21.12.2006

Politik der Rückführung deutscher Minderheiten aus Osteuropa im Dritten Reich.

von Dr. Alexander Brakel
von Dr. Alexander Brakel
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Politik der Rückführung deutscher Minderheiten aus Osteuropa im Dritten Reich.
Dr. Alexander Brakel schreibt über die Politik der Rückführung deutscher Minderheiten aus Osteuropa im Dritten Reich.
Dr. Alexander Brakel

Der Tübinger Osteuropa-Historiker Dietrich Beyrau hat im Hinblick auf Ostmitteleuropa im Zweiten Weltkrieg vom »Schlachtfeld der Diktatoren« gesprochen. Mit der gleichen Berechtigung ließe sich auch vom »Verschiebebahnhof der Diktatoren« reden, wobei neben Gütern in erster Linie Menschen verschoben, das heißt umgesiedelt oder deportiert wurden. Die über 400000 Personen, die infolge der sowjetischen Besetzung in Ostpolen und im Baltikum nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurden, sollen uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen. Statt dessen möchte ich auf die ungleich gewaltigeren Umsiedlungspläne der Nationalsozialisten aufmerksam machen, die ab September 1939 schrittweise umgesetzt wurden. Ihre ideologische Basis hatten diese Pläne in den Raumvorstellungen Adolf Hitlers, die dieser bereits in seiner Landsberger Haft in Mein Kampf niedergelegt hatte. Demzufolge sollte im »Osten« ein riesiger deutscher Siedlungsraum entstehen. Bereits zwei Jahre zuvor hatte die SS erste Pläne zur Umsiedlung deutscher Volksgruppen aus Ostmittel- und Osteuropa nach Deutschland ausgearbeitet.

Relevant wurden diese Pläne jedoch erst mit Beginn des Krieges. Wichtiger als der militärische Sieg über Polen war hierfür die im Hitler-Stalin-Pakt erzielte diplomatische Einigung mit der Sowjetunion: Weit über die polnischen Grenzen hinaus definierten die beiden Diktatoren im geheimen Zusatzprotokoll, das durch den Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 noch eine leichte Korrektur erfuhr, ihre Einflusssphäre im gesamten ostmitteleuropäischen Raum. Die Sowjetunion erhielt darin unter anderem das Baltikum zugesprochen und damit ein Gebiet, in dem seit Jahrhunderten – oder im Fall von Litauen zumindest seit gut hundert Jahren – Deutsche siedelten. Zugleich gewährte der Grenz- und Freundschaftsvertrag dem Deutschen Reich das Recht, eben diese »Volksdeutschen«, wie sie in der NS-Terminologie genannt wurden, in das eigene Gebiet zu überführen. Knapp zwei Wochen später, am 6. Oktober, teilte Hitler in einer Rede vor dem Reichstag der Öffentlichkeit seinen Plan mit, nicht nur die Deutschen aus Lettland und Estland, sondern auch aus anderen Gegenden Osteuropas umzusiedeln. Sein Ziel war eine großangelegte ethnische Flurbereinigung, die zur »Entmischung« der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen führen sollte. Er begründete dies mit der Notwendigkeit, bestehende Konfliktherde zwischen den unterschiedlichen Nationalitäten zu beseitigen. Damit brach Hitler mit der bisher gegenüber den Auslandsdeutschen betriebenen Politik. Bis dato war es Kurs des Dritten Reichs gewesen, diese Menschen zu ermutigen, in ihren bisherigen Siedlungsgebieten wohnen zu bleiben, weil das Vorhandensein einer deutschen Minderheit der Reichsregierung einen Hebel in die Hand gab, Druck auf den jeweiligen Staat auszuüben. Dieses sechs Jahre lang verfolgte Prinzip wurde nun von einem auf den anderen Tag aufgegeben. Am 7. Oktober ernannte Hitler den Reichsführer-SS Heinrich Himmler zum Reichskommissar zur Festigung des deutschen Volkstums (RKF) und übertrug ihm die Aufgabe, die Deutschen aus Osteuropa ins Reich zu holen. Der frisch Ernannte ging sogleich mit großem Eifer ans Werk und richtete bereits einen Tag später die Einwanderungszentrale ein, die die notwendigen Tätigkeiten koordinieren sollte.

