Laudatio von Dr. Christopher Spatz, gehalten am 10. Oktober 2018 in Berlin
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Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wie kleidet man Hunger in Poesie? Kein bloßes Magenknurren, sondern Hunger, richtigen Hunger, der einen Hunde und Katzen, Weißstörche, Igel und Ratten, Kartoffelschalen, unreifes Obst und Baumrinde essen lässt.

Vom Akt des Sterbens findet man in der Literatur unendlich viele Beschreibungen.

Ähnlich verhält es sich mit den unterschiedlichen Formen menschlicher Gewalt, die in literarischen Beschreibungen des Krieges meistens in irgendeiner Form zur Sprache kommen.

Hunger hingegen ist unsichtbar, kaum greifbar und ungeheuer mühsam in Worte zu fassen. Die Ursachen des Hungers sind nicht immer gleich offensichtlich. Hunger kommt heimlich und still daher, häufig mit zeitlicher Verzögerung zur sichtbaren Katastrophe, etwa im Fall eines politischen Systemwechsels oder einer militärischen Invasion. Meistens wirkt Hunger im Rücken der Geschichte.

Alvydas Šlepikas führt den Leser in seinem Roman Mano vardas — Marytė, zu Deutsch Mein Name ist Marytė ins nördliche Nachkriegsostpreußen, dem heutigen Kaliningrader Gebiet. Er erzählt von den deutschen Restfamilien, die dort nach 1945 um ihr Überleben kämpften und im Wesentlichen aus Kindern, Müttern und Großeltern bestanden. Ihre Zahl umfasste direkt nach dem Krieg mindestens 200.000 Menschen. Durch Seuchen, schlechte Wohnverhältnisse, Gewalt, Kälte und vor allem durch Hunger starb in der Folgezeit jeder Zweite von ihnen. Nirgendwo sonst in Europa gab es in der Nachkriegszeit zivile Todesquoten ähnlicher Größenordnungen. Übrig blieben meistens Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren, die sich mit letzter Kraft ins benachbarte Litauen aufmachten, wo es noch Bauern gab, die auf ihren Höfen weiterwirtschaften durften. Diese Bauern gaben den erbärmlich aussehenden deutschen Bettelkindern zu essen.

In den Mittelpunkt seines Romans stellt Alvydas Šlepikas die Familie Schukat aus Gumbinnen, die nach der Verschleppung des Großvaters noch aus Mutter Eva und ihren Kindern Heinz, Brigitte, Monika, Renate und Helmut besteht. Die Kinder hausen zusammen mit Mutter Eva und Tante Lotte in einer Bretterbude auf einem Hinterhof, weil sich im eigentlichen Wohnhaus der Familie Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht einquartiert haben. Ein winziger Ofen bewahrt sie vorerst vor dem Erfrieren. Aber dieser kleine Ofen möchte unablässig mit Holz gefüttert werden, an das ohne Werkzeug immer schlechter heranzukommen ist. Auch ihre Mägen verlangen nach Nahrung, permanent quält das alles dominierende dumpfe Hungergefühl. Die ganze Hoffnung der Familie richtet sich auf den ältesten Sohn Heinz, der als blinder Passagier per Eisenbahn nach Litauen gefahren ist und dort um Nahrungsmittel für seine Familie bettelt.

Das Buch »Mein Name ist Marytė« erschien im September 2018 im Mitteldeutschen Verlag.

Über weite Strecken erzählt Alvydas Šlepikas aus der Perspektive der Kinder. Fremde Erwachsene erscheinen, unabhängig von ihrer Nationalität, als bedrohlich, um die man besser einen Bogen schlägt. Unter den neuen Umständen werden die Kinder zusehends roher, abgebrühter und härter im Nehmen. Schneller als viele Erwachsene vermögen sie sich auf die veränderten Verhältnisse einzustellen. Das Russisch- und Litauischlernen fällt ihnen leichter, beim Betteln sind sie erfolgreicher und beim Stehlen um Vieles wendiger.

