Ein kleiner wilder Landstrich

Ein kleiner wilder Landstrich
„Man muss sich in der Vergangenheit dieses kleinen, wilden Landstrichs auskennen, um die spärlichen verbliebenen Spuren zu einem lebendigen Bild zu fügen.“
Hausierer in Wien. Fotographie von Otto Schmidt, um 1880

Ein namenloser Hochwald

Das im Südosten des heutigen Slowenien gelegene Gebiet der Gottschee maß etwa 860 Quadratkilometer, stellte jedoch keine genau abgrenzbare geografische Einheit dar. Es erstreckte sich über bergiges, karstiges und vor allem waldiges Gelände, das von drei von Nordwesten nach Südosten reichenden Gebirgsmassiven beherrscht wird: Kočevska Mala Gora, Stojna und Goteniško. Zahlreiche Schluchten, Grotten, Senken und Spalten im Fels und im Erdreich kennzeichnen den Naturraum – versickerte bei normalem Regen das Wasser schnell im karstigen Boden, kam es bei Starkregen aufgrund der Verschlammung der Sauglöcher im Karst rasch zu Überschwemmungen.

Slowenen und Deutsche bereiten den Weg in die Gottschee

Die Gottschee befand sich im größeren Verband des Landes Krain und war nominell dem Patriarchat Aquilea, einem Kirchenstaat auf dem heutigen Gebiet der italienischen Region Friaul, zugehörig. Um 1300 beauftragten die deutsch-österreichischen Ortenburger als Landesherren der Gottschee slowenischsprachige Kolonisten mit der Erschließung des schwer zugänglichen Hochwaldes. Ungefähr seit 1330 kamen Siedler aus Kärnten und Osttirol, den Stammlanden der Ortenburger, hinzu. Die Kolonisation erfolgte seither durch slowenisch- und deutschsprachige Siedler. Nachdem aufgrund der Pest Mitte des 14. Jahrhunderts kaum noch Siedler aus Kärnten nachkamen, warben die Ortenburger weitere Kolonisten aus Franken und Thüringen an. Etwa zu dieser Zeit taucht auch zum ersten Mal eine urkundliche Erwähnung der Bezeichnung Gottschee/Kočevje auf, nämlich für den zentralen Ort und Marktplatz dieser Region; alle anderen Siedlungskerne bestanden in abgelegenen kleinen Dörfern und Weilern.

Holz und Hirse, Mast und Most, Handel und Hasard

Die Holznutzung, also eigentlich die Belieferung der Herrschaft mit dem kostbaren Rohstoff, war für das Wirtschaftsleben der Gottschee unentbehrlich. Die Auersperger, die das Land 1641 kauften, hatten als leidenschaftliche Jäger ein zusätzliches Interesse an der Instandhaltung des Waldes. Mit der Eisenbahnlinie Wien-Triest 1854-57, der Einführung der ersten Dampfsäge sowie dem Bau einer Stichbahn von Laibach/Ljubljana nach Gottschee/Kočevje begann die rationelle Holzverwertung.

Als besondere Herausforderung erwies sich die Nutzbarmachung des Hochwaldes für den Ackerbau – auch wenn wohl nie mehr als ein Zehntel der Fläche als Ackerland diente, soll doch Ende des 18. Jahrhunderts die Hälfte der Gottschee gerodet gewesen sein. Unter schweren Bedingungen trotzten die Gottscheer dem Wald ihren Boden ab. Neben Feldfrüchten wie Weizen, Hafer und Gerste spielte die Hirse eine große Rolle; hieß es von jemandem, er „habe Hirse“, so wurde auf seinen Reichtum angespielt.

Gottscheer Weinbauern und Hausierer

Außer Ackerfluren prägten ausgedehnte Weideflächen das Siedlungsgebiet, wobei der beträchtliche Viehbestand hauptsächlich der Eigenversorgung diente. In sonnigen und geschützten Lagen des Landes entwickelte sich der Obstbau. Für den Weinbau hat man die Gottschee wohl erst im 16. Jahrhundert entdeckt; dass er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bereits populär war, belegt die Erwähnung einer Weinsteuer von 1768.