Die ersten von den geplanten Maßnahmen Betroffenen waren die in Lettland und Estland lebenden Deutschen. Sie wurden aufgefordert, sich zur Umsiedlung ins Deutsche Reich zu melden. Auch wenn die deutsche Propaganda wegen des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages nicht die »bolschewistische Gefahr« beschwor, war es jedoch genau die Angst vor der sowjetischen Herrschaft, die die meisten Baltendeutschen dazu veranlasste, dieses Angebot anzunehmen. Zwar war das Baltikum bislang noch nicht besetzt, aber zumindest informell übte Moskau bereits Druck auf die Regierungen in Reval und Riga aus. Zudem dürfte den meisten Baltendeutschen klar gewesen sein, dass die baltischen Staaten ihrem großen östlichen Nachbarn wenig entgegenzusetzen hatten und ihm im Falle eines Angriffs hoffnungslos unterlegen sein würden. Bei einigen deutschbaltischen Politikern und Privatleuten, beispielsweise beim Repräsentanten der IG-Farben, Claus von Kursell, war die Angst vor der sowjetischen Besatzung sogar so groß, dass sie von sich aus die deutsche Regierung dazu drängten, eine Evakuierung der gesamten deutschen Bevölkerung aus dem Baltikum vorzubereiten. Die enorme Bedeutung, die das Damoklesschwert der Bolschewiki in den Augen der Baltendeutschen hatte, zeigte sich nicht zuletzt darin, dass die Zahl der »Umsiedlungswilligen« nach dem sowjetischen Angriff auf Finnland schlagartig in die Höhe schnellte. Der größte Teil der Deutschbalten schloss sich jedoch bereits im Oktober der Umsiedlung an. Bis zum Jahresende verließen so etwa 14000 Personen Estland und 52200 Lettland; zwischen 4000 und 7000 blieben in ihrer alten Heimat, von denen einige eine weitere Umsiedlung im Frühjahr des Folgejahres mitmachten. Angesichts der nicht nur von der deutschen Propaganda heraufbeschworenen, sondern überaus realen Bedrohung, die von der Sowjetunion ausging, bezeichnet der Historiker Dietrich Loeber das Umsiedlungsangebot als »diktierte Option« für die Baltendeutschen. Ob letzteren das Paradoxon bewusst war, Schutz ausgerechnet in dem Staat zu suchen, dessen Politik ihre Bedrohung überhaupt erst verursacht hatte, sei dahingestellt. In Ermangelung anderer Optionen dürfte dies jedoch selbst für die politisch Hellsichtigen unter ihnen kaum eine Rolle gespielt haben.

Die Umsiedlung der Baltendeutschen stellte nur das erste Glied in einer langen Kette dar: Bereits im Dezember 1939 begann die Evakuierung der Deutschen aus den sowjetisch besetzten Gebieten Ostpolens, aus Galizien und Wolhynien. Auch hier war die Bereitschaft der Betroffenen groß, das Umsiedlungsangebot anzunehmen, zumal sie anders als die Deutschen im Baltikum bereits erste Erfahrung mit den Realien sowjetischer Politik – Verstaatlichungen, Massenverhaftungen und den ersten Ansätzen der Kollektivierung – gemacht hatten. Vielfach meldeten sich auch Personen, die kaum deutsch sprachen und nur anhand von Urkunden ihre deutsche Herkunft nachweisen konnten. In solchen Fällen mussten die Leiter der deutschen Ortskommissionen bestimmen, wer als Deutscher zu gelten hatte. Neben der tatsächlichen Volkszugehörigkeit spielten dabei auch politische Gesichtspunkte eine Rolle: Wer vor dem Krieg ein als »deutschfeindlich« apostrophiertes Verhalten an den Tag gelegt hatte, durfte sich kaum Hoffnungen machen. Personen mit positiv beschiedenen Gesuchen mussten einen Teil ihrer Habe auf Pferdewagen laden, auf denen sie auch selbst die Reise gen Westen antraten; nur Kinder, Frauen, Alte und Gebrechliche reisten mit der Eisenbahn. Aufgrund der großen Kälte – die Transporte der Wolhynien- und Galiziendeutschen fanden mitten im Winter bei klirrender Kälte um die vierzig Grad unter Null statt – brachen vor allem viele ältere Leute und Kinder zusammen oder wurden krank.

