Laudatio von Petr Vokřál, Oberbürgermeister der Stadt Brünn/Brno, auf den tschechischen Autor, Journalisten und Aktivisten Jaroslav Ostrčilík aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2017

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Laudatio von Petr Vokřál, Oberbürgermeister der Stadt Brünn/Brno, auf den tschechischen Autor, Journalisten und Aktivisten Jaroslav Ostrčilík aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2017
Laudatio von Petr Vokřál, Oberbürgermeister der Stadt Brünn/Brno, auf den tschechischen Autor, Journalisten und Aktivisten Jaroslav Ostrčilík aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2017 am 28. September 2017 im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin am Potsdamer Platz.

 

Verehrte Damen, verehrte Herren,

es ist mir eine außerordentliche Ehre, dass ich diesem feierlichen Augenblick beiwohnen darf, in dem meinem Mitbürger Jaroslav Ostrčilík der prestigeträchtige Georg-Dehio-Preis verliehen wird. Herr Ostrčilík wird für sein Engagement bei seinem Bemühen gewürdigt, der Stadt Brünn ein Stück ihres historischen Gedächtnisses zurückzugeben. Unermüdlich bringt er seinen Zeitgenossen die Schicksale ehemaliger deutschsprachiger Brünner Bewohner näher, die er unter anderem durch die Wallfahrt der Versöhnung symbolisch in die Stadt zurückholen möchte. In die Stadt, die einst ihre Heimat war und die sie unter tragischen Umständen verlassen mussten.

Diese Initiative, an deren Entstehung Herr Ostrčilík seinen Anteil hatte, ist mit Brünn verbunden, und sie wird von der heutigen Leitung der Stadt voll unterstützt. Ich bin stolz darauf, dass diese Initiative in ein breiteres und sogar internationales Bewusstsein gelangt ist. Besonders freut mich, dass auch das so respektable Deutsche Kulturforum östliches Europa auf sie aufmerksam wurde. Das ist aber eigentlich nichts Unerwartetes und Besonderes.

Ganz in Übereinstimmung mit der Philosophie dieses Kulturforums trägt Herr Ostrčilík zur Stärkung jener Werte bei, auf denen wir, die Bewohner des alten Kontinents, unser europäisches Selbstbewusstsein und die europäische Gemeinschaft und Integrität bauen wollen. Auf der Grundlage von Humanität, Demokratie und Freiheit entfalten wir eine friedliche Koexistenz und eine kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit unter den früher häufig verfeindeten Völkern, was auch für die Tschechen und Deutschen gilt.

Erlauben Sie mir nun einen kleinen Exkurs in die Geschichte. Man sagt, dass Heimat nicht nur der Ort ist, wo man lebt, sondern vor allem der Ort, wo man einander versteht. Und die Bewohner Brünns, die von jeher der tschechischen, deutschen oder jüdischen Kultur angehörten und Tschechisch oder Deutsch sprachen, verstanden einander; und das war an der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung und Prosperität ihrer Stadt zu sehen. Das bezeugen übrigens auch Beinamen wie »Mährisches Manchester« oder »Hochburg des Funktionalismus«, derer sich Brünn rühmen konnte; und es bekennt sich bis heute stolz zu der Tradition, an die sie erinnern.

Aber dieses jahrhundertealte kulturelle und gesellschaftliche Gleichgewicht wurde vom Zweiten Weltkrieg weggefegt. Die unsinnige nationalsozialistische Ideologie vernichtete auch in unserer Stadt das Leben von Tausenden Tschechen, Juden und Roma. Eine Reaktion auf dieses Übel war ein weiteres Übel. Und so wurden in Brünn im Rahmen einer gewaltsamen Abschiebung der deutschen Bevölkerung – heute als sogenannter Brünner Todesmarsch bekannt – wehrlose Menschen, meistens Frauen, Kinder und Greise, Opfer der Vergeltung für nationalsozialistische Verbrechen. Für einige von ihnen war die einzige Verfehlung, dass sie Deutsch sprachen. Alles wurde dann von dem Aufkommen des totalitären kommunistischen Regimes vollendet, das Unfreiheit, Lügen und Hass verbreitete.

