25.04.2007 , 20:00

Die Nacht von Wildenhagen

Selbsttötungen unter der Zivilbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges

Ein Film von Carmen Eckhardt • 2005 • ca. 45 Min.

20.40 Uhr

Achtung: Sendung entfällt! Programmänderung wegen des Todes von Boris Jelzin

Solange der Zweite Weltkrieg in weiter Ferne tobt, ist die Welt in Wildenhagen (heute Lubin, Polen), einem kleinen Dorf in der Nähe von Frankfurt/Oder, noch in Ordnung. Anfang 1945 aber, unmittelbar vor dem Einmarsch der Roten Armee, kommt es in dem beschaulichen Ort zu unfassbaren Dramen. Geschürt durch die Hetzparolen der Nazis nehmen sich zahlreiche Menschen aus Angst vor den »bestialischen Horden« aus dem Osten das Leben. Carmen Eckhardts Film arbeitet eines der letzten Tabuthemen des Zweiten Weltkrieges auf.

Eine Gruppe von mindestens 15 Frauen begibt sich am Abend des 31. Januar 1945 auf den Dachboden eines Bauernhauses – um sich zu erhängen. Mit dabei als einziges Kind: die zehnjährige Adelheid. Sie wird von ihrer eigenen Mutter aufgeknüpft. Alle Frauen sterben nach Stunden langem Todeskampf. Nur Adelheid überlebt und wird am nächsten Morgen gerettet – von sowjetischen Soldaten.

So wie Adelheid werden auch etliche andere Kinder Opfer ihrer Mütter und Großmütter. Manche werden erhängt, anderen werden die Pulsadern aufgeschnitten, bevor sich die Erwachsenen selbst das Leben nehmen. Mehr als ein Viertel der etwa 300 Bewohner von Wildenhagen gehen so in den Tod. Sie sind Opfer ihrer panischen Ängste, die seit Jahren geschürt wurden durch die Propaganda der Nazis.

Für diese Dokumentation berichten Adelheid Nagel und zwei frühere Schulfreundinnen erstmals über die dramatischen Ereignisse jener Tage. Sie kehren zurück in ihr Heimatdorf, an die Orte des Geschehens. Sie erinnern sich an die Panik der Frauen vor den »Menschenfressern« und den »bestialischen Horden«. Die Hetzparolen und Horrorbilder sind bis heute gegenwärtig.

Massenhafte Selbsttötungen unter der Zivilbevölkerung hat es keineswegs nur in Wildenhagen gegeben. In Ostpreußen, Schlesien, Pommern, Mecklenburg: Überall entlang der Ostfront nehmen sich Menschen das Leben. Vielfach ohne von sowjetischen Soldaten behelligt worden zu sein. Eine der Parolen dieser Tage: Lieber den Tod durch die eigene Hand, als Niederlage und Kapitulation.

Bis heute gibt es keine genauen Zahlen über die Selbstmorde, sie sind kaum dokumentiert und aufgearbeitet, in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Nach Schätzungen von Experten waren es Zehntausende. Eine erschütternde Dokumentation über eines der letzten Tabu-Themen aus der Endzeit des Zweiten Weltkrieges.

2007-04-25 20:00:00
2007-04-25 00:00:00