Entgegen ihren Erwartungen wurden die Volksdeutschen nicht im Deutschen Reich, sondern in den dem Reich angeschlossenen Gebieten Polens, vor allem in den Gauen »Wartheland« und »Danzig-Westpreußen« angesiedelt. Denn anders als die deutsche Propaganda ihnen vorgaukelte, ging es weder Hitler noch Himmler um die »Heimholung« der Auslandsdeutschen, sondern um die »Eindeutschung« der dem Reich einverleibten polnischen Gebiete. Zu diesem Zweck sollten einerseits die Deutschen aus dem Ausland dort angesiedelt, andererseits aber auch die dort lebenden Polen ins besetzte, aber nicht annektierte Rest-Polen, das so genannte Generalgouvernement, ausgesiedelt werden. Geplant war, dass die etwa 7,8 Millionen Polen und rund 700000 Juden, die 1939 in den westlichen Gebieten lebten, innerhalb von zehn Jahren vollständig vertrieben werden sollten. Über die rein ideologische Zielsetzung hinaus ergab sich die Aussiedlung schon als Notwendigkeit, um für die auslandsdeutschen Umsiedler Platz zu schaffen. Und allein schon das erwies sich als ungeahnt schwierig. Das den Volksdeutschen gegebene Versprechen, in der neuen Heimat nicht schlechter gestellt zu sein als in der alten, machte es notwendig, pro Umsiedler mindestens zwei bis drei Polen nach Osten abzuschieben, ihre kleinen Höfe zu einer größeren Wirtschaft zusammenzulegen und den Balten-, Wolhynien- und Galiziendeutschen zu übergeben. Dem NS-Regime war es dabei jedoch nicht nur um soziale Wohltaten für die Neusiedler zu tun, sondern es verfolgte ebenso wirtschafts- und bevölkerungspolitische Ziele: Durch den Zusammenschluss sollten effizientere landwirtschaftliche Betriebe entstehen, durch die insgesamt negative Wanderungsbilanz das Problem der angeblichen Überbevölkerung bekämpft werden. Um diese hoch gesteckten Ziele zu erreichen, war zunächst die Abschiebung von einer Million Polen und Juden geplant, aber bereits im Dezember wurden die Margen stillschweigend auf 80000 gesenkt. Zudem begann die Deportation mit einmonatiger Verspätung. Auch die nachfolgenden Abschiebungen erreichten die projektierten Ziffern nicht und zogen sich deutlich länger hin als geplant. Statt der für erforderlich erachteten weit über anderthalb Millionen waren bis Frühsommer 1940 erst rund 250.000 Polen abgeschoben worden. Zwei Faktoren störten von Anfang an die hochtrabenden Umsiedlungspläne: Einerseits die mangelnden Tranportkapazitäten sowie andererseits der Widerstand von Generalgouverneur Hans Frank, das von ihm verwaltete Gebiet zur »Müllkippe« des Reichs werden zu lassen und all diejenigen aufzunehmen, die aus ideologischen Gründen anderswo unerwünscht waren.