Die Ära der Isolierung Tschechiens und anderer Länder des sogenannten Ostblocks von der Demokratie ging 1989 zu Ende. Es war einer der Wendepunkte in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, welche Menschen, die in diesem Jahrhundert geboren wurden, häufig erlebt haben – der Erste und der Zweite Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, der Holocaust, die Zwangsmigration und der Kalte Krieg. Diese Ereignisse wurden Teil ihrer persönlichen Geschichte, die zu bewältigen ist. Aber das ist nicht einfach, und insbesondere in den postkommunistischen Ländern, auch in der Tschechischen Republik, gibt es noch viele Stereotype und Vorurteile aus der Zeit des Totalitärismus. Der Schatten der früheren Tragödien liegt quasi bis heute auch auf der Stadt Brünn. Es ist jedoch die Aufgabe einer modernen Stadt des 21. Jahrhunderts, über den eigenen Schatten zu springen und die Vergangenheit in ihrer Komplexität zu reflektieren, auch wenn sie tragisch und unangenehm ist.

Wie ich gesagt habe, durfte während der Herrschaft der kommunistischen Partei weder von der Aussiedlung und Vertreibung der deutschen Bevölkerung in der Nachkriegszeit noch von ihrem Brünner Kapitel gesprochen werden. Eine Reflexion darüber war auch nach der »samtenen Revolution« bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts nicht erwünscht. Der Generationswechsel und eine größere Offenheit gegenüber Europa trugen dann jedoch dazu bei, dass gerade in Brünn mehr über die verschwundene jüdische, Roma- und deutsche Bevölkerung gesprochen wird.

Einer von denen, die sich um die Überwindung dieser Mauer des Schweigens verdient machten, war ein Student der Brünner Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität – Jaroslav Ostrčilík. Er ist im südmährischen Vyškov (dt. Wischau) geboren und in Žabčice (dt. Schabschitz) unweit von Pohořelice (dt. Pohrlitz), sowie in Niederösterreich groß geworden, also in Orten, die mit der Nachkriegstragödie der Brünner Deutschen verbunden sind. Als er später in Brünn studierte, wurde ihm deutlich bewusst, dass die Stadt Ende Mai und Anfang Juni 1945 ihre multikulturelle Eigentümlichkeit und wohl einen Teil ihrer Seele verloren hatte und dass die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung Brünns das vollendet hat, was die Nationalsozialisten mit der Deportation der Brünner Juden und Roma angefangen hatten.

Im Jahre 2007 begab er sich deshalb mit zwei seiner Kommilitonen auf den Spuren der vertriebenen deutschsprachigen Bewohner Brünns auf den ersten Gedenkmarsch von Brünn nach Pohrlitz. So entstand in dem Studentenmilieu eine Initiative, die sich zu einer Brünner Tradition entwickelte. Die Vertreibung von Brünner Deutschen brachte der erfolgreiche Roman Die Vertreibung der Gerta Schnirch der jungen Brünner Autorin Kateřina Tučková in das Bewusstsein der Brünner und anderer Bürger der Tschechischen Republik.

So übernehmen junge Leute aus Brünn ihre Verantwortung für die Gestaltung der Welt, was heute auch der Historiker Timothy Snyder fordert. Er geht dabei von der Idee aus, dass die Symbole von heute die Realität von morgen ermöglichen. Daher darf man nicht die Anzeichen des Hasses übersehen, den Blick abwenden und sich gar daran gewöhnen. Im Gegenteil, solche Zeichen – darunter auch das Schweigen über ungerechte und hasserfüllte Taten der Vergangenheit – müssen wir beseitigen und dadurch anderen ein Vorbild sein.

