24.10.2017 , 14:15
NDR Fernsehen

Die Oder (II)

Von der Neiße bis zur Ostsee

Der berühmte Grenzfluss ist Heimat seltener Tiere. Im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland entstand eine einzigartige Naturoase voller Leben.

Wenn die Oder bei Ratzdorf die Neiße aufnimmt, hat sie schon über 700 Kilometer durch Tschechien und Polen hinter sich. Hier wird der Strom zur deutsch-polnischen Grenze: 1945 von den Alliierten im Potsdamer Abkommen festgelegt, endgültig anerkannt erst 1990 im Zwei-Plus-Vier-Vertrag. 45 Jahre lang war die Oder ein vergessener Fluss mitten in Europa. An ihren Ufern konnte sich die Natur ungestört entwickeln. Der Biber war mancherorts der einzige Landschaftsgestalter. Hier findet der große Nager viele Weiden und andere Weichhölzer, die er mit seinen kräftigen Zähnen in mundgerechte Stücke teilt. Für viele Tiere sind die neuen Wasserflächen, die er mit seinen Dämmen schafft, reiche Nahrungsgründe.

Ein Fluss mit vielen Gesichtern In den Auen nördlich von Frankfurt, der größten Stadt am Fluss, suchen ganze Scharen von Graureihern Nahrung. Die fischreichen Gewässer locken sie magisch an. Als Konkurrent der Fischer verhasst und verfolgt war der Graureiher in vielen Regionen vor gut 20 Jahren beinahe ausgestorben. An der Oder fand er stets eine Zuflucht. Heute sind Graureiher ganzjährig geschützt und ihr Bestand hat sich sehr gut erholt. Hoch in den Kiefern kommen die Vögel zusammen, um in Kolonien zu brüten. Oft wird das Nest vom Vorjahr benutzt und ausgebessert. Die langen Schmuckfedern und das Blau am Schnabelansatz tragen die Vögel nur während der Balz. Die Paare bleiben ein Leben lang zusammen. Sie stärken ihre Bindung durch Brautgeschenke.

30 Kilometer flussabwärts, bei der polnischen Stadt Küstrin, mündet die Warthe in die Oder. Mit 800 Kilometern Länge ist sie ihr größter Zufluss. Wenn die Oder im Frühjahr Hochwasser führt, staut sich das Wasser in der Warthe, die Wiesen werden überflutet. Ein Paradies für Wasservögel wie Trauerseeschwalben, Möwen und Schwäne – die Einheimischen nennen es »Vogelrepublik«. Friedrich der Große ließ das Niedere Oderbruch trockenlegen und kultivieren – eine gewaltige technische Leistung in der damaligen Zeit. In Neulitze-Göricke siedelte er 1753 Bauern und Arbeiter an. Seitdem hat sich nicht viel geändert. Das gesamte Dorf steht unter Denkmalschutz. Heute wie damals liegen die Gärten der Anwohner im Schachtgraben in der Dorfmitte und sind damit vor Überflutungen geschützt. Landflucht ist ein ernstes Problem in der wirtschaftsschwachen Region. Jüngere Menschen zieht es nach Frankfurt oder Berlin, zurück bleiben die Alten.

Im Nationalpark Unteres Odertal Bevor die Oder unterhalb von Stettin wieder ganz zum polnischen Fluss wird, durchfließt sie den 1995 gegründeten Nationalpark Unteres Odertal. Seltene Arten wie Wiesensalbei, Knabenkraut und Wachtelkönig sind hier heimisch geworden. Von der kleinen Kirche des polnischen Ortes Zaton Dolny aus überblickt man die vom Menschen geschaffene Polderlandschaft. Ein Sperrwerk reguliert den Pegel. Im November werden die Tore hochgezogen. Innerhalb weniger Stunden zeigt die Landschaft dann ein völlig anderes Gesicht. Nahezu ungebremst ergießt sich das Wasser in die weiten Wiesen. Der Fluss bekommt den Raum, den er braucht und den er sich ohne den Eingriff des Menschen von sich aus nehmen würde – ein wirksamer Hochwasserschutz für die umliegenden Gemeinden, der sich während der Jahrhundertflut von 1997 sehr bewährt hat.

Die Ursache fast aller Hochwasser liegt rund 800 Kilometer entfernt in den Wäldern der tschechischen Sudeten. Fallen in der Quellregion der Oder ergiebige Regenfälle oder setzt das Tauwetter ein, stehen hier wenig später die Wiesen unter Wasser. Anfang des letzten Jahrhunderts begannen die Arbeiten in der Polderlandschaft. Der Hauptlauf der Oder wurde nach Osten verlegt und ein Kanal gebaut. Das Überflutungsland dazwischen ist heute die Haupttattraktion des Nationalparks. Im Mai beginnt das Wasser, in den Flusslauf zurückzufließen und gibt Stück für Stück die Wiesen wieder frei. Eine kurze Zeit sind die Tore der Sperrwerke noch geöffnet. Während der trockenen Sommermonate bleiben sie – außer bei unerwartet starken Regenfällen – geschlossen.

Erst im November werden sie wieder geöffnet und das Wasser überflutet erneut die Polder. Jetzt erlebt der Nationalpark sein wohl faszinierendstes Naturschauspiel: Zehntausende Gänse rasten in den seichten Gewässern, gut geschützt vor Räubern wie dem Fuchs. Immer wieder schwingen sie sich in die Lüfte, ziehen von Wiese zu Wiese und ihre Rufe beherrschen das ganze Tal.

Wenig später lösen die Trompeten der Singschwäne das Gänsegeschnatter ab. Aus Sibirien kommend, haben die großen Vögel schon einen weiten Weg hinter sich. Bald darauf wird die Oder von sogenanntem »Pfannkucheneis« bedeckt sein. Eisnadeln setzen sich zu Plättchen und Klumpen zusammen, die Bewegung des Stroms formt die typischen Kreise. Gemächlich treibt das Eis den Fluss hinab der Ostsee entgegen. Im Winter 2005/2006 war die Oder wochenlang von der Neiße bis zum Haff zugefroren.

Auf ihren letzten Kilometern wird die Oder noch einmal ganz polnisch. Im geteilten Stettiner Haff, das die Inseln Usedom und Wollin von der Ostsee trennen, verliert sich ihre Spur.

Zweiteiliger Film von Christoph Hauschild • Teil 2 • 2006 • ca. 45 Min.

Die Oder (II) – Von der Neiße bis zur Ostsee
Weitere Informationen auf den Internet-Seiten des NDR

Teil 1: Schlesiens wilder Strom
Montag, 23.10.2017 | 14:15 Uhr

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