Ein weiteres Problem kam bald hinzu: Aus wirtschaftlichen Gründen waren die Planer des Reichskommissariats zur Festigung des deutschen Volkstums daran interessiert, den landwirtschaftlichen Produktionsprozess so wenig wie möglich zu stören. Die polnischen Bauern sollten deswegen bis wenige Stunden vor Ankunft der volksdeutschen Übersiedler ihre Äcker bestellen und ihr Vieh füttern und dann schlicht und einfach durch die Neusiedler ersetzt werden. Da ein gleichzeitiges Umsiedeln aller polnischen Bauern wegen der unzureichenden Transport- und Personalkapazitäten natürlich vollkommen ausgeschlossen war und statt dessen sukzessive vorgegangen werden musste, ließen sich die deutschen Planungen unmöglich geheim halten. Die betroffenen Polen erfuhren so meist lange vorher von ihrer geplanten Abschiebung und konnten sich absetzen. Und obwohl die Deutschen das Problem frühzeitig erkannten, hatten sie keine Möglichkeit, es zu lösen. Bis zu 40 Prozent der für die Deportation Vorgesehenen entzogen sich ihrer Abschiebung durch Flucht und Verstecken. An eine »Depolonisierung« der annektierten Gebiete war unter diesen Umständen nicht zu denken.

Die Abschiebung von Polen ins Generalgouvernement stellte indes nicht den einzigen Versuch dar, Platz für die Umsiedler zu schaffen. Auch der erste Massenmord des NS-Regimes stand in diesem Zusammenhang: In einer Verschränkung aus ideologischen und pragmatischen Gründen wurden zwischen Oktober 1939 und Frühjahr 1940 mehr als zehntausend Geisteskranke aus Anstalten in Danzig, Gdingen, Swinemünde und Stettin von zwei SS-Kommandos umgebracht. Bald darauf wurde dieses Mordprogramm auf Anstaltsinsassen im Warthegau ausgedehnt. Die freigewordenen Anstalten und Krankenhäuser wurden in der Folge als Durchgangslager zur Unterbringung der Übersiedler genutzt, denn für die meisten von ihnen standen noch immer keine dauerhaft nutzbaren Häuser und Wohnungen zur Verfügung.

Trotz all dieser Probleme, die bereits die Ansiedlung der Deutschen aus dem Baltikum, Wolhynien und Galizien bereitete, kam es bereits im Spätsommer 1940 zur Umsiedlung weiterer volksdeutscher Gruppen, diesmal aus Südosteuropa. Nachdem die Sowjetunion ihre Ansprüche auf die zu Rumänien gehörige Nordbukowina und Bessarabien erhoben hatte, drängte das Deutsche Reich seinen Verbündeten Antonescu zum Nachgeben. Im Zweiten Wiener Schiedsspruch wurden die beiden Gebiete der Sowjetunion zugeschlagen. Für die dort siedelnden Deutschen ergab sich damit eine Situation wie für die Baltendeutschen im Jahr zuvor. In Verhandlungen mit Moskau erreichte Berlin zwei Monate nach Beginn der sowjetischen Besetzung das Einverständnis zur Umsiedlung der Bukowina-Deutschen ins Deutsche Reich. Die Eindrücke dieser ersten beiden Monate müssen auf die Bevölkerung der Nordbukowina einen mindestens ebenso negativen Eindruck gemacht haben wie die sowjetische Besetzung im Jahr zuvor auf die Bewohner Ostpolens, denn allem Anschein nach griffen nicht nur Deutschstämmige nach dem Rettungsanker der Umsiedlung ins Reich. Etwa 30000 Antragsteller wurden allein in der nördlichen Bukowina von den Umsiedlungskommissionen wegen »unzureichender Deutschstämmigkeit« zurückgewiesen. Zahlreiche Ehen wurden noch kurz vor Beginn der Umsiedlung geschlossen, vielfach verstanden die nichtdeutschen Ehepartner kein einziges deutsches Wort. Reiche Rumänen boten hohe Geldsummen, um das Land verlassen zu können. In Unkenntnis der deutschen antisemitischen Politik befanden sich sogar Juden unter den Antragstellern. Insgesamt wurden aus der Nordbukowina 95770 Personen umgesiedelt, obwohl die Zahl der dort lebenden Deutschen im Jahr zuvor nur mit 75000 angegeben worden war.

