Ein kleines Land in Europas Mitte

Ein kleines Land in Europas Mitte
Ein kleines Land in Europas Mitte
Das alte Bürgermeister- und heutige Rathaus in Memel/Klaipėda diente 1807 als Residenz von König Wilhelm II. und Königin Luise von Preußen.

Fläche: 65.301 km²
Einwohnerzahl: 3,2
Hauptstadt: Vilnius/Wilna
Amtssprache: Litauisch
Währung: Litas

Das Großfürstentum und der Deutsche Orden

Als einzigem baltischem Volk gelang es den Litauern einen eigenen Staat zu errichten und sich so gegen den Deutschen Orden zu behaupten. Nur das nördlich von Königsberg gelegene Gebiet Kleinlitauen wurde vom Orden erobert. Die litauischen Großfürsten konnten im Osten Fürstentümer der Rus erobern und ein Herrschaftsgebiet errichten, das mit seiner größten Ausdehnung im 15. Jahrhundert bis zum Schwarzen Meer reichte und Gebiete des heutigen Weißrussland und der Ukraine umfasste. In der Schlacht bei Tannenberg 1410 besiegten die polnisch-litauischen Heere den Deutschen Orden. Der Frieden von Melnosee 1422 besiegelte die Grenze zwischen Litauen und dem Ordensland.

Mit der Union von Krewo (1385), der Personalunion mit Polen, dehnte Litauen seinen Einfluss nach Westen aus. Unter dem Druck der Westexpansion Moskaus erfolgte 1569 schließlich in der Union von Lublin (1569) der staatlichen Zusammenschluss mit Polen. Der litauische Adel polonisierte sich in der Folgezeit so sehr, dass er die litauische Sprache kaum mehr beherrschte. Im Zuge der Teilungen Polens fiel Litauen 1795 an das Russische Reich und verblieb dort bis Ende des Ersten Weltkriegs.

Deutsche in Litauen

Im Spätmittelalter ließen sich Deutsche in den größeren Städten Litauens nieder. Die Ausbreitung der Reformation begünstigte die Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur, jedoch war das deutsche Bürgertum zahlenmäßig gering vertreten. Im Zuge des Merkantilismus holten litauische und polnische Magnatenfamilien im 18. Jahrhundert deutsche Fachleute ins Land. Es entstanden aber nur vereinzelt kleine deutsche Siedlungsinseln.

In dem von 1795 bis 1807 zu Preußen gehörenden, an Ostpreußen angrenzenden Teil Litauens, dem Suwalki-Dreieck (Suvalkija), ließen sich Deutsche nieder, ebenso in der litauischen Herrschaft Tauroggen, die zwischen 1598–1621 und 1688/1690–1795 in brandenburgisch-preußischem Besitz war.

Für die Entwicklung der litauischen Sprache und Schriftsprache spielten die evangelischen Pfarrer in Kleinlitauen und die von ihnen geleisteten Bibelübersetzungen ins Litauische eine nicht unbedeutende Rolle. Hier entstand im 16. Jahrhundert die litauische Schriftsprache. Im 19. Jahrhundert wurden in Königsberg und in Orten an der litauischen Grenze Bücher in litauischer Sprache gedruckt und von so genannten Bücherträgern über die Grenze gebracht. Auf diese Weise wurde das Verbot litauischer Bücher in lateinischer Schrift im Rahmen der russischen Zwangsassimilierung des Landes unterlaufen.

Arbeiterkolonien des 19. Jahrhunderts

Ende des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert wanderten ostpreußische Bauern und Arbeiter überwiegend aus Ostpreußen nach Litauen ein. Durch den Bau der Eisenbahnlinie von Eydtkuhnen in Ostpreußen über Kaunas/Kowno nach St. Petersburg kamen deutsche Arbeiter ins Land und es entstand in Kybarten/Kybartei eine deutsche Kolonie. Die zwei deutschen Werke der Eisenindustrie, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Kaunas gegründet wurden, beschäftigten einen hohen Prozentsatz an deutschen Arbeitern, die sich vor allem im Vorort Schanzen niederließen. Die beiden Orte waren die größten deutschen Kolonien in Litauen. Die Mehrheit der Litauendeutschen lebte in dem an Ostpreußen angrenzenden südwestlichen Teil des Landes, zu dem auch Kaunas gehörte. Die Deutschen hatten – mit Ausnahme der Städte Vilnius/Wilna und Kaunas – nur einen geringen Anteil an dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben des Landes. Allein die Zugehörigkeit zur evangelisch-lutherischen Kirche ließ die deutsche Minderheit als Gemeinschaft bis ins 20. Jahrhundert überdauern, da sie sich mehrheitlich von den überwiegend katholischen Litauern unterschieden.

Staatsgründung und neue Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Republik Litauen mit der Hauptstadt Kaunas gegründet. Infolge des Versailler Vertrags wurde 1919 das Memelland bzw. Memelgebiet vom Deutschen Reich getrennt. Die alliierten Siegermächte stellten es zunächst unter französische Verwaltung. 1923 wurde es von Litauen annektiert. Memel/Klaipėda ist die einzige Hafenstadt des Landes. Im März 1939 musste Litauen das Gebiet an das Deutsche Reich abtreten. Kaunas wurde für viele Flüchtlinge vor Nazi-Deutschland zum Exil. Aufgrund der geheimen Zusatzprotokolle des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes von 1939, die Osteuropa in Interessensphären zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufteilten, sollte Litauen wie die anderen beiden baltischen Staaten an die Sowjetunion fallen. Die Litauendeutschen wurden umgesiedelt. Während der Besetzung Litauens durch die Wehrmacht von 1941–1944 wurde die jüdische Bevölkerung im Ghetto von Kaunas eingesperrt und ermordet. Die in den Jahren 1942–1944 von den NS-Machthabern für die Ostsiedlung angesiedelten Deutschen flohen bei Kriegsende nach Westen. Diejenigen, denen die Flucht nicht gelang, blieben im nun sowjetischen Litauen und kamen erst Jahre später als Spätaussiedler nach Deutschland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Memelland der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik zuerkannt und ist heute Teil der Republik Litauen.

Deutsche in Litauen

In Litauen lebt nur im Memelgebiet eine nennenswerte Anzahl von Deutschen. Es sind meist Nachkommen aus zweisprachigen Familien, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht vertrieben wurden und so genannte Wolfskinder, die als Minderjährige am Ende des Krieges von Ostpreußen nach Litauen flohen.

Unser Tipp

Die Altstadt von Memel/Klaipėda.

Literatur & Links

Rogall, Joachim (Hrsg.): Land der großen Ströme. Von Polen nach Litauen
In: Deutsche Geschichte im Osten Europas, 1996.

Kaiser, Reinhard und Holzmann, Margarete (Hrsg.): Dies Kind soll leben, Aufzeichnungen von Helene Holzmann 1941–1944, 2001.

Kaiser, Reinhard: Unerhörte Rettung. Die Suche nach Edwin Geist, 2004.

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