11.07.2019

Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1404 | Juni 2019

Marie Schwarz
Marie Schwarz
Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1404 | Juni 2019
Das deutsche Königsberg ist im russischen Kaliningrad allgegenwärtig: Die Vergangenheit ist populär und doch erinnerungspolitisch umkämpft. Der Artikel fragt nach der Auseinandersetzung mit dem Kulturerbe vor Ort und neuen Formen des Erinnerns in Film und Theater.

Künstlerische Annäherungen an die Vergangenheit in der Stadt am Pregel

<br> Blick auf den Königsberger Dom, der zwischen 1992 und 1998 unter Beteiligung der russischen Regierung und unter anderem der ZEIT-Stiftung restauriert wurde

 Das deutsche Königsberg ist im russischen Kaliningrad allgegenwärtig: »Königsberg-Bier« in den Supermärkten, das Konterfei des Philosophen Kant ziert Häuserwände, und die Band Kardan tritt unter dem Titel Königsberg Punk auf. In »Kenig« – wie die Stadt von den heutigen Bewohnern umgangssprachlich oft genannt wird – ist die deutsche Vergangenheit populär und zugleich erinnerungspolitisch umkämpft. Denn die Auseinandersetzung um das deutsche Kulturerbe ist dabei auch im Kontext von Gegenentwürfen zum sowjetischen Geschichtsnarrativ, das die preußisch-deutsche Geschichte tilgen wollte, zu sehen. Welch großes Konfliktpotential die Vergangenheit noch birgt, illustriert die Debatte um die Umbenennung des Kaliningrader Flughafens. Die Diskussion greift die Frage auf, wie viel Königsberg in Kaliningrad stecken soll.

Als im Herbst 2018 Flughäfen in Russland landesweit neu nach bedeutenden Persönlichkeiten benannt werden sollten, kam es in Kaliningrad zu einer heftigen Debatte. Bei der Abstimmung, bei der Bürger Namen vorschlagen konnten, lag in der engeren Auswahl zunächst Immanuel Kant an der Spitze. Dies rief heftige Kritik hervor: Die Wahl wurde von Duma-Abgeordneten als »unpatriotisch« bezeichnet. Im letzten Wahlgang schließlich unterlag der Philosoph der Zarin Elisabeth.

Von der östlichsten Provinz zur westlichsten Großstadt

<br> Historische Postkartenansicht des Königsberger Schlosses, an dessen Stelle heute das unvollendete Haus der Räte stehtOstpreußen war einmal die östlichste Provinz des Deutschen Reiches. Königsberg, preußische Provinzhauptstadt seit 1734, beherbergte bis 1945 die berühmte Albertus-Universität und war Wirkungsstätte von Immanuel Kant. Im Zweiten Weltkrieg wird die Stadt zerstört, im Januar 1945 wird Königsberg zur Festung erklärt, der verbliebenen Zivilbevölkerung die Flucht untersagt. Mit der Kapitulation am 9.  April 1945 gehen über 700 Jahre deutscher Geschichte zu Ende. Aus Königsberg wird das sowjetische Kaliningrad. Benannt ist die Stadt nach dem ehemaligen formellen sowjetischen Staatsoberhaupt Michail Iwanowitsch Kalinin. Mit der Namensänderung 1946 wurde die Region zugleich neu beschrieben und das vormals deutsche Königsberg wurde sowjetisiert: Die verbliebene Infrastruktur wurde systematisch zerstört und die Stadt, angelehnt an das Vorbild sowjetischer Modellstädte, rekonstruiert und erweitert. Deutsche Spuren wurden beseitigt, die deutsche Geschichte Kaliningrads im Schulunterricht auf wenige Eckdaten beschränkt. Mit dem Ende der Sowjetunion dann wird Kaliningrad zur westlichsten Großstadt Russlands.

Nach 1991 rückte die deutsche Vergangenheit wieder ins Bewusstsein. Es war, als sei eine Schachtel mit den Erinnerungen fünfzig Jahre verschlossen gewesen. Im Zuge der Perestroika und des politischen Umbruchs 1991/1992 öffnete sich die Erinnerungskiste wieder. In den 1990er und frühen 2000er Jahren kam es zu einem regelrechten Erinnerungsboom. Dabei wurden mit staatlicher Unterstützung auch Baudenkmäler wie der Königsberger Dom oder das Grab Kants restauriert. Auch gründeten sich viele Bürgerinitiativen zum Erhalt der verbliebenen Spuren deutscher Zeit. Ein Beispiel ist das Projekt Altstadt. Der Architekt Artur Sarnitz lässt darin, vorerst virtuell, die Königsberger Altstadt im Internet wiedererstehen und setzt sich für den Wiederaufbau bedeutender Bauten ein.

Doch auch die Geschichte Kaliningrads wurde neu erforscht. Zwischen 1992 und 1994 führte etwa eine Gruppe von Historikern, die meisten davon an der Kaliningrader Universität angesiedelt, unter der Leitung von Jurij Kostjaschow insgesamt 265 Interviews mit einigen der ersten sowjetischen Umsiedler. Dieses Zeitzeugenprojekt warf ein neues Licht auf die Nachkriegszeit, stellte es doch erstens das sowjetische Narrativ einer leeren Stadt und zweitens das einer glorreichen Aufbauzeit in Frage. Die Gesprächssammlung wurde schließlich unter dem Titel Vostočnaja Prussija Glazami Sovetskich Pereselenzev herausgegeben. Ein Teil der Interviews erschien auf Deutsch in Eckhard Matthes: Als Russe in Ostpreußen – Sowjetische Umsiedler in Königsberg/Kaliningrad nach 1945.