Zugleich bestürmte die rumänische Regierung Hitler, die im übrigen Staatsgebiet lebenden Deutschen aussiedeln zu dürfen, um damit Platz für rumänische Flüchtlinge aus der Nordbukowina zu schaffen. Die Reichsregierung, die in den Verhandlungen über die territoriale Neuregelung zuvor zweimal gegen Rumänien und zugunsten Ungarns und der Sowjetunion entschieden hatte, wusste, dass sie nun Bukarest Zugeständnisse machen musste, wenn sie den wegen seiner Erdölvorräte eminent wichtigen Bündnispartner nicht verlieren wollte. Zugleich schien der Sieg im Westen nur noch eine Frage weniger Wochen zu sein. Nach Beendigung des Krieges, so das Kalkül, stünden wieder Transportkapazitäten in ausreichendem Maße zur Verfügung, um die polnische Bevölkerung aus dem Warthegau und Danzig-Westpreußen aussiedeln und damit Platz für die volksdeutschen Umsiedler schaffen zu können. Die Aufnahme der Deutschen aus der Südbukowina und dem Dobrudscha-Gebiet schien also durchführbar zu sein, weshalb am 24. September 1940 die ersten Trecks in Richtung Westen abgingen. Erstmalig mussten die deutschen Behörden jedoch Druck ausüben, um die deutschstämmige Bevölkerung möglichst vollständig zur Umsiedlung zu bewegen, weil im unbesetzten Teil Rumäniens das wichtigste Argument dafür wegfiel: die Angst vor der sowjetischen Herrschaft. Mit einer Mischung aus Druck und Propaganda versuchten sowohl reichsdeutsche Stellen wie auch die Führung der deutschen Minderheit in Rumänien, die Zögernden umzustimmen. Dennoch blieben etwa zehn Prozent der Deutschen in ihrer alten Heimat. Angesichts der anhaltenden Unterbringungsprobleme in den annektierten Gebieten sahen sich die Behörden des RKF sogar gezwungen, die Rückkehr nach Rumänien unter Strafe zu stellen, was im Extremfall auch KZ-Haft bedeuten konnte. Nie zuvor war das eigentliche Ziel der Umsiedlungen so deutlich geworden. Im Stabshauptamt des RKF fasste man es im Dezember 1940 mit folgenden Worten zusammen: »Die zusammenhanglos vorgeschobenen deutschen Minderheiten im Osten Europas müssen ohne wehleidige Romantik umgesiedelt und dort, wo sie das deutsche Volk am dringendsten braucht, neu angesetzt werden. Sie dürfen nicht zum Dünger für die dortigen Völker werden.« Anderthalb Jahre später drückte Heinrich Himmler sich noch drastischer aus: »Jedes gute Blut, […] das Sie irgendwo im Osten treffen, können Sie entweder gewinnen oder Sie müssen es totschlagen«, erklärte er in einer Rede vor SS- und Polizeiführern am 16. September 1942.

Vorerst aber stellten sich ihm und seinen Mitarbeitern andere Probleme: Wie bekannt, erfüllten sich die deutschen Siegshoffnungen nicht. Weder kapitulierte England, noch ließ es sich auf einen Friedensschluss mit Hitler ein. Infolge dessen sah dieser nun die Notwendigkeit, seinem letzten Gegner im Westen durch einen Sieg über die UdSSR »den Festlandsdegen« aus der Hand zu schlagen. Ab Spätsommer 1940 liefen die Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion und forderten sämtliche Kapazitäten. Dementsprechend bedeuteten die Angriffsvorbereitungen auch das vorläufige Aus für die Umsiedlungspläne.