Es freut mich deshalb sehr, dass die Leitung der Stadt Brünn, an deren Spitze ich nun stehen darf, das Potenzial der vorgenannten Veranstaltungen vervielfachen und finanziell, organisatorisch und moralisch unterstützen kann. Inspiriert durch Herrn Ostrčilík und andere Persönlichkeiten der Brünner Kultur und Politik haben wir das Jahr 2015 zum Jahr der Versöhnung erklärt. Das Ziel des breit konzipierten Projektes war, mit Dutzenden Veranstaltungen an das 70-jährige Jubiläum des Endes der deutschen Besetzung und des Zweiten Weltkriegs zu erinnern, bei welchen die heutigen Brünner das Andenken sämtlicher Opfer ehren können – das der tschechischen Widerstandskämpfer, der Juden, der Roma, aber zum ersten Mal verstärkt auch das der deutschsprachigen Brünner.

Einer der Höhepunkte des Jahres der Versöhnung war die Wallfahrt der Versöhnung, die an die von Herrn Ostrčilík initiierten Gedenkmärsche anknüpfte und an die Opfer des sogenannten Brünner Todesmarsches vom 30. Mai 1945 erinnerte. Die Wallfahrt führte mit einer symbolischen Versöhnungsgeste in die entgegengesetzte Richtung – von dem Massengrab in Pohrlitz in die Innenstadt von Brünn, wo die »Deklaration zur Versöhnung und einer gemeinsamen Zukunft« verlautbart wurde. Sie ist das historisch erste offizielle Dokument der Vertretung der Stadt Brünn, das zur Abschiebung der Brünner Deutschen Stellung nimmt. Darin wird nicht nur die Reue über die Tragödien ausgedrückt, die durch den Krieg verursacht worden sind, sondern auch die Zuversicht, dass wir, von der Geschichte belehrt, eine Wiederholung solcher Tragödien nie mehr zulassen werden. Die örtliche Bevölkerung reagierte darauf unterschiedlich – die Rückmeldungen waren sowohl positiv als auch völlig ablehnend; im Ausland und besonders in den deutschsprachigen Ländern überwog jedoch Begeisterung. Seine Anerkennung für die Deklaration zur Versöhnung hat auch der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck ausgesprochen, der Brünn für die souveräne Geste und für die Herstellung eines neuen Vertrauens unter den Nachbarn dankte.

Von der Resonanz ermuntert, die das Jahr der Versöhnung hervorgerufen hat, beschlossen Herr Ostrčilík und seine Kollegen, mit diesem immateriellen historischen Erbe auch weiterhin zu arbeiten. Daraus entstand das Festival MEETING BRNO, das alljährlich im Mai die dramatischen Ereignisse vom Frühling und Sommer 1945 in Erinnerung ruft, mitsamt der traditionellen Wallfahrt der Versöhnung. So ist eine internationale Kultur- und Diskussionsplattform mit einem erzieherischen Mehrwert vor allem für junge Menschen entstanden. Die Erinnerungen an die unglückseligen Kriegs- und Nachkriegsereignisse, die das nachbarschaftliche Verhältnis zerstört haben, können durch kulturelle und künstlerische Veranstaltungen in einen bereichernden Dialog umgewandelt werden, der stark auf die Gegenwart gerichtet ist. Im Jahre 2016 lautete das Motto des Festivals »verlorene/gefundene Heimat«, und neben der Vertreibung in der Vergangenheit befasste sich die Diskussion auch mit der Situation der heutigen Flüchtlinge. Das diesjährige MEETING BRNO untersuchte die Einheit in Vielfalt, also die Toleranz bzw. Ablehnung des Andersseins, und die Prinzipien der gesellschaftlichen Radikalisierung. Sehr ermutigend und erfreulich ist, dass die Besucherzahl des Festivals von 12.000 im Vorjahr dieses Jahr auf 23.000 stieg.

Es ist offensichtlich, dass Herr Ostrčilík zu denen gehört, die uns Europäern beibringen, die Grenzen des stereotypen Denkens zu überwinden. Wir sollen lernen, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu suchen, und durch Dialog und Zusammenarbeit gegenseitiges Vertrauen aufzubauen – so wie es unter guten Nachbarn sein soll. Für das alles gebührt Herrn Ostrčilík zu Recht die Anerkennung, die ihm heute in Form des Georg-Dehio-Preises zuteilwird.

Erlauben Sie mir, dass ich ihm im Namen der Stadt Brünn und in meinem Namen sehr herzlich zu dieser Würdigung gratuliere.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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