07.02.2003
Wojciech Wrzesiński
Wojciech Wrzesiński
148,292
Der Artikel ist zuerst in Heft 27/2002 der polnischen Zeitschrift »BORUSSIA« (Titel des Hefts: »Dialog oder mehr? Deutsch-polnische Historikergespräche über die gemeinsame Geschichte«) erschienen und wird hier in Zusammenarbeit mit der Kulturgemeinschaft »Borussia« elektronisch publiziert.

Übersetzung: Herbert Ulrich

Die polnisch-deutschen Beziehungen haben in der polnischen Historiographie schon immer viel Raum eingenommen und tun dies auch weiterhin – in der polnischen Historiographie viel mehr als in der deutschen. Man bemühte sich nicht nur um die Darstellung ihrer Entwicklung und all ihrer Mäander, sondern auch um die Erklärung des Phänomens überhaupt, um das Verständnis ihrer Funktionen für die Geschichte Polens und der Polen, wobei die Aufmerksamkeit vorwiegend auf die Konflikte, ihre Quellen und Konsequenzen konzentriert blieb, während die gegenseitige Beeinflussung, die für die Gestaltung normaler, gutnachbarlicher politischer und wirtschaftlicher Beziehungen wichtig war, die kulturellen Einflüsse und die Angleichung kultureller Muster nur in geringerem Maße berücksichtigt wurde. Auf die Gestalt der Historiographie hatte auch der Charakter der jeweiligen zwischenstaatlichen Beziehungen großen Einfluß. In der Zeit der Unfreiheit nach den Teilungen Polens, als das polnisch-deutsche Grenzgebiet von ständigen Nationalitätenkonflikten zwischen der expansiven deutschen Politik und defensiven Aktionen der Polen erfüllt war, belasteten diese, und zwar auf beiden Seiten, die Vorstellungen über die Vergangenheit beträchtlich. Die Geschichte sollte zur Erklärung der Kontinuität der zwischenstaatlichen Beziehungen dienen: der beständigen Bedrohung Polens und der Polen durch die deutsche Dominanz und Expansion. Und die deutsche Historiographie diente zur Begründung der kulturellen, zivilisatorischen sowie politischen Dominanz der verschiedenen deutschen Staatsgebilde, der natürlichen Dominanz Deutschlands und der Deutschen über die als niedriger stehend verstandenen Polen und polnischen Staatsformen. Auf beiden Seiten entstanden völlig verschiedene Abrisse der Geschichte dieser Gebiete.

Das von den Polen aufrechterhaltene traditionelle Gefühl einer potentiellen Bedrohung, das aus dem Zusammenstoß der unterschiedlichen Interessen beider Staaten und Nationen resultierte, belastete die in den historiographischen Arbeiten verschiedener Epochen enthaltenen Thesen. Diese Forschungen hatten nicht nur eine kognitive, sondern unverändert auch eine pragmatische Bedeutung. Es gibt wohl kaum ein anderes Gebiet in der polnischen Historiographie, das so stark mit der jeweiligen Politik verbunden wäre wie der ganze umfangreiche Komplex der deutschen Angelegenheiten, wobei die jüngste Geschichte besonders bevorzugt wurde. Es sind nicht viele historische wissenschaftliche Arbeiten entstanden, die auf der Grundlage von Quellenanalysen vorbereitet wurden, und zwar auf beiden Seiten, die von dieser Unterordnung unter die jeweiligen politischen Argumente frei waren.