Der Stopp der Umsiedlungen löste indes noch nicht die Probleme der bereits in den inkorporierten Gebieten des Reichs befindlichen Volksdeutschen. Die mangelnden Wohnmöglichkeiten in den für die Neuansiedlung vorgesehenen Gebieten sorgten dafür, dass die Mehrzahl der Volksdeutschen zunächst in vorläufigen Quartieren wie Schul- und Versammlungshallen oder gar Sammellagern untergebracht wurde. Durch den getrennten Transport von Männern und Frauen waren viele Familien auseinandergerissen worden und mitunter dauerte es Monate, bis sie wieder zusammenfanden. Während insbesondere für die ersten Umsiedler aus Estland, Lettland und dem ehemaligen Ostpolen vergleichsweise schnell Ansiedlungsmöglichkeiten gefunden wurden, mussten die meisten Rumäniendeutschen häufig Monate oder gar Jahre in den Lagern ausharren. Viele Lager waren heillos überbelegt, pro Person standen nur zwei bis drei Quadratmeter zur Verfügung. Mitunter fehlte sogar die Möglichkeit, an die frische Luft zu kommen, worunter insbesondere die Kinder litten, von denen viele erkrankten. In vielen Fällen war die Ernährung unzureichend und die Lagerleitung ungeschult und mit der Situation sichtlich überfordert. In ihren Erinnerungen schildern einige Umsiedler das Lagerpersonal als arrogant und überheblich, in Einzelfällen brachten sie ihr Missfallen bereits während des Lageraufenthalts zum Ausdruck, was einige von ihnen wegen Meckerei sogar ins KZ brachte. Aber nicht nur die Lagerleitung, auch die übrige deutsche Bevölkerung machte nicht immer einen positiven Eindruck auf die Umsiedler. Die ansässigen Deutschen sahen in den Neuankömmlingen häufig eine unwillkommene Konkurrenz, und insbesondere solche Volksdeutsche, die nur schlecht oder überhaupt kein Deutsch konnten, beklagten sich, wie Ausländer behandelt und in einigen Fällen sogar den ausländischen Zwangsarbeitern gleichgestellt worden zu sein. Als Schock wirkte für viele auch die Konfrontation mit dem NS-Staat, der keinen Raum für die traditionelle, von großer Eigenständigkeit geprägte Lebensweise ließ. Der Bekämpfung der Religion brachten die mehrheitlich gläubigen Umsiedler erst recht kein Verständnis entgegen. Eine weitere Belastung stellte für einen Teil von ihnen die Auseinandersetzung mit der Vertreibung der Polen dar. Der Gedanke, auf geraubtem Gut zu wohnen, trieb einige gar in den Selbstmord. Andere wiederum konnten mit dieser Situation offensichtlich recht gut leben und erfüllten bereitwillig die ihnen von den NS-Ideologen zugedachte Herrenrolle. Dass aber auch sie in deren Augen nicht mehr waren als Werkzeuge zur Inbesitznahme und Umgestaltung der eroberten Gebiete, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass ihre früheren Dorfgemeinschaften zerschlagen und langjährige Nachbarn in großer Entfernung zueinander untergebracht wurden. Himmler wollte so auf jeden Fall vermeiden, dass sich balten-, wolhynien- oder galiziendeutsche Volksgruppen zusammenfanden und ein kulturelles Eigenleben führten. Mit der Umsiedlung war in seinen Plänen auch die Umgestaltung der »Volksgemeinschaft« verbunden. Die Auslandsdeutschen stellten innerhalb dieses Prozesses nicht mehr als nützliches Menschenmaterial dar.

Nirgendwo zeigte sich diese Ideologie deutlicher als bei den unter rassischen Gesichtspunkten vorgenommenen Selektionen. Ende 1939 erklärte Heinrich Himmler unumwunden, sein Ziel sei es, im annektierten polnischen Gebiet eine »blonde Provinz« zu schaffen und der Entwicklung von »Mongolentypen« vorzubeugen. Zu diesem Zweck wurde die »Deutsche Volksliste« geschaffen, in die sämtliche Personen, die sich um den Erhalt der deutschen Staatsangehörigkeit bewarben, eingeordnet werden sollten. Auch die volksdeutschen Umsiedler in den Aufenthaltslagern wurden rassekundlichen Untersuchungen unterzogen. Bei dieser Prozedur, deren eigentlicher Zweck vor den Umsiedlern mit der Behauptung, es handle sich um eine Gesundheitsprüfung, verschleiert wurde, teilten die Rassenexperten die Untersuchten in vier rassische Kategorien ein: Als am hochwertigsten galten »rein nordisch[e] oder fälische« Personen, während »völlig unausgeglichene Mischlinge«, »rein ostisch[e] oder ostbaltische«, »Fremdblütige« und Menschen mit »außereuropäischem« Einschlag der untersten Kategorie zugerechnet wurden. Neben den rassischen wurden auch eugenische Aspekte für die Einteilung herangezogen und erbkranke Männer und Frauen unabhängig von ihrem Erscheinungsbild in die vierte Kategorie sortiert. Zudem wurde eine fünfstufige Skala zur Erfassung der politischen Haltung entworfen, die von »aktiven Kämpfern für das Deutschtum« über »Mitläufer« bis zu »aktiven Kämpfern in einer fremden Gruppe« reichte.

