Zwischen Klein-Wien und Halb-Asien

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Zwischen Klein-Wien und Halb-Asien
Die Oper in Lemberg
Die Tuchhallen auf dem Marktplatz von Krakau

Die geografische Verortung Galiziens

Galizien, historisch auch Rothreußen genannt, ist eine Landschaft im Westen der Ukraine (Ostgalizien) und im Süden Polens (Westgalizien). Hier waren einst zahlreiche Völker mit verschiedenen Sprachen, Kulturen und Religionen zu Hause. Wenn auch der Begriff Galizien (Galicja) in Polen häufig verwendet wird, so heißt die Region offiziell Kleinpolen (Małopolska). Das Territorium Galiziens in den Grenzen des österreichischen Kronlands 1914 umfasste knapp 80.000 Quadratkilometer und bedeckt heute in Polen die Woiwodschaften Schlesien (województwo śląskie: nur Zywiec, Biala), Kleinpolen (województwo małopolskie: außer Miechów, Olkusz) und das Karpatenvorland (województwo podkarpackie); in der Ukraine Oblast Lviv (Lemberg), Oblast Iwano-Frankiwsk (Stanislau) und Oblast Ternopil (Tarnopol).

Die Geschichte Galiziens

Die Gegend wurde seit Mitte des 6. Jahrhunderts von Slawen besiedelt. Im 12. Jahrhundert etablierten sich zwei größere Fürstentümer: Halytsch (Halitsch) und Wolodymyr (Wladimir). Ende des 14. Jahrhunderts begann ihre Polonisierung: 1387 eroberte der polnische König Władysław Jagiełło den Landstrich, der als Kleinpolen – Polonia Minor – bis 1772 bei Polen verbliebund reichte seit dem 14. Jahrhundert weit in die heutige Ukraine hinein.

Die heutige Bezeichnung Galizien bezieht sich auf das 1772 von Österreich in der Ersten Teilung Polens besetzte Gebiet südlich und östlich von Krakau. Kaiserin Maria Theresia hatte sich zur Thronerbin der mittelalterlichen Herzogtümer Halitsch und Wladimir – latinisiert Galizien und Lodomerien – erklärt. Sie knüpfte damit an die Tradition der ungarischen Könige an, die die Gebiete im 13. Jahrhundert unter diesem Namen für sich beanspruchten. Galizien, von 1867 bis 1918 Kronland von Österreich-Ungarn, wurde 1867 zu einer autonomen Provinz der k.u.k.-Monarchie mit der Hauptstadt Lemberg (polnisch Lwów, ukrainisch Lviv). Der Name Galizien symbolisiert heute vor allem die kulturelle Autonomie, die diese Region während der Teilungszeit besaß, und die einzigartige Welt des galizischen Judentums. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges endete der Galizien-Mythos: 1918 fielen die 1772 und später besetzten Gebiete an den wiedererstandenen polnischen Staat zurückund erhielten aufs Neue die traditionelle polnische geografische Bezeichnung „Kleinpolen“. 1939 wurde Polen infolge des Hitler-Stalin-Paktes zum vierten Mal geteilt. Das östlich des Flusses San gelegene Gebiet mit Lemberg fiel an die Sowjetunion und bildete bis 1991 einen Teil der ukrainischen Sowjetrepublik. Heute gehört es zur Republik Ukraine. Das kleinere Westgalizien mit der alten polnischen Hauptstadt Krakau ist seit 1945 wieder Teil des polnischen Staates.

Bevölkerung

Kein anderes Land der österreichischen Monarchie war von so vielen verschiedenen Volksstämmen bewohnt wie Galizien: Polen, Ruthenen (Ukrainer), Russen, Deutsche, Armenier, Juden, Moldauer, Ungarn, Roma, Lipowaner, Lemken, Huzulen und andere. Die Polen, Ruthenen und Juden machten den größten Anteil aus, wobei Polen und Juden weitgehend den westlichen Landesteil, die Ruthenen dagegen den östlichen Landesteil bewohnten.

Deutsche in Galizien

Maria Theresia ließ um 1774 in Lemberg die ersten Handwerker aus dem deutschen Reich ansiedeln. Nach dem Tod der Kaiserin im Jahr 1780 begann unter Kaiser Joseph II. die eigentliche, nach ihm benannte Kolonisation des Landes durch deutsche Bauern und Handwerker. Mit dem Ansiedlungspatent von 1781 wurden die Bedingungen dafür festgelegt. Bis zur Revolution des Jahres 1848 strömten in die neu erworbene Provinz Scharen von deutschen Beamten, Lehrern und Offizieren, derer der neue Staatsapparat bedurfte. Das Deutsche wurde im Schulwesen als Unterrichtssprache eingeführt, als Amtssprache in die Landesverwaltung und das Gerichtswesen.

