06.06.2019

Der Lehrer Chopins – darin erschöpft sich in den meisten Fällen die Kenntnis über Joseph Elsner auch schon. Bei dem aus Schlesien stammenden Komponisten handelt es sich um eine der zentralen Figuren des polnischen Musiklebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Dr. Rüdiger Ritter
Dr. Rüdiger Ritter
7956, 6245
Der Lehrer Chopins – darin erschöpft sich in den meisten Fällen die Kenntnis über Joseph Elsner auch schon. Bei dem aus Schlesien stammenden Komponisten handelt es sich um eine der zentralen Figuren des polnischen Musiklebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Der Lehrer Chopins – darin erschöpft sich in den meisten Fällen die Kenntnis über Joseph Elsner auch schon. Bei dem aus Schlesien stammenden Komponisten handelt es sich um eine der zentralen Figuren des polnischen Musiklebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1404 | Juni 2019

<br>Denkmal für Joseph Elsner in seiner schlesischen Heimatstadt Grottkau/Grodków

Musik spielte im Elternhaus des späteren Komponisten Joseph Elsner eine wichtige Rolle, sein Vater war Tischler und Instrumentenbauer. Joseph Anton Franz Elsner wurde am 1. Juni 1769 als Sohn von Anna Barbara Magdalena Elsner und Jan Franz Michael Elsner geboren. In der Familie wurde Musik gemacht: Der Vater spielte Harfe und sang, der Bruder der Mutter spielte Geige und gab dem werdenden Komponisten ersten Geigenunterricht. Elsner sang im Kirchenchor und übernahm bald Solopartien.

Seit 1781 besuchte Elsner das Gymnasium der Dominikaner in Breslau/Wrocław. Auch hier beschäftigte er sich mit Musik: Elsner sang im Chor mit, erhielt Unterricht auf der Geige sowie in Musiktheorie, betätigte sich als Solosänger, als Kammer- und Orchestermusiker und begann zu komponieren. Im Jahre 1782 wurde seine – heute verlorene – Motette Ave Maria gratia plena in Breslau aufgeführt.

Das Breslauer Musikleben muss auf den angehenden Komponisten sehr anregend gewirkt haben. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden regelmäßig die sogenannten Advent-, Winter- und Fastenkonzerte organisiert, auf denen man Oratorien Georg Friedrich Händels und Carl Ditters von Dittersdorfs, aber auch Sinfonien Joseph Haydns zur Aufführung brachte. Das Theater der Stadt bemühte sich mit Erfolg um Aktualität: Die Opern Wolfgang Amadeus Mozarts erklangen hier oft sehr zeitnah nach den Uraufführungen. So war Elsner im Jahr 1787 bei der Breslauer Aufführung von Mozarts Entführung aus dem Serail anwesend, die hier unter dem Namen Belmonte und Constante gegeben wurde.

Die Interessen des jungen Schülers waren also eindeutig erkennbar. Dennoch sollte er gar nicht Komponist oder Musiker werden, wenigstens nicht, wenn es nach seinen Eltern gegangen wäre. Sie hatten ihren Sohn für Höheres bestimmt, nämlich zum Studium der Theologie. Elsner schrieb sich folgsam an der Universität ein; als sich aber schnell herausstellte, dass dieses Studium ihrem Sprössling nicht lag, sollte es wenigstens Medizin sein – dafür erhielt der begabte Elsner sogar ein Stipendium seiner Heimatstadt Grottkau/Grodków.

Vielleicht aber war es ein ›Fehler‹, ihn zum Studium ausgerechnet nach Wien zu schicken. Hier nämlich übten die Verlockungen des Musiklebens auf den Studenten einen weit größeren Reiz aus als das Auswendiglernen lateinischer Bezeichnungen für Körperteile. Ein so bedeutendes Ereignis wie die Uraufführung von Mozarts Oper Die Zauberflöte am 30. September 1791 fiel in die Zeit von Elsners Anwesenheit. Nach kaum mehr als einem Jahr beendete dieser sein Medizinstudium endgültig.

Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, musste Elsner zunächst Arbeit suchen. Im Herbst 1791 fand er eine Anstellung als Geiger am Orchester des sogenannten Landständischen oder National-Theaters in Brünn/Brno. Hier blieb er jedoch nicht lange: Als es zu Unstimmigkeiten mit dem Theaterdirektor kam, der ihn als Opernsänger einsetzen wollte, schloss Elsner sich einer Gruppe Musiker um den Tschechen František Jindřich Bulla an und ging nach Lemberg/Lwiw.

