehalten am 22. September 2011 in der Deutschen Bank, Unter den Linden, Berlin, anlässlich der feierlichen Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2011 – Ehrenpreis an Jan Janca

Jan Janca, Georg Dehio-Kulturpreisträger 2011 (Ehrenpreis), während seiner Dankesrede. Foto: © Deutsches Kulturforum östliches Europa, Mathias MarxSehr geehrte anwesende Mitglieder des Deutschen Kulturforums östliches Europa und der Jury für die Preisverleihung, sehr geehrter Herr Bischof, sehr geehrte, liebe Gäste!

Ich danke der Jury herzlich für die Verleihung des Ehrenpreises, außerdem Frau Dr. Lemmermeier, die mir als erste die Nachricht übermittelte, Frau Dr. Tutsch, die die Organisation übernommen hatte, Herrn Dr. Harer als Musikberater des Vorstandes und Frau Dr. Berggren-Merkel für das heutige Grußwort. Sodann danke ich herzlich Herrn Univ.-Prof. Dr. Hubert Unverricht für die sehr ausführliche und einfühlsame Laudatio.

Es wurde hauptsächlich meine Forschungs- und Publikationstätigkeit zur Orgelbaugeschichte Ost- und Westpreußens ausgezeichnet. Wie hatte alles angefangen? Bei diesen Forschungen handelt sich ja um heute teilweise zerstörte Instrumente, die anhand von geretteten Unterlagen beschrieben wurden, Akten des Königsberger Staatsarchivs, das sich heute im Archiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin befindet. Der erste Mitverfasser Werner Renkewitz hatte schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen, alte Orgeln Ostpreußens zu inventarisieren, während ich ab 1945 meine Forschungen in Westpreußen mit Danzig (heute Gdańsk i Pomorze nadwiślańskie) begonnen hatte. Renkewitz hatte seine Notizen aus den Kriegswirren 1944/45 gerettet und aufbewahrt. Erst 1965 erhielt er eine Anfrage von Domvikar und -organist Józef Sianko aus der Bischofsstadt Frauenburg, polnisch Frombork. Herr Sianko wollte eine kleine Orgelbaugeschichte des heute polnischen Teils Ostpreußens schreiben, hauptsächlich Ermland und Masuren (polnisch Warmia i Mazury) betreffend, und er bat Renkewitz, ihm seine geretteten Materialien zur Verfügung zu stellen. Renkewitz antwortete damals, dass er dies gern tun möchte, allerdings nur in gedruckter und publizierter Form. So begann er, seine Notizen zu einer Geschichte der Orgelbaukunst von 1333 bis 1944 auszubauen. Damals kam es auch zu einer Zusammenarbeit zwischen Renkewitz und mir, und es entstand als Koproduktion im Entwurf ein erster Band mit ca. 450 Text- und Bildseiten. In einem Entwurf zu einem Vorwort schrieb Renkewitz:

»Die folgenden Ausführungen sind ein Versuch, aus Notizen, Aktenauszügen, Skizzen und Erinnerungen, die den Krieg überdauerten, das Bild einer Orgellandschaft zu rekonstruieren, die ein Opfer des Krieges wurde, bevor sie in ihrer ganzen Bedeutung innerhalb des europäischen Orgelschaffens erfasst worden war. Der Leser möge diesen Bericht daher als den Vortrag eines Archäologen auffassen, und ihn so lesen, wie er Pörtners Buch mit dem fahrstuhl in die römerzeit lesen würde.«

Renkewitz schreibt weiter in einem bisher nicht publizierten Teil des Vorworts:

»Der Bericht soll – das sei ausdrücklich festgestellt – weder sentimentale Erinnerungen bei der älteren Generation wachrufen, die die Orgellandschaft Ostpreußens noch gekannt hat, noch soll sie die jüngere Generation dazu verleiten, aus dieser Veröffentlichung abwegige Folgerungen zu ziehen, in welche Richtung sie auch immer gehen mögen«.

Renkewitz spricht hier offensichtlich revisionistische oder chauvinistische Tendenzen an.

Wie ging es weiter? Domorganist Sianko ging nach Veröffentlichung einiger Broschüren zur Orgelbaugeschichte als Missionar nach Südamerika. Renkewitz starb 1979, und ich hatte nach meiner Wiederentdeckung der Orgelakten des geretteten Staatsarchivs Königsberg in Göttingen, später Berlin, den Organologen Hermann Fischer gewonnen, der sich besonders anhand historischer Fotos aus den polnischen Archiven in Allenstein/Olsztyn der kunsthistorischen Beschreibungen der Orgelprospekte, der äußeren Schauseite der Orgeln, annahm. Ein dritter Band (bzw. der zweite Halbband des zweiten Bandes) ist derzeit in Arbeit.

Die erhaltenen Orgeln in den ehemals evangelischen Kirchen im heute polnischen Teil Ostpreußens wurden ab 1945/46 für katholische, in seltenen Fällen für evangelische Gottesdienste genutzt. Im heute russischen Teil Ostpreußens dagegen wurden die erhaltenen Kirchen als Scheunen, Turnhallen, Clubräume oder Kinos genutzt, wobei die Inneneinrichtung schon in der Zeit um 1945/46 auch als Heizmaterial verwendet wurde. Viele Kirchen wurden abgerissen. In neuerer Zeit werden erhaltene Kirchenräume der russisch-orthodoxen Kirche zur Renovierung und Nutzung überlassen, wobei die russisch-orthodoxe Liturgie keine Verwendung der Orgel kennt. Allerdings wurde in Königsberg/Kaliningrad der wieder aufgebaute Dom als Konzerthalle eingerichtet, wobei Präsident Putin und seine aus Kaliningrad stammende Ehefrau einen beträchtlichen Beitrag zum annähernd originalgetreuen Aufbau der historischen Orgel stifteten. Auch dies war ein Beitrag zur Völkerverständigung.

Schließen möchte ich mit einer Bemerkung, dass ich aus Tübingen angereist bin, einer Stadt, in der Georg Dehio zuletzt gewirkt und gelehrt hat. Auf dem dortigen alten Stadtfriedhof hat er sein Grab in der Nähe des Komponisten und Musiklehrers Friedrich Silcher, als dessen fünfter Nachfolger ich mehrere Jahrzehnte lang tätig sein durfte. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal den nach Georg Dehio benannten Ehrenpreis bekommen würde.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Literatur:
Werner Renkewitz und Jan Janca, geschichte der orgelbaukunst in ost- und westpreußen von 1333 bis 1944, Bd. I, Würzburg 1984.
Werner Renkewitz, Jan Janca und Hermann Fischer, geschichte der orgelbaukunst in ost- und westpreußen von 1333 bis 1944, Bd. II, 1. Halbband, Berlin 2008.

Rechteangabe für alle Fotos, sofern nicht anders angegeben: © Deutsches Kulturforum östliches Europa, Mathias Marx