Tradition und Internet: Ein junger Staat mit altem kulturellen Erbe

Tradition und Internet: Ein junger Staat mit altem kulturellen Erbe
Tradition und Internet: Ein junger Staat mit altem kulturellen Erbe
Herrenhaus Saggad/Sagadi
Herrenhaus Palms/Palmse
Das Schloss von Allatzkiwi/Alatskivi wurde nach dem Vorbild von Schloss Balmoral in Schottland errichtet.

Fläche: 45.227 km²
Einwohner: 1,3 Mio.
Hauptstadt: Tallinn/Reval
Amtssprache: Estnisch
Währung: Euro

Der folgende Text ist bis zur Rubrik »Unser Tipp« weitgehend identisch mit dem Ländertext zu Lettland, da die Geschichte der Deutschen in dieser Region einheitlich verlaufen ist.

Ordensritter und Kaufleute – Altlivland

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entwickelten sich bereits Handelskontakte zwischen der deutschen Hanse und den Gebieten des heutigen Staates Estland. Im Zuge der deutschen und dänischen Kreuzzüge gegen die heidnische Bevölkerung Nordosteuropas eroberte und christianisierte der deutsche Schwertbrüderorden um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert das Territorium des heutigen Lettland und den Süden von Estland. Nach der schweren Niederlage gegen die Litauer 1236 unterstellten sich die Schwertbrüder dem Deutschen Orden. In der Folge bildete sich das Herrschaftsgebiet Altlivland heraus. Deutsche Kaufleute gründeten Siedlungen, Landadelige, vor allem aus Norddeutschland und Westfalen, traten in den Dienst des Orders und erhielten Landbesitz. Der Norden des heutigen Estlands und die Insel Ösel wurden von dänischen Kreuzrittern unterworfen. 1346 verkaufte der dänische König Waldemar IV. diese Gebiete an den Orden.

Neben dem Orden bildeten die größeren Städte, vor allem Riga und Reval, estnisch Tallinn, unabhängige Einheiten mit besonderen Privilegien. Die Oberschicht war deutschsprachig und wuchs durch Zuwanderer aus dem nord- und mitteldeutschen Raum. Die einheimische Bevölkerung der Esten, Lieven und Letten geriet seit dem 14. Jahrhundert immer mehr in die Abhängigkeit des deutschen, gutsbesitzenden Adels. In den vom deutschen Bürgertum geprägten Städten sank sie zur Unterschicht ab.

Unter schwedischer Herrschaft

Innere Auseinandersetzungen, die Einführung der Reformation 1524 bis 1525 und schließlich der Einfall der russischen Truppen unter Iwan IV. führten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Zerfall Altlivlands. Dessen einzelne Regionen unterstellten sich Dänemark, Schweden und Polen-Litauen oder wurden von diesen erobert. Im Lauf des 17. Jahrhundert gelangten Estland und die Insel Ösel an Schweden.

1632 gründete Gustav II. Adolf in Dorpart/Tartu die Academia Gustaviana, die erste Universität im Baltikum. Sie existierte nur kurze Zeit, wurde später nach Pernau/Pärnu verlegt und stellte 1701 den Betrieb ein. 1810 wurde sie unter Zar Alexander I. als Kaiserliche Universität wiederbegründet.

Russische Ostseeprovinz

Nach dem Großen Nordischen Krieg 1700 bis 1721 fielen Estland, Ösel und die anderen schwedischen Gebiete des ehemaligen Altlivlands im Frieden von Nystadt an Russland. Dort verblieben sie bis 1917/18. Die deutschbaltischen Stände, bestehend aus Ritterschaft, Grundbesitzern und Bürgergemeinden, behielten ihre Rechte und Privilegien: eine deutsche ständische Selbstverwaltung, ein deutsches Gerichtswesen und der Erhalt der evangelischen-lutherischen Landeskirche. Dagegen nahm die Unfreiheit der estnischsprachigen Unterschicht zu.

Die Baltische Nationalbewegung und die Gründung des unabhängige Staates Estland

Im 19. Jahrhundert sahen sich die Deutschbalten einerseits mit starkem Assimilationsdruck durch die russische Regierung und andererseits mit dem Entstehen der estnischen Nationalbewegung konfrontiert. Dessen ungeachtet bildeten sie bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die Oberschicht. Deutschbaltische Adelige spielten im zaristischen Russland – am Petersburger Hof, in Militär und Verwaltung – eine wichtige Rolle.

Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches entstand Ende des Ersten Weltkriegs die Republik Estland, in der die Deutschbalten nun eine Minderheit mit weitgehenden Autonomierechten waren. Die Agrarreform beschnitt den Landbesitz der deutschbaltischen Großgrundbesitzer drastischer als in Lettland. Im Laufe der 1930er Jahre verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Deutschbalten und den Esten.

Umsiedelung der Deutschbalten 1939 bis 1940

In den geheimen Zusatzprotokollen zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939, die Ostmitteleuropa in Interessenssphären zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufteilten, wurden die baltischen Staaten der Sowjetunion zuerkannt. Bereits zwischen Oktober 1939 und Januar 1940 erfolgte die Umsiedlung der Mehrheit der in Estland und Lettland lebenden rund 80.000 Deutschbalten in die Region um Posen, den so genannten »Warthegau«, und nach Westpreußen. Von dort flüchteten sie bei Kriegsende nach Westen oder wurde vertrieben. Die in einer Nachzugsaktion 1941 Umgesiedelten kamen ins »Altreich«.

Kultureller Einfluss der deutschen Eliten

Die deutschbaltische Ritterschaft und die deutschbaltische Oberschicht in den Städten prägten die Kultur im heutigen Estland über Jahrhunderte entscheidend mit. Die Herrenhäuser des deutschbaltischen Adels sind noch heute charakteristisch für weite Teile des ländlichen Raums. Die Dorparter Universität war von 1802 bis 1893 eine deutschsprachige Hochschule.

Heute ist die Anzahl der Deutschen so gering, dass von einer deutschen Kultur im Land nicht gesprochen werden kann. Nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Estlands entstanden, angeregt vor allem durch Deutschbalten, verschiedene Initiativen, um die historischen Verbindungen zwischen Deutschland und den baltischen Staaten wiederzubeleben und das gemeinsame kulturelle Erbe zu erhalten.

Deutsche Bevölkerung

Seit der Umsiedlung der Deutschbalten 1939/40 liegt der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung des Staates Estland bei rund 0,1 Prozent. Es waren überwiegend Russlanddeutsche, die mit dem Zerfall der Sowjetunion in die baltischen Staaten zogen.

Unser Tipp

Tallinn, das deutsche Reval, war Kulturhauptstadt Europas 2011. Die Altstadt gehört als »außergewöhnlich vollständiges und gut erhaltenes Beispiel einer nordeuropäischen Handelsstadt« seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

In Tartu, dem deutschen Dorpart, wurde 1632 die erste Universität im Baltikum gegründet. Die St. Johanniskirche, berühmt wegen ihrer Terrakotta-Figuren, ist eine der bedeutendsten Backsteinbasiliken im Baltikum.

Die Bischofsburg in Kuressaare/Arensburg auf Saaremaa/Ösel ist die einzige mittelalterliche Burg im Baltikum, die ohne größere Umbauten erhalten blieb.

Ordensburgen: Die Ruine einer Ordensburg findet sich Rakvere/Wesenberg.

Herrenhäuser: Palmse/Palms, Sagadi/Saggad, Alatskivi/Allatzkiwwi, Sangaste/Sagnitz.

Literatur

Pistohlkors, Gert von (Herausgeber): Baltische Staaten
In: Deutsche Geschichte im Osten Europas, Siedler Verlag, 1994.

Die historischen Romane von Jaan Kross beschäftigen sich mit dem Verhältnis Esten, Deutschbalten und Russen: Das Leben des Balthasar Rüssow (1986–95), Der Verrückte des Zaren (1988–90), Die Frauen von Wesenberg oder der Aufstand der Bürger (1997).

Mothander, Carl: Barone, Bauern und Bolschewiken in Estland, 2005.

Vegesack, Siegfried von: Baltische Tragödie, 3 Bände 1933 – 35, V. F. Sammler Verlag, Graz 2004.

Außerdem sind zahlreiche Erzählungen von Werner Bergengruen im Baltikum angesiedelt, z. B: Bergengruen, Werner: Tod in Reval. Erzählungen, 1935.

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