Wenn man beide Historiographien vergleicht (die polnische und die deutsche), dann ist unschwer zu erkennen, daß die polnischen Historiker die historischen Quellen beider Nationen besser kannten als ihre deutschen Kollegen, während die manchmal sehr gründlichen Arbeiten der deutschen Historiker oft nur eine schwache Kenntnis der Quellen polnischer Herkunft verraten. Ähnlich verhielt es sich mit der Kenntnis der einschlägigen Literatur zu diesem Thema, was sowohl die analytischen Arbeiten als auch die geschaffenen Synthesen über beide Nationen und Staaten stark beeinflußte. Dies äußerte sich in den Untersuchungen über verschiedene Epochen und in unterschiedlichen Zeiträumen (und zwar auf beiden Seiten), auch wenn das politische und nationale Engagement auf polnischer Seite viel deutlicher und weniger versteckt in Erscheinung trat. Die polnische Historiographie war in höherem Grade zu einer Verteidigung der eigenen Staatsraison verurteilt, da die Thesen der deutschen Historiographie auf größeres Verständnis und Zustimmung stießen, sowohl in Deutschland selbst als auch auf internationaler Ebene. Die deutsche Historiographie verteidigte den deutschen Besitzstand und lehnte die These vom expansiven Charakter der historischen Ostpolitik Deutschlands ab (vor allem Preußens) und kehrte zu den Thesen von der Überlegenheit der eigenen Zivilisation und Kultur zurück, an denen der Osten teilhaben sollte. Und die polnische Historiographie verteidigte die nationalen Ansprüche auf die einst polnischen bzw. slawischen Gebiete, obwohl diese damals in den deutschen Staats-, Wirtschafts-, Kultur- und Zivilisationsorganismus »eingeschmolzen« waren. Das wurde vor allem in der politischen Geschichte deutlich, belastete aber in nicht geringerem Maße auch den Charakter der anderen historischen Disziplinen, ohne sich dabei auf die jüngste Geschichte zu beschränken. Diese Konfrontation beider Historiographien, der den Charakter eines andauernden intellektuellen Krieges annahm, führte zu fortwährenden Vorwürfen an polnischen Historikern, welche pauschal eines nationalistischen Pragmatismus beschuldigt wurden, ohne dass man den ähnlichen Charakter der Abhängigkeiten und Beschränktheiten der deutschen Historiographie erkannt hätte. In der Zeit der Zweiten Polnischen Republik wurden von Seiten der polnischen historischen Wissenschaft Versuche unternommen, sich von solchen Einschränkungen zu befreien, jedoch mit beschränkten Resultaten. In Deutschland wurde die Geschichte unter der Herrschaft der Nationalsozialisten durch die ihr auferlegten ideologischen Einschränkungen, unterstützt von einer extremen Zensur, zu einem der vielen Werkzeuge der nationalsozialistischen Propaganda umfunktioniert und verlor dadurch jegliche Möglichkeit einer selbständigen, objektiven Quellenanalyse der Vergangenheit. Unter den Bedingungen einer gewissen, allerdings schnell vorübergehenden taktischen Annäherung an die Republik Polen wurden die traditionellen Thesen der Beurteilung der polnisch-deutschen Beziehungen vor allem auf frühere Zeiträume konzentriert, während die Analyse der neuesten Geschichte der Kritik des Versailler Systems untergeordnet wurde.

Ernsthafte Veränderungen in der Historiographie der polnisch-deutschen Beziehungen brachten die Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Die politischen Veränderungen, die neuen Grenzen des polnischen Staates und die langjährige Existenz zweier deutscher Staaten führten dazu, dass sich der entschiedene Diskurs in der Historiographie zur polnisch-deutschen Problematik stabilisierte, allerdings ohne die Möglichkeit eines doch so notwendigen Meinungsaustausches. Die Historiographie sollte noch einmal zum Bestandteil der politischen Bildung werden und galt damals auch als ein Element, das der jeweils anders verstandenen und geführten Politik in der polnisch-deutschen Frage diente. Die Aufmerksamkeit in den historischen Studien konzentrierte sich auf die polnisch-deutschen Konflikte, vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, auf politische Konflikte. In der polnischen Historiographie bekamen solche Forschungen besondere Bedeutung, die die Logik der historischen Prozesse, die Schwäche und die Niederlage der deutschen Demokratie sowie den Triumph des Nationalsozialismus – trotz seiner letztendlichen Niederlage – aufhellen sollten. Die Verteidigung der Argumente der Deutschen Demokratischen Republik wirkte sich auf den Charakter und die Beurteilung der historischen und gegenwärtigen Wandlungen in der deutschen Gesellschaft aus. Daraus ergaben sich recht einseitige Urteile über die inneren Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland, wobei der Ort, die Rolle und der Rang der revisionistischen Elemente in der Gesamtheit der historischen Forschungen sehr aufgebauscht wurde, während die Versuche einer anderen Interpretation der Geschichte der polnischen Frage unbeachtet blieben. In der Zeit des Kalten Krieges beschränkte der Eiserne Vorhang auf polnischer Seite jegliche schöpferische Diskussion über die unterschiedlichen Thesen und Urteile; dies führte dazu, dass die polnische Geschichtswissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland als ein bloßes Element der kommunistischen Propaganda abgelehnt wurde. Leider wurde – dies betrifft vor allem die in Emigrantenkreisen entstehende polnische Historiographie – nur eine relative Anerkennung ihrer Thesen zugelassen, und auch das nur auf selektive Weise. Die in der Deutschen Demokratischen Republik durchgeführten Forschungen liefen völlig konform mit der den Direktiven eines vereinfachten historischen Materialismus angepaßten Interpretation des Geschichtsprozesses und betrafen fragmentarische und speziell ausgewählte Probleme, die für die Erklärung der komplizierten polnisch-deutschen Probleme keine größere Bedeutung hatten.