Deutlich wird, dass es niemanden mehr gibt, auf den sie sich verlassen können, der ihnen mit Rat weiterhilft, der ihnen Schutz garantiert, an den sie sich anlehnen können. Ihre Mütter sind entweder arbeitsverpflichtet oder durch Nahrungsmangel, Gewalt, Geschlechtskrankheiten und andere Seuchen so geschwächt, dass sie nur mehr in einer Ecke ihrer Behausung liegen. Im Wissen, ihren Kindern nicht gerecht zu werden, leben diese Frauen in einem unheimlich aufreibenden Zustand aus nachlassenden Kräften, Todessehnsüchten und doch immer wieder aktivierendem Mutterinstinkt. Zur seelischen Not gesellt sich die ungeheuerliche Aufgabe, die wenigen aufgestöberten essbaren Gegenstände zu verteilen. Gibt man jedem ein bisschen, reicht die Nahrung keinem zum Überleben. Möchte man die Kräftigsten auf jeden Fall durchbringen, muss also den Schwächsten ihr Anteil vorenthalten werden.

Vor solche Abwägungen sahen sich damals nicht nur die Mütter gestellt. Häufig waren es gerade die größeren Töchter und Söhne, die inzwischen die Rolle des Haupternährers übernommen hatten. Während sie noch Lebensmittel zu organisieren verstanden, waren die Erwachsenen schon stärker geschwächt und entscheidungsunfähig. Die frühere Familienhierarchie stand damit kopf. Hatten Mütter und Großeltern wenige Monate zuvor noch völlig natürlich die Richtung vorgegeben, oblag es nun Zehn- und Zwölfjährigen, darüber zu befinden, wer zum Sterben freigegeben wurde.

Beschreibungen der ostpreußischen Hungerkatastrophe ließen sich öffentlich lange Zeit überhaupt nur in Berichten von Pfarrern und Ärzten finden, etwa denen von Hugo Linck, Hans Graf von Lehndorff oder Johann Schubert alias Hans Deichelmann. Deren biografische Erinnerungen boten eindrucksvolle Panoramen geistlicher und medizinischer Extremeinsätze.

Aber ihr eigenes Innenleben stellten die Verfasser in guter preußischer Art zurück. Die Erfahrungen der besonders stark vom Hunger gezeichneten Frauen und Kinder konnten sie wiederum nur aus der Beobachterperspektive schildern.

Ich betone das deshalb, weil die meisten der überlebenden Frauen und Kinder im Nachhinein selbst keine Worte fanden, um den Hunger anschaulich zu machen und es heute nicht zuletzt deshalb den Nachkriegsgeborenen schwerfällt, den ostpreußischen Hunger in seiner ganzen Dimension zu verstehen.

Alvydas Šlepikas hat mit Überlebenden der Katastrophe gesprochen. Er weiß daher aus eigener Erfahrung um die Nöte dieser Menschen, die ihnen bis ins hohe Alter das Reden über das Zurückliegende erschweren: Schuldgefühle gegenüber Verstorbenen, Scham ob des eigenen Selbsterhaltungstriebs, durch Unterernährung erlittene Gedächtnislücken und Angst vor Relativierungen seitens einer abweisend, teils gar feindlich eingestellten Umwelt.

Dieses genaue Zuhören ist, neben einer hervorragenden Gesamtrecherche und einem Gefühl für die historische Situation und Landschaft, die Grundlage für seinen Roman. Alvydas Šlepikas erzählt vom unbarmherzigen Wirken des Hungers nüchtern und unsentimental. Das dabei immer wieder aufblitzende Grauen wird durch eine feine poetische Sprache abgemildert.

Da heißt es etwa:

»Die Kälte ist längst überall, selbst im Blut, der Hunger aber zehrt sie von innen auf wie ein unerbittliches eisiges, schwelendes, mottendes Feuer.«

Mit Blick auf die schwindenden Sinne und das allmähliche Zerfließen von Zeit und Raum schreibt Alvydas Šlepikas:

»Bei Schwindel erscheint Alltag dasselbe wie Traum. Es fällt einem schwer, die Träume auszusondern, wenn man aufwacht, will man noch einmal aufwachen, damit erneut jemand zu Hause Klavier spielt und Großvater seine gewundene Pfeife schmaucht.«

Und an anderer Stelle:

»Hunger und Kälte zwingen die Menschen in die Knie, sie brechen, sie werden zu leeren Metallmechanismen, die nichts mehr erwarten, nichts mehr fürchten und die nichts mehr zu erstaunen vermag. Die Zeit tickt langsam und gleichmäßig, die Bewegungen werden mechanisch, genauso wie die Gedanken.«

Plötzlich erscheint es selbsterklärend, auf welche Weise sich sogar Mütter und Kinder aus den Augen verlieren konnten. Unspektakulär, häufig aus dem Moment heraus und ohne eine richtige Verabschiedung, driften die Restfamilien auseinander. Von der Familie Schukat befinden sich schließlich vier der fünf Kinder im Nachbarland. Dort in Litauen ist jeder für sich unterwegs, denn Essen und Schlafstelle erhält nur, wer alleine an eine Tür klopft. Die Geschwister machen das, was Tausende andere deutsche Mädchen und Jungen in Litauen machen: Betteln, Essen, manchmal etwas Arbeiten, einen Schlafplatz suchen und Weiterlaufen, oft sogar in derselben Abfolge der angesteuerten Dörfer.

Sie merken schnell, dass die deutschfeindlichen Positionen des öffentlichen Lebens nicht zu den Erfahrungen passen, die sie im direkten Kontakt mit der litauischen Bevölkerung sammeln. Denn die Litauer begegnen ihnen selten abweisend, im Regelfall unvoreingenommen und häufig auch wohlmeinend. Im Spannungsfeld, das sich aus der politischen Großwetterlage und den dazu gegensätzlichen Einstellungen vieler Litauer ergibt, bietet sich den Kindern ein Schlupfloch. Wer bereit ist, einen neuen Namen anzunehmen und in eine neue Sprache und Identität hineinzuwachsen, hat plötzlich Chancen auf ein neues Zuhause.

Sich anpassen, sich verstecken und sich unsichtbar machen. Das war für die deutschen Bettelkinder in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre das Gebot der Stunde.

Alvydas Šlepikas fokussiert die Handlung schließlich auf das Mädchen Renate. Um weniger aufzufallen, nimmt Renate den litauischen Namen Marytė an. Das Schicksal spült sie nach vielen gefährlichen und unangenehmen Begegnungen in die Arme eines jungen Ehepaares, das Marytė dauerhaft bei sich aufnehmen möchte.

Alvydas Šlepikas (rechts) und Markus Roduner bei ihrer Dankesrede

Auch andere litauische Familien boten den ostpreußischen Kindern damals Brücken aus der Not, teils aus Mitleid und Barmherzigkeit, teils aus wirtschaftlichen Eigeninteressen, weil man die kleinen Bettler als kostengünstige Arbeitskräfte auf dem Hof oder im Haushalt einsetzen konnte. Zur selben Zeit lief die Deportation Zehntausender Litauer nach Sibirien an, die als vermeintliche Gegner einer Sowjetisierung des Baltikums galten. Obendrein tobte im Land ein Krieg zwischen Kommunisten und litauischen Partisanen, die für die nationale Unabhängigkeit kämpften. Durch diesen Krieg nach dem eigentlichen Krieg sowie die Deportationen verlor Litauen mehr Menschen als unter der nationalsozialistischen Besatzung. Dieses Verhältnis lässt erahnen, auf welch schmalem Grat sich bewegte, wer Ende der 1940er Jahre, aus welchen Gründen auch immer, deutsche Kinder unterstützte.

Typisch für die ostpreußischen Bettelkinder in Litauen ist außerdem, dass die Mädchen und Jungen von der litauischen Bevölkerung trotz ihrer schnellen Anpassung weiterhin als Gruppe wahrgenommen wurden. Es waren Pfarrer, die die evangelischen Kinder nach katholischem Ritus oft ein weiteres Mal tauften, Staatsbedienstete, die die neuen Geburtsurkunden ausstellten, Ärzte und Krankenschwestern, die beim Anblick der vom Hunger gezeichneten Körper sofort die Herkunft erkannten, Partisanen, die sich während ihrer nächtlichen Hof-Besuche nach dem plötzlichen Familienzuwachs erkundigten und Nachbarn, die auf den angrenzenden Bauernhöfen ohnehin jede Veränderung registrierten.