In Lemberg war Elsner ab 1792 am Theater als Kapellmeister der deutschen Oper angestellt. Hier trat er nicht nur als Musiker, sondern vor allem als aktiver Organisator des Musiklebens in Erscheinung. So gründete er 1796 in dieser Stadt eine Musikgesellschaft und veranstaltete Concerts spirituels. Elsner fand am Musikleben Lembergs solchen Gefallen, dass er Angebote aus Krakau/Kraków und sogar aus Wien ausschlug.

Die Hinwendung zum polnischen Kulturraum

Nach der Aufgabe seines Studiums hatte Elsner sich durchaus erfolgreich als Musiker in einer Provinzstadt des Habsburgerreichs etabliert. Nichts deutete an, dass sich sein Wirkungskreis bald ändern würde, bis Wojciech Bogusławski in Lemberg eintraf. Bogusławski, der sich als Bühnenschriftsteller und Schauspieler, aber auch als Organisationstalent und Propagator für die Idee einer polnischen Musik einen Namen gemacht hatte, kam im Januar 1795 nach Lemberg, da er wegen des Kościuszko-Aufstands aus Warschau hatte fliehen müssen. Bogusławski wurde auf Elsner aufmerksam, die beiden freundeten sich an, und Elsner lernte durch Bogusławski polnische Opern kennen. Unter Bogusławskis Einfluss vollzog sich Elsners Hinwendung zum polnischen Kulturraum. Zu seiner ersten polnischen Oper, Izkahar król Guaxary (Izkahar, König von Guaxara), schrieb Bogusławski den polnischen Text. Darin ging es um die Niederwerfung eines südamerikanischen Königreichs durch spanische Konquistadoren, im polnischen Kontext eine Anspielung auf die Zerstückelung des polnischen Staates durch die europäischen Nachbarstaaten.

Mit Musik etwas bewegen zu können – diese Perspektive musste dem Musiker Elsner, der sich schon in Breslau als Organisator des Musiklebens hervorgetan hatte, höchst attraktiv erscheinen. In Lemberg führte das zu einer Hinwendung zum Polentum.

Für den Schlesier Elsner war die polnische Kultur alles andere als fremd – die elterliche Familie besuchte den Gottesdienst in polnischer Sprache und sang polnische Lieder. Auf dem Gymnasium in Breslau vertiefte sich seine Kenntnis polnischer Sprache und Kultur noch, so dass in seinem Leben die Hinwendung zur polnischen Kultur keinen Bruch darstellt.

Im Einsatz für die polnische Musik

<br>Eine Seite aus der austographen Partitur von Joseph Elsners Septett in der Sammlung der Bibliothek der Warschauer musikalischen Gesellschaft

Zusammen mit Bogusławski ging Elsner im Jahre 1799 nach Warschau. Hier kam ihm seine deutsche Herkunft zugute, wurde doch das kulturelle Leben zu dieser Zeit ganz wesentlich von preußischen Beamten mitbestimmt. Gemeinsam mit dem Dichter und Komponisten E. T. A. Hoffmann organisierte Elsner einen Musikverein, der unter der Bezeichnung Resursa Mu­zycz­na (Musikalische Ressource) eine lebhafte Konzerttätigkeit entfaltete und Warschau mit der neuesten Musikliteratur und den neuesten Musikwerken versorgte, unter anderem beispielsweise mit den ersten Sinfonien Ludwig van Beethovens.

Gleich nach seiner An­kunft wurde Elsner Musikdirektor des Warschauer Nationaltheaters. Hier konnte er an prominenter Stelle die Themen der Natio­nalbewegung in Musik setzen: Die mythologische Oper Andromede widmete er Napoleon als Dank für die Wiederherstellung der Einheit Polens. Seine Oper Król Łokietek czyli Wiśliczanki (König Ellenlang oder die Anwohnerinnen an der Weichsel) gilt als wichtiger Vorläufer der polnischen Nationaloper Stanisław Moniuszkos. Daneben schrieb er Singspiele, in denen er aktuelle Themen wie die damalige Mode des Nachäffens der französischen Kultur aufgriff.

