Astrid Volpert
 Antonín Urban, Projekt eines Kolchosklubs für hundert Besucher im Vorkaukasus, 1936, Perspektivzeichnung

In den 1930er Jahren arbeiteten 62 »Bauhäusler«, Frauen und Männer, in der Sowjetunion, unter ihnen Hannes Meyer (1889-1954), Direktor des Bauhauses von 1928 bis 1930. Sie begeisterten sich für die dynamischen, widersprüchlichen Bewegungen, die die Moderne in Architektur, Kunst und Gestaltung in Gang gesetzt hatte. 34 Architekten und Städtebauer entwarfen mit russischen Kollegen und anderen Auslandsspezialisten neue Industriebetriebe und sozialistische Wohnstädte, sogenannte »Sozgorods«. Die von Stalin befohlenen willkürlichen »Säuberungen«, aber auch die Folgen der Machtergreifung Hitlers für politische Gegner setzten dem internationalen Projekt friedlichen Miteinanders ein Ende. Die »Aufbauhelfer« verschwanden aus dem Gedächtnis der Einheimischen. Heute gehören sie zum Grundkapital des deutschen-russischen Kulturerbes des 20.Jahrhunderts.

Die ab Ende der 1920er Jahre freiwillig als Vertragsarbeiter auf Zeit in die Sowjetunion reisenden Spezialisten wie auch jene, die später als Emigranten nach Moskau kamen, teilten eine Erfahrung, die der Baseler Architekt Hans Schmidt 1967 so formulierte: »Alles hat hier große Dimensionen und immer etwas Grenzenloses.«

Bauhäusler aus elf Ländern, Lehrende wie Absolventen, hinterließen nicht nur in den Metropolen des heutigen Russland, wie Moskau, Jekaterinburg und Nowosibirsk, nachhaltige Einzelbauten und städtebauliche Ensembles. Sie urbanisierten auch entfernte Regionen, schufen Siedlungsmodelle im Hohen Norden, in der Steppe und im Fernen Osten.

Die wichtigsten Bauwerke liegen seit dem Zerfall der Sowjetunion nicht nur in der Russischen Föderation. Auch in Lettland, Kirgistan, der Ukraine, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan finden sich architektonische Spuren. Die Zahl der durch Ideen und Gestaltungen von Bauhäuslern getragenen Projekte beläuft sich auf mehr als 200. Nicht alle Entwürfe wurden realisiert. Etwa ein Viertel der »Pioniere des neuen Bauens« kam durch Todesurteile des Innenministeriums (NKWD) und in den Lagern des GULAG-Systems ums Leben.

Berufsschulen, Ausstellungspavillons und Klubs im ganzen Land

Die Planungs- und Bauaufgaben dieser ausländischen Spezialisten waren vielgestaltig: Kollektivhäuser und individualisierte Wohnbauten, Schulen, Hochschulen und Kindergärten, Speisehallen und Klubhäuser, Polikliniken und Krankenhäuser, Stadien, auch Staudämme, Eisenbahnstationen, Parks für Kultur und Erholung. Außerdem beteiligten sich die Bauhäusler an öffentlichen Wettbewerben, wie etwa zum Palast der Sowjets (1931-1933), zum Theater für musikalische Massenveranstaltungen in Charkow/Charkiw (1930) und für Klubs und Kulturhäuser im Nord- und Vorkaukasus (1936). Ihre Entwürfe waren funktional ausgerichtet, ohne monumentale, pompöse Gestik. Im Folgenden sollen einige Beispiele vorgestellt werden.

Zu den vom tschechischen Architekten Antonín Urban (1906-1938), einem Mitarbeiter von Meyer am Bauhaus in Dessau, realisierten Bauten zählen die Berufsschulen des Metallur­gischen Kombinats in Nowokusnezk (Gebiet Kemerowo) und in Nishni Nowgorod sowie die Höhere Landwirtschaftsschule in Samarkand (Usbekistan), heute eine Universität. Der Entwurf für das Pädagogische Technikum in Taschkent des Ungarn Tibor Weiner (1906-1965), ebenfalls ein Mitarbeiter aus dem Team von Meyer, hingegen konnte in der Ausführung nicht nachgewiesen werden.

Wenngleich die Projekte zur Industrialisierung der Sowjetunion in den 1930er Jahre den Löwenanteil der Planungen ausmachten, gab es auch Versuche, die Lebensverhältnisse auf dem Lande zu modernisieren. Der deutsch-sowjetische Architekt Philipp Tolziner (1906-1996) und Tibor Weiner gewannen mit ihrem Wohngehöft für die Familie eines Kolchosbauern einen Wettbewerb. Das Projekt war zur Ausführung in der Autonomen Wolgadeutschen Republik bestimmt. Die Umsetzung verzögerte sich jedoch mangels Finanzierung und scheiterte schließlich ganz mit der Auflösung der Republik 1941 durch Stalin.

