aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2004

Klaus Zernack
Klaus Zernack
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aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2004
aus Anlass der Verleihung des Georg Dehio-Buchpreises 2004, gehalten am 24. November 2004 in Berlin

gehalten am 24. November 2004 in Berlin

Mit dem Ehrenpreis des Georg-Dehio-Buchpreises werde eine »herausragende literarische Veröffentlichung« prämiert, heißt es in den Vergaberichtlinien. Als Historiker ist es mir eine Genugtuung, dass mit der heutigen Preisverleihung dieser literarische Rang einem historiographischen Opus zuerkannt wird. Klio ist solcher flankierenden Anerkennung durch ihre poetischen Schwestern, die in der Gunst des Publikums höher stehen, durchaus bedürftig.

Weiter heißt es in der Satzung des Preises, bei dem Verleihungsakt sei einem größeren Publikum das Arbeitsgebiet des Geehrten bekannt zu machen; zugleich solle auf die Traditionen und Interferenzen der Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa hingewiesen werden. Vor dieser doppelten Aufgabe stehe ich heute.

Es ist natürlich eine große Freude für den Emeritus, dem jungen Kollegen, den er schon als Student kennen und schätzen gelernt hat, bei solcher Gelegenheit wie heute seine hommage darzubringen. Bisher habe ich immer nur gegutachtet, also Entscheidungshilfen gegeben. Heute aber darf ich eine Laudatio auf Gregor Thum als preisgekrönten Autor halten und eine gute Entscheidung würdigen, die schon gefallen ist.

Bevor ihm 2002 der »Geniestreich« seiner »herausragenden literarischen Veröffentlichung« in Gestalt dieses Buches über Breslaus Untergang und Wiedergeburt gelang, hatte der 1967 in München geborene Gregor Thum im preußischen Norden und im russischen Osten Geschichte und Slavistik studiert. In einem Seminar zur Geschichte der Ostgrenze Polens im 20. Jahrhundert lernten wir uns näher kennen. Die kritische Präzision, mit der Thum damals den diplomatischen Opportunismus der britischen und amerikanischen Einstellung zu Stalins Politik der vollendeten Tatsachen und damit die Entstehung der Welt von Jalta analysierte, kam mir dieser Tage lebhaft in Erinnerung bei den Gedenkveranstaltungen zum Warschauer Aufstand von 1944. Thums studentische Thesen haben dem Gang der Forschung standgehalten.

Wie vielseitig und breit sein Studium angelegt war, zeigte sich nicht zuletzt an den Themen seiner Abschlussarbeiten. So bot die Magisterarbeit von 1995 eine Untersuchung der christlichen Geschichtsphilosophie von Lew Platonowitsch Karsawin († 1952). Thum erkannte als Grundmotiv dieses heute in Russland wieder viel diskutierten Denkers den »Glauben an das Auserwähltsein der russischen Kultur, der sich in der Idee vom Dritten Rom manifestiert« (Hans-Joachim Torke). Nach dem Magisterexamen holte ihn Karl Schlögel an die benachbarte Viadrina, wo die große Breslau-Arbeit, die wir heute feiern, entstand.

Sie werden nun sicher interessiert aufhorchen, wenn ich auch kurz erwähne, dass Gregor Thum nach dem Abschluss seines Studiums das Bedürfnis verspürte, den langjährig angehäuften Archiv- und Bibliotheksstaub abzuschütteln. Zu diesem Zweck reiste er mit dem Fahrrad einige Wochen durch den Nordwesten Russlands, dort, wo es für den Historiker am packendsten ist.

Dann aber folgte der Sprung ins ganz tiefe Wasser: Seit Beginn des Akademischen Jahres 2003/04 lehrt Gregor Thum als Gastdozent in den Vereinigten Staaten an der Universität von Pittsburgh. Er unterrichtet hier mit viel Freude deutsche und transnationale europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Noch kurz vor dem Aufbruch nach Amerika war das preisgekrönte Buch, die überarbeitete Doktordissertation, bei Siedler in Berlin erschienen.

Herr Thum betritt mit diesem Buch ein Gelände in der Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, das erst am Anfang seiner Erforschung steht. Da ist zum einen der unerhörte Vorgang selbst, wie an dieser Stelle Europas in kürzester Zeit die vollständige Auswechselung der Bevölkerung einer modernen Großstadt vollzogen worden ist. Zum anderen gilt es zu erkunden, wie die Folgen dieses nationalgesellschaftlichen Umbruchs im kollektiven Bewusstsein und im Stadtbild des polnisch gewordenen Breslau aufzuspüren sind. Dass es kaum Vorarbeiten zu diesen zentralen Fragen gibt, steht in einem merklichen Kontrast zu dem reich entwickelten Stand der Forschung über die polnische Nachkriegsgeschichte der alten preußisch-deutschen Ostgebiete und zu deren Soziologie. Für Gregor Thum erwies sich diese gleichsam sekundäre Sekundärliteratur – angesichts der dürftigen Forschungslage zu Breslau selbst – als ein wichtiger Pfadfinder bei der Erschließung seiner Breslauer Quellenzugänge vor allem in unausgeschöpften Archiven und in der Memoiristik der »Pionierzeit« der Westgebiete.

