11.01.2006 , 19:00

Ottonen und Arpaden

Zur Geschichte des deutschen Kaiser- und des ungarischen Königreiches

Vortrag von Dr. Tibor Kesztyüs (Lehrbauftragter am Finnisch-Ugrischen Seminar und Universitätsoberrat a.D. an der Göttinger Universitätsbibliothek für den Sondersammlungsbereich Finno-Ugristik) • Eine Veranstaltung der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft e.V.

19.00 Uhr

In seinem Vortrag beschäftigt sich der Referent mit der Epoche, die für die Entwicklung Ungarns zu einem integralen Bestandteil Europas als eine der wichtigsten bezeichnet werden muß.

Ende des 9. Jahrhunderts bekriegten die nach Westen in die Siedlungs- und Weidegebiete der Ungarn vorrückenden Reiterhorden der Petschenegen – wie die Magyaren ein asiatisches Steppenvolk, mal mit ihnen verbündet, mal mit ihnen verfeindet – die Magyaren und verdrängten sie und die ihnen angeschlossenen Reiterscharen 895 und 896 aus dem Flachland nördlich des Schwarzen Meeres in das westliche Siebenbürgen und in das östlich und nördlich der Theiß gelegene Tiefland. Diese sogenannte Landnahme wurde anschließend in Kämpfen mit dem Großmährischen Reich und dem Bulgarischen Reich auf das Gebiet zwischen Theiß und Donau ausgedehnt.

Kaum daß diese Eroberungen erfolgreich abgeschlossen worden waren, griffen die Magyaren 899 Norditalien an, besiegten 905/606 das Großmährische Reich vernichtend und waren 907 bei Brezalauspurc (›Burg des [großmährischen] Wratislav‹; spätere Namen Pozsony/Preßburg/Bratislava) gegen ein sich ihrem Drang nach Westen in den Weg stellendes bayerisches Heer erfolgreich. Damit konnten die Magyaren ihr Einflußgebiet in das westlich der Donau gelegene Tiefland bis an den Fluß Enns ausdehnen.

Dieses arrondierte riesige Gebiet ermöglichte den Magyaren im wesentlichen die Fortsetzung ihrer extensiven Viehzucht, wie sie sie aus ihren früheren Siedlungsgebieten im Steppenland zwischen Kiew und dem Schwarnzen Meer und östlich davon gewohnt waren; das bedingte auch die Beibehaltung ihrer an den Wechsel der Weidegebiete angepaßte halbnomadische Lebensführung. Und sie waren wie zuvor auch jetzt darauf angewiesen, das aus der Tierhaltung allein nicht zu erwirtschaftende Lebensnotwendige durch Raubzüge zu beschaffen.

In der Folgezeit sind etwa 40 Beutezüge der Magyaren belegt, wobei sie von den sich auflösenden Strukturen und der zerbrechenden staatlichen Organisation des zerfallenden Karolingerreiches begünstigt wurden (die karolingischen Stammlinien waren in ihrem italienischen Teil 875, in ihrem deutschen Teil 911 ausgestorben, und nur der fränkisch-französische Teil blieb noch bis zur Übernahme durch die Karpetinger im Jahre 987 erhalten).

Interessanterweise ging mit den wachsenden Erfolgen dieser Raubzüge auch eine Umgestaltung der magyarischen Gesellschaft einher: Sie wurde allmählich seßhaft, weil sie genügend Gefangene zur Bewirtschaftung und Vergrößerung ihrer Felder hatte; sie konnte wieder an ihre Handelstätigkeit aus früherer Zeit vor allem mit Konstantinopel anknüpfen (Verkauf überzähliger Gefangener als Sklaven und Tausch oder Verkauf der immer reichhaltiger anfallenden, nicht selbst benötigten Beute); die magyarische Gesellschaft erfuhr dadurch eine Differenzierung, die über die vormalige Einteilung in Sippenführer und Klanangehörige hinausging, denn Wohlstand und Handel und die Beschäftigung von Gesinde ermöglichten eine andere Lebensführung, als sie bei marodierenden Raubzügen (noch) unerläßlich war.