Am Theater arbeitete Elsner nicht nur als Komponist und Musiker, sondern auch als Lehrer: Im Jahr 1818 wurde er Direktor der dem Theater angegliederten Schule zur Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses. Elsner baute sie zu einem Konservatorium aus, das jedoch aus politischen Gründen nur als Szkoła Główna Muzyki (Hauptschule für Musik) bezeichnet werden durfte. Der Novemberaufstand setzte seiner Existenz allerdings vorerst ein Ende.

Elsner als Musikpublizist

Als großes Hindernis für die Verbreitung der Musik sah Elsner das Fehlen polnischer Musikverlage an. Daher gründete er im Jahre 1802 in Warschau einen solchen. Elsner war auch als Musikkritiker und Musikschriftsteller tätig, und zwar sowohl in renommierten deutschen Blättern als auch in den wichtigsten polnischen Periodika. Grundlegenden Einfluss auf die polnische Musikkultur hatte sein Traktat Rozprawa o metryczności i rytmiczności języka polskiego (Abhandlung über die Metrik und Rhythmik der polnischen Sprache) aus dem Jahre 1818. Elsner nahm hier Stellung zur damals intensiv diskutierten Frage, ob ausschließlich das Italienische zum Gesang geeignet sei. Elsner selbst gab in seinem Opernwerk eine eindeutige Antwort: Von den 34 Opernwerken aus der Zeit von 1797 bis 1830 hatten 32 einen polnischen Text, eine hatte einen französischen, später ins Polnische übersetzten Text und eine weitere einen italienischen.

Kirchenmusiker für alle Konfessionen

Schon im Jahre 1815 hatte Elsner die Towarzystwo Muzyki Religijnei i Narodowej (Gesellschaft für nationale und religiöse Musik) gegründet. Jeden Sonntag fanden in der Piaristenkirche Konzerte statt, man organisierte Kurse für Organisten, Lehrer und Sänger und leistete Beihilfe bei der Gründung von Chören. Elsner bediente in Warschau aber nicht nur die religiösen Bedürfnisse der katholischen Bevölkerung. So schrieb er anlässlich des 50. Jahrestags der Entstehung der Kirche des augsburgisch-evangelischen Bekenntnisses eine Kantate für vier Singstimmen und Orchester. Ebenfalls finden sich geistliche Werke für die russisch-orthodoxe Kirche. Für die jüdische Gemeinde und den dortigen Kantor Löwe schrieb Elsner eine Kantate mit hebräischem Text nach dem 21. Psalm Davids.

Elsner als Musikdiplomat: Umgang mit den Mächtigen

<br>Maksimilian Fajans (1827–1890) fertigte dieses Portrait von Joseph Elsner an.

Elsner orientierte sich seit 1815 und dann vor allem nach 1830 sehr intensiv an den russischen politischen und kulturellen Eliten, ohne jedoch die polnischen Zusammenhänge in irgendeiner Form zu vernachlässigen. Im Gegensatz zu seinem Rivalen und (ab 1824) Nachfolger Karol Kurpiński am Warschauer Operntheater, der diese Bühne während des Novemberaufstands zu einem Hauptort polnischen Unabhängigkeitsstrebens machte, beteiligte sich Elsner nicht an revolutionären Bewegungen und komponierte auch nicht wie Kurpiński Aufstandslieder oder entsprechende Opern. Es gelang Elsner, sowohl in der polnischen Kulturelite als Lehrer und organisatorische Hauptfigur des Warschauer Musiklebens allergrößte Achtung zu erreichen, als auch im Einvernehmen mit der russischen politischen Elite zu handeln.

Anscheinend verstand Elsner es gut, sich immer wieder der Sympathie der jeweiligen Herrscher zu versichern, indem er repräsentative, diese bestätigende Werke schrieb – und dafür auch noch gut bezahlt wurde. Anlässlich des Empfangs des sächsischen Königs als Großfürst von Warschau schrieb Elsner eine Kantate auf die Worte der Gräfin Lubieńska, der Frau des Ministers, und erhielt 60 Taler. Später erhielt Elsner für ein Requiem in c-Moll für den Zaren Alexander I. sogar von vier Fürsten Anerkennung und Belohnung, je einen Brillantring vom König von Preußen, vom Kaiser von Österreich und vom Zaren Nikolaus I. sowie ein Dankschreiben von Fürst Anton Radziwiłł.