Sein ureigenstes, originäres Quellenmaterial aber fand Herr Thum in den Texten und Zeichen, die nach dem Bevölkerungsaustausch die nationale »Umkodierung« Breslaus zu einer polnischen Gedächtnislandschaft als »Stützen einer imaginären Tradition« tragen sollten. Dafür musste vor allem eine Flut von populärer Stadtliteratur (»Heimatkunde«) durchgearbeitet werden, denn diese erwies sich als ebenso ergiebig wie die Topographie und Architektur, oder – wie Thum sagt – »das Antlitz Breslaus« selbst. An ihm sei kaum etwas zufällig. Damit aber gewinnt Thum die Grundlage, nicht nur die Zerstörung des alten Breslau und die Durchsetzung des neuen in ihrem raschen Verlauf zu rekonstruieren, sondern auch »die langfristigen Folgen des Bevölkerungsaustauschs« dokumentiert zu finden. Eine solche Bearbeitung des Themas wäre freilich während des Kalten Kriegs nicht möglich gewesen.

Es ergibt sich also eine doppelte Zeitperspektive, die in der Anlage des Buches auch als ein methodischer Dualismus erscheint. Der erste Hauptteil (»Nachkriegszeit. Der Bruch und das Überleben«) ist ein zeitgeschichtlicher Rekonstruktionsversuch für den äußeren Ablauf der Breslauer Nachkriegszeit. Demgegenüber will der zweite Hauptteil (»Gedächtnispolitik. Die Verwandlung der Stadt«) in kulturwissenschaftlicher Analyse eben jene langwährende kulturelle Aneignung der Stadt als polnische Gedächtnislandschaft aufweisen. Ein rein polnischer, nationaler Weg dorthin konnte nur bis zu einem gewissen Grad, und auch nur unter den extremen Bedingungen der kommunistischen Diktatur, beschritten werden. Die Grenzen, an die eine nationale kulturelle Aneignung vor 1989 stieß, waren denn auch, wie Thum in souveräner Kenntnis der innerpolnischen Diskussion seit 1990 zeigt, »nur mittels einer Veränderung des kollektiven Gedächtnisses« zu überwinden. Dieser Prozess ist heute im Gange.

Was nun die wissenschaftlichen Erträge des Buches angeht, so erstrecken sie sich auf vier große »Forschungszusammenhänge«. Jeder davon hätte Grundlage für eine monographische Abhandlung abgeben können. Aber der historiographische Ehrgeiz und auch der Forschersinn Gregor Thums strebten nach mehr. Er wollte die vier Forschungsfelder doch zu einer Art Synthese bringen, was nun die höchst komplexe Gedankenführung des Buches ausmacht. Die Forschungserträge des Buches betreffen

  1. Die Breslauer Stadtgeschichte, die freilich nicht an sich gefragt ist, sondern als die besondere und epochenbildende Anstrengung um die um die Verwurzelung der polnischen Ansiedler, also als Konsequenz des Bevölkerungsaustauschs, erörtert wird.
  2. Die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen. Bei diesen kann es als ein bedeutender Forschungsbeitrag gelten, dass in den Beziehungen des neuen Breslau zu dem alten ein Wandel von der Emotion des tödlichen Antagonismus zu »respektvoller Begegnung« aufgedeckt werden konnte.
  3. Versteht Herr Thum sein Buch als einen innovativen Beitrag zur Geschichte der Vertreibungen im 20.Jahrhundert. Er zeigt, wie wichtig für den langen kulturellen Prozess der Überwindung der Vertreibungsfolgen die Universalisierung des Problems ist. Breslau lässt sich so als ein Kreuzungspunkt vieler Vertreibungen entschlüsseln.
  4. Das kulturelle Gedächtnis. Hier liegt ein großes Verdienst des Buches in der Intensität, mit welcher am Fall Breslau der Bedarf an Erfindung von Tradition bei der Schaffung einer neuen Gesellschaft nachgewiesen wird.

Als Berliner Historiker sei mir schließlich noch eine Berlin-spezifische Beobachtung gestattet. Sie betrifft nämlich das einst in Berlin beheimatete Forschungsfeld der Germania Slavica. In diesem Kunstbegriff ist die kulturelle Struktur des alten deutschen Ostens, der eine Germania auf slavischer Grundlage war, festgehalten. Das Buch Die fremde Stadt deckt die in wenigen Jahren vollzogenen Umwandlung der Germania Slavica – Metropole Breslau in einen zentralen Ort einer demographisch und sozial-kulturell sowie geschichtspolitisch neu kodierten Slavia Germanica-Region Schlesien auf. Polens neuer Westen auf dem Boden des alten deutschen Ostens: das ist eine Slavia auf deutscher Grundlagen. Für die Ausbildung der Germania Slavica im Mittelalter und teilweise auch noch danach waren Jahrhunderte erforderlich; ihre Umkehrung, ja Rückverwandlung in eine Slavia Germanica durch einen Bevölkerungsaustausch unter Zwang und Gewalt dauerte nur wenige Jahre. Die Kürze der Zeit – das lernt man aus diesem Buch – reduziert indes nicht die Komplexität der Vorgänge.

Im forschenden und schreibenden Umgang damit hat Gregor Thum große Umsicht, Geduld, Toleranz und Taktgefühl gegenüber den menschlichen Verirrungen gezeigt, von denen sein Stoff überquillt. Streben nach historischer Gerechtigkeit, nach Wahrung der Objektivität auch beim Urteil über das Chaos zeichnen dieses eindrucksvolle wissenschaftsliterarisch herausragende erste Buch Gregor Thums aus.

Ich bin sicher, es werden noch viele folgen.

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