Dass jedes neue Zuhause nur gegen die komplette Aufgabe der eigenen Herkunft und Identität erkauft werden konnte, ergab sich aus den Zwängen der Situation von selbst. Es galt, den Moment zu überleben. Für Gedanken an später war kein Raum. Äußerlich getilgt, blieb das alte Leben allerdings im Unterbewusstsein der Kinder noch lange präsent:

„Renate träumt vom Frieden, von der lächelnden Mutter, die Renate auf der Sommerwiese aus einem schmucken Buch lesen lehrt. Plötzlich zieht eine Wolke auf und Mutter erschrickt. Renate will nachsehen, was Mutter so verängstigt hat, aber Mama erlaubt es ihr nicht, sie wendet Renates Kopf ab, und eine derartige Traurigkeit, eine solche Angst packen sie, dass sich Wiese und Buch aufrollen, gleichsam vertrocknen, sich wie welke Haut ringeln, dann fällt alles in Stücken herunter und das Gesicht ihrer Mutter schmilzt dahin, als wäre es aus Wachs.“

Wie es mit Renate alias Marytė weitergeht, lässt der Roman offen. Ihre litauischen Pflegeeltern werden eines Nachts zur Deportation abgeholt. Marytė steht wieder auf der Straße, ihr täglicher Überlebenskampf beginnt aufs Neue.

Mit seinem Roman setzt Alvydas Šlepikas den ostpreußischen Mädchen und Jungen sowie ihren litauischen Lebensrettern ein literarisches Denkmal. Er komponiert eine Handlung, die sich so nach 1945 tausendfach zugetragen hat. Souverän umschifft er dabei die Klippen lauernder Rührseligkeit und verliert sich ebenso wenig in der Darstellung bloßer Opfergeschichten. Seine Figuren offenbaren, dass Traumatisiertsein nicht automatisch bedeuten muss, dass man schwach ist. Sie zeigen, dass Angewiesensein nicht gleichzusetzen ist mit Selbstaufgabe. Und sie lassen erahnen, dass man sich trotz unheilbarer seelischer Wunden sein Ausdauervermögen und seine Zuversicht bewahren kann. Bei aller Tragik strahlen die dargestellten Kinderschicksale also auch etwas ganz Lebensbejahendes aus.

Der heutige Blick auf die Wege dieser Hungerüberlebenden führt uns vor Augen, dass es für Menschen, die Schlimmes erlebt haben, mit einigem Abstand zum Geschehen mindestens ebenso schlimm sein kann, wenn sie nicht darüber sprechen sollen. Reden und sich erinnern, das können die Betroffenen zunehmend ohne äußere Widerstände. Inzwischen haben sich ihrer Geschichten sogar Kino, Fernsehen und Oper angenommen. Doch auf eine offizielle Anerkennung ihrer Schicksale durch die Bundesrepublik Deutschland müssen sie nach wie vor warten. Als eine der letzten Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs haben sie vom deutschen Staat erst im vergangenen Jahr eine geringe Entschädigung in Aussicht gestellt bekommen.

Die Geschichte der ostpreußischen Hungerkinder ist ein wichtiger Bestandteil der deutsch-litauischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Die Litauer erbrachten, im Verhältnis zu ihrer eigenen kleinen Zahl, einen der größten, wenn nicht vielleicht sogar den größten Anteil humanitärer Nachkriegshilfe für die hungernde deutsche Zivilbevölkerung. Uns genau dies ins Bewusstsein zu rufen, sind wir denjenigen Menschen verpflichtet, die ihr eigenes Leben und die Existenz ihrer eigenen Familie in dieser auch für viele Litauer grausigen Nachkriegszeit riskiert haben, um den fremden und erbärmlich aussehenden deutschen Bettelkindern zu helfen.