Im Laufe dieser genannten Entwicklung führten die Magyaren ihre Raubzüge 915 bis an die Nordsee, 927 bis an den Atlantik; nach einer ihnen mit Tributzahlungen abgekauften Waffenruhe verheerten sie 933 die Landstriche bis nach Thüringen, wo ihnen der deutsche König und römisch-deutsche Kaiser Heinrich I. ein Heer entgegenschickte. Die Niederlage der Magyaren warf diese zurück, konnte sie aber nicht entscheidend schwächen, so daß sie schon ein Jahr später Metz und Konstantinopel belagerten. Ihre räumlich ausgreifenden Beutezüge fanden 937 vor Neapel und 942 auf der Iberischen Halbinsel ihre weitesten Ziele.

Die sich in diesen Daten abzeichnenden größeren Abstände, in denen die magyarischen Reiterhorden Angst und Schrecken verbreiteten (vgl. das Fürbittgebet »Vor den Pfeilen der Hunnen [Magyaren] schütze uns, o Herr ...« – wobei hier auf die aus Unkenntnis über ihre Herkunft oder aus alter geschichtlicher Erinnerung gespeiste Gleichsetzung der Magyaren mit den Hunnen und mit deren 500 Jahre zuvor erfolgten Heerzügen nicht weiter eingegangen werden soll), waren sowohl auf die vorgenannte Wandlung der magyarischen (Stammes-)Gesellschaft als auch auf das Erstarken des ›regnum Teutonicum‹, des Reiches der Deutschen auf dem Gebiet des alten karolingischen Ostreiches, unter Heinrich I. (876–936, König ab 919)zurückzuführen.

Dem über Jahrhunderte zu beobachtenden Westdrang der Reitervölker aus den asiatischen (mongolischen und chinesischen) Steppen könnte man etwas vereinfachend Heinrichs »Ostdrang« entgegenstellen, der von seinem Nachfolger Otto I. aufgegriffen wurde. Getrieben von der Notwendigkeit, die von den slawischen Völkern an der Ostgrenze seines Reiches ausgehende Bedrohung abzuwenden, und gleichzeitig von dem Wunsch beseelt, die Heiden zum christlichen Glauben zu bekehren (und sie über die Missionierung zu zivilisieren, sich mit ihnen unter die spirituelle Oberhoheit des römisch-lateinischen Papstes zu stellen und sie somit wenigstens zu »Brüdern im Glauben« zu machen), hatte Heinrich von 927 bis 929 die Slawenstämme östlich der Elbe unterworfen. Seine aus neugebauten Burgen errichtete Verteidigungs- und Angriffslinie war zugleich die Kulturscheide, gegen die die heidnischen Magyarenreiter nicht ohne Erfolg, aber 933 vergeblich anrannten: wenn man so will, waren es die über 1000 Jahre später beschworenen und mißverständlich als »Kampf der Kulturen« übersetzten ›clashes of civilization‹.

Nach dem Tode von Heinrich I. 936 übernahm im selben Jahr Otto I. (912–973) die Nachfolge. Die wichtigste Stütze seines Königstums wurden die Bischöfe, einmal aus deren Eigeninteresse in der von Otto betriebenen Begrenzung der Vormachtstellung des Papstes in Rom, zum anderen - ebenfalls aus dem Wunsch nach realem und spirituellem Machtzuwachs gespeist - bei der Unterwerfung und Christianisierung der Slawen. Die Schaffung von Bistümern zu diesem Zweck, der Ausbau von Magdeburg zum Missionszentrum (968) und die Erfolge von Markgraf Gero bei Ottos Ausdehnung der territorialen Macht im Osten des Reiches konsolidierten Ottos deutsche Königswürde und die Ruhe im Reich, ermöglichten ihm sodann die Niederwerfung des Langobardenreiches in Norditalien, zu dessen König er wurde, und verhalfen ihm 962 zur Kaiserkrönung in Rom.