Die schwerwiegendsten Konsequenzen bedeutete diese Einteilung für die Erbkranken, die unverzüglich in das Euthanasieprogramm einbezogen wurden. Aber auch für Gesunde hatte ihre jeweilige Kategorisierung beträchtliche Folgen. Nur die Angehörigen der ersten beiden rassischen Kategorien erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft, solche der vierten Kategorie sollten in ihre Ursprungsländer zurückgeschickt werden. Wer zur dritten Gruppe gerechnet wurde, konnte nicht unmittelbar eingedeutscht werden und seine Staatsangehörigkeit wurde vorläufig mit »unbekannt« angegeben. Wegen seiner grundsätzlich »eindeutschungsfähigen« Anlagen sollte jedoch der Versuch unternommen werden, ihn oder zumindest seine Nachfahren in der zweiten oder dritten Generation zu vollwertigen Deutschen zu erziehen. Das Mittel dafür war der Arbeitseinsatz im Altreich. Dieses Schicksal traf mindestens 35000 Umsiedler.

Ein besonderes Schicksal wurde den Deutschen aus Litauen zuteil. Wegen des langsamen Verlaufs der Ansiedlung der übrigen Volksdeutschen im ehemaligen Polen verschob man ihre Evakuierung aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet immer weiter. Im Frühjahr 1941 drängte schließlich die Zeit, wollte die deutsche Führung verhindern, dass sie nach dem geplanten deutschen Angriff einer besonderen Gefährdung ausgesetzt würden. Im März desselben Jahres begann die Umsiedlung von über 50000 Deutschen aus Litauen. Um Platz für sie zu schaffen, hatte Heydrich die beschleunigte Deportation von Juden und Polen aus den annektierten Gebieten ins Generalgouvernement gefordert, die bereits in vollem Gang befindlichen Kriegsvorbereitungen und der damit verbundene Mangel an Transportkapazitäten verhinderten jedoch eine Umsetzung dieser Forderung. Fast alle Litauendeutschen mussten deswegen in Lagern untergebracht werden. Im Mai 1941 befanden sich damit insgesamt 270000 volksdeutsche Umsiedlern nicht in von Polen geräumten Wohnungen und Häusern, sondern in Umsiedlungslagern.