Für die Hungerschicksale der ostpreußischen Mädchen und Jungen ist seit 1991 der Begriff „Wolfskinder“ gebräuchlich. Alvydas Šlepikas hat nach den Wolfskindern nicht gesucht. Das Thema ist gewissermaßen zu ihm gekommen. Ein befreundeter Regisseur schlug ihm 1996 vor, gemeinsam einen Dokumentarfilm über die deutschen Bettelkinder zu drehen, die in der Nachkriegszeit die litauischen Landstraßen und Feldwege bevölkerten. Bis dahin hatte Alvydas Šlepikas, der ausgebildeter Schauspieler und Bühnenregisseur ist, nichts von den Schicksalen dieser Kinder gewusst. Kein Wunder, wie er selbst anmerkt, da ja nicht einmal die Deutschen selbst viel über sie wussten. Später, etwa 2009, lernte er in Frankfurt ein paar junge Deutsche kennen. Ihnen gegenüber erwähnte er, dass er über die Wolfskinder schreibe. „Handelt diese Geschichte von Tarzan?“, habe einer dieser gebildeten Menschen in vollem Ernst gefragt. Diese Reaktion bestärkte ihn in seiner Überzeugung, dass man über die Wolfskinder sprechen, reden und schreiben müsse.

Da dem Antrag auf Filmförderung kein Erfolg beschieden war, wurde aus dem anfänglichen Filmprojekt ein Buchprojekt. Der Roman stieß in Litauen auf enormes Interesse. Er wurde dort mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als Litauens „Buch des Jahres 2012“ und mit dem Preis des Litauischen Schriftstellerverbands. Im Herbst 2015 kam die durch Markus Roduner vorgenommene deutschsprachige Übersetzung auf den Markt. Herausgegeben wurde sie vom Mitteldeutschen Verlag in einem optisch wie haptisch ausgenommen ansprechend wirkenden Buch.

Die Georg Dehio-Buchpreisträger 2018 mit Blumen in der Hand von links: Alvydas Šlepikas, Markus Roduner und Miljenko Jergović. Brigitte Döbert fehlt krankheitsbedingt. Rechts daneben Dr. Günter Winands, BKM. Links außen Winfried Smaczny und ganz rechts Harald Roth vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Bei der Deutschland-Präsentation des Romans war ich vor gut drei Jahren in Bremen anwesend und habe von damals noch in Erinnerung, wie überzeugend eingespielt und harmonisch der gemeinsame Auftritt von Alvydas Šlepikas und dem ebenfalls in der litauischen Hauptstadt Wilna lebenden Markus Roduner auf mich wirkte. Dieser Eindruck bestätigte sich für mich beim Lesen des Romans. Das Buch ist nicht nur literarisch hervorragend angelegt, sondern auch hinreißend übersetzt. Der deutschsprachige Text enthält Bilder von ungeheurer Tiefe und emotionaler Wucht. Ohne die präzise, detailgenaue und hingebungsvolle Übersetzungsarbeit könnten sie nicht diese Wirkung entfalten. Jeder Name, jeder Ausdruck und jeder Halbsatz zeugen von einem außergewöhnlich treffenden historischen Sprachgefühl.

Die Jury, die über die Vergabe des Georg Dehio-Buchpreises entscheidet, hebt in der Begründung ihrer Auswahl hervor, dass das Werk „in Litauen eine wichtige Diskussion über ein wenig bekanntes und doch noch immer aktuelles Thema“ ausgelöst habe. Die Zuerkennung des Förderpreises „würdigt auch die Vermittlung dieser litauischen literarischen Stimme in Deutschland, die wir dem verdienstvollen Übersetzer Markus Roduner verdanken.“

Für mich war es eine Ehre, am heutigen Abend die Lobrede auf zwei Akteure halten zu dürfen, die sich so ernsthaft und gewissenhaft und mit einem solch ausgeprägten Sinn für poetische Sprache den ostpreußischen Wolfskindern gewidmet haben. Alvydas Šlepikas und Markus Roduner haben eindrückliche Bilder geschaffen, die dem Leser mit Sicherheit in Erinnerung bleiben. Das Ergebnis ihrer Arbeit möge viele weitere Menschen erreichen.

Zum Erhalt des Förderpreises des Georg Dehio-Buchpreises 2018 möchte ich Ihnen, lieber Alvydas Šlepikas, und Ihnen, sehr geehrter Herr Roduner, gratulieren.

Ich beglückwünsche Sie als diesjährige Preisträger von ganzem Herzen.