Nach dem Novemberaufstand

Nach dem misslungenen Novemberaufstand wurde das Musikleben Warschaus stark beschnitten. Die Szkoła Główna Muzyki, die Universität und die Warszawskie Towarzystwo Przyjaciół Nauk (Warschauer Gesellschaft der Freunde der Wissenschaft) wurden geschlossen; das Theater, an dem Elsner schon seit 1824 nicht mehr arbeitete, wurde in seiner Bedeutung stark herabgestuft. Elsner gab vermehrt privaten Musikunterricht, lehrte an der 1833 neu gegründeten Gesangsschule am Theater und im Institut für die Gouvernanten. Der Kirchenmusikbereich erwies sich in dieser Situation als weiteres Standbein. Hier konnte Elsner als Dirigent und Komponist weiterhin tätig sein. Aus dem Jahr 1837 stammt sein bedeutendstes Werk, das Passionsoratorium Męka Pana Naszego Jezusa Chrystusa (Die Pein Unseres Herrn Jesus Christus), dessen dreimalige Aufführung ein Jahr später Elsner große Anerkennung in Warschau einbrachte. Elsner widmete es dem Zaren Nikolaus I. und erhielt zum Dank das Gut Elsnerowo bei Warschau als Geschenk.

Nach einem Schlaganfall im Jahre 1845 verlor Elsner die Kraft im rechten Arm und musste fortan mit links schreiben. Im Jahr 1852 feierten Elsner und seine Frau, die Schauspielerin Karolina Drozdowska, Goldene Hochzeit, ein Anlass, den man in Warschau als Gelegenheit nahm, ihn als verdiente Persönlichkeit des Warschauer Musiklebens zu feiern. Neben dem Gottesdienst organisierte man ein akademisches Ehrenmahl in der Resursa Kupiecka (Kaufmännische Ressource). Im Dziennik Warszawski (Warschauer Tageblatt) vom nächsten Tag erschien ein ausführlicher Bericht dazu. Als Elsner zwei Jahre später, am 18. April 1854, in Elsnerowo, starb, wurde sein Begräbnis als großes nationales Ereignis gestaltet. Beigesetzt wurde er auf dem Powązki-Friedhof in Warschau. In seiner Heimatstadt Grottkau berichteten die Schlesischen Blätter am 29. April 1854 über den Tod des Komponisten.

Nachwirkung

Die Nachwirkung Elsners beruht neben seinen organisatorischen Leistungen für das polnische Musikleben auch auf seiner Lehrtätigkeit. Die Liste seiner Schüler ist lang, der wichtigste war jedoch Frédéric Chopin, den Elsner 1826 offi­ziell als Schüler annahm. Aus Briefen des jungen Chopin geht hervor, dass er Elsner schon bald mehr Vertrauen schenkte als anderen. Das Verhältnis war von beiderseitiger Anerkennung und Freundschaft geprägt: Als Chopin aus Warschau wegging, komponierte Elsner extra für diesen Anlass eine Kantate.

Der Streit darüber, ob Elsner Pole oder Deutscher sei, hat lange Zeit die Beschäftigung mit ihm überlagert. Unstrittig ist, dass der aus einem deutschsprachigen Umfeld stammende Elsner sich schließlich in einem bewussten Akt für die Arbeit an der polnischen Musik entschied und sich fortan in der polnischen Musikgeschichte einen Namen als einer der wichtigsten Organisatoren und Gestalter des Musiklebens des beginnenden 19. Jahrhunderts machte. Es war seine Herkunft aus Schlesien, die Elsner dazu befähigte: Seit jeher hatten sich in Schlesien deutsche, polnische und tschechische kulturelle Einflüsse getroffen und miteinander vereinigt, so dass für den jungen Komponisten die Beschäftigung mit anderen Kulturen etwas Vertrautes war. Dabei fehlte ihm all das vollkommen, was man wenig später als nationales Sendungsbewusstsein bezeichnete – für Deutschland wie für Polen. Wenn Elsner als polnischer Musiker bezeichnet werden kann, dann sicherlich im gleichen Sinne, in dem man Händel als englischen Musiker bezeichnen kann. Für die Kulturen, in denen sie wirkten, spielte die deutsche Herkunft der Musiker keine Rolle, und es gab noch nicht jene so folgenschwere Engstirnigkeit des ethnischen Nationsdenkens, die Phänomene wie Händel oder Elsner nicht wahrhaben wollte.

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