Wenige Monate später überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion, Litauen wurde innerhalb weniger Wochen erobert. Obwohl Hitler noch im November 1941 ausdrücklich verboten hatte, ins Reich umgesiedelte Volksdeutsche wieder in ihre Ursprungsgebiete zurückzulassen, wurden 30000 Litauendeutsche, die von den Untersuchungskommissionen rassisch für tauglich befunden worden waren, genau dafür vorgesehen. Neben dem Versuch, ein Ventil für die angespannte Situation in den Umsiedlungslagern zu schaffen, war Himmler hierbei vor allem daran gelegen, bei der Neuordnung der besetzten Ostgebiete seinem Rivalen Alfred Rosenberg in die Quere zu kommen. Zudem erhoffte sich der Reichskommissar zur Festigung des deutschen Volkstums von der Wiederansiedlung der Litauendeutschen eine wirtschaftliche und sicherheitspolitische Beruhigung des eroberten Landes. Die Wiederansiedlung war nicht so sehr als Rückkehr in die alte Heimat als vielmehr als Beginn der deutschen Besiedlung des Baltikums gedacht, denn durch die militärischen Erfolge gegen die Sowjetunion erhielten die im Herbst 1940 vorübergehend zurückgestellten Siedlungspläne neue Nahrung. Endlich schien die Verwirklichung der Lebensraumpläne, die Hitler schon seit Mitte der zwanziger Jahre beschäftigt hatten, in greifbare Nähe gerückt. Himmler beauftragte daraufhin verschiedene Stellen mit der Ausarbeitung des »Generalplans Ost«. Die vorgelegten Konzepte unterschieden sich zwar zum Teil deutlich, gingen aber alle von einer deutschen Besiedlung des europäischen Kontinents bis an den Ural aus. Mittels deutscher Siedlungsschwerpunkte sollte Osteuropa in einen Teil des germanischen Großreichs verwandelt werden. Die einheimischen Völker sollten größtenteils vernichtet oder umgesiedelt werden und nur einige als Heloten für die deutschen Herren in ihren angestammten Wohnorten bleiben dürfen. Als Zeithorizont sahen die Planer 25 bis 30 Jahre vor. Himmler, dem der von ihm beauftragte Professor für Raumplanung Konrad Meyer im Sommer 1942 seine Version des Generalplans vorlegte, zeigte sich insgesamt zwar zufrieden, forderte aber eine wesentlich dichtere deutsche Besiedlung und vor allem ein deutlich höheres Tempo. Estland, Lettland und auch das Generalgouvernement, so seine Forderung, sollten bereits in zwanzig Jahren vollständig eingedeutscht sein, was unter anderem bedeutete, dass dort keine nichtdeutsche Bevölkerung mehr wohnen sollte.

Erste Schritte zur Umsetzung dieser gigantischen Pläne wurden noch während des Krieges unternommen. Aus der Gegend um Zamość, und damit nicht in den dem Reich angegliederten Gebieten, sondern im Generalgouvernement, wurden zwischen November 1942 und Sommer 1943 rund 50000 Polen enteignet und nach rassischen Kriterien erfasst. Einige Hundert wurden für »eindeutschungsfähig« befunden und zur Umerziehung ins Altreich oder den Warthegau geschickt. 6500 galten als »rassisch minderwertig«. Die Arbeitsfähigen unter ihnen wurden zur Zwangsarbeit nach Auschwitz deportiert, die übrigen in »Rentendörfer« umgesiedelt, wo sie langsam zu Tode gehungert werden sollten. Die meisten aber wurden für »würdig« befunden, im Reich oder auf ihren alten Höfen zu arbeiten, allerdings unter Aufsicht und Befehl der neuen Herren – etwa 27000 Volksdeutscher, die in diesem ersten »deutschen Großsiedlungsgebiet« angesiedelt wurden. Der weitere Kriegsverlauf und die zunehmende Verschlechterung der deutschen Sicherheitslage in Polen brachte im Sommer 1943 das Aus für das Projekt Zamość, aber auch für weitere Siedlungsvorhaben dieser Art.

Die letzten Volksdeutschen, die noch umgesiedelt wurden, die »Schwarzmeerdeutschen« und Deutsche aus der Ukraine, verließen ihr angestammtes Siedlungsgebiet gleichzeitig mit der Wehrmacht, die sich vor der Roten Armee zurückzog. Am Ende dieses Rückzugs standen sowjetische Truppen in Berlin, das Deutsche Reich hatte aufgehört zu existieren. Das Baltikum wurde sowjetisch, die annektierten polnischen Gebiete wurden der Volksrepublik Polen zugeschlagen. Trotz der Umsiedlung und Vernichtung von rund 1,2 Millionen Polen und der Ansiedlung von etwa einer Million Volksdeutscher waren die annektierten polnischen Gebiete nicht eingedeutscht worden, der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung war lediglich von zehn auf 20 bis 25 Prozent gestiegen und nicht, wie vorgesehen, auf über 50. Die meisten Volksdeutschen, die erst wenige Jahre zuvor aus ihrer ursprünglichen Heimat dorthin umgesiedelt worden waren, mussten erneut nach Westen fliehen. Die Raumpläne der Nationalsozialisten bedeuteten nicht die Germanisierung des Ostens, sondern das weitgehende Ende deutscher Siedlungen in Osteuropa.

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