»Ich erhielt eine Wohnung mit Möbeln und einem alten Deutschen«

Eben diese Zeugnisse machen die Theaterregisseurin Anastasija Patlaj und die Dramaturgin Nana Grinstein des Moskauer DOC-Theaters zur Grundlage ihres 2016 uraufgeführten Dokumentartheaterstücks. Kantgrad greift dabei eine lange tabuisierte Thematik auf: Das kurzzeitige Zusammenleben der verbliebenen deutschen Bewohner und der ankommenden sowjetischen Siedler in der zerstörten Stadt nach 1945. Denn anders als von den sowjetischen Behörden suggeriert, kamen die Übersiedler nicht in eine »leere« Stadt, sondern trafen vielfach noch auf deutsche Bewohner. Die letzten wurden erst 1948 vertrieben. So entstand eine Zwangsgemeinschaft, in der zwischenmenschliche Interaktion unumgänglich war oder, wie eine Figur resümiert: »Ich erhielt eine Wohnung mit Möbeln und einem alten Deutschen.«

Das Stück nähert sich der Thematik anhand der Liebesgeschichte zwischen einem Offizier der Roten Armee und einer deutschen Frau; er rettet sie schließlich vor der Deportation. In der zerstörten Stadt leben die Menschen auf engstem Raum zusammen, sie sind einander ausgesetzt. Mitten unter ihnen lebt eine Figur, die den Namen Kant trägt. Das Stück verweist immer wieder implizit auf Kants Schrift Zum Ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, in der Kant Ideen eines internationalen Völkerrechts diskutiert.

Kantgrad umkreist auch die Frage, wem die Heimat Königsberg beziehungsweise Kaliningrad gehöre und lädt zum Dialog über die gemeinsame Geschichte ein, wie die Regisseurin Patlaj im Interview mit Radio Svoboda sagt.

Kant als Zeitgenosse

Eine andere Form der Annäherung an Königsberg/Kaliningrad als deutsch-russischem (Erinnerungs-)Ort wählt die deutsche Regisseurin Irina Roehrig. In ihrem Filmprojekt Kaliningrader Quest verbindet sie dokumentarische Elemente mit einem fiktionalen Erzählstrang über einen jungen Mann, der einem Computerspiel verfällt, das ihn unversehens auf die Suche nach dem »heiligen Gral« schickt. Denn das Wort Quest kann nicht nur als Gralssuche übersetzt werden, sondern bezeichnet auch Computerspiele, in denen eine Mission zu erfüllen ist.

In Kaliningrad sei man angewiesen auf das, was man nicht sehe: Die verschwundenen Spuren, die Denktraditionen Kants seien allgegenwärtig und doch unsichtbar. In der ungewöhnlichen Form des Films laufen Königsberg und Kaliningrad virtuell zusammen, sie bedingen einander. Zu Wort kommen dabei Protagonisten wie der Schriftsteller Alexander Popadin oder der Germanistikprofessor Wladimir Gilmanov, die sich mit der Stadtgeschichte auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen. Die heimlichen Hauptdarsteller des Films sind jedoch Immanuel Kant und das Haus der Räte, das auf den Trümmern des alten Schlosses steht. Sie verknüpfen die beiden Städte quasi miteinander und erschaffen einen gemeinsamen Raum. Kant wird dabei zum verbindenden Element. Seine Philosophie sei hochaktuell und diene gleichsam als Brücke zwischen Deutschland und Russland, so Roehrig.

Die Idee für den Film entstand 2014 bei einem Besuch in Kaliningrad: »Kaliningrad ist ein Ort, an dem Russland und Deutschland sich wie nackt berühren«, sagt Irina Roehrig. Er eigne sich daher besonders als Ort des deutsch-russischen Dialogs. Der Film befindet sich zurzeit in der Postproduktion. Er wird voraussichtlich im Herbst 2019 auf Deutsch und Russisch erscheinen.

 Filmstill aus Kaliningrader Quest

Kaliningrad als Transitzone

Kaliningrad ist heute als russische Enklave von der Europäischen Union umgeben. Die Stadt wird so zur Kontaktzone, in der sich die Räume berühren und die verschiedenen Erinnerungen aufeinandertreffen. Projekte wie Kantgrad oder auch die Romane von Alexander Popadin stellen den Versuch dar, den Raum neu zu kartografieren, indem sie die Vergangenheit in die Gegenwart integrieren. Sie plädieren dabei für einen offenen Umgang mit dem gemeinsamen Erbe vor Ort und entwerfen so Kaliningrad als europäischen Erinnerungsraum, in dem deutsche und russische Stimmen zu Wort kommen. Die Vergangenheit sichtbar werden lassen, nicht um ihrer selbst willen, sondern »um der Zukunft willen«, sei das Ziel, sagt der Architekt Artur Sarnitz im Film Kaliningrader Quest.

 

 

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