Diese Erfolge, die Otto den Beinamen »der Große« einbrachten, waren aber nicht möglich, ohne daß es ein Ereignis gegeben hatte, das unmittelbar mit den Magyaren in Zusammenhang stand.

Es war ein in der Geschichte der Steppenvölker lang entwickelter Brauch, wo mit der Wendigkeit der Pferde und der Durchschlagkraft der Flexbögen allein der Sieg nicht sicher war, durch kurzlebige Absprachen das kriegerische Potential zu erhöhen (es wird bewußt das Wort »Bündnisse« vermieden; auch die vordem im Schwarzmeerraum übliche Bezahlung von asiatischen Reiterhorden als kampferprobte Verstärkungen oder als vorgeschickte Gruppen »für die Drecksarbeit« zur Entlastung der eigenen Truppen gehört eher in die Kategorie der Söldnerkriegführung). In diesem Sinne handelten die Magyaren; denn es hatte sich unter deutschen Herzögen eine Gegnerschaft zu Otto aufgebaut, die sich wegen der Bevorzugung der Bischöfe zur Stabilisierung von Ottos Macht zurückgesetzt fühlten (damit waren auch handfeste Interessen an Ländereien verbunden). Die Magyaren sahen die Möglichkeit, Ottos erstarkende Zentralmacht zum eigenen Vorteil zu schwächen (nachdem sich Otto zuvor von 951 bis 952 in Italien aufgehalten hatte). Die von den Magyaren unterstützte Revolte der Fürsten wurde jedoch 953 niedergeschlagen. Das war in mehrfacher Hinsicht entscheidend.

Einmal hat die Revolte möglicherweise die Einschätzung der Magyaren beflügelt, daß trotz der Niederschlagung die Uneinigkeit im ›regnum Teutonicum‹ groß genug war, um ihnen ein ungefährdetes Durchqueren des süddeutschen Voralpenlandes Richtung Westen, in jedem Fall aber ein ungehindertes Plündern im Reich der Deutschen zu ermöglichen. Als sie im Frühjahr und Sommer des Jahres 955 die Probe aufs Exempel machten, waren ihnen durchaus anfangs Erfolge beschieden – allerdings war die Ursache weniger die Streitigkeit unter den deutschen Fürsten als die altbewährte Kriegführung der Magyaren, deren Schnelligkeit und Wendigkeit zu Pferde den aufgebotenen Fußtruppen überlegen war, und die auch oft so überraschend auftauchten, daß die Verteidigung befestigter Anlagen nicht schnell und umfassend genug organisiert werden konnte. Gerade aber diese Erfolge waren es, die den deutschen Fürsten deutlich vor Augen führten, daß sie bei allem internen Streit nur mit vereinten Kräften den äußeren Feind besiegen konnten. Das Heeresaufgebot, das Otto zur Abwehr bestellte, scheiterte also nicht, wie es die Magyaren gehofft haben mochten, sondern führte die deutschen Partikularinteressen im Gegenteil zum Abwehrkampf zusammen.

Es war Ottos Triumph, die Niederschlagung der Revolte von 953 in eine zusätzliche innenpolitische Stärkung umgemünzt zu haben, als er die (vor allem aus den süddeutschen Regionen stammenden) vereinigten Truppenkontingente 955 bei Augsburg in die entscheidende und die Magyaren vernichtende Schlacht führen konnte und auch noch über die Reserven verfügte, den flüchtenden Magyaren nachzusetzen, einen Großteil von ihnen zu töten, ihre Anführer gefangenzunehmen und sie zur Exekution zu führen. Ottos Sieg am 10. August war der Wendepunkt, von dem ab die Magyaren das ›regnum Teutonicum‹ – und damit auch alle weiter westwärts gelegenen Territorien – von ihren Überfällen verschonten (in Südosteuropa dauerte es dagegen noch weitere 17 Jahre, bevor die Schlacht 970 bei Arkadiopolis zu einem gleichen Ergebnis führte, als die Magyaren und die mit ihnen kämpfenden Petschenegen, Bulgaren und Kiewer Rus vom oströmischen Kaiser Johannes Tzimikes vernichtend geschlagen wurden).