Erst die siebziger Jahre brachten deutliche Veränderungen in dieser Angelegenheit, und zwar auf beiden Seiten, aber das betraf eher die Historiker aus der Bundesrepublik Deutschland und nur in sehr engem Umfang den Standpunkt der Deutschen Demokratischen Republik, wo der Geschichtsprozess auch weiterhin ausschließlich unter Klassengesichtspunkten beurteilt wurde. Es eröffneten sich – wenn auch immer noch nicht große, so doch schrittweise erweiterte – Möglichkeiten eines gegenseitigen Kennenlernens beider Historiographien, in stärkerem Maße für die Polen als für die Deutschen. Den Gegenstand des Interesses bildeten nun nicht mehr die Konflikte allein, d.h. die Analyse all dessen, was beide Nationen voneinander trennte, sondern auch all dessen, was eine gegenseitige Durchdringung der Kultur und der Zivilisation bewirkte, d.h. was den Ausdruck des täglichen Zusammenlebens von Nachbarn bedeutete und nicht nur immer von Feinden und Gegnern. Dies geschah vor allem in den Arbeitsgesprächen und Diskussionen über die polnischen und deutschen Schulbücher und führte nicht nur zu einer Erweiterung des Forschungsbereiches, sondern auch zur Herausarbeitung neuer, für vertiefte Untersuchungen so wichtiger methodologischer Prämissen. In der historischen Forschung wurden immer häufiger Methoden und Instrumente eingesetzt, die in der soziologischen, anthropologischen und politologischen Werkstatt erarbeitet wurden. Das Schwarzweißbild der polnisch-deutschen Beziehungen wurde immer vielfarbiger. Dieses Bild, das zu Beginn weitgehend auf Analysen der Haltungen der politischen Entscheidungsträger auf beiden Seiten beschränkt war, breitete sich nach und nach auf immer breitere Gruppen beider Nationen aus, die nicht mehr nur den passiven Hintergrund bildeten, sondern eine eigene Subjektivität erlangten. Eine vertiefte Rekonstruktion der komplizierten Nationalitätenprozesse ermöglichte die Einbringung neuer Inhalte zur Aufhellung der politischen Fragen im polnisch-deutschen Grenzgebiet.

Unter den Bedingungen des Zusammenbruchs des kommunistischen Systems und der Systemtransformation in Polen entstand – und besteht bis auf den heutigen Tag – ein starker, nur ungenügend differenzierter, vager Kritizismus in Bezug auf die in jener Zeit entstandenen historischen Arbeiten, und die Errungenschaften der polnischen Historiographie aus der Zeit der Polnischen Volksrepublik wurden in Kategorien der sozialistischen Propaganda verstanden. Dies führte sehr oft zur Abkehr von Thesen und Feststellungen, die auf der Basis von Quellenforschungen gewonnen wurden, sowie vieler Fragestellungen, besonders was die Gebiete betrifft, die nach dem Krieg als polnische Westgebiete bezeichnet wurden. Dieser Kritizismus wird besonders deutlich bei Forschern, die noch ganz am Beginn ihres aktiven wissenschaftlichen Lebens stehen. Die polnischen Historiker weisen sich durch eine viel bessere Kenntnis der deutschen Literatur aus als ihre deutschen Kollegen in Bezug auf die polnische. Das gleiche Phänomen können wir hinsichtlich der Quellen beobachten: die verschiedensten deutschen Quellen gelten als viel glaubwürdiger als diejenigen polnischer Herkunft, und zwar ohne die Durchführung einer gebührenden Quellenkritik. Dadurch entsteht eine Disproportion, die für die letztendlichen Ergebnisse der geschaffenen Synthesen sehr gefährlich ist. Dieses Missverhältnis ist nicht nur unter dem polnisch-deutschen Gesichtspunkt gefährlich. Indessen ist es weiterhin der Fall, dass deutsche historische Arbeiten, welche den Ergebnissen polnischer Quellenstudien widersprechen die Gestaltung von Meinungen und Urteilen stärker beeinflussen, auch bei Forschern aus anderen Nationen. Eine Polemik mit ihnen erweist sich als unerlässlich, aber unter solchen Umständen ist es sehr schwierig, Verständnis für die polnischen Argumente zu gewinnen.

Angesichts dessen scheint eine weitere Durchführung der Untersuchungen notwendig – mit modernisierten methodologischen Prämissen. Unbedingt müssen neue direkte Diskussionsmöglichkeiten geschaffen werden. Unerlässlich sind auch Bemühungen um die Bekanntgabe der Forschungsergebnisse polnischer Historiker in allen Kongressprachen und nicht nur in deutscher Sprache.

Artikel zum Thema:

Folgende Veranstaltungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Ausstellungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Publikationen könnten Sie auch interessieren:

      • Seitenanfang