Der aus Ostpolen stammende Architekt Max Krajewski (1901-1971), Student von Moholy-Nagy und Mitarbeiter von Walter Gropius in Weimar und Dessau, ist Erfinder der Soffiten-Leuchten und anderer Bauhaus-Lampen im Lehrgebäude des Dessauer Bauhauses, ein UNESCO-Weltkulturerbe. Der Wettbewerbsentwurf von ihm und seiner Frau Fanni Belostozkaja, Schülerin von Malewitsch und Lissitzky, für einen Wohnkomplex im Moskauer Stadtbezirk Krasnaja Presnja schrieb zwar schon 1932 Architekturgeschichte. Er wurde aber, weil zu avantgardistisch für die neue Stalin’sche Linie traditionsgebundener nationaler Architektur, nicht gebaut. Mit drei Pavillonbauten der Allunionsausstellung der Errungenschaften der Landwirt- bzw. Volkswirtschaft, einer Leistungsschau der UdSSR, hatten beide mehr Erfolg.

Max Krajewski und Fanni Belostozkaja, Pavillon Körperkultur und Sport vor der Restaurierung, Moskau.

Krajewski und Belostozkaja entwarfen den Pavillon Nr. 27 als ein architektonisches Ensemble klarer Form und Präzision im Detail. Eingeweiht 1939/1940 unter dem Namen MOPR (russ. Akronym für Internationale Arbeiter-Hilfe), wurde er nach dem Niedergang dieser Organisation mehrfach umgewidmet – zunächst als Pavillon der Baltischen SSR und von 1951 bis heute für Körperkultur und Sport. 2017 restauriert, ist er seitdem ein Sportzentrum auf dem Areal des neu belebten Ausstellungsparks im Norden Moskaus. Besonders bemerkenswert ist neben der ebenso strengen wie eleganten Geometrie des fünfzackigen Baukörpers die Gestaltung der Oberlichtverhältnisse im Objekt. Für die Deckenbeleuchtung entwickelte Krajewski spezielle, erhalten gebliebene Lampen. Die Kopien der Originalzeichnungen werden im Weimarer Archiv der Moderne aufbewahrt.

Transformationen und Sicherung eines Avantgardebaus in Jekaterinburg

Der aus einer jüdischen Familie stammende Architekt Béla Scheffler (1902-1942) kam im Oktober 1930 mit Hannes Meyer nach Moskau. Im April 1932 wurde er durch den Volkswirtschaftsrat zur Beschleunigung der Planung und des Baugeschehens der Sozgorod Uralmasch nach Swerdlowsk beordert. Es wurden für ihn dort zehn arbeitsreiche Jahre. Im Kollektiv junger Architekten der Uraler Union moderner Architekten gestaltete er eigenverantwortlich das Gebäude der Werksleitung, den Innenausbau der ersten Mittelschule und entwarf Wohnbauten mit hohem Komfort am Bulvar Kultury, das Stadion und den Komplex Torgowyj korpus/Fabrika Kuchnja (Handelshaus/Großküche). Drei Jahre nach der Eröffnung 1935 baute er letzteren zum Klubhaus mit Theatersaal um. Das vielbesuchte flache Gebäude erlebte seit der wilden Privatisierung der neunziger Jahre mehrere Hausherren und grobe Eingriffe in seine Substanz. Sogar von Abriss und Neubau war die Rede.

2007 gründeten Forscher, Denkmalpfleger und Journalisten aus Deutschland und Russland unter dem Patronat der Bauhausuniversität Weimar und der Uraler Akademie für Architektur und Design das Netzwerk BAUHAUS IM URAL. Es existierte sieben Jahre und widmete sich dem Erbe der Bauhäusler in der Uralregion. Es legte ein besonderes Augenmerk auf gefährdete Problemfälle wie Schefflers Gemeinschaftsbau, dessen identitätsstiftende Merkmale in Ausstellungen, Besichtigungen und Publikationen einem breiteren Publikum vermittelt wurden. 2010 stand der Bau auf der Roten Liste der UNESCO-Welterbekommission. Erst 2014 erhielt er von den regionalen Behörden den Denkmalstatus. 2017 sollte eine aufwändige Konservierung und Restaurierung beginnen, die jedoch bisher nicht durchgeführt wurde. Gelänge sie, wäre es das erste Beispiel eines erfolgreichen Umgangs zum Erhalt eines Avantgarde-Flagschiffs in Russland.

Menschlich wohnen in der Steppe – Magnitogorsk und Orsk

2012/2013 fand in einem weiteren Projekt des Netzwerkes BAUHAUS IM URAL die Bauaufnahme des vor allem in Deutschland gerühmten Ersten Quartals von Magnitogorsk statt, eines Bauabschnitts der von Juni 1930 bis Anfang 1932 errichteten »sozialistischen Stadt« Magnitogorsk. Doch den russischen Denkmalpflegern gelang es nicht, den Schutzstatus für dieses Wohnviertel mit dem Schulbau des Österreichers Wilhelm Schütte (1900-1968) zu bekommen.