Ottos Erfolg machte ihn zum »Großen«. Denn mit der aus der Furcht vor den Magyaren gespeisten Überwindung der aus Stammesinteressen genährten Partikularinteressen hatte Otto einen großen Schritt zur Reichseinheit getan. Die politische Schwächung der deutschen Stämme (oder besser: ihrer Fürsten) ebnete den Weg für die Idee eines – geeinten und einheitlichen – deutschen Reiches (das in seiner kleindeutschen Lösung, wie sie gut neunhundert Jahre später mit der deutschen Reichsgründung 1871 gefunden worden war und dann im Zweiten Weltkrieg in zwei staatliche Einheiten zerbrach, wiederum durch einen ungarischen Anstoß im Jahre 1989 schließlich seine staatliche Einheit wiedererlangte).

Zugleich handelte Otto unter dem Banner eines Retters der Christenheit - damit war neben dem militärischen Erfolg bei Augsburg und den späteren militärischen Erfolgen in Italien auch der spirituelle Hintergrund geschaffen, der es dem weströmischen Papst unmöglich machte, sich der von ihm vorzunehmenden Kaiserkrönung Ottos zu verweigern. Aber auch der oströmische Kaiser in Konstantinopel kam trotz seines eigenen Erfolges gegen die Magyaren nicht umhin, ein Jahr später Ottos Kaisertum mit Beschränkung auf das weströmische Reich 971 anzuerkennen.

Dieses politisch-kräftemäßige Patt zwischen den beiden Reichshälften, der Hauptstadt des oströmischen Reiches Konstantinopel und der Hauptstadt des weströmischen Reiches Rom, setzte sich in der von beiden als gleich wichtig angesehenen Befriedung der an ihren Ostgrenzen siedelnden Völkerschaften fort. Die Kräfte, die zu deren Abwehr erforderlich waren, fehlten bei der inneren Konsolidierung und beim Aufbau der jeweiligen Reichsgebiete. Heinrichs I. und Ottos I. Taktiken im Verhältnis zu den Slawen war auch jetzt Richtschnur, nämlich durch eine Christianisierung die dauerhafte Befriedigung der Magyaren zu erreichen. Daß sich dabei Konstantinopel und Rom als Konkurrenten empfanden und über ihre erhofften Erfolge auch ihr politisches Einflußgebiet um das Karpatenbecken erweitern wollten, sei am Rande vermerkt, ohne daß hier eine nähere Darlegung geboten ist. Die räumliche Nähe Konstantinopels zeitigte ebenso Erfolge (Taufe des Magyaren Gyula im südwestsiebenbürgischen Weißenburg/Alba Iulia) wie das Anknüpfen an die von der Landnahme der Ungarn unterbrochene Präsenz der Karolinger (Awarenfeldzüge Karls d. Gr. von 791 bis 805 und Begründung der [Pannonischen] Ostmark 796) und deren Missionierung im Karpatenraum. Die in der Pannonische Tiefebene vorwiegend herrschenden Nachfolger des landnehmenden Árpád – Großfürst Taksony und noch mehr dessen Sohn Géza - öffneten sich der weströmischen Missionierung; einmal spielte auch hier die geographische Nähe zu dem miteinander konkurrierenden Erzbistum Salzburg und Bistum Passau in ihrem Bemühen um Missionserfolge eine Rolle, zum anderen wollte sich das Árpáden-Geschlecht von dem des Gyula absetzen.