»Heim ins Reich«

Für die deutsche Minderheit verwendete man im 20. Jahrhundert die Bezeichnung Galizien- bzw. Wolhyniendeutsche. 1940, infolge des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages, wurden sie im Rahmen der Aktion »Heim ins Reich« in die besetzten polnischen Gebieten umgesiedelt, zum großen Teil im Gebiet um Łódź (Lodz, Litzmannstadt), aus dem die polnischen Vorbesitzer zuvor vertrieben worden waren. Mit der Flucht 1945 wurden die deutschen Umsiedler über ganz Deutschland verstreut. Die Polen Galiziens wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben bzw. in die ehemals deutschen Gebiete im Westen Polens ausgesiedelt. Umgekehrt wurden Ukrainer aus Polen in die Westukraine umgesiedelt.

Wirtschaft

Wirtschaftlich war Galizien eher unterentwickelt. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verfügte es über die größten Erdölvorkommen Europas; die galizischen Ölfelder wurden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts industriell ausgebeutet. Andere Zweige der Wirtschaft waren allerdings kaum entwickelt: Das Land besaß fast keine Industrie, obwohl es über reiche Bodenschätze wie Eisen, Blei, Kohle und Salz verfügte. Auch Gewerbe und Handwerk arbeiteten mit technisch überholten Verfahren und beschränkten sich meist auf die Befriedigung der bescheidenen Bedürfnisse der Landbevölkerung. Eine geringe Bedeutung hatte der Handel mit Honig und Wachs sowie mit weiteren landwirtschaftlichen Produkten.

Kultur

Die deutschen Landkolonisten bewahrten das Erbe der deutschen Sprache und der einheimischen Sitten und Gebräuche. Deutschsprachige Kulturträger rekrutierten sich aus den gebildeten Kreisen der Juden sowie aus den Reihen der städtischen deutschen Ansiedler, Beamten, Lehrer und Vertreter akademischer Berufe. Als 1867 in der österreichisch-ungarischen Monarchie allen Kronländern die Autonomie verliehen wurde, erfolgte die Repolonisierung Galiziens, teilweise auf Kosten der Ruthenen, die zu diesem Zeitpunkt ihre nationale Identität entdeckten. Die städtischen Ansiedler aus Deutschland und Österreich dagegen passten sich dieser Entwicklung an tund bereicherten bald die polnische Wissenschaft, Kultur und Kunst. Nur auf dem Lande, wo die Siedler isoliert von der slawischen Umgebung lebten, hat sich bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Sprache, Dorfkultur und Volksdichtung erhalten.

Galizien war die Heimat von Klassikern der Weltliteratur. Schriftsteller wie Joseph Conrad, Joseph Roth und Bruno Schulz sowie jiddische Autoren erlangten Weltruhm. Der jüdische Mythos Galiziens ist eng verbunden mit dem Werk von Karl Emil Franzos, Issac Singer oder der Lemberger Dichtergruppe »Tsushtayer«. Zugleich war Lemberg jahrelang das eigentliche Kulturzentrum des geteilten Polen. 2009 wurde Lemberg (Lviv) zur ukrainischen Kulturhauptstadt ernannt.

Unser Tipp

  • Die Stadt Krakau (polnisch Kraków).
  • Das Salzbergwerk in Wieliczka.
  • Die Schloss- und Parkanlage in Łańcut.
  • Die orthodoxen Holzkirchen in Kleinpolen.
  • Die Altstadt von Przemyśl.
  • Die Stadt Lemberg (ukrainisch Lviv).

Literatur & Tipps

Bachmann, Peter: Mennoniten in Kleinpolen (Galizien). Lemberg 1934.

Brawer, A.J.: Galizien, wie es an Österreich kam. Eine historisch-statistische Studie über die inneren Verhältnisse des Landes im Jahre 1772. Leipzig/Wien 1910, Berlin 1990.

Gedenkbuch zur Erinnerung an die Einwanderung der Deutschen in Galizien vor 150 Jahren (1781–1931). Posen 1931.

Müller, Sepp: Schrifttum über Galizien und sein Deutschtum. Marburg/Lahn 1962.

Pollack, Martin: Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Frankfurt am Main 2001.

Pollack, Martin und Gauß, Karl-Markus (Hrsg.): Das reiche Land der armen Leute. Literarische Wanderungen durch Galizien. Wien 1992.

Pollack, Martin: Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien. Wien 2010.

Röskau-Rydel, Isabel: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Galizien. München 1999.

Stupnicki, Hipolit: Das Königreich Galizien und Lodomerien sammt dem Grossherzogthume Krakau und dem Herzogthume Bukowina in geographisch- historisch-statistischer Beziehung. Lemberg 1853, Berlin 1989.

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