Nachdem die ohnehin geringen Erträge aus Holz- und Weidewirtschaft durch häufige Überfälle der Osmanen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dezimiert worden waren, gestatteten die Habsburger allen Bewohnern der Gottschee mit dem Hausierpatent von 1492 den Handel mit Vieh und Erarbeitetem außerhalb der Gottschee. Von da an wurde in der gesamten Habsburgermonarchie das Bild der ihre Waren in Körben herumtragenden Gottscheer Hausierer allgegenwärtig. Da allerdings diesen Händlern der übliche Verkauf von Waren gegen Geldzahlung nicht erlaubt war, erdachten sie eine spezielle Form des Zahlenlottos, die der Historiker Joachim Hösler folgendermaßen darstellt: Ein Interessierter konnte für den halben Preis der von ihm gewünschten Ware ein Los kaufen; gewann er, erhielt er die Ware, zog er eine Niete, ging er leer aus, der Wanderhändler behielt den Einsatz und die Ware (vgl. Hösler, Gottscheer – Geschichte, Selbstverständnis, Außenwahrnehmung, siehe „Unser Tipp“).

Kultur und Politik

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden diverse deutsche Vereine, und mit ihnen tauchte auch eine deutschsprachige Presse auf: So erschienen beispielsweise die Mitteilungen des Vereins der Deutschen aus Gottschee seit 1891. Eine erste deutschsprachige Schule erhielt die Gottschee schon 1735, einen regulären Schulbetrieb gab es seit 1818.

Mythos der Sprachinsel und Realität der Revolte

Die Vorstellung einer abgeschlossenen deutschen Sprachinsel auf dem Gebiet der Gottschee ist insofern absurd, als dass die Mundart der Gottscheer von so vielen verschiedenen Mundarten geprägt ist wie es unterschiedliche Herkunftsgebiete der Siedler gab: Osttirol, Kärnten, Franken, Thüringen; hinzu kamen Entlehnungen aus der deutschen Verkehrssprache im historischen Krain und aus der slowenischen Umgangssprache.

Ungeachtet ihrer Herkunft kämpften die Siedler gemeinsam gegen die Ausbeutung durch die wechselnden Landesherren wie die deutsch-österreichischen Ortenburger und Habsburger, die slawischen Cillier und Blagays. Die Gottscheer galten als besonders rebellisch, von ihnen gingen die meisten und die größten Bauernaufstände aus. Ihre Forderungen waren sozialer Natur und betrafen etwa die Verringerung von Steuern und Abgaben, die Abschaffung der Frondienste und Kriegssteuern, die Befreiung von grundherrschaftlichen Zwängen und Zollfreiheit.

Konflikte ethnischer Natur zwischen Slowenen und Deutschen in der Gottschee sind bis zum 19. Jahrhundert unbekannt. Erst danach erreichte der Nationalismus auch das Gottscheerland. Die Bezeichnung „Gottscheedeutsche“ ist in diesem Zusammenhang ein Indiz für die Nationalisierung des Denkens und Sprechens der deutschsprachigen Siedler im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die lange Auswanderung

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wanderten die Gottscheer aufgrund der schwierigen ökonomischen Bedingungen vor allem nach Amerika aus. Die Zahl der Einwohner der Gottschee ging von 1880 bis 1931 von 21.197 auf 18.002 zurück, im Jahre 1936 auf 17.200. In etwas mehr als einem halben Jahrhundert verminderte sich die Bevölkerungszahl um ein Fünftel. Die Folgen dieser massenhaften Auswanderung waren zahlreiche verödete Bauernhöfe und entleerte Dörfer. Bei der letzten Volkszählung in der österreichisch-ungarischen Monarchie 1910 wurden auf jenem Teil des slowenischen Siedlungsgebietes, der 1919 Teil des Königreiches der Slowenen, Kroaten und Serben wurde, 106.377 Personen mit deutscher Umgangssprache festgestellt. Die jugoslawischen Volkszählungen, welche die Muttersprache ermittelten, ergaben 1921 41.514 Personen mit deutscher Muttersprache, 1931 hingegen nurmehr 28.998. Von diesen lebten etwa 12.000 im Gottscheerland. In der Gottschee resultierte der zahlenmäßige Rückgang der Deutschen fast vollständig aus der Emigration.

Seit 1918 gehörte die Gottschee innerhalb Sloweniens zum unabhängigen Staat der Serben, Kroaten und Slowenen

Unser Tipp

Das Regionalmuseum in Občice, die Denkmäler im Hornwald, der deutsche Friedhof in Črmošnjice/Tschermoschnitz

Literatur

Ferenc, Mitja, Hösler, Joachim (Hrsg.): Spurensuche in der Gottschee: Deutschsprachige Siedler in Slowenien. Potsdam 2011.

Gauß, Karl-Markus: Die sterbenden Europäer. Unterwegs zu den Sorben, Aromunen, Gottscheer Deutschen, Arabereshe und den Sepharden von Sarajewo, Wien 2001.

Links:

Die Website des Gottscheer Altsiedler-Vereins

Folgende Ausstellungen könnten Sie auch interessieren:

Folgende Publikationen könnten Sie auch interessieren:

      • Seitenanfang