Großfürst Géza (972–997) ließ sich selbst sowie auf den Namen des Passauer Schutzpatrons Stephan (István) seinen Sohn Vajk taufen. Dessen weiterer Lebensweg zum apostolischen König (und späteren Heiligen) István von Ungarn mit der vom weströmischen Papst übersandten Krone werden Teil des Vortrags von Dr. Kesztyüs sein. Hier bleibt aber als Merkpunkt die Weichenstellung Gézas festzuhalten.

Dieser sah sich bei der Machtübernahme einem keineswegs gefestigten Herrschaftsanspruch in einem konsolidierten Herrschaftsgebiet gegenüber. Seine Situation war ähnlich der, in der sich Otto I. befunden hatte. Sein Herrschaftsanspruch (und auch sein Überleben im wortwörtlichen Sinne) hing von der Ausbildung einer zentralen Macht ab, die gegen die Stammesfürsten durchgesetzt werden mußte. Sein Erfolg dabei war – ebenso wie zuvor bei Otto – zugleich die Rechtfertigung einer staatlichen Überhöhung dessen, was bislang ein Nebeneinander von Stämmen gewesen und was insbesondere bei Beutezügen und im Verteidigungsfalle dem Árpádengeschlecht zugefallen war: den ›gyula‹ als eine Art obersten militärischen Befehlshaber zu stellen und zusammen mit dem geistlichen Oberhaupt ›kende‹ die sieben magyarischen Stämme zu führen (daß sozusagen die Vererbung dieser Würde statt einer jeweils stattfindenden Wahl schon ein Bruch des alten Stammesrechts war, zeigt nur die Auflösung der überkommenen Strukturen nach Árpáds Tod, wie sie binnen eines halben Jahrhunderts nach der Landnahme unbestreitbar war).

Zudem geriet das uralte Stammesrecht auch durch die Entwicklung des wirtschaftlich-sozialen Lebens in den Stämmen in Gefahr. Die Erfolge der Beutezüge – darauf war schon oben hingewiesen worden – veränderten die magyarische Gesellschaftsstruktur. Die Beute, unter anderem Lebensgrundlage der Stämme, kam zuvörderst dem einzelnen Stammesführer und seiner Familie zugute, der mit den aus seinen Stammesangehörigen gebildeten Reiterkontingenten die Erfolge der Raubzüge ermöglichte. Militärische und wirtschaftliche Macht standen also in einer sich bedingenden Beziehung zueinander; und die Inhaber dieser Machtstellung konnten es sich sogar erlauben, die Freien, aber Besitzlosen sich zu unterjochen (ein weiterer Bruch alten Rechts, das von der Gleichberechtigung der Stammeskrieger ausging). Je erfolgreicher diese Entwicklung war, um so mehr wuchs dem einzelnen Stammesführer die Stellung eines ›gyula‹ zu - zu Lasten der Oberhoheit, die der ›gyula‹ aus dem Árpádengeschlecht beanspruchte, die aber nach Einstellung der Beutezüge und angesichts der gewandelten Verhältnisse fragwürdig geworden war.

In dieser Lage erging an Géza eine Einladung zur Teilnahme am Reichstag, den Otto I. zu Ostern des Jahres 973 nach Quedlinburg einberufen hatte. Gerade einmal ein Jahr magyarischer Großfürst in einer seine Machtstellung bedrohenden Situation war Géza selbst nicht abkömmlich, aber er schickte eine Delegation. Nun stelle man sich die Situation vor: Die Edlen des ›regnum Teutonicum‹ und die Nachkommen der gerade einmal 18 Jahre zuvor bei Augsburg vernichteten magyarischen Reiterkrieger (und gleichzeitig die Ohrenzeugen der vernichtenden Niederlage von 970 bei Arkadiopolis) stehen sich auf einer politischen Konferenz gegenüber! Otto ergriff diese Chance, die sich ihm nur wenige Wochen vor seinem Tode bot, und krönte so sein Lebenswerk einer dauerhaften Befriedung der südöstlichen Grenzen des 'regnum Teuronicum'.

