Während zweier Monate lebt der Berliner Lyriker Tom Schulz als Stipendiat in Czernowitz. Von seinen Gängen durch die Stadt, zu Paul Celans einstigem Wohnhaus und über den jüdischen Friedhof berichten seine Impressionen.
Tom Schulz
1

Neue Zürcher Zeitung, 10.06.2013

[…] Der Kastanienbaum wurde gefällt. Seine Bäume waren die Kastanie, die Pappel und der Maulbeerbaum. Glaubt man den Gedichten. Ich stehe wenige Meter vor der Grundstücksgrenze, sehe die Kronen zweier Pappeln. Celans Pappeln. Durch das Blätterdach fällt Licht. Die Blätter sind grün, wie auch anders. Im Eckfenster hängen Hemden. Eines dunkelrot, das andere blau. Wenn man sich die Mansarde dazudenkt, kann man ihn sich vorstellen, wie er in den Garten schaute oder im Schatten der Kastanie seinen Blick schweifen liess. Er sollte die Kastanie und die Pappeln nicht mehr wiedersehen. […]

Celans Kastanienbaum