Vor einer ähnlichen Herausforderung steht das Landeskundemuseum in der 300Kilometer von Magnitogorsk entfernten Stadt Orsk im Orenburger Gebiet. Hier käme zwar niemand auf die Idee, alten Bestand abzureißen, die Häuser bieten im Inneren immer noch guten Komfort. Doch der improvisierte Umgang einzelner Mieter mit Fassaden und Balkons verlangt nach fachgerechter Sanierung. Es wäre auf Grund der Baugeschichte des Neuen Orsk, das von 1933 bis 1936 von sechs Bauhäuslern entwickelt wurde, eine lohnenswerte Aufgabe.

Hoffassaden der Schule und des Kindergartens in Orsk.

Auf den ersten Entwürfen der an den Bergrücken des Ural gelagerten Stadt sind die Pläne noch deutschsprachig beschriftet. In einer Zeichnung ist der quadratische Grundriss eines Wohnviertels, des achten Quartals, auf die Spitze gedreht, was der Darstellung Spannung und Dynamik verleiht. An den Peripherien sind kleine und größere Wohnblocks geplant, im Inneren lange Wohnzeilen und Einrichtungen für Kinder, ein Schulgebäude, ein Kommunenhaus und eine Sporthalle. Das 17Hektar große Areal bot Wohnstätten für 5000 Menschen. Die Planungsarbeit verlief konfliktreich. Bei der Wahl des Bauplatzes wurden die Architekten nicht gefragt. So liegt das Neue Orsk eingeklemmt zwischen dem Fluss Elschanka im Osten, dem Bergrücken im Westen und dem überfluteten Bett des Uralflusses im Süden. Notwendige Bodenüberarbeitungen verzögerten die Entwurfsarbeit.

Ende 1934 jedoch verließen die beteiligten Architekten Mart Stam (1899-1986) und Lotte Beese (1903-1988) die UdSSR, nur der Schweizer Hans Schmidt (1893-1972) blieb. Die Wohnviertel befinden sich in der Nähe von Lagerstätten und einem Hüttenwerk sowie der in Entstehung begriffenen örtlichen Industrie. Deswegen waren Parks als Schutzzonen geplant. Im Generalplan 1934-1936 ist zum ersten Mal der Platz für ein repräsentatives Stadtzentrum ausgewiesen, ebenso ein Krankenhaus. Mehrere Monate im Sommer 1935 arbeiteten der Bauleiter Konrad Püschel (1907-1997), Tolziner und Tibor Weiner vor Ort. Bauherr war zunächst das zu errichtende Lokomotivenwerk, später, nach einer Planänderung in Moskau ein Nickelkombinat. Zu dem Zeitpunkt waren die Auslandsarchitekten bereits unerwünscht, längst abberufen und ausgewiesen.

Heute sind einige Gebäude wie das Speisehaus abgerissen; die rechte, an den Moskauer Prospekt grenzende Hälfte des Quartals wurde nicht nach Plan errichtet. Als Kernbauten des »europäischen Wohnviertels«, wie es die Orsker Bürger nennen, blieben erhalten: das von Weiner geplante und errichtete fünfstöckige Wohnhaus als einziges Gebäude mit Denkmalstatus; vier dreistöckige Zweisek­tionshäuser mit Loggien, wie Stam sie auch in seiner Hellerhof-Siedlung in Frankfurt gestaltete; Krippe und Kindergarten mit je zwei Glasveranden (Schlafsäle) auf beiden Etagen zur Hofseite hin. Leider wurde eine Veranda im Parterre zugemauert, ebenso die Fenster der Giebelfront. Die Hauptfassade der Schule ist im Unterschied zur Hofseite saniert. Beispielhaft für die dreistöckigen Wohnhäuser im Inneren des Quartals sind drei Blocks des in Breslau ausgebildeten Architekten Heinz Abraham (1911-1992) mit markanten Glasstreifen der Treppenhäuser, die an ähnliche Lösungen in der Frankfurter Siedlung am Bornheimer Hang erinnern.

Gemeinsames Erbe sichern und gestalten

Wie mit dem gemeinsamen Erbe umgehen? Dass heute nicht überall in Russland die Bewohner auf sich selbst zurückgeworfen sind mit dessen Pflege, dafür spricht das Beispiel Wladiwostok im Fernen Osten. Dort befindet sich das letzte Städtebauprojekt von Tolziner, das er nach seiner Rückkehr aus der Haft und der verfügten Sonderansiedlung in Solikamsk in den sechziger Jahren im Moskauer Städtebauinstitut entwickeln und betreuen durfte: zwei Mikrorajons im Wohngebiet »Zweites Flüsschen«. Dafür nutzte er ein von ihm ausgearbeitetes Typisierungsprojekt: sechsgeschossige Wohnblöcke und an der Hauptmagistrale etliche Punkthochhäuser mit Umbauung – Serviceeinrichtungen für die Bewohner. Es ist eine intakte, komfortable Wohnzone, denn die Häuser erhielten Wärmedämmung, die Höfe sind nach wie vor von Autos befreite grüne Oasen für Jung und Alt. Seit 2011 wissen die Wladiwostoker auch, dass sie ihr Zuhause dem Bauhäusler Philipp Tolziner verdanken.

 Mikrorajon »Zweites Flüsschen« in Wldadiwostok, Architekt Philipp Tolziner