Man würde das, was damals ablief, wahrscheinlich im heutigen verbrämenden diplomatischen Sprachgebrauch einen »politischen Dialog« nennen – wobei der »gute Ausgang« durch Ottos Vorgaben und ihre Annahme durch Géza konditioniert war. Aber es funktionierte! Géza ließ sich und seinen um etwa 970 geborenen Sohn Vajk taufen; er akzeptierte Ottos politische und militärische Berater, die Teil seines großfürstlichen Gefolges wurden; er baute Befestigungsanlagen, von denen er gegen die einzelnen Stammesführer vorgehen konnte; er ließ römisch-katholische Missionare ins Land (und privilegierte sie gegenüber den bereits tätigen oströmischen Missionaren); und er betrieb eine Eingliederung seiner Familie in die dynastischen Beziehungen der europäischen Herrscherhäuser durch eine kluge Heiratspolitik.

Wie zeitgenössische Berichte besagen, mag er selbst als Heidenchrist der alten Naturreligion nicht gänzlich abgeschworen haben (was ihn aber aus Staatsräson nicht hinderte, unbarmherzig gegen die heidnische Opposition vorzugehen, die sich gegen seine Zwangschristianierung erhob und die noch bis Ende des 11. Jahrhunderts fortbestand: vgl. dazu die zu Beginn von Stephans Regierungszeit erfolgte Niederwerfung des Führers der sich dem Christentum widersetzenden »Schwarzen Ungarn«, des Fürsten Ajtoni, oder die von König Stephan veranlaßte Blendung des heidnischen Prinzen Vászoly, um dessen Nachfolgeanspruch auf den Thron zu vereiteln, oder die 1046 von Christengegnern bewirkte Ermordung des später heiliggesprochenen Bischofs Gellért – selbst bei der heiratspolitisch bedingten Eheschließung von Stephan V. mit einer turkstämmigen Kumanenprinzessin wurden letztmalig die alten heidnischen Sitten und Gebräuche Ende des 13. Jahrhunderts wiederbelebt). Aber Géza ließ seinen Sohn Vajk/Stephan im christlichen Glauben und auf westliche Art erziehen. Um den Erfolg christlicher Missionierung zu beweisen, war Stephan deshalb eine geeignetere Person; er bezeugte in seiner Person den Wandel der Ungarn von vormals »Geißeln Gottes« zu nunmehr gottgefälligen Kindern der katholischen Kirche. Als Begründer des christlichen Ungarns und seiner apostolischen Königswürde wird er bis heute geehrt.

Hiesigen Dafürhaltens jedoch käme seinem Vater Géza für dessen epochemachende Entscheidungen im Jahre 973 eine weitaus größere Bedeutung zu – aber dieser Anerkennung war er als Heidenchrist weniger würdig. So fügte Géza zwar das mittelalterliche Magyarenland als integralen Teil in das europäische Abendland ein, wie wir es heute kennen und benennen - das Land als »Ungarn« von der europäischen Völkerfamilie akzeptiert zu sehen konnte aber erst der den vorgezeichneten Weg vollendende Stephan mit seiner Königskrönung erreichen.

HINWEIS: Zur weiteren Einstimmung auf das Thema s. Konrad Gündisch: Ungarn im Mittelalter (896-1526), in: Holger Fischer: Eine kleine Geschichte Ungarns; Suhrkamp Taschenbuch 2114; Frankfurt/Main, 1999; S. 20-33.

(Quelle: http://www.d-u-g.org

Kontakt: Klaus Rettel (Präsident der DUG), Tel.: 242 45 73, Fax: 247 297 12, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

2006-01-11 19:00:00
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